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Kolumbien: Wer jung ist, lebt gefährlich
Connection e.V.
Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure
Kolumbien: Wer jung ist, lebt gefährlich

Kolumbien - Schwerpunkt unseres Rundbriefes »KDV im Krieg«, Februar 2011


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Kolumbien: Wer jung ist, lebt gefährlich

Zwischen Rekrutierung und wirtschaftlicher Unterdrückung

von Shirley Johana Ciro Flórez und Juan David Casas

Kolumbien ist ein junges Land: Das Durchschnittsalter liegt bei Mitte 20, fast ein Drittel der Bevölkerung ist unter 15 Jahre alt. Dennoch werden die Jugendlichen nicht als eigenständige Gruppe mit eigenen Rechten und Ansprüchen wahrgenommen. Die wirtschaftliche Situation vieler Jugendlicher ist schwierig, die Jugendarbeitslosigkeit extrem hoch. Viele Jugendliche werden Opfer von Zwangsrekrutierungen durch Militär, Guerillagruppen oder paramilitärische Einheiten. Es wird Zeit, die große Gruppe der Jugendlichen endlich als eigenständige politische und gesellschaftliche Akteure wahrzunehmen, meinen die AutorInnen dieses Artikels. (d.Red.)

Bei zahlreichen Gelegenheiten haben wir bereits ausführlich die Praktiken der Rekrutierung der jungen Bevölkerung durch legale und illegale Armeen angeprangert, ebenso wie die schwierigen sozioökonomischen Bedingungen, unter denen die jungen Menschen dieser Stadt [Medellín, Kolumbien, Anm. d.Ü.] leben, und immer haben wir uns auf diese Aspekte als Gegenwartsphänomene bezogen. Doch nun wollen wir unser Augenmerk darauf richten, wie junge Menschen in der Vergangenheit mit solchen Dingen konfrontiert gewesen sind.

Der jugendliche Teil der Bevölkerung, den wir in diesem Fall als die Gruppe der 14- bis 26-jährigen definieren, durchlebt aufgrund seines Alters und seiner körperlichen Merkmale zwei der größten Qualen, und deshalb bedeutet heute in Kolumbien jung zu sein nicht so sehr Hoffnung und Garantie vollumfänglicher Rechte, sondern ist Synonym für Ausschluss, Gewalt und, was das Schlimmste ist: Jugendliche sind, für alle sichtbar, Opfer der Rekrutierung und der wirtschaftlichen Ausbeutung, sogar von Seiten des Staates selbst.

Dass die von den Streitkräften praktizierte Rekrutierung legal ist, bedeutet nicht, dass sie akzeptiert oder als moralisch richtig wahrgenommen wird – weder von den jungen Männern, die in den Krieg ziehen müssen, noch von den jungen Frauen, die in vielen Fällen als Kriegsbeute enden. Ebenso lässt die hohe Jugendarbeitslosigkeit, die in Kolumbien 23,1% erreicht, wobei 94% derjenigen, die arbeiten, im informellen Sektor beschäftigt sind, viel zu wünschen übrig. Jedoch sollte nicht vergessen werden, dass die Phänomene der Rekrutierung und der wirtschaftlichen Ausbeutung historisch sind und seit Jahrhunderten auftreten. Dazu einige Beispiele.

Im klassischen Griechenland wurden die jungen Männer unter dem Aspekt ihres großen militärischen Potenzials betrachtet; infolge dessen hatten sie sich der Erziehung und Disziplinierung zu unterwerfen, um später die Armeen aufzufüllen. Die Jugendlichen waren der Inbegriff von Vitalität und Kriegersinn. In Rom war die Situation ähnlich: Dort verband man mit der Jugend Studium und Kriegshandwerk, aber auch die Künste und die Produktion. Das blieb so bis zur Konsolidierung des Christentums. Von da an wurden junge Männer hauptsächlich als Soldaten gesehen, die Tempel bewachten und sich der Kolonisierung widmeten1, wobei allerdings hervorzuheben ist, dass diejenigen, die Zugang zur Bildung hatten, zu den höheren Klassen gehörten, während die Gemeinen und die Sklaven eben nur das waren.

