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Kolumbien: "Ich setze mich für das Leben ein"
Connection e.V.
Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure

Zum Weiterlesen

(15.05.2007) 
Connection e.V., terre des hommes und Zentralstelle KDV: Für Gewissensfreiheit und Frieden - Kriegsdienstverweigerung kann den Kreislauf der Gewalt durchbrechen

Kolumbien: "Ich setze mich für das Leben ein"

von Eduardo Castrillon, Red de Juvenil Medellín

Zum Internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerung organisierten terre des hommes, Connection e.V. und die Zentralstelle KDV eine Pressekonferenz in Berlin, die am 14. Mai 2007 stattfand. Eduardo Castrillón vom Jugendnetzwerk aus Medellín (Red de Juvenil), der für ein Jahr nach Deutschland gekommen ist, berichtete dort über seine Motivation zur Kriegsdienstverweigerung und die Situation in Kolumbien. (d. Red.)

Ich bin aus verschiedenen Gründen Kriegsdienstverweigerer geworden. Zunächst mal ist es der Tod von zwei Brüdern von mir. Einer hat seinen Militärdienst abgeleistet und kam während des Dienstes unter merkwürdigen Umständen um. Der andere ist wegen der allgemeinen Kriminalität in Medellín gestorben. Hinzu kommt, dass ich auch andere Jugendliche kannte, die ermordet wurden. Das hat mich schließlich dazu gebracht, dass es für mich wichtig ist, mich für die Verteidigung der Menschen einzusetzen. Das hat mich dazu geführt, mich mit Leuten zu organisieren, die sich in den Wohnvierteln in Medellín für das Leben einsetzen. Das hat mich dazu gebracht, den Kriegsdienst zu verweigern, das heißt: jeden bewaffneten Kampf zu verweigern.

In Kolumbien besteht die Wehrpflicht. Deshalb gibt es nur zwei Möglichkeiten für die Wehrpflichtigen: Entweder leisten sie Militärdienst ab oder sie kaufen einen Militärausweis, in dem steht, dass der Dienst bereits abgeleistet worden sei. Auch wer bezahlt, gilt als Reservist und kann bis zum 50. Lebensjahr einberufen werden. Da man in beiden Fällen an die Armee gebunden ist, weigere ich mich auch, einen Militärausweis zu akzeptieren.

Ich will kurz über den Kontext in Kolumbien berichten. Es gibt schon lange bewaffnete Kämpfe zwischen der Regierungs- und der Guerillaarmee. 1985 kam ein dritter bewaffneter Akteur hinzu: die Drogenhändler. Sie haben seitdem ihren Einfluss in den Guerrillagruppen und auch bei den staatlichen Akteuren ausgebaut. Das führte dazu, dass verschiedene bewaffnete Gruppen in Kolumbien gegeneinander kämpfen, die alle die gleichen Finanzquellen haben: den Drogenhandel.

Innerhalb Kolumbiens gibt es verschiedene Guerrillagruppen. Die Nationale Befreiungsorganisation ELN (Ejército de Liberación Nacional) wurde nie vom Drogenhandel finanziert, aber die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia). Die FARC existiert in verschiedenen Teilen Kolumbiens.

Die Bevölkerung Kolumbiens ist relativ jung. Nur 16% der Kolumbianer sind über 50 Jahre alt. Kolumbien ist auch ein sehr reiches Land. Insbesondere im Grenzgebiet zu Venezuela gibt es Erdölvorkommen.

Der Reichtum ist allerdings sehr ungerecht verteilt. Ein großer Teil der Bevölkerung ist sehr arm. Nach einer Untersuchung der kolumbianischen Universität aus dem Jahre 1988 waren damals 0,5% der Bevölkerung im Besitz von 38% des kultivierbaren Landes. Elf Jahre später besaßen die gleichen 0,5% inzwischen 70% des bearbeitbaren Landes. 4 Millionen Kinder sind so stark ausgehungert, dass sie jederzeit vor Hunger sterben können. Zu diesen sozialen Probleme kommt hinzu, dass ein großer Teil der Jugendlichen in den Städten lebt. Das macht es den legalen und illegalen bewaffneten Gruppen leicht, dort zu rekrutieren.

