Plakatmotiv des GI-Café Kaiserslautern

Plakatmotiv des GI-Café Kaiserslautern

„Beendet die Kriege!“

Interview mit Gerry Condon und Helen Jaccard (USA)

Rüdiger Schilp von der DFG-VK Mainz führte am 13. Oktober 2011 ein Interview mit Gerry Condon und Helen Jaccard durch. Beide sind FriedensaktivistInnen in den USA. Zur Zeit reisen sie durch Europa (d. Red.).

 

Zur Zeit reist ihr durch Europa – für etwa sechs Monate. Gerry, du bist schon seit Jahrzehnten in der Friedensbewegung aktiv.

Gerry: Ja. 1967, also während des Vietnamkriegs, bin ich zur US Army gegangen, obwohl ich schon damals große Zweifel an der moralischen Legitimität dieses Krieges hatte. Während der militärischen Ausbildung musste ich feststellen, dass meine Befürchtungen berechtigt waren. Ich sprach mit Veteranen, die aus Vietnam zurückkamen und mir von Gräueltaten der US-Soldaten an der vietnamesischen Zivilbevölkerung berichteten. Auch bei unserer Ausbildung selbst erlebte ich blanken Rassismus: Wir rannten mit unseren Gewehren rum und es wurde immerzu geschrien: „Bring die Schlitzaugen um! Bring die Schlitzaugen um!“ („Kill the gooks!“) Das fand ich alles sehr verstörend, und schließlich habe ich beschlossen: Nein, ich darf nicht an diesem Krieg teilnehmen.

 

Wurde euch wirklich offiziell diese Redeweise beigebracht: „Bring die Schlitzaugen um! Bring die Schlitzaugen um!“?

Gerry: Ja, das war Teil unserer offiziellen Ausbildung. Einmal wurde sogar ein asiatischstämmiger Freund von mir vom Sergeant aus der Reihe geholt und der Sergeant sagte: „Wollt ihr wissen, wie Schlitzaugen aussehen? Der hier ist ein Schlitzauge.“ Das müsst ihr euch mal vorstellen. Das fand ich wie gesagt sehr verstörend, und noch mehr haben mich die Gespräche mit Leuten verstört, die bereits in Vietnam gewesen waren. Sie erzählten mir, wie schrecklich es dort war und welche Gräuel an vietnamesischen Frauen und Zivilisten verübt wurden. Irgendwann begann ich offen gegen den Krieg zu sprechen und Befehle zu verweigern. Daraufhin bekam ich den Befehl zur Verlegung nach Vietnam. Das haben sie oft mit Soldaten gemacht, die den Krieg kritisierten. Zu denen sagten sie: Der Krieg passt dir nicht? Gut, dann wirst du genau dorthin gehen. Ich verweigerte den Befehl, nach Vietnam zu gehen, wurde vor ein Kriegsgericht gestellt und schließlich zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Aber zu dem Zeitpunkt war ich schon aus dem Militär und aus den USA geflohen. Erst ging ich nach Montreal (Kanada) und dann, Anfang 1969, nach Europa. Hier in Deutschland habe ich sechs Monate verbracht. Von gewöhnlichen Deutschen habe ich viel Unterstützung erfahren – von Studenten, Lehrern, Künstlern, die alle gegen den Vietnamkrieg waren und gerne einen amerikanischen Deserteur unterstützten. Das war für mich eine wunderbare Zeit. Allerdings fand das FBI heraus, dass ich nach Deutschland gekommen war, deshalb musste ich weiter nach Schweden.

 

Eine Frage – du bist ja aus dem Knast geflohen. Wie hast du das geschafft?

Gerry: Sie waren erst kurz davor, mich in den Knast zu stecken, ich war noch nicht drin, und so konnte ich ohne Probleme abhauen. Das war völlig undramatisch: Ich habe einfach meinen Posten in North Carolina verlassen, hab mich an die Straße gestellt, den Daumen rausgestreckt und bin nach Kanada getrampt.

 

Zehn Jahre Knast, das ist ganz schön lang verglichen mit dem, was anderen Verweigerern aufgebrummt wurde, z.B. auch in Deutschland in den Achtzigerjahren. War eine so lange Haftstrafe in den USA damals normal?

