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Eritrea: „Manche sind sogar ohne alles zum Minen entschärfen geschickt worden“
Connection e.V.
Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure

Zum Weiterlesen

(01.05.2005) 
Eritreische Antimilitaristische Initiative (EAI)
(19.05.2004) 
Senai Mehari: Eritrea: »Ich war 6 Jahre beim Militär«

Eritrea: „Manche sind sogar ohne alles zum Minen entschärfen geschickt worden“

von Senai Mehari

Ich wurde am 1. Januar 1976 in Mendefara geboren. Zunächst lebte ich bei meiner Familie, später kam ich für die Ausbildung nach Asmara. Dort ging ich auf eine Schule, um Mechaniker zu werden. Ich lebte zusammen mit meiner Schwester in einer Wohnung in Asmara, die der Stadt gehörte. Meine Schwester verließ Eritrea nach der Ableistung des Nationaldienstes.

In der 3. Runde der Einberufungen zum Nationaldienst wurde ich zum Militär gezogen und kam zur Grundausbildung nach Sawa. Zu der Zeit war das Haus leer. Etwa drei Monate vor dem Ende des Nationaldienstes erhielt ich einen Brief von der Stadtverwaltung. Darin schrieb sie mir, dass diese Wohnung nur von Personen bewohnt werden dürfe, die in der staatlichen Verwaltung arbeiten. Ich hätte daher die Wohnung zu räumen. Ich durfte also nicht mehr in der Wohnung wohnen, obwohl ich dem Land gedient hatte. Seitdem gefiel mir die Regierung nicht mehr.

Ich ging zur Verwaltung in Asmara, um ein Gespräch darüber zu führen. Ich versuchte verständlich zu machen, dass ich meinen Nationaldienst schließlich im Auftrag der Regierung ableiste. Ich fragte, warum ich die Wohnung verlassen solle, wo ich doch dazu gehören würde. Das wurde aber nicht akzeptiert, da die Wohnung eine staatliche Wohnung sei. Ich solle zurück zu meinen Eltern gehen.

Ich ging zurück nach Sawa, um den restlichen Nationaldienst abzuleisten. Als ich den Dienst beendet hatte, musste ich mir eine kleine Wohnung mieten. So konnte ich nicht mehr in die Schule gehen, weil ich Geld verdienen musste, um leben zu können. Nach einigen Monaten änderte sich die Situation aber schon wieder, da mich das Militär 1998 für einen Arbeitsdienst verpflichtete und zur Erntehilfe in Begu einteilte. Im Anschluss konnte ich nicht nach Hause zurückkehren, da ich zum Krieg nach Tsebab in der Nähe von Keren eingezogen wurde. Im Kriegsgebiet war ich als Funker tätig.

Als der angebliche Grenzkrieg anfing, wurden wir drei Monate in Adi-Keyh eingesetzt. Von dort kam ich für 6 Monate zu Militärübungen nach Segeneti. Im Anschluss wurden wir in die Gegend von Tsorono zum Kriegseinsatz geschickt.

Die Vorgesetzten behandelten die Soldaten brutal, nicht wie Menschen, sondern wie Schafe, ganz nach ihrem Gutdünken. Wir hatten kaum Waffen, sondern nur die Hacken, die wir vom Ernteeinsatz mitgenommen hatten. Unsere Vorgesetzten sagten: „Waffen bekommt ihr dort.“ Aber als wir ankamen, hatte die Invasion schon begonnen. Die länger dienenden Soldaten hatten wohl schon Waffen, aber ein Drittel eben nur Hacken. Und wenn du den Befehl bekommst: „Marschiert!“, dann marschierst du, um keine Schwierigkeiten zu bekommen. Sie sagten uns auch: „Die anderen sind schwach, wir werden gewinnen. Du kannst vom Feind Waffen holen.“ Manche sind sogar ohne alles zum Minen entschärfen geschickt worden. Wenn die Menschen explodieren, dann war die Straße frei. Dadurch haben wir bis Ende 1998 viele Jugendliche im Kampf verloren. Wir haben auch nicht nachgefragt, weil wir dann Schwierigkeiten zu erwarten hatten. Wen will man auch fragen? Wir waren ja schon so eingeschüchtert.

