Krieg im äthiopischen Bundesstaat Somali und in Somalia

Men­schen­rechte und humanitäre Situation

von Human Rights Watch

Eingabe an den Auswärtigen Ausschuss in den USA

Herr Vorsitzender, Mitglieder des Ausschusses, herzlichen Dank, dass Human Rights Watch hiermit die Gelegenheit erhält, unsere Bedenken zur schrecklichen und sich verschlimmernden Men­schen­rechts- und humanitären Situation am Horn von Afrika vorzubringen, insbesondere in Bezug auf Somalia und die Region Somali in Äthiopien.

Wir befinden uns an einem kritischen Moment für das Horn von Afrika und seine Bevölkerung. Im vergangenen Jahr konnten wir beobachten, wie eine bereits unbeständige Region noch unsicherer wurde und die Gewalt zunahm. Hunderttausende von Zivil­personen waren Opfer massiver Verbrechen. Es gibt eine nur geringe oder sogar gar keine Beachtung dieser Situation durch wichtige Stimmen der in­ter­na­ti­onalen Gemeinschaft, auch nicht durch die USA.

Diese Verbrechen sind nicht nur ein wichtiges Thema aus Sicht der Men­schen­rechte, sie müssen auch als Teil einer schweren Krise der Sicherheit und Politik am Horn von Afrika verstanden werden. Die Situation dort ist heutzutage komplex, aber eines ist klar: Wenn wir eine schwerwiegende regionale Krise abwehren wollen, brauchen wir dringend einen radikalen Wandel in der Politik einiger Hauptakteure - und ihrer in­ter­na­ti­onalen Unterstützer, um gegen die gegenwärtige Dynamik von zunehmender Gewalt, Unsicherheit und des menschlichen Leids anzugehen.

Human Rights Watch hat kürzlich detailliert über die Ereignisse in Somalia und Äthiopien berichtet, wie auch über Verbrechen, die in Mogadischu verübt wurden, einer Stadt, wo Hunderte starben und über 400.000 Menschen durch die ausufernde Gewalt der letzten sechs Monate vertrieben wurden. Unsere Untersuchungen in der somalischen Region Ogaden - einige davon fanden erst diese Woche statt - haben öffentlich gemacht, dass die Zivilbevölkerung unter einem Belagerungszustand der verschiedenen Parteien des Konfliktes steht und dem Hungertode nahe ist.

Herr Vorsitzender, in diesen beiden Konflikten hat keine der sich feindlich gegenüberstehenden Parteien eine saubere Weste. Human Rights Watch hat schwere Misshandlungen von Zivilisten im Ogaden dokumentiert, darunter standrechtliche Hinrichtungen durch die Rebellengruppe Ogaden National Liberation Front (Nationale Befreiungsfront für den Ogaden - ONLF). Wir haben eine detaillierte Untersuchung veröffentlicht, die die verschiedenen Verbrechen der aufständischen Gruppen beschreiben, darunter wahllose Angriffe und Ermordungen von Zivilisten. Wir haben auch unsere Besorgnis über die Misshandlungen durch die Streitkräfte der somalischen Übergangsregierung ausgedrückt, einschließlich wiederholter Plünderungen und Behinderungen humanitärer Hilfsleistungen. Wir sind bestürzt über die extreme und systematische Unterdrückung der Bevölkerung in Eritrea durch deren Regierung.

Heute möchte Human Rights Watch aber den Schwerpunkt auf das Verhalten des äthiopischen Militär legen, nicht nur, weil es systematisch Gräueltaten verübt und grundlegendes Kriegsrecht verletzt hat, sondern auch, weil Äthiopien ein wichtiger Partner der USA am Horn von Afrika ist.

Die Verbrechen, die durch die äthiopische Armee im Ogaden und in Somalia verübt wurden, sind nicht einzigartig, ganz im Gegenteil, sie kommen zu all den Misshandlungen hinzu, die die äthiopischen Sicherheitskräfte zur schlimmsten Armee des Missbrauchs auf dem ganzen Kontinents machen. Human Rights Watch hat kürzlich die Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch die äthiopische Armee in Gambella dokumentiert, wie auch schwere Men­schen­rechtsverletzungen in Oromia, Addis Abeba und anderen Teilen Äthiopiens.

