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„Ich werde niemals Militärdienst leisten“
Connection e.V.
Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure
„Ich werde niemals Militärdienst leisten“

Ali Avci

„Ich werde niemals Militärdienst leisten“

Ein türkisch-kurdischer Verweigerer berichtet

von Mehmet Ali Avci

Jetzt, im Juni 2010, versuche ich erneut, in Deutschland als Asylsuchender anerkannt zu werden. Zudem habe ich eine deutsche Ehefrau, mir wurde aber das Visum zum Ehegattennachzug verweigert. Es droht mir die Abschiebung und ich saß bereits 25 Tage in Abschiebehaft. Es ist meine eigene Geschichte - die mich als Jugendlicher zur PKK führte - die von den deutschen Behörden immer wieder zur Ablehnung benutzt wird. Sie wollen nicht sehen, dass ich gerade aufgrund meiner Erfahrungen und Erlebnisse ein überzeugter Kriegsdienstverweigerer geworden bin. Aber für mich steht eins fest: Ich werde niemals Militärdienst leisten. Mit welcher Begründung auch immer argumentiert wird, ich betrachte es als Verbrechen an der Menschheit, das Leben anderer zu vernichten und das Recht auf Leben zu ignorieren. Ich will hier ausführlich darstellen, wie ich zu dieser festen Überzeugung gekommen bin.

Kindheit in der Türkei und Deutschland

Ich wurde am 28. August 1985 in Çermik geboren. Bis zu meinem 8. Lebensjahr lebte ich bei meinen Großeltern in der Türkei. Wir sprachen Zazaki, einen kurdischen Dialekt. Es war schon komisch, wenn ich heute daran denke, denn es war bei uns niemals Thema, dass wir Kurden waren. Wenn meine Großeltern über die Nachbarn redeten, die Kurmandschi sprachen, sagten sie, es seien Kurden. Aber zu unserer eigenen Familie gab es das nicht. Ich ging also davon aus, dass wir Türken sind. Das wurde uns ja auch in der Schule beigebracht und das erste Schuljahr hatte ich in der Türkei.

Als ich mit acht Jahren nach Deutschland kam, fragte mich mein Vater als erstes, was ich bin. Natürlich antwortete ich: „Ich bin Türke“. „Nein“, erwiderte er, „das stimmt nicht. Wir sind Kurden. Wir werden unterdrückt. Unsere Rechte werden missachtet“. Und nach und nach folgte ich ihm dabei, er war schließlich mein Vater. Schließlich legte ich sehr viel Wert darauf, Kurde zu sein, und dass die Kurden ihre Rechte bekommen, ihre Menschenrechte geachtet werden, nicht unterdrückt werden.

In Deutschland war ich gut in der Schule. Es war einfach so, dass ich aufmerksam zuhörte und so gut mitkam. Ich hatte die Idee, mal Arzt zu werden, damit ich meinen kranken Großeltern helfen könnte. Meine Hausaufgaben machte ich immer morgens vor der Schule. Aber meine Eltern interessierten sich dafür nicht. Es war ihnen egal, so mein Eindruck, ob ich eine Eins oder eine Vier mit nach Hause brachte.

Obwohl ich gut in der Schule war, war ich ein Außenseiter. Ich war kein Deutscher, Muslim, Kind eines Asylbewerbers, unsere Familie war arm. Ich konnte mich nicht bei den anderen guten SchülerInnen aufhalten, weil sie viel wohlhabendere Eltern hatten. Und für die anderen war ich einfach zu gut in der Schule. So stand ich dazwischen. Glücklicherweise hatte ich viele kurdische und deutsche Freunde außerhalb der Schule. So machte mir das kaum was aus.

Mein Vater war sehr gewalttätig. Ich werde es nie vergessen. Einmal saßen die Erwachsenen im Wohnzimmer, wir Kinder spielten im Kinderzimmer Verstecken und hatten das Licht ausgemacht, damit es ganz dunkel ist. Plötzlich kam mein Vater rein und er sah, dass ich mir das T-Shirt dreckig gemacht hatte, weil ich mich unter dem Bett versteckt hatte. Aus irgendeinem Grund war er sehr wütend. Er packte mich, schmiss mich gegen die Wand und verprügelte mich mit einem Stock. Es war so brutal. Ich schwor mir damals, das nie zu vergessen. Ich wollte das nicht akzeptieren.

Ich las schon damals viele Bücher, manchmal zwei, drei in einer Woche. Es waren Romane über Kinder in ärmeren Ländern, über Liebe, Familie usw. Und daher wusste ich, wenn ein Erwachsener ein Kind liebt, darf er nicht so eine Gewalt anwenden. Das widerspricht sich.

In der kurdischen Gesellschaft wird das von vielen ja akzeptiert. Es ist üblich, dass die Eltern die Kinder schlagen. Die Kinder denken zunächst, dass die Eltern sie nicht lieben, weil sie sie ja so brutal schlagen. Aber oft akzeptieren sie das später. Dann denken sie: Meine Eltern haben mich zwar geschlagen, aber sie lieben mich trotzdem. Sie übernehmen die Vorstellung, es prägt sich bei ihnen ein. Und wenn sie schließlich erwachsen sind, neigen sie selbst dazu, ihre Kinder ebenso zu behandeln. Meinen Eltern ging es wahrscheinlich ähnlich. Aber es ist einfach keine Entschuldigung dafür.

Mit 13 Jahren zur PKK

1998/1999 war Öcalan festgenommen worden. Wir verfolgten die ganze Zeit die Nachrichten. Es gab große Spannungen unter den Kurden und auch in meiner Familie. Hunderttausende Kurden demonstrierten. Und zugleich erlebte ich, dass wir als Asylbewerber immer noch nur mit einer Duldung lebten. Wir konnten jederzeit abgeschoben werden. Es war eine sehr unsichere Situation und ich konnte mir daher keine Zukunft in Deutschland vorstellen. Es fiel mir auch schwer, mich für die Schule zu motivieren.

Ohne Perspektive und angesichts der dramatischen Lage des kurdischen Volkes wollte ich daher für die Rechte der Kurden kämpfen und mich der PKK anschließen. Dann, so dachte ich, gibt es vielleicht ein Land für uns, wo ich nicht befürchten muss, weggeschickt zu werden. Außerdem war das auch eine Möglichkeit, vor den häuslichen Konflikten zu fliehen.

