Interview mit der israelischen Verweigerin Noam Gur

"Ich kann mich an diesen Verbrechen nicht beteiligen"

von Jillian Kestler-D´Amours

Anfang dieser Woche veröffentlichte die 18-jährige israelische Noam Gur ihre Kriegs­dienst­ver­weigerungserklärung. Sie wurde für den nächsten Monat, am 16. April, einberufen und erklärte dazu: „Ich weigere mich zur israelischen Armee zu gehen, weil ich mich weigere, einer Armee beizutreten, die seit ihrer Gründung damit beschäftigt ist, andere Nationen zu dominieren, die Zivilbevölkerung, die unter ihrer Kontrolle steht, auszuplündern und zu terrorisieren“.

Die Autorin Jillian Kestler-D’Amours von Electronic Intifada sprach mit Gur darüber, wie sie zu Kriegs­dienst­ver­weigerung gekommen ist, was es bislang für Reaktionen dazu gab und was sie anderen jungen Israelis über den Dienst in der israelischen Armee mitteilen will.

Warum haben Sie sich zur Kriegs­dienst­ver­weigerung entschieden?

Seit dem Bestehen von Israel begeht dies Land Kriegsverbrechen und Men­schen­rechtsverletzungen, angefangen von der Nakba (die zwangsweise Vertreibung von 750.000 PalestinenserInnen 1947-48) bis heute: bei dem letzten Massaker in Gaza, im Alltag der PalästinenserInnen, die unter der Besatzung in Gaza und Westbank leben und bei der Behandlung von PalästinenserInnen, die in Israel leben. Ich denke nicht, das ich dahin gehöre. Ich denke nicht, dass ich persönlich an diesen Verbrechen teilnehmen kann und ich denke, dass wir diese Institutionen kritisieren, diese Verbrechen an die Öffentlichkeit bringen und sagen müssen, dass wir nicht zur Armee gehen werden, solange diese andere Menschen unter Besatzung hält.

Das führt uns zu einer anderen Frage. Warum haben Sie sich entschieden, ihre Verweigerung öffentlich zu machen, statt wie viele andere Israelis nach anderen Möglichkeiten zu suchen, nicht zur Armee zu gehen?

Vor zehn Jahren gab es eine große Bewegung von Refuseniks (Verweigerern). In den letzten Jahren ist diese Bewegung fast verschwunden. Ich bin dieses Jahr die einzige. Für mich heißt das zum einen, dass ich mit meiner öffentlichen Verweigerung zeigen will, dass es die Bewegung weiter gibt. Zum anderen will ich nicht schweigen. Ich fühle es seit ich im Gymnasium bin, dass wir immer nur schweigen. Wir teilen unsere Kritik nur im kleinen Kreis mit. Die Welt weiß nichts davon, die PalästinenserInnen wissen nichts davon. Ich weiß nicht, ob es etwas ändern wird, aber ich will es versuchen. Ich fühle mich besser, wenn ich wenigstens versucht habe, etwas zu ändern.

Hatte Ihre Familie oder Ihre Erziehung Einfluss auf Ihre Ent­schei­dung zur Kriegs­dienst­ver­weigerung?

Meine Eltern sind wirklich nicht politisch, sie gingen beide zur Armee. Mein Vater nahm am ersten Libanonkrieg teil und wurde dort verwundet. Bei meiner Mutter ist es das gleiche. Meine große Schwester war bei der Grenzpolizei. Wenn ich mit dem Gymnasium fertig wäre, so war der Weg für mich vorgeschrieben, würde ich zur Armee gehen.

Ich schätze, ich war 15 Jahre alt, als ich mich für die Nakba von 1948 interessierte. Ich begann zu lesen und das ganze Bild wahrzunehmen. Ich weiß nicht warum, aber es geschah einfach. Später las ich Berichte von PalästinenserInnen und ehemaligen Soldaten aus der Westbank. Ich hatte palästinensische Freunde, nahm letztendlich an Protestaktionen in der Westbank teil und sah mit eigenen Augen, was um mich herum geschah. Mit 16 Jahren beschloss ich, nicht zur Armee zu gehen.