Die Rekrutierung findet in verschiedenen Formen statt. Allen bewaffneten Gruppen, einschließlich der offiziellen Streitkräfte, ist gemeinsam, dass sie gewaltsam rekrutieren.

Aufgrund der sozialen Situation und den fehlenden sozialen Sicherungen des Staates wird der Dienst in den bewaffneten Gruppen als eine Möglichkeit angesehen, Geld zu verdienen.

Zudem bestehen Drohungen gegenüber den Jugendlichen, wenn sie der Wehrpflicht nicht nachkommen. Sie haben dann keine zivilen Rechte, keine Möglichkeit zu studieren oder einen Arbeitsplatz zu finden.

1987 unterzeichnete die kolumbianische Regierung den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte. Darin ist auch die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung als ein Recht beschrieben, das aus moralischen, ethischen oder religiösen Gründen in Anspruch genommen werden darf. In der 1991 verabschiedeten Verfassung wird jedoch festgelegt, dass der Kriegsdienst nur aus religiösen Gründen verweigert werden darf. Damit wurde die Kriegsdienstverweigerung aus ethischen und moralischen Gründen ausgeschlossen, was dem Pakt widerspricht.

Fragen und Antworten

Ab welchem Alter muss der Militärdienst abgeleistet werden?

Der reguläre Militärdienst soll laut Verfassung mit 18 Jahren angetreten werden. Er dauert ein Jahr. Wenn die Eltern damit einverstanden sind, kann das Militär Jugendliche schon früher einberufen.

Einige bewaffnete Gruppen, vor allem die Guerrilla und Paramilitärs, rekrutieren auch Kinder im Alter zwischen 8 und 16 Jahren. Derzeit wird davon ausgegangen, dass etwa 11.000 Kinder in den bewaffneten Gruppen sind.

Die Paramilitärs sind häufig durch die Armee ausgebildet worden. Sie werden praktisch benutzt, um die Aufgaben des Militärs zu machen. Im Jahre 2002 verpflichteten sie sich dazu, die bei ihnen aktiven rekrutierten Kindersoldaten dem kolumbianischen Familieninstitut zu übergeben und keine weiteren Kinder zu rekrutieren. Es gibt für uns keine Möglichkeit zu prüfen, ob sie diesen Verpflichtungen nachkommen.

Gibt es so etwas wie einen Zivildienst?

Nein. Ich sehe zwar meine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in den Armenvierteln als Dienst für das Vaterland an. Aber der Staat erkennt das nicht an.

Wie viele Kriegsdienstverweigerungsorganisationen gibt es in Kolumbien?

Bei einem Treffen im Jahre 1996 wurde eine Plattform gegründet, die von terre des hommes unterstützt wird. Wir haben zwei Kampagnen durchgeführt, um Widerstand gegen den Krieg zu leisten und uns für die Kriegsdienstverweigerung einzusetzen. Heute gibt es die Nationale Vereinigung von KriegsdienstverweigerInnen (Asamblea Nacional de Objetores y Objetoras de Conciencia) an der sich etwa 15 Organisationen beteiligen. Wir machen Öffentlichkeitsarbeit für einen würdigen Staat und die Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung.

Darüber hinaus gibt es noch sehr viele Jugendliche, die sich dem Militärdienst entziehen, aber nicht organisiert sind.

Werden Eure Organisationen verfolgt?

Ja. Ich will zwei Beispiele dafür nennen. Eine unserer AnwältInnen, Claudia Montoria, wurde grundlos wegen Subversion angeklagt und war darauf hin vier Monate im Gefängnis. Für die Anklagepunkte lagen keinerlei Beweise vor. So wurde sie schließlich wieder freigelassen. Aber sie hätte zu acht Jahren Haft verurteilt werden können.

Ein anderer Fall ist der von Luis Gabriel Caldas Leon. Er hatte 1994 den Kriegsdienst verweigert und wurde wegen Desertion zu sieben Monaten Haft verurteilt, obwohl er noch gar nicht beim Militär war. Danach musste er immer wieder untertauchen und lebte in verschiedenen Städten in Kolumbien.

Mit welchen Konsequenzen müssen Kriegsdienstverweigerer rechnen?