Wir erkennen an, das Äthiopien berechtigte und ernsthafte nationale und regionale Sicherheitsbedenken hat und dass alle kriegführenden Parteien Verantwortung für die Verbrechen gegenüber Zivilisten tragen. Nichtsdestoweniger rechtfertigt dies nicht die schweren Übergriffe, von denen wir heute Zeuge im Ogaden werden oder die Kriegführung der äthiopischen Armee und ihrer Alliierten in Mogadischu.

Im Ogaden haben wir massive Verbrechen der äthiopischen Armee dokumentiert, einschließlich dessen, dass Zivil­personen mit Absicht Ziel von Aktionen wurden; wir berichteten von Dörfern, die - als Teil einer kollektiven Bestrafung - bis auf die Grundmauern verbrannt wurden; von öffentlichen Exekutionen, um zuschauende Dorfbewohner abzuschrecken; von zügelloser sexueller Gewalt als Mittel der Kriegführung; von Tausenden von willkürlichen Verhaftungen und weitverbreiteter und manchmal tödlicher Folter und Schlägen im Militärgewahrsam; von einer Blockade des Handels und der humanitären Lieferungen in das Konfliktgebiet; von Hunderttausenden von Menschen, die dazu gezwungen wurden, ihre Häuser zu verlassen und die unter Hunger und Unterernährung leiden.

Der Ogaden ist nicht Darfur. Aber die Situation im Ogaden folgt einem erschreckend ähnlichem Muster: eine brutale Aufstandbekämpfung mit ethnischen Untertönen, mit der die Regierungsstreitkräfte absichtlich Zivilisten treffen und große Teile der Bevölkerung vertreiben in Verbindung mit schweren Einschränkungen für die humanitäre Hilfe.

Im Unterschied zu Darfur ist der Staat, der die Misshandlungen der Bevölkerung im Ogaden begeht, ein wichtiger Alliierter der USA. Er erhält scheinbar bedingungslos militärische, politische und finanzielle Unterstützung durch die USA. Zudem ist die Krise im Ogaden verbunden mit einem von den USA unterstützten Militäreinsatz Äthiopiens in Somalia, der mit der Bekämpfung des Terrorismus gerechtfertigt wurde. Weil die USA bis jetzt Äthiopien so stark unterstützt hat, gibt es weitverbreitete und wachsende Vorbehalte in der Region, so dass den USA auch für Misshandlungen, die dem äthiopischen Militär vorgeworfen werden, eine große Mitschuld gegeben wird. Die wachsende Verstimmung, hervorgerufen durch das Schweigen zu diesen Verbrechen, birgt das Risiko, dass sich Teile der großen muslimischen Bevölkerung in der Region radikalisieren und das erklärte Ziel der USA untergraben, die bewaffneten militanten islamistischen Gruppen in der Region zu bekämpfen. Für die USA ist es unumgänglich, ihren Einfluss in der Region zu nutzen, um diese Misshandlungen zu beenden und das Wohlergehen der Zivilisten in diesen Konflikten sicherzustellen.

Ein entscheidender erster Schritt wäre für die US-Regierung, öffentlich die Schwere des Leidens anzuerkennen, insbesondere in der Region Somali in Äthiopien - und dann unverzüglich konkrete Schritte einzuleiten, um die Not zu lindern. Das würde den Verpflichtungen der USA nach in­ter­na­ti­onalem Recht entsprechen. Es wäre auch die richtige Maßnahme und es würde den nationalen Interessen der USA viel besser nützen, als die gegenwärtige Politik der Regierung. Wir hoffen, dies Hearing wird dazu beitragen, solche Ergebnisse hervorzubringen.

Der Konflikt in der Region Somali in Äthiopien

Im Juni führte die äthiopische Regierung (Nationale Verteidigungsstreitkräfte Äthiopiens - ENDF) eine größere Militäraktion im Ogaden, Teil der Region Somali, in Äthiopien durch. Es ist eine spärlich besiedelte und abgelegene Region an der Grenze zu Somalia. In Somali, einem der ärmsten Bundesländer Äthiopiens, leben 4 Millionen Menschen somalischer Herkunft. Der Ogaden, in dem ein Großteil der ogadischen Stämme siedeln, liegt im Herzen dieses Gebietes. Etwa 1,8 Millionen Menschen leben in den fünf Zonen, in denen die Militäreinsätze stattfinden.

