André Shepherd

André Shepherd

"Die Völker der Welt, die die Last der ungerechten Angriffe tragen, müssen die Chance zum Frieden bekommen"

Brief zu Ostern 2012 an meine FreundInnen und UnterstützerInnen

von André Shepherd

(03.04.2012) Es ist nun fast ein Jahr vergangen, seitdem das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge meinen Asylantrag abgelehnt hatte. In dieser Zeit hat die US-Regierung weiter Soldaten wie mich dazu gezwungen, unter dem Deckmantel der Demokratie in andere Länder einzumarschieren. Es schmerzt mich, zu sehen, dass sich dieses einstmals großartige Land dazu entschieden hat, seine Macht zu benutzen, um die Völker der Welt zu unterjochen, statt sie zu neuen Höhen emporzuheben. Auch wenn der Krieg im Irak zu Ende zu sein scheint, es ist noch kein Ende in Sicht für den verhängnisvollen „Krieg gegen den Terror“.

Ich habe mich dazu entschieden, das Asylverfahren weiter zu betreiben, weil ich eine Entwicklung zu einem offen autoritären Regierungssystem hin sehe, das damit verbunden ist, viele Bürger und Soldaten für ihre Ablehnung dieses Krieges zu verfolgen. Jeder von uns muss Verantwortung übernehmen, um die fortgesetzte Zerstörung und das Töten zu beenden. Die Völker der Welt, die die Last dieser ungerechten Angriffe tragen, müssen die Chance zum Frieden bekommen. Erforderlich ist auch, dass die Soldaten, die den Mut haben, gegen diese abscheulichen Verbrechen aufzustehen, die Möglichkeit erhalten, ohne Furcht vor Strafe sprechen zu können, statt weiter an den Rand gedrängt und verfolgt zu werden auf Veranlassung einer machthungrigen Elite.

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Seit Dezember 2011 hat sich die Situation für alle Aktiven der Antikriegsbewegung weiter verschärft. Am 31. Dezember hat der Präsident der Vereinigten Staaten das Ermächtigungsgesetz zur Nationalen Verteidigung, bekannt als Gesetz 112-81 unterzeichnet. Das Gesetz wurde von den Medien praktisch nicht beachtet, obwohl sie das hätten tun sollen. Mit diesem neuen Gesetz hat der Präsident offiziell der Armee das Recht übertragen, jeden, auch US-Bürger, weltweit festhalten, verhaften oder ermorden zu lassen. Das ist sehr bedeutsam, weil damit weitere Teile der einst verehrten Verfassung der USA abgeschafft wurden, ein weiterer Schritt in Richtung einer Diktatur. Es bedeutet, dass jeder, der angeklagt ist, „Terroristen“ zu helfen, gekidnappt oder getötet werden kann – ohne Verfahren und sogar ohne zu wissen, dass er davon betroffen ist. Ich sorge mich um alle, die in Opposition zu einer Regierung stehen, die den falschen Weg gegangen ist. Unsere Kampagne wie auch andere sind eifrig auf der Suche nach der endgültigen Version des Gesetzes, aber bis jetzt wurde die endgültige Fassung der Öffentlichkeit nicht bekannt gegeben. Wir hoffen, dass es bald bekannt wird, um Druck auf die Regierungen in der Welt ausüben zu können, die US-Regierung dazu zu zwingen, dieses drakonische Recht wieder außer Kraft zu setzen. Ich will allen Mut machen, die dies hier lesen, sich selbst darüber zu informieren und es an andere weiterzugeben. Danke für Eure Bemühungen.

Ich und meine Familie bleiben jedenfalls am Ball. Wir hatten einige große Erfolge im vergangenen Jahr. Ich wurde in eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Systemintegration aufgenommen, meine Frau konnte ihre Ausbildung als Bürokauffrau bei der IHK abschließen. Meine Frau überstand im Oktober auch erfolgreich eine Operation und hat sich gut erholt. Wir waren auch sehr erfreut, Gerry Condon und Helen Jaccard von den Veterans for Peace (Veteranen für Frieden) zu Besuch zu haben. Sie befinden sich derzeit auf einer Tour durch Europa und haben an verschiedenen Veranstaltungen teilgenommen. Ihr könnt mehr darüber finden unter http://www.mobileactivist.blogspot.de.

Im Februar nahmen wir mit dem Munich American Peace Committee (MAPC) und Connection e.V. an den Protesten gegen die Nato-Sicherheitskonferenz teil. Es war eine gewaltige Veranstaltung, an der Tausende von Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft zusammenkamen um ihren Unwillen über die illegalen Kriege auszudrücken. Auch Malalai Joya war dort und hielt eine sehr motivierende Rede am Ende der Demonstration. Ich hoffe, dass ich mich in den kommenden Monaten an weiteren Aktionen beteiligen kann.

Auch wenn es noch keinen Termin für das Gerichtsverfahren im Asylverfahren gibt, recherchieren wir weiter und bauen an einer unangreifbaren Verteidigung für das weitere Verfahren. Mein Rechtsanwalt Dr. Reinhard Marx hat intensiv daran gearbeitet, alle Argumente zusammenzutragen und stark zu machen, so dass ich zuversichtlich bin, dass wir uns durchsetzen werden. Auch wenn viele Menschen ihre Zeit für die Herkulesaufgabe, für Recherchen und Kampagne, aufgebracht haben: Wir brauchen weitere finanzielle Unterstützung – für das Asylverfahren, Reisekosten zu verschiedenen Aktionen und Honorar. Ich verstehe die Skepsis über Honorare. Aber bitte versteht auch, dass meine Möglichkeiten sehr eingeschränkt sind, Geld zu verdienen, so lange ich in der Schule bin. Ich brauche noch 18 Monate, bevor ich meine Ausbildung beenden kann. Erst dann kann ich auf meinen eigenen Füßen stehen. Trotzdem würde ich gerne in Deutschland unterwegs sein und Veranstaltungen zur gegenwärtigen geopolitischen Situation durchführen, auf meinen Fall aufmerksam machen wie auch auf andere in Kanada. Ich will nicht die Gruppen extra belasten, die mich von Beginn an unterstützt haben. Sie haben so viel getan und brauchen auch für ihre eigenen Projekte Geld. Aber jede Hilfe ist willkommen, jeder Dollar und jeder Euro wird uns einen Schritt näher zur Anerkennung des Asylantrages bringen – und damit zur Schaffung eines sicheren Hafens für Deserteure und Kriegs­dienst­ver­weigerer. Es wird helfen, unser Schicksal zum Frieden zu wenden, statt zum Krieg.

Ich bete zu Gott, dass Ihr alle in diesen Zeiten sicher seid. Ich hoffe, Euch bald wieder schreiben zu können. Vergesst nicht, diesen Sommer findet das Militärgerichtsverfahren gegen Bradley Manning statt. Ich bitte Euch alle, unterstützt seinen wunderbaren Widerstand nach Euren Möglichkeiten!

Bis auf bald und mit besten Grüßen

André Shepherd

André Shepherd: Brief zu Ostern 2012. 03.04.2012

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