Gerry: Nein. Selbst für die damaligen Verhältnisse in den USA war das ein extrem hartes Urteil. Dafür gab es zwei Gründe. Zum einen wollten sie ein Exempel an mir statuieren, weil ich mich öffentlich gegen den Krieg ausgesprochen hatte. Und zum andern waren sie total sauer, weil ich ihnen, als sie mich verurteilen wollten, schon entwischt war. Das Urteil hatte also zusätzlichen Strafcharakter. Später wurde es auch auf zwei Jahre runtergesetzt.

 

So bist du also nach Europa gegangen – du musstest ja weg. Du hast einige Zeit in Deutschland verbracht. Vielleicht kannst du ein bisschen davon erzählen?

Gerry: Ich war wie gesagt sechs Monate hier in Deutschland und bin auch ein bisschen in Europa rumgereist. Aber das FBI fand heraus, dass ich in Deutschland lebte. Die FBI-Leute kamen zu meiner Mutter nach Hause und fragten sie, wo genau in Deutschland ich mich aufhielte. Das wusste sie nicht – und hätte es ihnen sowieso nicht gesagt, hoffe ich. Aber als ich sie am nächsten Tag anrief, sagte sie: Das FBI war gestern hier, die wissen, dass du in Deutschland bist. Da sagte ich mir, jetzt wird‘s Zeit, dass ich nach Schweden gehe, da kann ich eine Art Asyl bekommen und bin in Sicherheit.

 

Wie lang bist du in Schweden geblieben und was hast du dort erlebt?

Gerry: Ich war zweieinhalb Jahre in Schweden, und das war eine sehr gute Erfahrung für mich. Wir bekamen eine Menge Unterstützung aus der schwedischen Bevölkerung. Zum einen wurde uns materiell geholfen: Wir wurden bei der Wohnungssuche unterstützt und bekamen kostenlosen Sprachunterricht. Zum andern habe ich dort viel gelernt. Bis dahin war ich sehr naiv gewesen. Ich hatte zwar eine starke Abneigung gegen den Krieg, aber ich wusste nicht wirklich, was in der Welt vor sich ging. In Schweden habe ich dann erfahren, wie mich meine eigene Regierung belogen hatte. Ich begann mich beim American Deserters‘ Committee zu engagieren, und dann gab es ja auch eine sehr starke Antikriegsbewegung in Schweden.

 

Sprichst du jetzt von den frühen Siebzigerjahren?

Gerry: Ja. Ich kam im November 69 nach Schweden und blieb bis Juni 1972. Ich war also sehr aktiv in der Antikriegsbewegung und beim American Deserters‘ Committee. Wir hatten ein Netzwerk von Deserteuren und Militärdienstentziehern, also Leuten, die sich der Re­krutierung verweigerten – in London, Paris, Deutschland, Schweden; und dann gab es natürlich noch die Leute, die in Deutschland innerhalb des US-amerikanischen Militärs daran arbeiteten, den Widerstand der GIs gegen den Vietnamkrieg zu organisieren. Das war eine sehr bereichernde, intensive Lernerfahrung für mich. Anschließend bin ich nach Kanada gezogen und habe dort eng mit anderen im Exil lebenden Deserteuren und Militärdienstentziehern zusammengearbeitet. Wir haben gegen den Vietnamkrieg agitiert, wir waren Teil der Bewegung, die Druck auf die USA ausübte, ihre Soldaten aus Vietnam abzuziehen; und darüber hinaus haben wir die Campaign for Amnesty organisiert: Wir forderten eine Amnestie für alle, die Widerstand gegen den Vietnamkrieg geleistet hatten. Die amerikanische Regierung sollte alle Verfahren gegen diejenigen, die Widerstand gegen diesen rechtswidrigen und unmoralischen Krieg geleistet hatten, einstellen. Damit hatten wir durchaus einigen Erfolg. Als ich 1975 nach sechs Jahren Abwesenheit in die USA zurückkehrte, gab es so viele Kriegsgegner und so viel Unterstützung für unsere Amnestieforderung, dass Präsident Carters erste Amtshandlung nach seiner Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten im Januar 1977 darin bestand, alle Militärdienstentzieher zu amnestieren und Deserteuren die Möglichkeit einer straffreien Rückkehr einzuräumen.