Die Aufstandsbekämpfung hatte das Ziel, die ONLF auszulöschen, eine Rebellengruppe, die seit Jahren für die Selbstbestimmung kämpft. Die immer noch stattfindenden Militäraktionen wurden wahrscheinlich ausgelöst durch einige kürzlich durchgeführte und stark beachtete Angriffe der ONLF. Darunter war ein Angriff im April 2007 auf eine chinesische Ölförderanlage in der Nähe von Obole und einer vom Mai 2007 auf Dhagahbur und Jigjiga, Hauptstadt des Bundeslandes, bei der fast der Präsident des Bundeslandes, Abdullahi Hassan, getötet wurde. Obwohl die äthiopische Regierung häufig darum gebeten hat, die ONLF auf die Liste der Terrorgruppen zu setzen, wird sie weiterhin als säkulare nationalistische Gruppe angesehen. Bevor Äthiopien den Rückzug von US-Militär aus dem Ogaden gefordert hatte, arbeitete dieses offensichtlich mit der ONLF zusammen, um verdächtige Terroraktionen in der Region auszukundschaften.

Der Einsatz in der Region Somali steht auch im Zusammenhang mit dem äthiopischen Einsatz in Somalia. Äthiopien hat den Militäreinsatz in Somalia damit gerechtfertigt, dass es um die Beseitigung einer "terroristischen Bedrohung" gehe und dass militante Gruppen in Somalia mit den Rebellen im Ogaden in Kontakt stehen. Ein Motiv für die Vertreibung der Union Islamischer Gerichte im Dezember 2006 mag für Äthiopien gewesen sein, die Verbindungen zwischen der ONLF, der regierenden Union Islamischer Gerichte und Eritrea zu kappen, und damit auch die Unterstützung mit Waffen und Logistik durch Eritrea und Somalia für die ONLF. Während Äthiopien Sicherheitsbedenken bezüglich der Unterstützung der äthiopischen aufständischen Gruppen durch Eritrea anführte, wird die Rhetorik der Aufstandsbekämpfung zunehmend dafür genutzt, über die innerstaatlichen und regionalen politischen und militärischen Ziele hinwegzutäuschen.

Übergriffe von äthiopischen Truppen in der Region Somali

Im Juli warnte Human Rights Watch vor ernsthaften Verstößen in der Region Somali in Äthiopien. Wie vorherzusehen war, leugnete Äthiopien unsere Ergebnisse. Am 7. September lehnte der stellvertretende Außenminister der USA, Jendayi Fraze, der für Afrika zuständig ist, ebenfalls unsere Berichte über Übergriffe durch die ENDF als "unbegründet" ab.

Herr Vorsitzender, trotz dieser Stellungnahmen haben uns unsere weiter durchgeführten Untersuchungen in unseren Bedenken bestärkt. Unseren Ermittlern vor Ort war es möglich viele Ermordungen durch äthiopische Truppen zu belegen, wie auch das Niederbrennen von Dörfern, weitverbreitete sexuelle Gewalt, willkürliche Festnahmen und Folter von Tausenden, Verweigerung des Zugangs zu Hilfsangeboten, Konfiszierung von Vieh und Geiselnahmen von Familien, um diese dazu zu bringen, der Zusammenarbeit mit der ONLF verdächtige Familienangehörige auszuliefern. Hier eine Situationsbeschreibung:

In weniger als drei Monaten hat der Militäreinsatz Äthiopiens eine humanitäre Krise heraufbeschworen;

Human Rights Watch erfuhr, dass Hunderte von Zivilisten bei Aktionen getötet wurden, die als absichtliche kollektive Strafen gegen die Zivilbevölkerung anzusehen sind, die verdächtigt wird, mit den Rebellen zu sympathisieren. Insgesamt geht die Zahl seit Beginn des Jahres 2007 wahrscheinlich in die Hunderte, mit einer starken Eskalation nach dem Angriff auf die chinesische Ölförderanlage. Die Einsätze werden weiter fortgesetzt. Viele der Ermordungen fanden zu Demonstrationszwecken statt: Die äthiopische Armee versammelte die gesamte lokale Bevölkerung, wählte dann einige Personen aus, die der Zusammenarbeit mit der ONLF verdächtigt wurden und tötete sie vor den Anwesenden durch Schüsse oder Aufhängen.

Es gibt weitverbreitete sexuelle Gewalt. Es sieht so aus, dass dies offen durch die ENDF toleriert wird. Wie sprachen mit einigen Vergewaltigungsopfern, die von ganzen Gruppen von Soldaten der ENDF bis zur Bewusstlosigkeit vergewaltigt wurden. Sie wurden aus ihren Häusern geholt und entweder im Busch oder im Armeelager vergewaltigt, mit dem Hinweis, dass die Armee solche Übergriffe erlaube. Einige der Mädchen wurden nach den Vergewaltigungen getötet, andere litten unter solch starken Verletzungen und Infektionen, dass sie später starben.