Damals war es üblich, dass Jugendliche zu einem Schulungscamp nach Europa geschickt wurden, damit sie überzeugt werden, für die PKK aktiv zu werden. Zu solch einem Camp ging ich, da war ich 13 Jahre alt. Ich lief am 1. Mai 1999 von zu Hause weg. Und ich wollte nicht wieder zurück nach Hause, sondern von der PKK aufgenommen werden. Die PKK weigerte sich aber zunächst. Schließlich gab es die Regel, dass Jugendliche unter 16 Jahren nicht angenommen werden sollen. Auf der anderen Seite waren sie fasziniert davon, dass sich ein 13-jähriger so stark einsetzt. Damals wollte ich kämpfen. Ich war jung, sehr jung, und ich dachte, es geht überhaupt nicht anders. Die töten und foltern uns, die jagen uns aus unserem Land. Das sah ich oft im kurdischen Sender Med TV. Es gab ja auch die Guerillaeinheiten. Für mich war es selbstverständlich, zu kämpfen. Und ich war überzeugt davon, das Richtige zu tun.

Zunächst zog ich drei Monate lang von einem Camp zum nächsten.

Die PKK versuchte immer wieder, mich nach Hause zurückzuschicken. Aber ich hatte den Kontakt zu meiner Familie unterbrochen. Und als ich z.B. bei einer Demonstration in Amsterdam meinen Eltern übergeben werden sollte, nahm ich mein letztes Geld, fuhr mit dem Zug so weit es ging und lief die letzten 90 Kilometer zu Fuß, um wieder bei meiner Gruppe von der PKK zu sein, die an einem Jugendbuch schrieben. Und da gaben sie es schließlich auf und nahmen mich in der Jugendorganisation auf.

Ich erhielt eine dreimonatige Ausbildung über kurdische Geschichte, Geschichte der PKK, die politische Lage, Ideologie usw. Ehrlich gesagt, damals habe ich nicht mal einen Bruchteil davon verstanden. Ich wusste auch nach der Schulung nicht, was Sozialismus, Kapitalismus oder Kommunismus ist. Aber ich konnte ja gut zuhören und mir das merken. Ich konnte all das gut wiedergeben, so gut, dass ich andere davon überzeugen konnte.

Danach war ich als Mitglied der Jugendorganisation an vielen Orten tätig, in Holland, auch in Deutschland in Berlin, Bremen, Hamburg, Stuttgart, Köln, Bonn, Heilbronn, Frankfurt. Meine Aufgabe bestand darin, die Jugendlichen zu motivieren, an dem Kampf teilzunehmen. Und wenn sie das nicht tun wollten, sollten sie doch wenigstens die kurdische Kultur und Sprache pflegen, näher zusammenrücken, sich nicht in der Diaspora assimilieren.

Zur Grundausbildung in die Berge geschickt

Aber Ende 2000 merkte ich, dass ich so nicht wirklich viel ändern kann. Ich merkte, dass ich eigentlich ein ungebildeter kleiner Junge bin. Ich wollte lernen, wollte mich ausbilden. Die ideologischen Schulungen waren eh nur eine Wiederholung und kein Ersatz dafür.

Wir mussten alle zwei Monate einen Bericht über unsere Aktivitäten schreiben und unsere Ziele. Also schrieb ich Ende 2000, es wäre gut für mich, für die Partei und das Volk, wenn man mich weiter ausbildet, so dass ich in der Lage wäre, im diplomatischen Bereich tätig zu sein. Ich hätte auch deutsche und englische Sprachkenntnisse, die ich leicht verbessern könnte.

Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits einen Waffenstillstand, der bis 2004 andauerte. Die Guerillakräfte hatten sich aus der Türkei zurück gezogen. Und so dachte ich gar nicht mehr daran, nach Kurdistan zu gehen. Aber aufgrund des Berichtes dachten die wohl, dass ich dabei bin, ungläubig zu werden und letztendlich austrete. So entschieden sie 2001, mich nach Kurdistan zu schicken. Da kein Krieg war, kann man nicht sagen, dass sie mich in den Kriegseinsatz schickten. Aber sie schickten mich zur Grundausbildung in die Berge.

Als Angehöriger der PKK gibt man seinen eigenen Willen ab. Man ist verpflichtet, das zu tun, was sie von einem verlangen. Es fiel mir schwer, mit damals 15 Jahren dieser Aufforderung zu folgen. Viele meiner Freunde waren auch dagegen, auch meine Eltern. Aber ich hatte ein schlechtes Gewissen. Ich hatte so viele Jugendliche dazu motiviert, dorthin zu gehen. Und nun war ich an der Reihe. Da kann ich doch nicht einfach kneifen.

Im Februar 2001 reiste ich von Holland aus in den Irak und kam in die Berge im Grenzgebiet zwischen Iran, Irak und Türkei. Ich kam in ein Erstaufnahmecamp. Dort wurden wir an der Waffe ausgebildet, damit einem klar wird, wie die Regeln als Guerilla in den Bergen sind. Und es gab erneut eine ideologische Schulung.

Konflikte im Camp

Als ich kam, wurde ich von vielen begrüßt, die mich schon kannten. Sie freuten sich und wollten mit mir reden. Und ich geriet unvermittelt in einen Streit zwischen Männern und Frauen.

Es gibt ja bei der PKK auch eine Fraueneinheit. Sie hatten eigene Kommandeurinnen und wie die Männer eine eigene Struktur, die nur Öcalan unterstanden hatte. Nun war er aber inhaftiert und so gab es eigentlich getrennte Kräfte. Zusammengehalten wurde das nur von einem Rat, der aus fünf oder sechs Leuten besteht, so ziemlich die ersten, die sich mit Öcalan auf den Weg gemacht hatten. Sie stellten nun das mächtigste Gremium. Und sie hatten wohl beschlossen, die Fraueneinheiten den Einheiten der Männer zu unterstellen. Es sollte zwar noch Kommandeurinnen geben, aber der Oberbefehl sollte bei den Männern liegen.