Diese historischen Momentaufnahmen zeigen drei Merkmale, die auch heute noch die gesellschaftliche Praxis prägen, nämlich die Bestimmung der jungen Männer für das Kriegshandwerk, die Bildung und die Produktion; das heißt, die Aufrechterhaltung des Krieges und der Wirtschaft lag in den Händen der Jungen, wobei es wichtig ist zu erwähnen, dass es männliche Hände waren, denn die Frauen waren vom öffentlichen Leben ausgeschlossen.

Das Feld der Ausbildung gliederte sich in zwei Bereiche, nämlich die Religion und die politische Macht; später wurde die Trennung zwischen beiden Bereichen für mehrere Jahrhunderte aufgehoben. Beide Formen der Ausbildung standen jedoch nur denjenigen Jugendlichen offen, die männlich waren und gehobenen Gesellschaftsschichten angehörten.

Nicht nur im klassischen Griechenland und im alten Rom waren dies die Lebensbedingungen der Jugendlichen, sondern auch im Nahen Osten, also in den heutigen arabischen Ländern. Auch wenn es dort keinen so ausgeprägten Jugendbegriff gab, wurden die Männer jungen Alters ebenfalls zum Krieg bestimmt und einige wenige zur Vorbereitung auf politische Machtpositionen.

Zwischen dem 10. und 15. Jahrhundert, im Rahmen der Glaubenskriege in Europa, festigte sich das Bild der Jugendlichen als Träger des Krieges und des Schutzes der katholischen Kirche; sie wurden als die Verantwortlichen für die Verteidigung des Souveräns gesehen und galten außerdem als Symbole der Schönheit. Wiederum waren es die Jugendlichen, die die Heere der Feudalherren und der Kirche bildeten, die Heere der Tempelritter und der berühmten Kreuzzüge, aber zur selben Zeit waren sie es, die Alternativen und Kritik hervorbrachten und später die in Europa herrschende Macht, die sich auf das Monopol an Land und die Einheit von Politik und Religion gründete, destabilisierten.

Mit der Zeit jedoch verfällt das Bild des jungen Mannes als Krieger und Bewahrer der Ordnung. Die militärischen Exzesse, das Wachstum der Bevölkerung in Europa und der Niedergang der kirchlichen und feudalen Mächte bewirken, dass die jungen Männer zusammen mit den „Dirnen“ zu verwundbaren, gefährlichen und aufsässigen Personen werden, zum Gegenstand der Angst und Risikofaktor für die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung, für den Frieden und das Heil der Gesellschaft: Es entsteht eine jugendliche Bevölkerung, die respektlos ist und dem Status quo widerspricht, genährt durch die Thesen des Protestantismus, des Calvinismus und der beginnenden Moderne.

So beginnt eine starke Kontrolle über die jungen Frauen und Männer, die Gesetze werden strenger, und man versucht, diejenigen, die den Vergnügungen ergeben und respektlos gegenüber der herrschenden Macht sind, zu disziplinieren; in diesem Augenblick setzt eine widersprüchliche Wahrnehmung der Jugend ein, denn teilweise gilt die Jugend noch immer als Bewahrer des Status quo, teilweise aber auch als Destabilisierungsfaktor, als Gefahr für die Gesellschaft. Unabhängig davon, wo sich ein Jugendlicher in diesem Spektrum verortet, ist sein Dasein jedoch von zwei Aspekten geprägt: von Kriegsdienst und wirtschaftlicher Ausbeutung.

Zu Beginn der Moderne finden die Angehörigen der oberen und mittleren sozialen Klassen die Möglichkeit, sich dem Studium oder der Kunst zu widmen, während in den Fabriken die Kinder, Jugendlichen, Frauen und Männer der unteren Klassen unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. So differenziert sich die Jugend im Hinblick auf die soziale Klasse, zu der sie gehört.