Äthiopische Truppen zerstören Dörfer und Eigentum, konfiszieren Vieh und zwingen Zivil­personen, in die städtischen Zentren umzusiedeln, mit dem offensichtlichen Versuch, die Zivilbevölkerung von den Rebellen der ONLF, die in abgelegenen ländlichen Gebieten agieren, zu trennen. DorfbewohnerInnen werden bedroht, wenn sie sich der Umsiedlung verweigern.

Augenzeugen erzählten Human Rights Watch, dass äthiopische Truppen mindestens ein Dutzend Dörfer um die Städte Dhagahbur, Qabridahare und Wardheer herum niederbrannten oder den Be­woh­nern befahlen, die Orte zu verlassen. In der Gegend von Wardheer wurden viele der Be­woh­ner in einem Umkreis von 100 Kilometern dazu gezwungen, in andere Städte umzusiedeln, weil es Angriffe auf ihre Dörfer gab, entsprechende Befehle des äthiopischen Militärs oder vereinzelte Kämpfe zwischen der äthiopischen Armee und der ONLF.

Zeugen beschrieben, wie äthiopische Einheiten Häuser und Eigentum niederbrannten, einschließlich der neuen Ernte und anderen Lebensmittellagern für die Zivilbevölkerung. Sie konfiszierten Vieh, töteten Herden, das sich in unberechtigten Zonen befand. In einigen Fällen feuerten sie auf flüchtende Zivilisten, die sie töteten. Äthiopische Sicherheitskräfte sind auch für willkürliche Verhaftungen und Folter von Tausenden verantwortlich, für die Inhaftierung von SchülerInnen, GeschäftsinhaberInnen und Verwandten von Personen, die als ONLF-Mitglieder verdächtigt werden.

Äthiopisches Militär hat Vieh konfisziert und getötet und damit die Lebensgrundlagen der zumeist Viehwirtschaft betreibenden Bevölkerung in Gefahr gebracht. Über die Region wurde teilweise eine Handelsblockade verhängt, die zu ernsthaftem Lebensmittelmangel führte. Fast der gesamte Wirtschaftsverkehr zwischen Somaliland und dem Ogaden, die wichtigste Handelsroute, ist verboten worden, so dass es fast unmöglich ist, Lebensmittel in die Region zu bringen. Der Verkehr zwischen den Dörfern und Städten ist stark eingeschränkt. Es ist gefährlich sich zu bewegen. Nomaden wurde untersagt, ihre Kamel- und andere Viehherden frei grasen zu lassen. Sie wurden oft getötet, wenn sie auf die Armee trafen. Sogar der Zugang zu Wasserlöchern wurde eingeschränkt oder ist verboten. Hauptziel all dieser Maßnahmen scheint der Versuch zu sein, die ONLF von der Nahrungsmittelversorgung abzuschneiden. Aber die Maßnahmen sind so schwerwiegend, dass sie auch dazu beitragen, dass die Bevölkerung ihre Häuser verlassen muss.

Was auch immer die militärische Strategie ist, die dahinter steht, diese Verstöße verletzen das Kriegsrecht.

Das in­ter­na­ti­onale humanitäre Recht, oder das Kriegsrecht, verlangt, dass alle kämpfenden Parteien zwischen Militärangehörigen und Zivil­personen unterscheiden, Zivilisten und ihr Eigentum schützen und alle machbaren Schritte unternehmen, um den Schaden von Militäraktionen auf die Zivilbevölkerung auf ein Minimum zu reduzieren. Das Aushungern der Zivilbevölkerung als ein Mittel der Kriegführung stellt ebenfalls eine Verletzung des in­ter­na­ti­onalen Rechts dar.

Kollektive Bestrafung - oder die Bestrafung von ein oder mehreren Personen für die Handlungen von anderen - ist ebenfalls nach in­ter­na­ti­onalem Recht untersagt. Geiselnahme, d.h. das Festhalten von einer Person, um eine dritte Partei zu Handlungen oder dem Unterlassen von Handlungen zu zwingen, ist ebenfalls untersagt. Die Verhaftung von Familienmitgliedern von Kämpfern, um die Kämpfer so zur Aufgabe zu zwingen, ist infolgedessen unrechtmäßig.