Die Frauen wollten das nicht akzeptieren. Infolgedessen sprachen sie nicht mehr mit den Männern. Das war die Situation als ich kam. Und nun ging ich mit meinen 15 Jahren zu all denen, die ich schon vorher in Europa getroffen hatte und sprach mit ihnen, mit Männern und mit Frauen. Ich wurde eingeladen, mit ihnen zu essen. Sie wollten wissen, was in Europa so passiert. Und ich merkte nichts von der Spannung. Ich dachte, ich bin bei der Guerilla, da sind alle gleich und haben eine sozialistische Gesinnung.

Aber die Männer sahen es gar nicht gern, dass ich mich mit den Frauen unterhielt. Es gab erste Hänseleien und nach zwei Wochen wurde ich als Şerjınık (Kriegsweibchen) verspottet. Das ist eine schlimme Beleidigung, mit der in Frage gestellt wird, ob du überhaupt ein Guerilla bist.

Ich wurde ausgestoßen. Viele trauten sich nun nicht mehr, in meiner Nähe zu sein, andere sprachen nicht mehr mit mir. Das ging ziemlich schnell. Dabei kam ich ansonsten gut mit der Situation klar. Ich war sportlich und konnte alles mitmachen. Ich trug sogar ein 15 kg schweres Gewehr die Berge rauf und runter. Aber irgendwann konnte ich die Situation nicht mehr aushalten. Es war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte.

Und es gab auch noch ein anderes Problem. Meine Vorstellung war, dass die Guerilla sozialistisch und demokratisch ist. Aber von wegen: Es ist eine Armeeeinheit mit totalitären Strukturen. Als Soldat hat man gewisse Rechte, als Guerilla noch nicht einmal die. Wenn z.B. ein Kommandant irgendwo weit ab vom Hauptquartier beschließt, dass du dich strafbar gemacht hast, war es auch möglich, dass du erschossen wirst. Ich habe das selber zwar nie erlebt, aber andere berichteten davon.

Ich verglich das mit der Freiheit, die ich in Europa gefühlt hatte. Und hier als Guerilla gab es keine Freiheit. Du unterstehst völlig der Hierarchie, du darfst ja nicht mal ohne Erlaubnis auf die Toilette gehen. Vieles, was ich bis dahin auswendig gelernt hatte, löste sich auf einmal in Luft auf.

Nach noch nicht einmal vier Wochen verkündete ich, es reiche mir, so habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich sagte den Kommandeuren, ich sei aus freien Stücken gekommen und würde nun auch aus freien Stücken wieder gehen. Ich würde auch nicht einsehen, warum ich da sein müsse. Und die ideologische Schulung habe ich mir auch schon diverse Male in Europa angehört.

Sie erwiderten mir: „Du kannst nicht einfach zurück gehen. Du bist jetzt hier. So einfach läuft das nicht. Du musst tun, was man Dir sagt.“

Normalerweise wäre ich wohl festgenommen worden. Aber ich war ja noch 15 Jahre alt und sie nahmen mich wohl nicht so ernst. Ich hatte aber schon meine Entscheidung getroffen.

Flucht aus dem PKK-Camp

In den nächsten beiden Monaten beobachtete ich die Situation, den Tagesablauf, die Gegend. Ich überlegte zu fliehen, aber das war gar nicht so einfach. In der Gegend waren etwa 3.000 Guerilla stationiert, verteilt in den Bergen. Überall auf den Bergen gab es Wachposten. Und wir waren so ziemlich in der Mitte des Gebietes.

Genau am 1. Mai 2001 floh ich. Erst hatte ich alle meine Sachen – und als einer aus Europa hatte ich z.B. Radio und Fotoapparat, verschiedene Klamotten – an andere verschenkt, die nur wenig hatten. Ein Kommandant sah das und dachte sich vermutlich schon, dass ich abhauen wollte. Aber als Zeichen der Verbundenheit und um mich zu motivieren, schenkte er mir einen Colt, etwas sehr Kostbares.

Wir hatten jeweils mit sieben, acht Leuten ein unterirdisches Zimmer und teilten uns die Wache in der Nacht zu jeweils zwei Stunden auf. Gegen vier, halb fünf, als ein junger Jugendlicher an der Reihe war, nahm ich meinen Rucksack, steckte ihn in eine weiße Tüte, in der sonst Zucker war, zog mir eine blaue Jacke und eine Jeans an, nahm den Colt mit und stahl mich aus dem Lager, ohne dass der Junge mich sehen konnte. Hundertfünfzig Meter weiter oben war ein großer Baum. Ich kletterte auf ihn drauf und wartete dort 18 Stunden, den ganzen Tag lang, ab. Ich wusste, dass ich nur bei völliger Dunkelheit ungesehen weiter kommen würde. Überall waren ja die Wachposten.

Den Colt hatte ich mitgenommen, weil ich auf keinen Fall den Guerillas lebend in die Hände geraten wollte. Lieber wollte ich mich töten. Es wäre so demütigend gewesen. Du wirst eingesperrt und bist einfach ein Nichts.

In der nächsten Nacht kam ich ungefähr drei Kilometer weit. Ich versteckte mich in einem Gebüsch, das zwischen drei Camps lag. Am Nachmittag hatte ich aber keine Kraft mehr und schlief ein. Als ich aufwachte, sah ich eine junge Guerilla, die aber wohl nicht erkannte, dass ich ein Guerilla war, mit meiner zivilen Kleidung. Ich nickte ihr zu und ging einfach weiter. Dann lief ich mehrere Stunden. Als ich extremen Durst bekam, suchte ich Wasser und fand eine Quelle, wo ich mich erst einmal ausruhen konnte. Ich verbrachte die Nacht dort, aber es war bitterkalt. Um nicht zu erfrieren, lief ich schließlich den Berg immer wieder rauf und runter.

Am nächsten Morgen traute ich mich, über den Berg zu gehen. Dort traf ich auf Dorfbewohner, die dabei waren, Gras zu sammeln. Sie wussten sofort, was ich vorhabe und waren bereit, mir zu helfen. Sie gaben mir einen ihrer Säcke voller Gras und ich ging mit ihnen, bis uns dann ein Auto abholte, um uns ins Dorf zu bringen.

Kurz vor dem Dorf gab es allerdings einen Kontrollpunkt. Und die iranischen Soldaten erkannten sofort, dass ich nicht zum Dorf gehörte. Der Kommandant sah, dass ich noch den Colt bei mir hatte. Sie nahmen mich fest und brachten mich zum Itlehat, dem iranischen Geheimdienst.