Für die oberen Klassen ist die Jugend der Augenblick zwischen dem Ende der Adoleszenz und der vollen Integration in das soziale Leben, ein Zeitraum zwischen der körperlichen und der sozialen Reife. In der „proletarischen“ Welt hingegen bedeutet Jugend eine kürzere und weniger sequenzielle Lebensperiode - der Jugendliche erscheint als guter Arbeiter, manipulierbar, formbar und gefügig. So ist das Modell des Jugendlichen zu Beginn der Moderne und bis ins 19. Jahrhundert speziell für die wohlhabende Klasse attraktiv. Dies ist eine Epoche, in der „jung zu sein“ als Privileg erscheint; in der Folge werden die Merkmale der Jugendlichkeit sogar einer bestimmten Klasse zugeschrieben.“2

Jedoch waren es auch großenteils Jugendliche, die die bürgerlichen Revolten anführten und später die Umwälzungen in Händen der arbeitenden Klasse und der sozialen Bewegungen.

Das 20. Jahrhundert, gekennzeichnet durch große Kriege, stellte von neuem den jungen Mann als Krieger in den Mittelpunkt. Parallel dazu sind die Erfolge der sozialen Bewegungen zu sehen, die „wichtige Entwicklungen in Bezug auf das Leben der Jugendlichen in Ländern wie u. a. Russland, Mexiko, England, Argentinien, Frankreich und den Vereinigten Staaten erreichten.“3

Die politischen Rechte der Jugend an sich wurden in Lateinamerika erst in Kämpfen der jüngeren Vergangenheit thematisiert, wie den kubanischen und denen in Mexiko in den 60er Jahren. Jedoch „hatte die Stimme der Jugendlichen in diesen Bewegungen wenig Gewicht, und schließlich wandte sich die Jugend anderen Gruppierungen zu.“4 Zwar stellten die Jugendlichen in der ganzen westlichen Welt um die Mitte des Jahrhunderts eine transformierende und vielversprechende politische Macht dar. Trotzdem „gab es während des ganzen Jahrhunderts keine Öffnung von Seiten der Macht, die selbstverständlich und ohne sozialen Druck die Jugendlichen als Rechtssubjekt anerkannt hätte.“5

Mitte der Siebzigerjahre zeigten die Jugendlichen eine große Sympathie mit der lateinamerikanischen Aufstandsbewegung und mit der Bildung bzw. Stärkung von Rebellengruppen in der Region. Jedoch erzeugte die soziale Dynamik neue Kontexte und natürlich eine neue Jugend: friedfertig, gefügig, geschmeidig; mit anderen kulturellen Ausdrucksformen, im Rahmen einer anderen Weltordnung. Neue Führungspersönlichkeiten und neue Formen des Auftretens, die gegenüber den früheren Jahren einen Paradigmenwechsel kennzeichneten.

In Kolumbien war die Situation der Jugendlichen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Sache der Eltern und der religiösen, zivilen und politischen Autoritäten, denn man war sich einig, dass die Jugend schutzlos sei und deshalb nicht allein gelassen werden dürfe, obwohl man sie in großem Umfang zu Militärdienst und Arbeit heranzog - eine Vision ähnlich der, die man im Mittelalter in Europa gehabt hatte.

Später hielt man die Jugendlichen als Bürger zweiter Klasse – zusammen mit den Frauen -, sie waren Opfer von Vertreibung und Ausbeutung durch Arbeit oder wurden zu „indoktrinierten Vor-Erwachsenen (erzogen), die jedwede Sache ausführen und verteidigen konnten“6. Zugleich jedoch verkörperte der Jugendliche Hoffnung und Veränderung, was sich sowohl in den Aufstandsbewegungen als auch der extremen Rechten niederschlug. Diese Wahrnehmung blieb bis in die Siebzigerjahre prägend. In den achtziger Jahren hingegen wurden die Jugendlichen nicht mehr als Ikonen der Hoffnung dargestellt, sondern als eine Gefahr für die soziale Stabilität und bestenfalls als Konsumpotenziale. Besonders in Kolumbien bestimmten die Phänomene von Gewalt, von Drogenhandel und Mord die sozialen Interventionsmuster des Staates, und die Bevölkerung war Adressat von Programmen und öffentlichen Projekten mit den Schwerpunkten Sicherheit und öffentliche Ordnung. Bis zu jenem Zeitpunkt ist kein direktes und konsequentes Eintreten für die Rechte Jugendlicher zu beobachten; statt dessen gibt es einfache punktuelle Antworten auf einzelne Ereignisse.