 

Am Anfang war der Widerstand also eine Sache Einzelner, aber im Lauf der Zeit entwickelten sich Organisationen und Kampagnen. Kannst du dazu noch etwas sagen?

Gerry: Ja. 1975 bin ich im Rahmen der Campaign for Amnesty in die USA zurückgegangen und seitdem bin ich in der Peace and Justice-Bewegung aktiv. Leider haben die USA nach dem Vietnamkrieg ja weitere militärische Abenteuer unternommen, und auch heute hält das US-Militär, wie du weißt, Irak und Afghanistan besetzt und wirft in mehreren anderen Ländern Bomben ab und droht damit, noch weitere Kriege anzufangen. Wir befinden uns in einer Situation, die viele als „permanenten Krieg“ bezeichnen: in einem permanenten imperialistischen Krieg. Und wie alles andere ist auch dieser Krieg global geworden. Die Planung und Durchführung dieser Kriege liegt nicht bei den USA allein. Beispielsweise ist die NATO an der Besetzung Afghanistans und der Bombardierung Libyens beteiligt. Das ist auch ein Grund dafür, dass wir beide zur Zeit in Europa sind. Abgesehen davon, dass wir reisen und all das Schöne genießen, das Europa zu bieten hat, treffen und vernetzen wir uns mit Leuten, die für Frieden und Gerechtigkeit aktiv sind, in verschiedenen Ländern, insbesondere hier in Deutschland, wo die Friedensbewegung in historisch so bedeutsamer Weise den Widerstand amerikanischer GIs innerhalb des US-Militärs unterstützt hat.

In den letzten sieben Jahren habe ich schwerpunktmäßig Irakveteranen unterstützt, die aus dem Militär desertiert sind, als sie ein weiteres Mal in den Irak geschickt werden sollten, und nach Kanada geflüchtet sind, um dort politisches Asyl zu beantragen. Dort wurde ein sehr schwieriger, langwieriger juristischer und politischer Kampf geführt. In den Vereinigten Staaten gibt es die Iraq Veterans Against the War, eine sehr beeindruckende Organisation. Sie wendet sich an die Soldaten im aktiven Dienst, von denen viele bis zu sechs Mal im Kriegseinsatz waren und an schweren posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Die Selbstmordrate unter jungen Veteranen und aktiven Soldaten ist hoch, aber das Militär unternimmt nicht viel dagegen. So haben die Friedensbewegung und die Irakveteranen selbst die Aufgabe übernommen, Unterstützung für die leidenden GIs zu organisieren, und in der Folge sind natürlich Unzufriedenheit und Widerstand im Militär gewachsen.

 

Helen, auch du hast an der Entwicklung der vonGerry genannten Organisationen mitgewirkt – allerdings bist du noch nicht so lange dabei.

Helen: Stimmt. Vor etwa sechs Jahren wurde mir überhaupt erst bewusst, dass es eine Friedensbewegung gibt, die gegen die Kriege in Irak und Afghanistan kämpft. Genau wie Gerry wurde ich Mitglied der Veterans for Peace und arbeite aktiv in dieser großen, Tausende von Mitgliedern zählenden US-amerikanischen Organisation mit. Wir bekämpfen alle Aspekte des Krieges. Unsere Antikriegsaktionen finden überall in den USA statt und sind überregional koordiniert. Ich persönlich bin besonders an den ökologischen Aspekten von Kriegen interessiert. Warum werden Kriege geführt? Eine der Begründungen lautet: Wegen der Ressourcen, z.B. Öl. Aber um einen Krieg zu führen, braucht man jede Menge Ressourcen – sie werden verbraucht, um den Krieg überhaupt führen zu können. Diesen Aspekt finde ich sehr bedenkenswert.

 

Warum, glaubst du, werden diese absurden Verhältnisse aufrecht erhalten?