Flucht aus dem Gefängnis im Iran

Der Offizier, der mich verhörte, behandelte mich nicht schlecht. Er interessierte sich nicht für Namen, die kannten wohl sowieso jeden Winkel. Das einzige, was ihn interessierte, war, wie viele junge Leute aus den nahegelegenen Dörfern bei der PKK sind. Ich sagte ihm: 15. Da war er erleichtert, dass es so wenige waren.

Weil ich keine Papiere hatte und eine Waffe bei mir trug, wurde ich zu einer Geldstrafe verurteilt. Da ich die nicht bezahlen konnte, musste ich drei Monate im Gefängnis bleiben. Ich musste davon ausgehen, dass sie mich danach in die Türkei abschieben würden. Daher versuchte ich meinen Vater zu erreichen, damit er mich aus dem Gefängnis holt. Als ich noch zehn Tage Haft vor mir hatte, kam er endlich, zahlte die restliche Geldstrafe und 200 Dollar Bestechungsgeld. Aber sie ließen mich nicht einfach frei. Sie fuhren mich stattdessen mit verbundenen Augen ins Niemandsland zwischen Iran und Türkei, zwischen die Grenzen. Der Soldat sagte mir: „In die Richtung musst Du laufen. Dann bist Du in der Türkei.“ Ich antwortete: „Aber mein Vater wartet auf mich. Warum habt Ihr mich nicht ihm übergeben.“ „Das können wir nicht machen“, kam als Antwort.

Ich wusste, dass an der Grenze Minen liegen. Also kehrte ich in den Iran zurück und wurde gleich wieder festgenommen. Sie brachten mich erneut zum Itlehat und dann steckten sie mich in ein spezielles Gefängnis, in dem auch andere Angehörige der PKK einsaßen. Ich war mit einem jungen irakischen Kurden in einem Raum, im anderen waren weitere sechs Guerilla. Von denen vernahm ich, dass wir Verhandlungsmasse waren. Klappten die Verhandlungen mit der PKK, würden wir denen übergeben, klappten die Verhandlungen mit der Türkei, würden wir denen übergeben werden.

Der andere Junge machte mich darauf aufmerksam, dass er seinen Kopf durch die Gitter der Gefängniszelle stecken konnte. Ich konnte das auch und so sah ich das als Chance zur Flucht. Ich wartete einen Freitag ab, wenn alle in die Moschee gehen. Ich klopfte an die Tür, um die Wache zu holen und den Soldaten zu fragen, ob er mir nicht was einkaufen gehen könnte. „Nein“, sagte er, „es ist keiner da. Von den Vier, die Wache halten sollen, bin nur noch ich selbst hier. Die anderen sind ins Hamam gegangen“. „Kein Problem“, antwortete ich. Ich schlüpfte dann raus, sah hinter dem Haus eine Leiter, mit der ich auf das Dach kam. Den Stacheldraht konnte ich überwinden und auf das Dach eines nahegelegenen zivilen Hauses kommen. So entkam ich.

Ich blieb dann zweieinhalb Monate in Urmiye. Ich wollte zurück in die Türkei und bat meinen Vater, mir einen Ausweis zu schicken. Das gelang ihm schließlich auch. Dann versuchte ich, ohne Geld die Grenze zu passieren.

Von Dorfschützern angezeigt

Am 25. September 2001, etwa ein Monat nach meinem 16. Geburtstag, traf ich im ersten Dorf in der Türkei auf Dorfschützer, die mich sofort bei der Gendarmerie anzeigten. Ich stamme aus Diyarbakır, sie vermuteten deshalb, dass ich Mitglied der PKK bin.

Ich leugnete. Ich wusste, dass es in der Türkei schlimmer ist, als PKK-Mitglied angesehen zu werden, als als Drogenhändler. Also dachte ich mir eine Geschichte aus, dass ich mit Drogen gehandelt hätte. Aber schon während ich das erzählte, kam es mir selbst so unglaubwürdig vor. Ich wusste ja noch nicht einmal, wie viel ein Brot kostet. Ich wusste eigentlich gar nichts.

Die Soldaten schlugen mich. Wäre es nach ihnen gegangen, hätten sie mich in Stücke zerrissen. Aber der Kommandant ließ das nicht zu. Er wollte noch mehr Informationen von mir erhalten. Nachdem ich erkannte, dass ich mit Lügen nicht weiterkomme, entschloss ich mich, ihnen zu sagen, dass ich 2001 für 10 Tage in Holland in einem Camp gewesen wäre und dann in den Iran geschickt worden sei. Ich hätte eingesehen, dass es nicht gut war, was ich tat und hätte mich daher getrennt. Im Iran sei ich im Gefängnis gewesen, weil ich keine Papiere hatte und nun wolle ich zu meiner Mutter.

Sie wollten Namen wissen. Ich dachte mir einige Codenamen aus. Ich wurde mehrmals verhört und musste meine Geschichte immer wieder wiederholen. Ich wurde zwar geschlagen, sie brachten mich unter schlechtesten Bedingungen unter, aber ich habe keine systematische Folter erlebt, wie z.B. Strom oder so. Schließlich kauften sie mir die Geschichte ab. Die wissen ja auch selber, dass die PKK in Europa eigentlich keine Kinder unter 16 Jahren nimmt.

Ich kam dann zum Staatsanwalt. Da ich nicht erneut alles erzählen wollte – es fiel mir auch schwer, immer die gleichen Einzelheiten zu nennen – bestätigte ich einfach die Aussage, da man mir auch nicht gesagt hatte, dass ich mich beim Staatsanwalt befinde. Die Anklageschrift durfte ich aber nicht lesen, bevor ich sie unterschrieb, und so erfuhr ich erst im Prozess, dass sie mir noch mehr untergeschoben hatten, z.B. Molotow-Cocktails in Deutschland.

Prozess und Verurteilung als Minderjähriger

Die Sicherheitsdienste gingen nicht davon aus, dass ich PKK-Mitglied bin. Ich denke, sie glaubten mir schon, dass ich mich getrennt habe und zu meiner Familie gehen wollte. Aber ich sollte eine Lektion erhalten und nicht einfach so davonkommen.

Nach türkischen Gesetzen war ich ja gar nicht strafmündig, da ich keine 16 Jahre alt war, als ich noch bei der PKK gewesen bin. Eigentlich hätte ich gar nicht bestraft werden dürfen.

