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Kolumbien: Jugendnetzwerk gegen Krieg und Militarismus
Connection e.V.
Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure

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Kolumbien: Jugendnetzwerk gegen Krieg und Militarismus

von Red Juvenil

Am 14. September 2005 führten Connection e.V., die DFG-VK Hessen und das Sonderprogramm Kolumbien von "Brot für die Welt" eine Veranstaltung mit VertreterInnen der kolumbianischen Jugendorganisation Red Juvenil (Jugendnetzwerk) durch, das in Medellín aktiv ist. Die jungen Männer und Frauen setzen sich dort mit der alltäglichen Gewalt in Kolumbien auseinander. Zu den Aktivitäten gehören Musik- und Theater-Workshops, Gruppentreffen, Austausch mit anderen Initiativen, gemeinsame Selbstbestimmungsprozesse, Konzerte und direkte gewaltfreie Aktionen. Die Aktiven Francy Álvarez, Sandra Grisales, Jhony Arango, Paula Galeano berichteten über die Situation in Kolumbien und ihre Aktivitäten. (d. Red.)

Zur Situation in Kolumbien
 

Jhony Arango: Ich möchte damit beginnen, etwas über die aktuelle Situation in Kolumbien zu berichten.
Es gibt zur Zeit einen bewaffneten Konflikt. Daran sind prinzipiell drei Parteien aktiv beteiligt: Die Guerillagruppen1, die Paramilitärs und die offiziellen kolumbianischen Streitkräfte.

Die FARC-Guerilla ist eine Gruppierung, die vor ca. 40 Jahren entstand, um kommunistischen Ideen folgend dem Volk einen Teil der Macht zurückzugeben. Inzwischen haben sie ihren Weg verlassen. Sie haben viele Fehler und mehrere Massaker unter der Zivilbevölkerung begangen. Anfangs hatten sie einen großen Rückhalt der Bevölkerung. Aber heute kämpfen sie nur darum, selbst möglichst viel Macht, Einfluss und Kontrolle zu erhalten.

Die Paramilitärs entstanden vor ca. 10 Jahren in der Provinz Antioquia und haben sich mittlerweile über das ganze Land ausgebreitet. Sie veranstalten zur Zeit gemeinsam mit der Regierung des Präsidenten Alvaro Uribe ein Schauspiel, das auf Grundlage des Gesetzes für Gerechtigkeit und Frieden ein Friedensprozess sein soll und in dem die Einheiten demobilisiert werden sollen. Tatsächlich gibt es keine Demobilisierung. Es wurden lediglich sehr wenige Waffen eingezogen. Die Paramilitärs fahren fort, Gewalttaten und Verbrechen zu begehen. Und viele der "Demobilisierten" sind in die Polizei oder in die Armee eingetreten oder arbeiten als sogenannte "Kontrolleure des öffentlichen Raumes" eng mit der Polizei und den Sicherheitskräften zusammen. Sie horchen die Opposition aus und verfolgen sie. Sie arbeiten zusammen mit den Drogenhändlern und sind vor allem in einer bestimmten entmilitarisierten Zone in der Provinz Cordoba anzutreffen, wo sie sich aufhalten können, ohne dass die Polizei oder das Militär eingreift.

In der Stadt Medellín selbst verfolgten die Paramilitärs vor ca. drei Jahren folgende Strategie: Sie gingen in die Stadtviertel und stellten die Jugendbanden, die nicht auf ihrer Seite waren, vor die Wahl, entweder die Stadt zu verlassen oder zu sterben. Inzwischen versuchen die Paramilitärs, die Jugendlichen an sich und ihre Struktur zu binden. Zusätzlich üben sie mit Einschüchterungen Druck aus.

Der dritte bewaffnete Teil in den kriegerischen Konflikten Kolumbiens ist die kolumbianische Armee. Wir sind überzeugt, dass die offiziellen nationalen Streitkräfte nicht die Gesetze respektieren. Sie ignorieren vor allem das Recht aller Bürger, nicht am Krieg teilnehmen zu müssen. Außerdem sind sie im Besitz von sehr viel mehr Waffen, Flugzeugen, Helikoptern und Panzern. Diese Aufrüstung wird in hohem Maße von den USA finanziell unterstützt. Vordergründig soll dies der Verfolgung von Terrorismus dienen. Tatsächlich sind vom Militär viele Massaker und Menschenrechtsverletzungen sowie Verletzungen internationaler Vereinbarungen begangen worden. So wurden bei der Vernichtung von Koka-Feldern durch von Helikoptern aus versprühten Giften auch viele Bauernfamilien geschädigt, weil ihr landwirtschaftlicher Ertrag teilweise mit zerstört wurde. Die Gifte verursachen auch verschiedene Krankheiten. Bei einem Massaker an der Friedensgemeinschaft San Jose de Apartador wurden im Februar diesen Jahres vom Militär acht Personen getötet, unter ihnen zwei Kinder. Die Militärs behaupten, dass das Massaker von der Guerilla verübt worden sei.