Helen: Wegen des kapitalistischen Profits – das ist meine Meinung. Die Abgeordneten, die für die Ent­schei­dungen im Kongress verantwortlich sind, erlangen ihre Mandate nur mit Hilfe von Unternehmen, die vom Krieg profitieren – wie Rüstungsproduzenten und Ölfirmen. Meines Erachtens besteht der tatsächliche Zweck von Kriegen darin, die Reichen noch reicher zu machen.

 

Ihr habt hauptsächlich von zwei Organisationen gesprochen, den Iraq Veterans against the War (IVAW) und den Veterans for Peace. Wo liegen hier die Gemeinsamkeiten, wo die Unterschiede?

Helen: Die Veterans for Peace unterstützen die Iraq Veterans against the War nach Kräften. Die IVAW sind jedoch organisatorisch eigenständig und haben ausgezeichnete Projekte am Laufen. So betreiben sie in den USA zwei coffee houses als Anlaufstellen für GIs. Diese bekommen dort Beratung, Informationen über Wege aus dem Militär, Hilfe bei posttraumatischer Belastungsstörung, Akupunktur zur Linderung körperlicher und seelischer Beschwerden, aber auch Hinweise, wie sie bei einer Entlassung aus dem Militär ihren Entlassungsstatus verbessern können, so dass sie ein Anrecht insbesondere auf medizinische Versorgung, aber auch auf finanzielle Unterstützung haben. Manche Veteranen können auch Ansprüche als Kriegsbeschädigte geltend machen. Im coffee house gibt es Berater, die den Leuten dabei behilflich sind, diese Formen der Unterstützung einzufordern. Sie helfen ihnen bei der Antragstellung und, falls erforderlich, bei Einsprüchen und Beschwerdeverfahren.

Eine weitere Kampagne der IVAW heißt „Operation Recovery“. Sie wendet sich gegen die Praxis des Militärs, GIs in den Krieg zurückzuschicken, die entweder an noch nicht verheilten körperlichen Verwundungen leiden oder aber psychische oder mentale Verletzungen davongetragen haben, zum Beispiel eine posttraumatische Belastungsstörung (PTSD). Im Zweiten Weltkrieg bezeichnete man das Phänomen als Kriegsneurose (shell shock). Darunter fallen Alpträume oder immer wiederkehrende Erinnerungen an das, was man während des Krieges gesehen oder selbst getan hat, und die verheerende psychische Folgen haben. Viele der davon Betroffenen versuchen, sich mit Unmengen Alkohol oder psychotropen Medikamenten oder auch mit Drogen zu betäuben, um die quälenden Gedanken loszuwerden. Aber die Erinnerungen suchen sie immer und immer wieder heim und führen zu einem ungeheuren Leidensdruck. Ob die Betroffenen nun ärztlich verschriebene Medikamente nehmen oder sich auf eigene Faust zu therapieren versuchen, jedenfalls sollten sie nicht mit gefährlichen Waffen hantieren oder Fahrzeuge führen. Und das heißt, sie sollten nicht in ein Kriegsgebiet geschickt werden. Aber genau das tut das Militär immer und immer wieder.

Gerry: Für den Fall, dass unter den Hörern dieser Sendung amerikanische Soldaten sind, die wissen wollen, wie sie aus dem Militär rauskommen können oder wo sie Unterstützung finden können, wenn sie beim Militär schikaniert werden: Ihr könnt entweder die GI-Hotline anrufen, die haben eine gebührenfreie 0800er-Nummer, oder ihr könnt euch an die IVAW oder die Veterans for Peace wenden, gerne auch online; und in Kaiserslautern gibt es jetzt Leute, die ein GI-Café organisieren, das ist so ähnlich wie die GI coffee houses in den USA. Dort bekommt ihr Unterstützung aller Art und könnt euch mit anderen Leuten zusammentun, die Ähnliches durchmachen wie ihr.

 

Genau, darauf wollte ich auch noch zu sprechen kommen. Die IVAW sind auch hier in Europa aktiv, und das ist ja, glaube ich, einer der Gründe, warum ihr jetzt hier seid. Aber zuvor möchte ich euch ein paar ganz allgemeine Fragen stellen: Welche persönlichen und politischen Erfahrungen habt ihr auf eurer Reise durch Europa gemacht? Wie lange seid ihr schon hier, wo seid ihr gewesen, was habt ihr erlebt, wie lang wollt ihr noch bleiben und was sind eure Pläne?