Meine Verhandlung hat etwa ein Jahr gedauert. Entscheidend für das hohe Urteil war wohl meine Antwort auf die Frage, ob ich meine Taten bereue. Ich sagte: „Nein“. Zwei Dinge gingen mir durch den Kopf. Ich hatte das getan, was ich für richtig hielt. Ich wollte mich doch für die Menschenrechte meines Volkes einsetzen. Ich wollte nicht, dass mir die Menschen 20 Jahre später vorwerfen, dass ich diese Ziele verrate. Und zum anderen hatten mich die anderen politischen Gefangenen, mit denen ich im Gefängnis saß, beeinflusst. Sie wussten, dass diese Frage kommen würde und sagten mir: „Wenn Du bereust, werden sie Dich erst recht bestrafen, weil Du damit zugibst, dass Du etwas getan hast, was Du bereuen kannst.“

Und so kam es, dass das Gericht einen psychologischen Test beantragte, ob ich nicht doch strafmündig gewesen sei. Ich wurde zu einem Psychologen nach Van geschickt. Der fragte mich nur, ob ich lesen und schreiben könne, was ich bejahte. Dann schrieb er ein Gutachten, wonach ich schon mit unter 16 Jahren als Erwachsener handeln konnte. Das Gericht verurteilte mich darauf hin am 8. Mai 2002 zu acht Jahren Haft.

Gefängnis – ein Ort für freie Gedanken

Zunächst war ich in Van im Gefängnis, später in Mus. Im Gefängnis war die Situation so, dass es an und für sich vier Gruppen von Gefangenen gab.

Die politischen Gefangenen, zumeist von der PKK, bildeten eine eigene Gruppe, die eine klare Struktur hat. Es gibt dort einige, die Verantwortung übernehmen, es ist verboten zu kämpfen, selbst Schimpfwörter sind verboten. Du genießt Schutz vor Schlägen und Misshandlungen, woanders hätten sie mich auch vergewaltigen können. Sie führen Unterricht und Schulungen durch. Sie hatten dort 3.000 Bücher zu Geschichte, Psychologie, Philosophie usw.

Die zweite Gruppe sind die sogenannten Neutralen. Sie stehen alleine und haben keine Sicherheit. Sie können jederzeit zu neuen Verhören geholt werden und haben keinen Schutz von einer Gruppe oder Organisation.

Die dritte Gruppe sind diejenigen, die mit dem Staat zusammenarbeiten. Und die vierte Gruppe sind die nicht-politischen Gefangenen.

Angesichts dessen war es für mich klar, dass es für mich am Sichersten wäre, zu den politischen Gefangenen zu gehen. Ich erzählte ihnen meine wahre Geschichte. Ich sagte ihnen, dass ich nicht gegen die PKK agieren will und daher nicht mit dem Staat zusammenarbeiten werde. Ich betonte, dass ich mein Land schätze, sehr viel Wert darauf lege, dass mein Volk seine Rechte erhält. Sie waren erstaunt, dass ein junger Mensch so viel theoretisches Wissen hat. Sie nahmen mich in ihren Kreis auf.

Von 9 bis 12 Uhr wurden wir allgemein unterrichtet. Die ersten zwei Jahre ging es um die Schriften Öcalans. Er hatte ja zu seiner Verteidigung etliche Bücher herausgegeben und darin auch Selbstkritik gegenüber sich selbst und gegenüber der Partei geübt. Er schrieb viel über die Geschichte der Menschheit, Zivilisation, Stellung der Minderheiten, Psychologie, mögliche Lösungen und Entwicklungen. Bis dahin hatte die Partei nur bestimmte Quellen erlaubt. Seine Öffnung war der Grund, dass wir uns auch mit diesen Themen beschäftigen konnten. Und die PKK hatte ja auch lange Zeit das Ziel gehabt, das Problem demokratisch zu lösen, ohne Gewalt. Ich fing also an, zu all dem zu lesen, darüber nachzudenken, zu diskutieren, auch mit anderen Gefangenen, die sich eigentlich in einer ähnlichen Lage wie ich befanden, die keine konkrete Verbindung zur PKK hatten und sich nur in dieser Gruppe der politischen Gefangenen am Sichersten fühlten.

Was ist Freiheit? Was ist ein freier Mensch? Psychologie, Kunst, Sprachen, Minderheiten, Menschenrechte, Demokratie, Sozialismus, Kapitalismus, Ziviler Ungehorsam, Gewalt, all das war Thema. Wir hatten sehr viel Zeit und sehr viele Quellen. Ich glaube, in einer Universität hätte ich nicht besser lernen können, obwohl die Bedingungen im Gefängnis viel schwieriger waren. Das war die Zeit als vieles, was ich erlebt habe und nicht so recht fassen konnte, für mich greifbar, erklärbar wurde.

Ich habe mich sehr viel mit dem Begriff Freiheit beschäftigt. Ich wollte wissen und verstehen, wie man sich als frei, als freier Mensch bezeichnen kann. Was ich bei der PKK erlebt habe, das war keine Freiheit. Ein Mensch kann doch gar nicht frei sein, wenn er seinen Willen irgendwo abgibt. Der Anspruch und Wirklichkeit waren da ein großer Widerspruch. Es gibt zwar viele Leute in der Partei, die für die Rechte des Volkes agieren oder zumindest daran glauben. Einigen mag es sogar besser gehen als in der Zivilisation. Aber es sind keine freien Menschen, mal abgesehen von den paar hochrangigen, die wir im Gefängnis „Dinosaurier“ nannten.

Ich wollte aber mein weiteres Leben als ein unabhängiger, freier Mensch genießen. Und da erkannte ich schnell, dass ich nur dann unabhängig und frei denken kann, wenn ich eine Grundlage dafür habe, ein Gewissen. Erst dann kann ich frei und unabhängig ein Ereignis beurteilen und dementsprechend handeln.

Viele Autoren beeinflussten mich, so Stephan Zweig, Erich Fromm, Hannah Arendt oder auch Jack London oder Victor Hugo. Ja, ich las auch Klassiker, die viel Wissen beinhalten und mir viel Anregung gaben. Und zunehmend kam ich in die Lage, selber über Ereignisse zu sprechen, meine eigene Position zu finden und nicht irgendwelcher Ideologie nachzueifern.