Ich möchte hinzufügen, dass sowohl die wirtschaftliche wie die militärische Unterstützung der USA die Situation in Kolumbien verschärft hat. Deshalb treten wir vom Red Juvenil für eine Verweigerung dieses Krieges ein, um uns vom militärischen Konflikt zu befreien. Wir wollen bewusst nicht auf irgendeiner Seite dieser kämpfenden Parteien stehen, weil wir die Interessen kennen, die sie verteidigen.

Gewaltfreiheit 

Sandra Grisales: Red Juvenil ist eine Organisation von jungen Menschen für junge Menschen. Grundlage unserer Arbeit ist die aktive Gewaltfreiheit. Eine unserer wichtigsten politischen Forderungen ist, dass die Menschenrechte und vor allem die Rechte junger Menschen respektiert und eingehalten werden. Wir beraten Jugendliche, die sich dafür entscheiden, den Kriegsdienst zu verweigern. Im Jahr 2001 machten wir eine Erhebung, wie es um die Rechte der Jugend in Medellín bestellt ist. Sie wurde im Dezember desselben Jahres im Rahmen der Woche der Menschenrechte der Öffentlichkeit vorgestellt. Seitdem wird jährlich eine Bestandsaufnahme gemacht und veröffentlicht.

In unserer Organisation gibt es auch eine Gruppe, die die aktive Gewaltfreiheit einübt. In Rollenspielen sollen Kinder und Jugendliche lernen Konflikte ohne Gewaltanwendung zu lösen.

Außerdem haben wir eine Künstlergruppe, die mit Kunstwerken und auch Puppentheater versucht, für die gewaltfreie Aktionen zu werben und die Aktionen von Red Juvenil unterstützt.

Selbstverwaltung

Paula Galeano: Im vergangenen Jahr begannen wir, im Bereich Selbstverwaltung zu arbeiten. Einerseits wollen wir kleinen Produzenten die Möglichkeit geben ihre selbstproduzierten Waren (Kunsthandwerk, Shampoos, Seifen, ökologische Lebensmittel, ...) zu fairen Preisen zu verkaufen. Andererseits wollen wir eine Art von Konsum fördern, bei dem vor allem auf ökologische Produkte und Produkte lokaler Anbieter zugegriffen wird. Obwohl wir in der Stadt leben, gibt es viele Leute mit kleinen Gärten, in welchen sie Lebensmittel nicht nur für den eigenen Bedarf anbauen, sondern diese auch verkaufen wollen.

Im nächsten Jahr wird es eine Kampagne von Red Juvenil gegen das herrschende Wirtschaftsmodell geben. Dazu bereiten wir jetzt schon einige Aktionen vor. Wir wollen eine Untersuchung über den Einfluss des Wirtschaftsmodells auf die Rechte der Jugend in Medellín veröffentlichen. In einer zweiten Studie wollen wir zeigen, wie man die Steuern, die zum Großteil dazu dienen den Krieg zu finanzieren, umgehen oder dafür sorgen kann, dass sie zur Unterstützung sozialer Projekte genutzt werden.

Antimilitaristische Arbeit

Der Antimilitarismus setzt sich für die Entmilitarisierung der Gesellschaft ein. Wir glauben, dass es sehr wichtig ist, uns der "militärischen Praktiken", an die wir von klein auf gewöhnt sind, Schritt für Schritt zu entledigen. Dies ist sicher ein allmählicher Prozess, der in den Familien und Freundeskreisen anfängt. Hier müssen wir anfangen, bewusst und konsequent gewaltfrei unsere Konflikte auszutragen und unsere Interessen durchzusetzen. Wir sehen den Militarismus nicht nur im Militär und seinen Strukturen. Wir sehen ihn auch in sozialen und wirtschaftlichen Bereichen. Z.B. gibt es internationale Firmen, die den Krieg unterstützen. Als Teil unserer antimilitaristischen Praxis versuchen wir, keine Produkte dieser Firmen zu kaufen und alternative Märkte zu schaffen.