Zu der Zeit wurde das erste Mal zugesagt, einen Sold von 150 Nakba pro Monat auszuzahlen. Aber als wir das erste Mal Geld bekommen sollten, sagten sie, es solle ein Geschäft damit gegründet werden. Der Sold wurde einfach einbehalten. Sie trafen Vereinbarungen mit Geschäftsleuten aus Asmara und erklärten uns: „Ihr habt noch 26.000 Nakba Schulden zu bezahlen.“

Dabei war in der Grundausbildung gesagt worden: „Ein Militär darf kein Geschäft betreiben, sonst macht er es nur im eigenen Interesse.“ So fragte ich mal nach, zumal ich als Funker in der Nähe der Bataillonsführung tätig war: „Warum lehrt ihr das und macht doch ein Geschäft auf.“ Ich erhielt keine Antwort und wurde stattdessen als Strafe an die Front versetzt. Ein Freund von mir verschwand, nachdem er Kritik geäußert hatte. Es hieß nur, er sei versetzt worden.

1999 wurden wir in das Gebiet Tsorono versetzt, nach Igriemechel. Dort war drei Tage und drei Nächte ununterbrochen Krieg. Im März mussten wir nach Badima marschieren. Uns wurde gesagt, Badima sei in der Hand der Eritreer, obwohl es bereits von den Äthiopiern besetzt worden war, wie auch andere Gebiete wie Girme und Binbino. Bis dorthin war die äthiopische Invasion schon vorgerückt.

Wir kamen um fünf Uhr nachmittags mit etwa 600 Soldaten dort an, mussten unsere Radios abschalten, um nichts mitzubekommen. Nach ein paar Stunden wurden wir aus dem Gebiet, aus dem wir gerade gekommen waren, beschossen. Auf einmal kamen die Schüsse von vorn und von hinten. Manche sind einfach umgefallen, andere abgehauen. Einige wurden gefangen genommen, so auch der Brigadeführer. Von den 600 trafen sich später nur noch 400.

Ich bin mit zwei Jungs und einem Mädchen nach hinten abgehauen und bis Tocombia marschiert. Dort trafen wir andere, konnten Funkverbindung aufnehmen und gingen noch am gleichen Tag direkt an die Front nach Baronto. Wir sollten die Invasion bei Binbinoy Girme zurückschlagen. Ich wurde dann am Berg Kashelayo verletzt und kam ins Lazarett nach Baronto.

Nachdem aus unserer Einheit acht Leute von den Äthiopiern gefangen genommen worden waren, meldete das äthiopische Radio: „Unser eigenes Kommando kehrte gesund zurück.“ Ich war verblüfft. Das hieß doch, dass sie mit Äthiopien kooperiert hatten. Es hieß auch, dass der Brigadeführer Geld von ihnen erhalten habe. Ich weiß nicht, ob es stimmt. Ich kann mich aber erinnern, dass die äthiopische Armee erstaunlich gut Bescheid wusste. Der Brigadeführer war auch jahrelang Kämpfer gewesen und kannte die Gegend. Wir waren aber einfach umzingelt worden.

Ich hatte nach meiner Verletzung darum gebeten, entlassen zu werden. Der Doktor aber sagte: „Wir brauchen Soldaten. Derjenige, der zwei Augen hat, die hat er zum Angeben. Wer ein Auge hat, der ist zum Schießen da. Du bleibst hier.“ Er war ein Mensch, der kein Herz hat.

Nach drei Monaten Lazarett besorgte ich mir von einem Freund, der Polizist war, illegal eine Genehmigung, entfernte mich von der Truppe und ging nach Asmara. Dort habe ich mich 2 Monate aufgehalten. Dann wurde ich festgenommen, blieb zwei Wochen im Arrest und wurde schließlich zu meiner Einheit gebracht, um eine Strafe zu erhalten.

Ich wurde als Strafe direkt an der Front eingesetzt. Meine Kameraden waren solidarisch mit mir, weil sie selbst auch gern abgehauen wären. Aber die Einheitsführer machen, was sie wollen. Sie können mit Stöcken schlagen. Es gab auch Soldaten, die zum Tode verurteilt wurden. So erinnere ich mich an einen Einheitsführer, der drei Kinder hatte und verheiratet war - ich will seinen Namen nicht nennen. Er war früher Kämpfer der ELF, die von der EPLF geschlagen wurden. Weil er sich für nur zwei Tage von der Einheit entfernt hatte und zu seiner Familie ging, wurde er verhaftet und es wurde gesagt: „Der Mann hat Fehler gemacht, ihn kann man nicht brauchen, da er bei der ELF gewesen war.“ Dann wurde er exekutiert. Insbesondere wenn die politisch orientierten, alten Kämpfer oder ELF-Angehörigen festgenommen wurden, wurden sie exekutiert, weil sie politische Hintergründe hatten.