Der Ogaden ist noch nicht wie Darfur. Aber es dauert wahrscheinlich nur noch einige Monate, bis es zu einer humanitären Katastrophe unglaublichem Ausmaßes kommt. In einer vor wenigen Tagen herausgegebenen Erklärung warnte das Koordinationsbüro für humanitäre Angelegenheiten der Vereinten Nationen, dass sich die "humanitären Bedingungen im Konfliktgebiet in den letzten Monaten erheblich verschlimmert haben. Der Ernährungszustand der Bevölkerung wird sich in den nächsten zwei oder drei Monaten dramatisch verschlechtern, wenn weiterhin nur eingeschränkt Nahrungsmittel erhältlich sind."

Wie sie wissen hat die äthiopische Regierung das In­ter­na­ti­onale Rote Kreuz aus dem Ogaden verwiesen, eine der wenigen Beobachter der Krise, die noch in der Region waren. Nur einige unabhängige humanitäre Organisationen sind dort verblieben und versuchen unter großen Schwierigkeiten und angesichts der fortwährenden Behinderungen durch die Regierung der sich in einer hoffnungslosen Lage befindende Zivilbevölkerung zu helfen.

Angesichts dieser sich abzeichnenden humanitären Krise sollte die USA alle Möglichkeiten nutzen, um Druck auf die äthiopische Regierung auszuüben, um die Übergriffe zu beenden, einschließlich ihrer Blockade des Ogaden. Der unabhängigen humanitären Hilfe muss der Zugang zur gefährdeten Bevölkerung erlaubt werden.

Der Konflikt in Somalia

Herr Vorsitzender, es gibt auch gute Gründe, um über die Situation in Süd- und Zentral-Somalia besorgt zu sein, insbesondere in Mogadischu. Für Zivilisten ist es in Mogadischu inzwischen unerträglich geworden. Im Dezember 2006 verdrängte in einem Blitzkrieg das äthiopische Militär mit Unterstützung der USA die Union Islamischer Gerichte aus Mogadischu und aus anderen Gebieten in Süd- und Zentral-Somalia. Die Intervention von Äthiopien ist eng mit regionalen Sicherheitsbedenken verbunden, darunter auch einem Stellvertreterkrieg mit Eritrea und der Unterstützung der ONLF und anderen Rebellengruppen in Äthiopien durch Gruppen in Somalia. Der bewaffnete Konflikt in Mogadischu ist stetig eskaliert, seitdem sich die durch Äthiopien gestützte somalische Übergangsregierung im Januar 2007 selbst konstituiert hat.

Seit Januar 2007 hat eine Koalition von Aufstandsgruppen, unter ihnen die extremistische Al-Shabaab Miliz, fast täglich Angriffe auf äthiopische und Truppen der Übergangsregierung durchgeführt. Es gab einige Selbstmordattentate und es wurden zivile Vertreter der Regierung getötet. Aus dichtbevölkerten Vierteln von Mogadischu gab es sogar wiederholt Mörserangriffe, die die Sicherheit der Zivilbevölkerung gefährdeten und damit das Kriegsrecht verletzten.

Als Antwort darauf führten die äthiopischen Truppen im März und April 2007 zwei größere Offensiven in größeren Teilen von Mogadischu durch. Sie bombardierten wahllos die Hochburgen der Aufständischen mit einem Sperrfeuer von "Katjuscha"-Raketen, Mörsern und Artillerie und machten sich offensichtlich dabei keine Mühe, zwischen Zivil­personen und Zielen der Aufständischen zu unterscheiden. Da die genaue Zahl von zivilen Opfern bis jetzt nicht bekannt ist, gehen die Schätzungen von 400 bis zu 1.300 Toten bei den Gefechten aus. Bis zu vierhunderttausend Menschen flohen im Mai aus der Stadt, weitere Tausende verließen die Stadt in den darauffolgenden Monaten aufgrund der fast täglichen Angriffe und Zu­sam­men­stöße der kämpfenden Parteien. Zu diesen Ereignissen gab es keine in­ter­na­ti­onale Antwort.

Verstöße der Aufständischen, ein loser Zusammenschluss von somalischen bewaffneten Gruppen, waren unter anderem: der wahllose Mörserbeschuss von Wohngebieten der Zivilbevölkerung; die Verlegung von Truppen in starkbevölkerte Stadtteile; die Ermordung von zivilen Vertretern der somalischen Übergangsregierung; standrechtliche Ermordungen und Verstümmelungen von gefangengenommenen Kämpfern.

