Maikel Nabil Sanad - © Christopher Schwarzkopf

Maikel Nabil Sanad - © Christopher Schwarzkopf

„Ich lehne die Begnadigung ab – Ich habe kein Verbrechen begangen“

von Maikel Nabil Sanad

Nach seiner Freilassung am 24. Januar 2012 gab der ägyptische Militärkritiker, Blogger und Kriegs­dienst­ver­weigerer Maikel Nabil Sanad über Youtube eine Erklärung ab, die wir hier im Wortlaut dokumentieren (d. Red.)

Guten Abend. Ich spreche nun zu Euch, nur wenige Minuten vor dem 25. Januar 2012 (Jahrestag der ägyptischen Revolution). Es ist das erste Mal seit 302 Tagen, dass ich direkt zu Euch sprechen kann, weil ich in dieser Zeit auf Anordnung des Obersten Militärrates inhaftiert war.

An erster Stelle möchte ich allen ÄgypterInnen und ausländischen AktivistInnen danken, die sich mit enormem Engagement dafür eingesetzt haben, dass ich wieder zurück zu Euch kommen konnte und meine Freiheit wiedererlangte: Meine körperliche Freiheit, die Freiheit meiner Feder, die Freiheit meiner Meinung und die Freiheit meines Glaubens. Heute freizukommen und den Tag der Freiheit zu haben gründet sich nicht allein auf meinem Hungerstreik und was ich alles tat, sondern weil Ihr mir zur Seite standet und wegen all Eurem Engagement für meine Freiheit. Ich muss Euch allen, jedem von Euch, für Euer Engagement für meine Freiheit danken.

Ich möchte, dass alle wissen, dass ich die Ent­schei­dung des militaristischen Diktators Mohamed Hussein Tantawi, mich zu begnadigen, zutiefst ablehne. Ich verweigere das Wort „Begnadigung“ in jeder Beziehung, weil ich kein Verbrechen begangen habe, für das mich der Chef der Armee begnadigen könnte. Ich habe nur mein Recht auf Gedanken- und Redefreiheit ausgeübt, das Recht auf Glaubensfreiheit und das Recht für meine Gedanken und meine Überzeugung zu werben. Ich habe keine Straftat begangen.

Ich denke: Wenn der Oberste Militärrat danach gestrebt hätte, sein Image in der Bevölkerung zu verbessern, hätte er von Anfang an die Anklagen fallen lassen und meine Unschuld gegenüber der falschen Propaganda erklären müssen, die der Moralapparat und der pervertierte Sicherheitsapparat gegen mich erhoben hat. Er hätte dafür sorgen müssen, dass keine falschen und gefälschten Vorwürfe im Verfahren gegen mich erhoben werden und gar nicht erst vorgetäuscht wird, dass eine Entschuldigung meinerseits eine Begnadigung zur Folge haben würde.

Wenn der Oberste Militärrat die Vorstellung hat, dass meine Freilassung und die Beendigung meiner Entführung und Gefangenschaft bedeutet, dass die Revolution erlahmt und die Menschen dazu bringen wird, morgen nicht hinaus zu gehen und lautstark das Ende der Militärherrschaft zu fordern, das Ende des seit Juli regierenden militaristischen Systems, das Ende jeder politischen Diktatur, egal welcher Art oder Religion sie ist, so möchte ich gern diese Vorstellung zunichte machen und sagen, dass meine Freilassung nicht bedeutet, dass die Militaristen zu den Guten werden und dass es nicht bedeutet, dass sich das Regime geändert hat. Es bedeutet eben nicht, dass Ägypten nun eine Demokratie und die Rede- und Meinungsfreiheit hat.

Ich möchte Euch wissen lassen, dass die ganzen 302 Tage im Gefängnis Leid und Schmerzen für mich bedeuteten. Alles Leid und aller Schmerz waren direkt vom Obersten Militärrat angeordnet. Wenn wir sehen, dass ein Gewissensgefangener die ganze Zeit aufgrund der Befehle der politischen Führung der Nation leidet, müssen wir erkennen: Wir haben es mit einem korrupten, ungerechten und überheblichen politischen Regime zu tun. Wir dürfen dazu nicht schweigen, nicht einen Tag, weil dies bedeuten würde, dass wir unser Leben diesem unterwerfen, wie auch das Leben unserer Geschwister und all unserer Lieben, die in Ägypten leben.

Ich vermisse die politische Arbeit. Ich vermisse es, gemeinsam mit Euch auf dem Tahrir-Platz zu sein. Ich vermisse es, wieder in meinen Blog zu schreiben. Ich vermisse die guten Diskussionen zwischen mir und anderen, auch wenn sie nicht mit mir übereinstimmen. Aber ich bitte um Eure Erlaubnis: Ich brauche eine Pause für genau zwei Tage, um meine körperliche und geistige Gesundheit wiederzuerlangen und die notwendigen medizinischen Untersuchungen machen zu lassen. Wegen meiner Zeit im Gefängnis und der dort herrschenden Isolation, wegen der Mediensperre, die gegen mich ausgeübt wurde, brauche ich diese Zeit, um dann so bald wie möglich wieder in die Reihen der Revolution zurückzukehren.

Zum Abschluss möchte ich eine Botschaft an den Obersten Militärrat senden. Ich möchte ihnen sagen, angesichts der ägyptischen Bevölkerung, die morgen auf die Straße geht, müssen sie sich bald nach guten und schlauen Anwälten umsehen, die sie vor dem In­ter­na­ti­onalen Gerichtshof in Den Haag vertreten.

Ich bin am Schluss meiner Botschaft. Ich möchte zum Schluss nur sagen, dass ich mir sicher bin, dass morgen Millionen von ÄgypterInnen auf den Tahrir-Platz gehen werden, um lautstark deutlich zu machen: Nieder mit der Militärherrschaft.

Maikel Nabil Sanad: Erklärung vom 24. Januar 2012. Maikel Nabil Sanad, der erste politische Gewissensgefangene nach dem 25. Januar 2011, ist Kriegsdienstverweigerer und Gründer der Bewegung Nein zur zwangsweisen Rekrutierung. http://www.youtube.com/watch?v=fePfun2Gbg8&feature=share. Übersetzung: Rudi Friedrich. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe Februar 2012.

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