Gewalt kann keine Freiheit schaffen

Zunächst einmal stand für mich die Frage im Vordergrund, was die Ursache der Entrechtung, der Versklavung der Gesellschaft ist. Meiner Meinung nach fing alles damit an, dass den Frauen ihre Rechte entzogen wurden. Selbst die Familienstrukturen spiegeln das wider, in denen der Vater vorsteht, dem der älteste Sohn folgt. Monotheistische Religionen haben ein ähnliches Weltbild. Erst kommt ein einziger Gott, dem der König oder das religiöse Oberhaupt folgt. Entsprechend diesem Bild werden ethische Werte vermittelt. Die männerherrschaftlichen Strukturen durchziehen die gesamte Gesellschaft.

Aber dies lässt sich nicht mit Gewalt ändern. Gewalt führt wieder zu Gewalt. Strukturen können sich nur dann ändern, wenn die Gesellschaft mitmacht. Ganz konkret: Jeder und jede einzelne muss aufgeklärt sein und aus diesem Wissen heraus bereit sein, etwas gegen Herrschaftsstrukturen zu unternehmen. Einzelne Personen müssen die innere Integrität erwerben und in der Lage sein, selber zu agieren; ohne Regierungen in der Lage sein, Verantwortung zu übernehmen und im Frieden miteinander zu leben, ohne dabei die Natur zu zerstören. Es kann aber nicht gelingen, dies mit einer Guerillaeinheit umzusetzen. Es kann so lange nicht der Fall sein, so lange andere über andere Menschen bestimmen. Dann werden die Strukturen weiter bestehen, selbst wenn die Personen wechseln. Die Geschichte zeigte mir sehr klar: Militärische Strukturen setzen sich fort. Auch in einer durch Gewalt neu geschaffenen Struktur gibt es keine Kraft, die anders als mit Gewalt agieren kann. Ich erkannte, dass nach einer Revolution, von denen es in der Geschichte ja einige gab, nachdem es so viele Tote, so viel Gewalt gab, sich in Wahrheit nichts änderte. Eine Macht wurde gestürzt und es kam eine andere. Diese hatte, vielleicht mit leichten Verbesserungen, eine ganz ähnliche Struktur. Aber letztich ist die Herrschaftsstruktur geblieben. Diese Erkenntnis, dass Gewalt in Wirklichkeit nichts endgültig ändern kann, war für mich entscheidend.

Und geht es mir nicht selbst so? Wenn mir jemand mit Gewalt etwas aufzwingen will, könnte er mich dann davon überzeugen? Das ist doch Unsinn. Wenn also irgendwo Krieg herrscht, kann man doch den Frieden nicht wiederherstellen, indem man die anderen tötet. Die Überlebenden werden das ihr Leben lang nicht vergessen und es wird letztlich wieder zu einem Krieg führen.

Ich erlebte das, als ich in Urmiye war. Hani hatte mir geholfen. Er kam aus einem Dorf in der Türkei, das zerstört worden war. Es war 1993, als die Einwohner der Dörfer, die angeblich nicht einverstanden waren, Dorfschützer zu stellen, weggejagt, getötet oder gefoltert wurden. Hani hatte seine gesamte Familie verloren, er war damals neun oder zehn Jahre alt gewesen. „Mir haben sie alles zerstört“, sagte er, „ich konnte gar nicht mehr weiterleben. Nun lebe ich nur noch, um die zu vernichten, die das gemacht haben.“ So geht es grundsätzlich beiden Seiten. Ich sah dies, hörte und spürte es. Wer Gewalt erlebt hat, wendet in den allermeisten Fällen nur selbst Gewalt an. Ich hatte die Chance, meine Vergangenheit zu verarbeiten, aber meine Familie hatte auch nicht so sehr gelitten.

Wo endet die Freiheit?

Und wo endet die Freiheit des Einzelnen? Ich sah, dass es Strukturen geben muss. Im Gefängnis waren wir auf kleinsten Raum eingeschränkt und es waren viele Menschen nebeneinander. Es war so geregelt, dass meine Freiheit da endet, wo dem anderen seine Freiheit beginnt. Während ich ein Buch lese, darf der andere Musik hören, aber nicht so laut, dass ich mein Buch nicht mehr lesen kann. So war es geregelt und es war gut so. Anders hätten wir ja gar nicht zusammen leben können.

Das lässt sich auch auf die Gesellschaft übertragen. Ich lege sehr viel Wert auf Freiheit, aber meiner Überzeugung nach darf diese z.B. nicht so weit gehen, dass sie andere einschränkt oder das Gleichgewicht der Natur zerstört. Nur so kann die Menschheit bestehen, indem das ganze Leben auf dieser Erde akzeptiert wird.

Die Moral in der europäischen Gesellschaft empfinde ich daher als heuchlerisch. Einerseits werden die Menschenrechte sehr hoch geachtet, aber schon wenn es um einen Ausländer geht, werden ihm die Menschenrechte entzogen, er wird als anderes Lebewesen angesehen. Als ich in der Abschiebehaft in Hungerstreik ging, fragten sie mich: „Warum?“ Ich sagte: „Ich habe keine Straftat begangen, selbst nach Ihren Regeln. Sie halten mich hier wie einen Verbrecher. Sie nehmen mir meine Freiheit. Ich empfinde das als Folter. Und sie können doch angesichts dessen von mir nicht verlangen, etwas zu unternehmen, um zu leben.“ Die Wärter antworteten mir, dass sie doch nur ihren Job tun würden. „Wir sind nicht verantwortlich dafür.“ Und ich erwiderte: „Das sagen in der Geschichte alle, auch die, die in der Nazizeit Menschen umgebracht haben. Sie gehorchten nur ihren Befehlen.“ Die Mehrheit neigt dazu, nicht frei zu agieren, also wirklich Verantwortung zu übernehmen.

Gewissen: Mit mir im Einklang sein

Gewissen bedeutet für mich, dass das, was ich als richtig empfinde, mit mir selbst im Einklang steht. So, wie ich meine eigene Integrität und Freiheit schätze, muss ich die Freiheit und Integrität der anderen schätzen. Solange ich mit mir im Einklang bin, habe ich ein gutes Gewissen. Ich kann andere nicht töten, ich will ja schließlich auch nicht getötet werden.