Zur Zeit der 3. Invasion, als ich in Teseney war, musste ich als einfacher Soldat, wie andere auch, unterschreiben, dass wir exekutiert würden, wenn wir unerlaubterweise die Einheit verlassen.

Bei der 3. Invasion, der größten, sind die äthiopischen Soldaten bis nach Teseney gekommen. Wir versuchten sie zurückzudrängen. Aber die äthiopischen Soldaten kamen auch über den Sudan. Wir mussten fliehen, einige nach Teseney, die Hälfte von uns in den Sudan. Weil es schon die dritte Invasion war, hatten wir keine Kraft mehr. Ich bin nach Teseney abgehauen. Schließlich wurde die 3. Invasion beendet, die äthiopischen Soldaten zogen sich von sich aus zurück.

Im März 2001 wurden wir nach Tochombiyo verlegt. Vertreter der Regierung kamen in zivil und hielten mehrmals Versammlungen mit den Soldaten ab, um das gestörte Vertrauen zwischen Soldaten und Vorgesetzten wiederherzustellen. Die Soldaten sollten wieder zur Ruhe gebracht werden. In den Versammlungen stellten wir Fragen. Uns wurde aber gesagt, dass wir den Führern gehorchen, die Befehle befolgen sollten. Wir fragten: „Wie können wir ihnen vertrauen? Es sind doch diejenigen, die uns ans Messer liefern.“ Wir äußerten mehrmals Kritik, wurden aber nicht auf den Versammlungen festgenommen. Die Festnahmen erfolgten erst, als die Regierungsvertreter wieder gegangen waren. Sechs von uns - auch ich - wurden von unseren Vorgesetzten gerufen. Wir wurden zu zweit in das Gefängnis nach Baronto gebracht. Von den anderen habe ich nichts mehr gehört.

In Baronto wurden wir bis Ende April festgehalten. Zu dieser Zeit mussten Dienstleistende wie Inhaftierte für Vorgesetzte arbeiten, ihnen ein Haus oder eine Villa bauen. Und deswegen kam ich raus, ich arbeitete für den Bataillonsführer.

Mit zwei anderen bin ich von dort nach Haicota abgehauen, wo ich leichter eine Transportmöglichkeit finden konnte. Wir sahen keine Chance mehr, aus dem Militär entlassen zu werden. Afewerki, der Führer Eritreas, hatte selbst gesagt, wer entlassen werden möchte, sei ein Weichei. Damit nahm er uns alle Hoffnungen auf eine Entlassung. Die zwei anderen gingen nach Asmara, ich in den Sudan.

Ich hatte meinen Nationaldienst abgeleistet, weil ich dachte: „Für meine Nation muss ich einen Dienst leisten.“ Später erfuhr ich von den Gräueltaten. Deshalb bin ich abgehauen.

Ich blieb einen Monat im Sudan und kam im Anschluss nach Deutschland. Im August 2002 stellte ich meinen Asylantrag, der nach eineinhalb Jahren abgelehnt wurde. Bei der Anhörung konnte ich nur das beantworten, was ich gefragt wurde. Es war auch das erste Mal, dass ich meine Erlebnisse vortragen sollte. Mir war es nicht möglich gewesen, sie so ausführlich zu schildern wie heute.

In Deutschland gibt es so viele politische Organisationen, dass ich zunächst nicht wusste, wo ich mich anschließen sollte. Mir geht es darum, dass Eritrea ein demokratisches Land wird. Ich musste mich erst umsehen, um nicht bei einer Organisation zu landen, die wieder zu einer ungleichen Situation in Eritrea beiträgt. Jetzt bin ich bei der EDP, der Eritreischen Demokratischen Partei, die von einem der G15 angeführt wird. Ich beteilige mich an den Versammlungen und nehme an allem teil.


Interview mit Senai Mehari vom 19.05.2004. Übersetzung Yonas Bahta. Abschrift: Rudi Friedrich. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und Eritreische Antimilitaristische Initiative in Zusammenarbeit mit der Flüchtlingsseelsorge der EKHN (Hrsg.): Broschüre »Eritrea: Kriegsdienstverweigerung und Desertion«, Offenbach/M., November 2004. Wir danken für die finanzielle Förderung durch: Dekadefonds zur Überwindung der Gewalt der EKHN, Förderverein Pro Asyl und Evangelischer Entwicklungsdienst (EED).



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