Die äthiopischen Truppen, die hinter der somalischen Regierung stehen, verletzten das Kriegsrecht durch ungezielte und wahllose Bombardierung von stark bevölkerten Gebieten von Mogadischu mit Raketen, Mörsern und durch Artillerie. Die Armee zielte bei verschiedenen Gelegenheiten auf Krankenhäuser und plünderte die zwingend notwendige medizinische Ausstattung. Human Rights Watch zeigte auch Fälle auf, bei denen äthiopische Einheiten absichtlich auf Zivil­personen schoss und sie, kurz gefasst, tötete.

Die Einheiten der somalischen Übergangsregierung spielten eine zweitrangige Rolle. Aber sie versäumten es, die Zivilbevölkerung der umkämpften Gebiete effektiv zu warnen, sie plünderten, behinderten Hilfsangebote für Vertriebene und misshandelten Dutzende von Personen bei Massenfestnahmen.

Zehntausende von Menschen leben in einer ausweglosen Situation ohne ausreichend Essen, Wasser, Schutz und medizinischer Versorgung. Sie sind leicht Beute von Erpressungen und Übergriffen der kämpfenden Parteien.

Die Behauptung Äthiopiens und der somalischen Übergangsregierung, die bewaffnete Opposition sei im April besiegt worden, wird untergraben durch fast tägliche Attacken in den nachfolgenden Monaten. Viele führten zu unermesslichen Schäden bei der Zivilbevölkerung.

Die kontraproduktive Rolle der USA

Die USA hat Äthiopien gegenüber bedeutendes Gewicht in Form von ausländischer Hilfe und politischem Einfluss. Die Vereinigten Staaten werden regional als wichtigster Befürworter der äthiopischen Regierung angesehen und als indirekt - wenn nicht direkt - verantwortlich für die Handlungen der äthiopischen Regierung. Deshalb droht die Unterstützung der USA für die unrechtmäßige Aufstandsbekämpfung Äthiopiens am Horn von Afrika die USA zu einem Komplizen bei den fortgesetzten Verletzungen des Kriegsrechts durch die äthiopische Regierung zu machen.

Aus praktischer und politischer Sicht, was von bedeutendem Interesse für den Ausschuss und den Kongress sein mag: die US-Unterstützung für Äthiopien bei den Konflikten in der Region Somali und in Somalia ist ineffektiv und kontraproduktiv. Es ist inzwischen klar, dass Aufstandbekämpfung nicht mit der Waffe allein gewonnen werden kann.

Der gegenwärtige Ansatz Äthiopiens - das von den USA gestützt wird - wird zu einem Berg von getöteten Zivil­personen und zu einer endlosen Aufzählung von Übergriffen führen. Die Politik riskiert in Somalia zu genauso einem Men­schen­rechtsdesaster zu führen, wie es zu Recht in Darfur verurteilt worden ist. Dieser Ansatz wird nur die extremistische Minderheit in Somalia stärken. Die Taktik der ENDF kann zu einer Eskalation und Verbreitung des Konflikts führen und dazu beitragen, die große und junge muslimische Bevölkerung zu radikalisieren.

Die US-Regierung sollte eine Politik in Frage stellen, die schwerwiegende Verstöße befürwortet und stattdessen eine entwickeln, die den Schutz der Zivilbevölkerung in den Vordergrund stellt. Washington sollte damit beginnen, einen klaren Aufruf an alle Seiten des Konflikts zu richten, auch an Äthiopien, das Kriegsrecht und die Men­schen­rechtsstandards zu beachten und einzuhalten.

Human Rights Watch: Submission to The House Committee on Foreign Affairs "The Human rights and Humanitarian Situation in the Horn of Africa". 3. Oktober 2007. Auszüge. Übersetzung: Rudi Friedrich und Thomas Stiefel.  Dieser Beitrag erschien in: Connection e.V. und Ethiopian War Resisters’ Initiative (Hrsg.) in Zusammenarbeit mit dem Friedenspfarramt der EKHN: Broschüre "Gegen Krieg und Diktatur in Äthiopien", Januar 2008. Wir danken für die finanzielle Förderung durch: Förderverein Pro Asyl, Evangelischer Entwicklungsdienst (EED) und Bertha-von-Suttner Stiftung

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