Helen: Wir sind Anfang September nach Europa gekommen, und gleich zu Beginn haben wir als Vertreter der Veterans for Peace an der UN-Konferenz zum Thema „Nachhaltige Gesellschaften“ teilgenommen.* Dabei haben wir eine Menge gelernt. Seitdem sind wir unterwegs, vernetzen uns mit anderen FriedensaktivistInnen, lernen Organisationen und Menschen kennen und informieren uns darüber, wie sie hierzulande gegen den Krieg kämpfen. Auch dabei lernen wir viel, und wir versuchen auch, etwas von uns zu vermitteln. Wir wollen wirklich etwas Sinnvolles tun, nicht nur einfach als Touristen in Europa herumreisen.

Gerry: Wir haben hier viele neue Freunde gewonnen. Außer in Deutschland waren wir auch noch kurz in Amsterdam. Zuletzt haben wir zwei Wochen in Berlin verbracht. Besonders interessant sind die Begegnungen mit Menschen aus der Vietnamkriegsära, amerikanischen Soldaten und Unterstützern, die sich damals entschieden haben, dauerhaft in Deutschland zu bleiben, und seitdem hier leben. Sie sind gleichsam das Bindeglied zwischen der Antikriegsbewegung und dem GI-Widerstand während des Vietnamkriegs einerseits und den heutigen Initiativen andererseits. So unterstützen die Veteranen und Widerständler aus der Vietnamkriegszeit die jungen Irakkriegsveteranen bei ihrer Arbeit. Auch die Veterans for Peace sind im Wesentlichen eine Organisation von Vietnamkriegsveteranen, d.h. auch bei uns in den USA gibt es eine ähnliche generationenübergreifende Unterstützung der Veteranen und widerständigen GIs untereinander. Das ist unheimlich wichtig. Vielen Leuten ist nämlich gar nicht bewusst, dass der GI-Widerstand während des Vietnamkriegs einer der Gründe war, weshalb sich die USA schließlich aus Vietnam zurückziehen mussten.

 

Ist das nicht eine Überschätzung des GI-Widerstands?

Gerry: Weniger, als du denkst. Wenn du dir den Film „Sir! No, Sir!“ anschaust, siehst du, dass es in Vietnam Rebellionen aller Art gab. Es gab Leute, die Befehle verweigerten, und solche, die bei ihren Einsätzen ganz bewusst Feindkontakt vermieden, und es kam sogar vor, dass einfache Soldaten ihre Vorgesetzten ermordeten. Im letzten Jahr des Vietnamkriegs kamen jede Woche etwa zwei Offiziere auf diese Art ums Leben. Die US-Militärführung hatte die Kontrolle über ihre eigene Truppe verloren, und das war letztlich der Grund, weshalb sie Vietnam verlassen mussten. Dazu kam natürlich auch, dass die Vietnamesen selbst äußerst effektiv Widerstand leisteten. Aus dem gleichen Grund wird die U.S. Army wahrscheinlich irgendwann Afghanistan und Irak räumen müssen, und wir hoffen, dass wir innerhalb des Militärs genügend Bewusstsein und Widerstand entwickeln können, um die Spirale des imperialistischen Dauerkrieges zu stoppen.

 

Gestern Abend habt ihr hier in Wiesbaden an einer Veranstaltung zur Unterstützung des GI-Cafés in Kaiserslautern teilgenommen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten soll es wieder so ein Café in Deutschland geben. Was war euer Eindruck?

Helen: Deutschland ist eine wichtige Drehscheibe für Soldaten auf dem Weg nach Afghanistan, zudem gibt es hier ein großes US-Militärkrankenhaus, und gerade im Raum Kaiserslautern befinden sich zahlreiche US-Militäreinrichtungen und damit viele Soldaten. Die Initiative, bei deren Veranstaltung wir gestern waren, unterstützt die Eröffnung eines GI-Cafés in Kaiserslautern. Das Projekt wird hauptsächlich von einem Mann getragen, der als Soldat im Irak war und jetzt bei den IVAW aktiv ist...