Wir sind in erster Linie Kriegsdienstverweigerer/-verweigerinnen und lehnen Militär und Armeen ab. Aber wir versuchen auch die sozialen und ökonomischen Ursachen der Konflikte zu sehen und mischen uns in diesen Bereichen ein. Wir kämpfen gegen transnationale Konzerne sowie die allgemeine Ungerechtigkeit und Diskriminierung in unserem Land.

In Kolumbien gibt es keine gesetzlich vorgesehene Möglichkeit, den Kriegsdienst zu verweigern. Es gibt lediglich einen Artikel in der Verfassung, der die Freiheit des Gewissens anerkennt. Allerdings wird dies nicht auf die Kriegsdienstverweigerung bezogen, es gibt also kein Recht auf Kriegsdienstverweigerung. Andererseits gibt es Gesetze, die den18 Monate dauernden Militärdienst sowie die Einberufung von jungen Männern regeln. Wer Militärdienst leisten, erhält einen sogenannten "libreta militar" (Militärausweis), in dem die Dienstableistung dokumentiert wird. Mit diesem Ausweis ist es leichter, Arbeit zu finden, man kann einen Universitätsabschluss machen und anderes mehr. Ohne den Ausweis muss man mit Schwierigkeiten rechnen und ist verschiedensten Repressalien ausgesetzt.

Aktionen

Jedes Jahr machen wir drei größere Aktionen. Am 15. Mai führen wir anlässlich des Internationalen Tages der Kriegsdienstverweigerung Aktionen gegen den Krieg in der Öffentlichkeit durch. Außerdem gibt es an diesem Tag ein großes Open-Air-Konzert gegen Militarismus.

Der 20. Juli, der Tag der Unabhängigkeit, wird in Kolumbien u.a. mit großen Militärparaden gefeiert. In Medellín findet dieser Militäraufmarsch in einem großen Park statt. Wir versuchen auf das Gelände zu kommen und den Militäraufmärschen unsere Störungsaktionen entgegenzusetzen. In diesem Jahr sind mehrere von uns in den Park gekommen. Sie sind in einen Brunnen gestiegen, was verboten ist. Eine junge Frau hat dann symbolisch vor den Militärs ein Gewehr zerbrochen.

In der zweiten Dezemberwoche schließlich begehen wir die Woche der Menschenrechte. Zusammen mit vielen anderen Menschenrechtsorganisationen in Medellín führen wir akademische, künstlerische und kulturelle Veranstaltungen durch. In diesem Rahmen wird auch der jährliche Bericht zur Situation der Jugendlichen und der Jugendrechte in Medellín präsentiert.

Dieses Jahr werden wir noch das 15jährige Bestehen von Red Juvenil feiern, unter dem Motto "Auf den Müll mit jeder Form des Militarismus - legal oder illegal!"

Fragen aus dem Publikum

Gibt es Repressionen gegen Eure Bewegung? Was habt Ihr zu befürchten?

Von uns wurde noch niemand getötet. Es gibt allerdings eine subtilere Art der Repression. Manchen wurde in ihrem Stadtteil gesagt, dass sie wohl besser von dort verschwinden sollten. Es ist auch schon vorgekommen, dass im Rahmen von größeren Demonstrationen oder anderen Veranstaltungen junge Leute von Red Juvenil verhaftet oder verfolgt worden sind.

Wie sieht die Situation für Kriegsdienstverweigerer konkret aus?

Die Schulen machen Werbung für den Militärdienst und unterstützen das Militär bei der Erfassung. Nur sehr wenige Schulen verweigern die Zusammenarbeit mit dem Militär.

Junge Männer müssen sich bei Musterungsterminen auf die physische und psychische Gesundheit untersuchen lassen.

Der nächste Schritt ist die Einberufung, bei der in der Regel alle als tauglich Gemusterten einberufen werden. Das läuft folgendermaßen ab. Am Tag der Einberufung gehen die Jugendlichen in ein Stadion. Dort können sie wählen, ob sie zum Heer, zur Luftwaffe, zur Marine oder zur Polizei gehen wollen. Der Andrang ist in der Regel so groß, dass das Militär viele Leute auch wieder nach Hause schickt. Es gibt also einen Überschuss an jungen Männern, die zur Ableistung des Militärdienstes bereit sind.