Im Gefängnis verfolgten wir auch die Nachrichten. Und so hörte ich von den Kriegsdienstverweigerern Mehmet Bal oder Mehmet Tarhan. Ich bewunderte sie sehr, weil sie den Mut gefasst hatten, Widerstand zu leisten.

Und irgendwann vor meiner Freilassung wusste ich, dass ich mich entscheiden musste. Ich stand vor der Entscheidung, entweder gewaltfrei und legal zu leben oder unterzutauchen. Für mich war das ganz klar. Ich habe mich für die gewaltfreie Alternative entschieden. Und das gilt für mich in allen Bereichen. Wenn mich mal jemand beschimpfte, ging ich einfach weiter. Wenn mich jemand schlagen wollte, bin ich fortgerannt. Und ich werde keine Waffe mehr in die Hand nehmen.

Aufgrund der Verhandlungen mit der Europäischen Union wurden die Gesetze Ende 2004 geändert. Daraufhin wurde ich nach drei Jahren, einem Monat und 15 Tagen Haft freigelassen.

Die Zeit nach der Haft

Es war schon schwer für mich gewesen, die schönsten Jahre meines Lebens im Gefängnis zu verbringen. Nun wollte ich das Leben beginnen. Ich war 19 Jahre alt. Ich war in einem Land, in dem ich keine Beziehungen hatte. Ich musste von Null anfangen.

Ich hatte mir vorgenommen, mit Menschenrechtsorganisationen in Kontakt zu treten, mit denen ich gemeinsam etwas unternehmen könnte. Das sollte der Sinn meines Lebens sein. Ich wollte politisch Verantwortung übernehmen.

Aber zunächst musste ich meinen eigenen Lebensunterhalt verdienen. Und so begann ich schließlich, in Antalya zu arbeiten. Als ehemaliges PKK-Mitglied und mit Vorstrafe war es sehr schwer. Und es gelang mir nur, weil ich andere Sprachen gut beherrschte und weil ich einen niedrigeren Lohn ohne Arbeitsversicherung akzeptierte. Ich arbeitete in einer Boutique, bis ich einen Fahrradunfall hatte, bei dem ich mir meinen Daumen drei mal brach. Dann besorgte ich mir eine billige Kamera und verkaufte Fotos an die Touristen. Ein Geschäftsinhaber, der in drei Fünf-Sterne-Hotels Fotoabteilungen betrieb, sah, wie ich sogar schlechte Fotos an die Touristen verkaufte und bot mir an, für ihn zu arbeiten. Der Boutiquebesitzer war ein guter Leumund für mich. Und so ließ ich mir erst von den anderen Fotografen beibringen, gute Fotos zu machen und machte und verkaufte schließlich auf Provision Fotos. Ich verdiente gut. Ich konnte jeden Monat 500 oder 600 € beiseite legen.

Erstaunlicherweise interessierte sich niemand wirklich für meine Vergangenheit. Niemand fragte mich, wie es bei mir mit dem Militärdienst aussieht. Wenn ich gefragt wurde, sagte ich, ich käme aus Deutschland und hätte mit meinen Eltern nicht in Mersin leben können. Ich hatte lange Haare und sprach ohne Akzent türkisch. Offensichtlich hat das die Menschen veranlasst, mir zu vertrauen.

Aber ich hatte kein soziales Leben. Ich arbeitete von morgens bis abends im Hotel und konnte nichts anderes mehr unternehmen. Und ich musste mich ständig für jemanden ausgeben, der ich gar nicht war. Niemand kannte den wahren Ali. Es ging mir nicht gut. Und dann beschloss der Inhaber der Fotogeschäfte auch noch, weitere Fotografen anzuwerben, womit sich unser Verdienst verringert hätte. Aber wenn ich kein Geld mehr beiseite legen kann, was für einen Sinn macht die Arbeit dann noch, fragte ich mich – und ging.

Ich rief einen Freund aus dem Gefängnis an der zu diesem Zeitpunkt auch frei war und in Tunceli (Dersim ) lebte, und sagte ihm: „So kann ich nicht leben. Ich muss etwas tun, was mit meiner Weltanschauung, mit meinen Überzeugungen übereinstimmt. Ich muss mich gut dabei fühlen.“ Er schickte mich zu Freunden nach Istanbul, denen ich vertrauen und meine Geschichte erzählen konnte.

Sie schlugen mir vor, zur Dicle Nachrichten Agentur (DIHA) zu gehen, die kurdische Nachrichtenagentur. Und sie nahmen mich als Volontär auf. Es gab zwar keinen Lohn, sondern nur Unterkunft, Verpflegung und Fahrtkosten, aber das war mir nicht so wichtig. Es war sehr schön, als Reporter tätig sein zu können, ich fühlte mich wohl. Es war etwas, was meinem Leben Sinn verlieh.

Ich lernte sehr schnell, wie ich arbeiten musste. Nach einer Woche konnte ich mit zehn Fingern schreiben. Nach drei Wochen, in denen ich mit den anderen unterwegs war, um zu sehen, wie sie es machen und formulieren, konnte ich selbst Berichte verfassen.

Dicle war überall anwesend, wo es Menschenrechtsverletzungen gab. Es war keine Agentur von Reichen. Es war sehr wichtig, dass wir neutrale Berichte schrieben, die dann von Zeitungen und Nachrichten verwendet werden konnten. Ich war jeden Tag an einem anderen Ort, machte Fotos von Demos und schrieb Nachrichten dazu. Wir waren sehr beliebt, weil alle wussten, dass Dicle eine der wenigen Agenturen ist, die objektiv die Ereignisse schildern.

Militärdienstentziehung

Ende 2005 hätte ich den Militärdienst antreten müssen. Aber das kam für mich überhaupt nicht in Frage. Ich dachte, wenn ich erst einmal bereit bin, einen Menschen zu töten, wird der Bann gebrochen sein. Wenn ich bereit bin, für eine Organisation, Volk oder was auch immer zu töten, was macht das für einen Unterschied dazu, einen Menschen im zivilen Leben zu töten? Ich ging nicht.

Aber das hatte natürlich zur Folge, dass meine Tätigkeit schwieriger wurde. Hinzu kam, dass mein Abteilungsleiter an einem Tag, an dem ich sehr krank war, verlangte, ich sollte an einen Ort reisen, wo eine Kundgebung stattfand. Ich hätte allein für die Hin- und Rückfahrt sechs Stunden gebraucht und konnte kaum noch stehen. Er schickte mich zum Taksim zu einer anderen Aktion, aber auch das ging nicht. Ich musste nach Hause gehen und lag drei Tage mit sehr hohem Fieber im Bett. Und ich erkannte, dass dieser Umgang unmenschlich ist.