 

... nämlich Chris Capps-Schubert, zusammen mit seiner Frau Meike.

Helen: Genau. Wir unterstützen diese Initiative in jeder Hinsicht und rufen alle Interessierten dazu auf, sowohl praktische als auch finanzielle Hilfe zu leisten.

Gerry: Wenn ihr mehr über das GI-Café in Kaiserslautern wissen wollt: Geht auf die Facebook-Seite „GI-Café“. Diese Initiative ist unheimlich wichtig, zumal ja viele Leute in den USA und Europa denken, dass die Soldaten irgendwie schuld an den Kriegen sind.

 

Sind sie das nicht?

Gerry: Nein, sind sie nicht. Sie werden gezwungen, diese Kriege zu führen, aber zugleich sind sie Opfer der Kriege. Auch wenn es keinen Kriegsdienstzwang gibt, werden Leute aufgrund der wirtschaftlichen Verhältnisse zum Militär getrieben. Wir nennen das Armutsrekrutierung. Diese jungen Leute haben keine anderen Bildungschancen oder Berufsaussichten. Zudem versprechen ihnen die Anwerber das Blaue vom Himmel – das sind aalglatte Verkäufer, die die künftigen Soldaten belügen und ihnen alles erzählen, was sie hören wollen. Diese Soldaten sollten also nicht als der Feind betrachtet werden. Je mehr Gespräche und Kontakte es zwischen kriegsgegnerischen Zivilisten und Soldaten gibt, desto besser. Solche Verbindungen können ganz entscheidend dazu beitragen, diese unrechtmäßigen Kriege zu beenden.

Helen: Auf unserer Rundreise sprechen wir uns nicht nur gegen die Kriege aus, sondern auch gegen die US-Militärbasen im Ausland. Wir fordern, dass sie geschlossen werden. Die USA haben 900 Militärbasen weltweit – aber wie viele andere Staaten haben Militärbasen in den USA?

Gerry: Außerdem sind wir zu mehreren Veranstaltungen als Redner eingeladen. Nächste Woche, am 7./8. Oktober, jährt sich der US-amerikanische Einmarsch in Afghanistan zum zehnten Mal. Aus diesem Anlass gibt es Veranstaltungen in den USA und in Europa. Wir sind gebeten worden, auf einer solchen Veranstaltung in Brüssel zu sprechen. Für Anfang November sind wir zu einer Veranstaltung in Vicenza (Italien) eingeladen. Dort befindet sich ein Stützpunkt des US-Militärs, der zur Zeit weiter ausgebaut wird. Es gibt in Italien eine starke Bewegung gegen diesen Ausbau. Wir werden auch in mehreren anderen italienischen Städten sprechen. Anschließend wollen wir nach Griechenland und in die Türkei reisen, um auch dort zu politisch aktiven Menschen, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen, Kontakte zu knüpfen und auszubauen. Wir werden also viel lernen. Wir sind jetzt schon klüger als noch vor ein paar Wochen. Und wir hoffen, dass wir die so geschaffenen Verbindungen langfristig pflegen können. Denn wie ich schon gesagt habe: Kriege und Invasionen sind zu globalisierten Unternehmen geworden, und so muss sich auch die Antikriegsbewegung als in­ter­na­ti­onal begreifen. Je mehr wir voneinander wissen, je besser wir uns vernetzen, desto stärker werden wir sein.

Helen: Beendet die Kriege! Steckt das Geld in Bildung und Arbeitsplätze, nicht in den Krieg!

 

Ein gutes Schlusswort! Gerry und Helen, vielen Dank für das Interview.

Fußnote

* Die UN-DPI/NGO-Konferenz „Nachhaltige Gesellschaften – Verantwortungsvolle BürgerInnen“ fand vom 3.-5. September 2011 in Bonn statt.

Interview mit Gerry Condon und Helen Jaccard, 13. Oktober 2011. Abschrift, Übersetzung und Bearbeitung: hm. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe Februar 2012.

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