Wer nicht direkt einberufen wird, soll im nächsten Jahr noch einmal kommen oder kann sich freikaufen und so den ?libreta militar? erhalten. Der Preis dafür ist sehr hoch, so dass Jugendliche aus finanziell schlecht gestellten Familien den Militärdienst ableisten und sich nur die Reicheren freikaufen können. Wenn ein junger Mann ein Kind hat oder der einzige Sohn seiner Familie ist, muss er zwar nicht zum Militär, aber dennoch Geld für den "libreta militar" bezahlen. Selbst untauglich Gemusterte müssen zahlen.

Ich selbst habe nie die Erfassungsbögen ausgefüllt und bin nie zur Musterung gegangen. Ich bin also momentan beim Militär nicht registriert. Wenn sie mich irgendwo aufgreifen und feststellen, dass ich keinen Militärausweis habe, können sie mich mitnehmen, mich mustern und rekrutieren. Das ist allerdings zur Zeit eher unwahrscheinlich, aber denkbar.

Es gibt auch Wehrpflichtige, die sich nach der Musterung der Einberufung entzogen haben. Sie werden gezwungen, für den Militärausweis zu bezahlen.

Zudem gibt es noch Deserteure. Sie sind in einer sehr prekären Situation. Wenn sie gefasst werden, werden sie verurteilt, wandern in den Knast oder werden sogar erschossen. Die zivile Justiz kann darauf keinen Einfluss nehmen.

Auch wenn Frauen nicht wehrpflichtig sind, engagieren sich einige für die Kriegsdienstverweigerung. Frauen sind sowohl direkt als auch indirekt vom Militärdienst betroffen. Einerseits gibt es bewaffnete Gruppen, die sowohl Männer als auch Frauen und Kinder rekrutieren. Andererseits sind viele Frauen als Freundinnen, Frauen und Mütter von Wehrpflichtigen betroffen und setzen sich deshalb für die Kriegsdienstverweigerer ein.

Wie ist die Situation von Homosexuellen im kolumbianischen Militär?

Homosexuelle müssen wie alle anderen zur Armee gehen. Allerdings versucht ein großer Teil von ihnen, dem Dienst durch Freikaufen zu entgehen.

Die militärische Ausbildung ist sehr hart und brutal. Ein schwuler Freund von uns hat seinen Militärdienst abgeleistet, da er sich nicht freikaufen konnte. Er wurde besonders hart rangenommen. Schwule werden vor der Truppe auch beschimpft und niedergemacht.

Die Armee legt Homosexuellen, wie auch psychisch labilen Wehrpflichtigen nahe, sich Freizukaufen. Damit will sie die Disziplin in der Truppe aufrecht erhalten.

Wie viele Aktive gibt es bei Red Juvenil?

Es gibt 20-30 Leute im Red Juvenil, die Projekte organisieren und koordinieren. 80-100 Jugendliche sind aktive Teilnehmer an verschiedenen Gruppen im Red Juvenil. An den Aktionen und Konzerten nehmen bis zu 4.000 Menschen teil.

In den Stadtteilen erhalten wir große Unterstützung durch Sozialarbeiter, verschiedene Organisationen, Freunde und Familien. Die Massenmedien berichten allerdings nicht über unsere Aktivitäten. Doch es gibt kleine alternative Medien, die unsere Arbeit in ihrem Rahmen unterstützen. Mit Basisgruppen der Kirche haben wir hin und wieder zu tun, allerdings nicht mit der sehr konservativen Amtskirche.

Wie können wir Euch von Deutschland aus unterstützen?

Einerseits wünschen wir uns, dass Ihr uns und unsere politischen Forderungen kennt und unterstützt. Andererseits wünschen wir uns einen gegenseitigen Kontakt, damit man weiß, woran die anderen aktuell arbeiten.

Zudem wollen wir versuchen, in den fairen Handel in Deutschland einzusteigen, um etwas unabhängiger zu werden, z.B. von Hilfswerken wie Terre des Hommes, Brot für die Welt oder Misereor.

 

Fußnoten

1 Unter anderen die Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia del Pueblo (FARC) - Revolutionäre Streitkräfte des kolumbianischen Volkes; Ejercito de Liberacion Nacional (ELN) - Nationales Befreiungsheer)


Veranstaltung mit Red Juvenil am 14. September 2005. Übersetzung: Kerstin Böffgen, Jochen Schüller und Peter Gramlich. Abschrift: Peter Gramlich. Bearbeitung: Rudi Friedrich. Aus: Connection e.V. und AG "KDV im Krieg" (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, November 2005



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