In der gegenwärtigen Welt hat das neue wirtschaftliche und politische Szenario, bestimmt durch den Übergang, das Zerbrechen wirtschaftlicher und sozialer Strukturen, den Triumph des Kapitalismus im Westen, den Fall des Sozialismus, die Desorganisation der Schwellenländer, die industrielle und kulturelle Expansion, die Krise des Politischen, die Unterdrückung alternativer jugendlicher Ausdrucksformen, die Konsolidierung eines konservativen kulturellen Modells, die Unsichtbarmachung der Jugendlichen auf dem politischen Feld, dazu geführt, dass die Jugendlichen von „(...) Enttäuschung und Desorientierung“ bestimmt sind.7

Zwei besondere Merkmale bestimmen die jugendliche Wirklichkeit in Lateinamerika: Die erste ist, dass die Jugendlichen der unteren Klassen über viel freie Zeit verfügen, aber nicht fürs Vergnügen, sondern für die Überwindung ihrer sozioökonomischen Bedingungen. Der Ausschluss von der Arbeitswelt, eine Folge der Stigmatisierung der Jugend, der ungenügenden Reichweite und Qualität der Ausbildung und des Zurückweichens der Regierungen vor den für die wirtschaftliche, soziale und politische Integration aller notwendigen Reformen, ist Synonym der Machtlosigkeit, die leicht in Marginalisierung und Kriminalität treibt. Die zweite ist, dass die Phase der Jugend sich in den höheren Klassen sehr verlängert, dank der faktischen Möglichkeiten, die bessergestellten Jugendlichen haben, um dieses „Moratorium“ zu nutzen.

Das vergangene Jahrzehnt schließlich bot ein verwirrendes Panorama: Der Siegeszug neuer internationaler Politikkonzepte, das Schweigen angesichts unpopulärer Maßnahmen, die Skepsis gegenüber politischer Aktivität, ja geradezu politische Abstinenz, eine Jugend, die, wie in alten Zeiten, wenig Achtung genießt - das sind einige der Merkmale dieses neuen Jahrtausends in Lateinamerika, trotz aller vorgetragenen Forderungen, die aber nicht die Mehrheit der jungen Bevölkerung repräsentieren.

In den neunziger Jahren erscheint der Jugendliche in Kolumbien nicht mehr als Träger von Veränderungen, sondern beginnt sich als in jeder Hinsicht sehr verletzlich zu sehen; es kommt zu neuen gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen. Die Jugend ist nicht mehr als ein Übergangszustand, etwas, das „aus der Norm hervorgeht, die es formt, das die Schale zerbricht, aus der es sich herausarbeitet.“8 Die kolumbianische Tradition tut sich sehr schwer damit, den Jugendlichen als Handelnden und Protagonisten, der Vorschläge macht und Dinge in die Hand nimmt, anzuerkennen. Dennoch finden sich Beispiele für einen solchen Aufbruch. Zu erwähnen sind die Prozesse der Basisorganisation in Stadtvierteln und im Kulturbereich, getragen von Jugendbewegungen, besonders in den einfachen Vierteln der Städte, und die studentische Organisation.

Heute präsentiert sich im Land eine bunte Mischung von Projekten mit und für junge Menschen. In einigen nehmen die Jugendlichen selbst eine führende Rolle ein, andere haben weniger emanzipativen Charakter. Jugendliche sind an Entwicklungsplänen und Plänen zur Landreform beteiligt; es gibt Jugendhäuser, Familienhilfe, Jugendclubs, Jugendtische, das Programm des Präsidenten „Colombia Joven“, das Vizeministerium für die Jugend, das Jugendgesetz.

Die Jugendlichen gewinnen Raum in einer Dynamik, die anders ist als die der vergangenen Jahrzehnte. Dennoch bedeutet jung sein nach wie vor, einem hohen Risiko ausgesetzt zu sein. Und obwohl Jugendarbeit heute offiziell und institutionell gefördert wird, sind die Jugendlichen weiterhin Objekt gesellschaftlichen Ausschlusses.

Die Lesarten, die zumindest in der westlichen Kultur über die Jugendlichen vorherrschen, verweisen im allgemeinen auf die Merkmale eines spezifischen Sektors der Jugend, definiert durch das, was die Theoretiker Jugendkultur nennen: jugendliche Kulturformen, Subkulturen, urbane Stämme und Gegenkulturen, die sich als Vereinigungsformen mehr oder weniger ähnlicher Gruppen bilden.