Es gibt verschiedene Konsequenzen. Ich hatte schon erwähnt, dass die zivilen Rechte beschnitten werden. Ich will auch hier einen Fall schildern. Dem Kriegsdienstverweigerer Martin Rodriguez wurde das Studium verweigert, weil er keinen Militärausweis hat. Er klagte deshalb gegen den kolumbianischen Staat. Erst vom Verfassungsgericht wurde entschieden, dass er zum Studium zuzulassen ist. So konnte er sich Anfang diesen Jahres immatrikulieren.

Besonders schwierig stellt sich die Kriegsdienstverweigerung gegenüber den illegalen Gruppen dar, insbesondere dort, wo diese Gruppen besonders aktiv sind.

Wie war es für Dich als Kriegsdienstverweigerer möglich, aus Kolumbien auszureisen?

Ich habe einen Reisepass, der mir nicht legal entzogen werden kann. Die Grenzbehörden können bei der Ausreise höchstens verlangen, dass ich meinen Militärausweis und ein Führungszeugnis vorweise. Aber das geschieht nur selten. Von daher war es für mich kein Problem.

Grund dafür ist wohl, dass die Behörden wissen, dass viele LateinamerikanerInnen aus dem Ausland Geld nach Hause schicken. Davon lebt Lateinamerika. Deshalb ist es nicht so schwierig, auszureisen.

Wie schätzt du die Friedensgemeinden in Kolumbien ein?

Die Friedensgemeinden sagen ganz klar, dass sie zivil bleiben wollen und sich im Widerstand zu allem Militärischen befinden. Erst einmal war dies für die Gemeinden eine Strategie, um zu Überleben und nicht Teil des bewaffneten Konfliktes zu werden. Das interessante ist: In dem Maße, wie sie sich an verschiedenen Orten organisiert haben, ist es ihnen nicht nur gelungen, bekannter zu werden; sie wurden auch zu einem Modell für das ganze Land. Sie geben Hoffnung für einen anderen Weg. Auf lange Sicht sehe ich darin eine Möglichkeit, dass Kolumbien einen zivilen und friedlichen Weg aus dem Konflikt findet - trotz der überall vorhandenen Angst.

Wie wichtig ist die internationale Unterstützung?

Uns gibt es Hoffnung, wenn Gruppen überall auf der Welt aufstehen und ihre Regierungen dazu bringen, nicht mit kriminellen Akteuren zu kooperieren. Die Arbeit von terre des hommes, amnesty international oder Human Rights Watch ist auch wichtig dafür, Öffentlichkeit herzustellen.

Was macht Red Juvenil im Bereich der Kriegsdienstverweigerung?

Wir führen große Veranstaltungen durch, zum Beispiel zu den Rekrutierungsterminen am Ende des Jahres. Es gibt direkte Aktionen, um den Jugendlichen zu zeigen, dass es auch noch andere Möglichkeiten gibt, als zum Militär zu gehen.

Jeweils zum 15. Mai organisieren wir ein großes antimilitaristisches Konzert. Das fand dieses Jahr gestern, am 13. Mai, statt. Da kommen dann sieben- bis achttausend Leute zusammen. Auf dem Konzert machen auch neue KriegsdienstverweigerInnen ihre Verweigerung öffentlich. Es gibt zwar keine Wehrpflicht für Frauen. Dennoch sind sie vom bewaffneten Dienst betroffen. Sie sehen es als eine Form der Solidarität an, sich zur Kriegsdienstverweigerung zu bekennen.

Wir betreuen die Kriegsdienstverweigerer dabei, ihre Verweigerung gegenüber dem Militär zu erklären. Zudem unterstützen wir sie auch auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet. Wir sorgen z.B. dafür, dass sie studieren können. Oder wir regen Projekte an, über die sich Kriegsdienstverweigerer möglichst selbst finanzieren können.


Eduardo Castrillón: Beitrag auf einer Pressekonferenz von terre des hommes, Connection e.V. und Zentralstelle KDV am 14. Mai 2007. Übersetzung: Heike Kammer, Abschrift und Bearbeitung: Rudi Friedrich. Mit Dank für die Aufzeichnung an die DFG-VK Berlin-Brandenburg. Der Beitrag erschien in: Connection e.V. und AG "KDV im Krieg" (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Juli 2007.



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