Welche Reaktionen gab es auf Ihre öffentliche Verweigerung?

Meine Eltern haben mich wirklich nicht unterstützt. Ich denke, dass es meiner Mutter und meinem Vater klar ist, dass sie sich nicht gegen meine Ent­schei­dung stellen können, da es meine Position ist und ich 18 Jahre alt bin. Ich habe auch kaum mehr Kontakt mit den meisten meiner MitschülerInnen aus dem Gymnasium, von denen die meisten zur Armee gegangen sind.

In den letzten Tagen habe ich viele positive Rückmeldungen erhalten, aber auch sehr unfreundliche Kommentare.

Wie kommen die negativen Kommentare bei Ihnen an?

Ich fühle, dass ich weiter machen muss mit dem, was ich tue. Auch wenn die Kommentare unerfreulich sind und mich nicht unterstützen, ich sehe, dass ich das richtige mache, weil ich daran glaube. Es ist richtig, es zu tun und es berührt mich nicht wirklich, was andere dazu sagen.

Was wird passieren, wenn Sie ihre Verweigerung den Behörden übergeben?

Am 16. April soll ich in das Rekrutierungsbüro in Ramat Gan gehen. Ich werde gehen und dort erklären, dass ich verweigere. Ich werde dort für ein paar Stunden bleiben und später zu einer Haftstrafe zwischen einer Woche und einem Monat verurteilt werden. Die Zeit werde ich in einem der Frauengefängnisse verbringen, bis sie mich wieder freilassen. Nach der Freilassung muss ich erneut nach Ramat Gan gehen, wo mich das gleiche Prozedere erwartet, mit einer Ver­ur­tei­lung zu einer Haft von einer Woche bis zu einem Monat. Das wird so lange weitergehen, bis die Armee dies beendet.

Was muss sich in der israelischen Gesellschaft ändern, damit mehr junge Menschen ihren Militärdienst verweigern?

Ich weiß nicht, ob es möglich ist. Ich denke, wir sind an einem Punkt, wo es keinen Weg zurück mehr gibt. Ich denke wirklich, wenn wir etwas in der israelischen Gesellschaft ändern wollen, dann muss es einen sehr, sehr großen Druck von außen geben. Deshalb unterstütze ich den Aufruf zu Boykott, Desinvestition und Sanktionen. Es wird wirklich schwierig sein, die Gesellschaft von innen zu ändern. Eigentlich ist es fast unmöglich.

Was würden sie anderen 18-jährigen Israelis sagen, die vor dem Militärdienst stehen?

Ich denke, jeder sollte sehen, was dort getan wird. Wenn ich meine eigene Erfahrung nehme: Die meisten 18-jährigen wissen nicht wirklich, wohin sie gehen. Sie wissen nicht, was in Westbank und Gaza passiert. Wenn sie dann das erste Mal auf PalästinenserInnen treffen, werden sie SoldatInnen sein. Es würde sich schon einiges ändern, wenn sie versuchten herauszufinden, was in der Armee passiert, bevor sie einberufen werden. Versucht es wahrzunehmen, sprecht mit den Menschen … Ihr müsst keine Angst haben. Lest, was die Menschen zu sagen haben. Ich denke, es ist wirklich wichtig, zu realisieren, worauf man sich einlässt.

Jillian Kestler-D’Amours: Interview mit der israelischen Verweigerin Noam Gur: "I can’t take part in these crimes". The Electronic Intifada, 14. März 2012. Jillian Kestler-D’Amours ist Reporterin und Dokumentarfilmerin in Jerusalem. Mehr zu ihrer Arbeit ist zu finden unter http://jkdamours.com/. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe Juni 2012.

Stichworte:    ⇒ Frauen   ⇒ Israel   ⇒ Kriegsdienstverweigerer berichten   ⇒ Kriegsdienstverweigerung   ⇒ Noam Gur