Ich ging wieder zur Agentur und sagte: „Ich bin kein Soldat. Wenn ich krank bin, kannst Du mich nicht losschicken, zumal ich hier freiwillig arbeite. Ich bin ein freier Mensch und wenn ich etwas freiwillig tue, könnt Ihr doch nicht verlangen, etwas zu machen, wozu ich gar nicht in der Lage bin.“ Ich trennte mich.

Flucht nach Deutschland und Rückkehr in die Türkei

Ich sah keine Möglichkeit mehr, in der Türkei zu leben. Es waren nicht nur die Strukturen, die mir immer wieder begegneten. Nun war ich auch wehrdienstflüchtig und konnte nicht mehr legal dort leben. Und ich war vorbestraft. Überall wäre ich danach gefragt worden. Also entschied ich mich 2006, erneut nach Deutschland zu kommen und einen Asylantrag zu stellen.

In Deutschland wusste ich noch nicht, dass ohne mein Wissen in der Türkei ein erneutes Verfahren bezüglich meiner PKK-Mitgliedschaft durchgeführt worden war. Eigentlich war ich nach den 2004 geänderten Gesetzen ja sogar zu lange im Gefängnis gewesen, aber sie führten ohne mein Wissen ein weiteres Verfahren durch und erhöhten die Strafe, so dass sie nun auf den Tag genau mit meiner Haft übereinstimmte.

Mein Asylantrag wurde abgelehnt. Ich kehrte im Mai 2007 freiwillig in die Türkei zurück. Und es war ein Rätsel für mich, was dort passierte. Ich hatte fest damit gerechnet, dass ich zum Militär gebracht würde.

Als ich aber in Adana ankam, gab es zunächst die übliche Prozedur. „Sind Sie vorbestraft?“, fragten die Zöllner. „Ja“, antwortete ich. „Weshalb?“ „Wegen PKK-Mitgliedschaft.“ Auf einmal standen alle mit großen Augen da: „PKK-Mitgliedschaft?“ „Ja“, sagte ich, „ich war drei Jahre, einen Monat und 15 Tage im Gefängnis“. Irgendwie konnten sie sich das nicht wirklich vorstellen, so wie ich aussah, wie ich mich ausdrückte. Und vielleicht gingen ihre Computer nicht, ich habe keine Ahnung. Sie brachten mich zum Verhör und holten den Geheimdienst, der mich nach meiner ganzen Vergangenheit befragen wollte. Ich machte ihnen den Vorschlag, meine Fingerabdrücke zu nehmen und dann in ihre Akten zu schauen. Das machten sie auch und stellten fest, dass meine Angaben stimmten. Und dann sollte ich wegen dem fehlenden Pass eine Geldstrafe zahlen, und sie ließen mich laufen. Niemand hat mich in den gut 30 Stunden dort nach meinem Militärdienst gefragt. Ich war völlig verblüfft.

In Deutschland hatte ich meine jetzige Ehefrau kennengelernt. Wir wollten heiraten und ich musste mir dafür einen Pass besorgen. Und auch hier war ich völlig erstaunt, dass es ging. Aber natürlich habe ich nicht nachgefragt, warum sie mir einen Pass gaben. Ich war einfach froh, dass es bei mir ohne Probleme geklappt hat. Erst vor einigen Monaten habe ich erfahren, warum das vermutlich ging. Aufgrund der Verhandlungen der Türkei mit der Europäischen Union soll es von Anfang 2007 bis 2010 eine Regelung gegeben haben, dass niemand ohne Haftbefehl festgenommen werden darf, weil er den Militärdienst nicht abgeleistet hat. Und ich war nie zur Musterung gegangen. Vielleicht war das der Grund dafür.

Erklärung der Kriegsdienstverweigerung

Ich heiratete und versuche seitdem ein Visum als Ehepartner zu bekommen, was mir die Ausländerbehörde in Marburg jedoch versagte. Sie warf mir vor, dass ich aufgrund meiner Vergangenheit als PKK-Mitglied des Terrorismus verdächtig sei. Sie wollen nicht sehen, dass ich meine Position verändert habe.

Am 15. August 2008 erklärte ich öffentlich im Rahmen einer Pressekonferenz im Menschenrechtsverein in Istanbul meine Kriegsdienstverweigerung. Ich machte unter anderem klar, dass „ich es ablehne, den Schichten, die vom Krieg profitieren, als Soldat zu dienen. Ich lehne es ab, das man mit den Geldern oder der Arbeit von Menschen, die nicht mal in der Lage sind, ihren Unterhalt zu finanzieren unter dem Namen ‚Steuern‘ Vernichtungswaffen herstellt. Als bewusster Mensch, der erlebt, gehört, gesehen und gespürt hat, dass Gewalt nur Gewalt, Groll und Hass erzeugt, die zu Vernichtungen und Morden führen, verfluche ich jede Art von Gewalt. Nicht nur bei der türkischen Armee: Ich werde in keiner militärischen Einheit Dienst leisten. Ich lehne es grundsätzlich ab, eine Waffe zu benutzen. Mit welcher Begründung auch immer argumentiert wird, ich betrachte es als Verbrechen an der Menschheit, das Leben anderer zu vernichten und das Recht auf Leben zu ignorieren. Es wird niemandem gelingen, mich dazu zu bringen, Militärdienst zu leisten.“

Erneut nach Deutschland

2010 reiste ich erneut nach Deutschland ein, um bei meiner Ehefrau zu sein, und wurde hier im Mai festgenommen und in Abschiebehaft gebracht. Aus der Abschiebehaft heraus stellte ich einen Asylfolgeantrag, weil ich immer noch davon ausgehen muss, dass ich als Kriegsdienstverweigerer verfolgt werde, so wie es Osman Murat Ülke, Mehmet Bal, Enver Aydemir oder Mehmet Tarhan ergangen ist. Ich bleibe dabei. Es wird niemandem gelingen, mich dazu zu bringen, Militärdienst zu leisten.


Mehmet Ali Avcı: Bericht vom 8. Juni 2010. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe November 2010



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