Wir aber wollen das Augenmerk darauf lenken, dass es noch immer zwei wesentliche Aspekte sind, die den Status des Jugendlichen bestimmen: Auf der einen Seite die Rekrutierung, damit er am Krieg teilnimmt und sich den Armeen anschließt, seien sie legal oder illegal; auf der anderen Seite seine Ausbeutung als billige Arbeitskraft, verbunden mit seiner Existenz als Konsument.

Seitens der Jugend beobachten wir zwei Reaktionsmuster: Auf der einen Seite eine Jugend, die das Spiel der gesellschaftlichen Institutionen mitspielt, aber auf der anderen eine Jugend, die Widerstand leistet, auf dem Traum von einer anderen Gesellschaft beharrt, an dieser anderen Gesellschaft weiterbaut und sich aus diesem Grund einer Teilnahme am Militär widersetzt - und auch der Zumutung, billige Arbeitskraft zu sein und den Spielregeln des Systems zu folgen.

Als Jugendlicher ist jeder in der Lage zu wählen, welchem der beiden Wege er folgen will. Wir glauben, dass die Aufgabe der Jugend in einer Gesellschaft mehr in der zweiten Richtung liegt, der Idee von Widerstand und Wandel. Deshalb verbinden wir mit diesem Text zwei Aufrufe: Den zur historischen Anerkennung der jungen Bevölkerung; und den Aufruf an die jungen Menschen, sich weiterhin zu erheben ... denn das ist unsere Pflicht.

Fußnoten

1 Siehe in: Hoyos Agudelo, Mauricio. A zancadas por la histeria de la juventud. Medellín, 30. Juni 2001. Corporación región. In: Modulo del diplomado sobre animadores juveniles.

2 En: MARGULIS, Mario y URRESTI, Marcelo. En la construcción social en la condición de juventud. Uruguay, 2003. Übersetzung aller Zitate: G.B.

3 a.a.O., S. 43

4 „(...) Auch wenn die Jugendlichen an vorderster Front bedeutsame Fortschritte für Lateinamerika erkämpft haben, haben sie sich in Wirklichkeit nicht als Rechtssubjekte konsolidiert, das heißt, als klar definierter Bevölkerungsteil mit eigenen Befugnissen, wie die Frau, das Kind und der Arbeiter. Auch wenn sie zum Beispiel Fortschritte auf Gebieten wie der Ausbildung gemacht haben. Die universitären Bewegungen haben andere Kämpfe unterstützt, aber für sich selbst keine spezifische Rechtsstellung erreicht. Das einzige, was erreicht wurde, war ein Paternalismus, der für dieselben Jugendlichen gefährlich wurde. In Bezug auf die Befriedigung von eigenen Bedürfnissen gab es keine Fortschritte. Es gibt hierzu keine spezifischen Konventionen. Einzig die Rechte des Kindes, die [das Gesetz] bis zum Alter von 18 Jahren schützt ... Die Jugendlichen zwischen 19 und 24 Jahren bleiben ohne spezifische Gesetzgebung zu ihren Gunsten.“ In: Bernales Ballesteros, Enrique. Situación actual de la legislación iberoamericana en materia de juventud y adolescencia. Ponencia presentada ante la OIJ, (organización iberoamericana de juventud) con motivo de la primera sesión de la comisión internacional de los derechos de la juventud y la adolescencia. Sao Paulo.

5 Urresti, ebd.

6 In Hoyos, ebd.

7 In: La generación desencantatda. In: Revista semana. Edición 1039 vom 7. April 2002.

8 Hoyos, ebd.


Shirley Johana Ciro Flórez und Juan David Casas: Los Riesgos Historicos de ser Joven. 27. Mai 2010. Übersetzung: Gerd Büntzly. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe Februar 2011.

Der Aufsatz beruht auf einem Auszug aus der Monographie Los Derechos Económicos, Sociales y Culturales de Las Juventudes en Medellín: Hacia una Resignificación de su Carácter Fundamental, welcher von Shirley Johana Ciro Flórez und Juan David Casas an der Universität von Antioquia als Examensarbeit im Fach Jura vorgelegt worden ist.



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