Plakatmotiv des GI-Café Kaiserslautern

Plakatmotiv des GI-Café Kaiserslautern

„Sie leben uns praktische Entschiedenheit persönlich vor“

Laudatio zur Verleihung des Rheinland-Pfälzischen Friedenspreises 2012 an Chris und Meike Capps-Schubert

von Matthias Jochheim

(01.06.2012) „He‘s only a pawn in their game“, so sang in den 60er Jahren der amerikanische Poet Bob Dylan über einen rassistischen US-Südstaatler: „Er ist nur ein Bauer in ihrem (Schach-)Spiel“, und das trifft sicher für das Gros der Soldaten zu, nicht nur in der US-Army. Sie sind Akteure in einem Spiel, das sie nicht durchschauen, dessen Hintergründe sie nicht kennen, und in dem sie dennoch zu Tätern werden, häufig zu Verbrechern.

Chris Capps-Schubert ist aus diesem Spiel ausgeschieden, er hat es nicht nur durchschaut und für sich beendet, sondern arbeitet nun zusammen mit seiner Frau Meike Capps-Schubert aktiv daran, anderen zu helfen um Wege aus dem Labyrinth von Zwang und Gewalt herauszufinden, in das sie von der Kriegsmaschine der US-Army gelockt wurden.

Chris Capps-Schubert ging zur Armee, weil er aus Hackettstown in New Jersey, - wie er sagt, einem „Kaff am Ende der Welt“- herauskommen, und durch den Militärdienst die Möglichkeit bekommen wollte, eine in den USA sehr teure College-Ausbildung zu erlangen. Deswegen meldete er sich im Frühjahr 2004 zur Armee der USA, ohne zu wissen, dass dies den Kriegseinsatz bedeuten würde, zunächst im Irak. Eben dorthin wurde er im November 2005 von Deutschland aus entsandt, und war bis September 2006 vor allem in Bagdad eingesetzt. Zurückgekehrt nach Deutschland zum 44. Fernmeldebataillon der US-Army in Mannheim sollte er von dort aus im Februar 2007 nach Afghanistan geschickt werden. Chris Capps-Schubert zog die mutige Konsequenz aus den Erfahrungen, die er bis dahin im Dienst der US-Army gemacht hatte, und desertierte. Er blieb über 60 Tage lang unerlaubt von der Truppe fern - in der Army-Sprache „Absent without leave“ - und stellte sich dann in Fort Sill, Oklahoma. Dort wurde er dann - in der Armee-Diktion „anders als ehrenhaft“ - entlassen.

Ich denke, ich spreche für alle hier, wenn ich sage: aus meiner Sicht ein mutiger und sehr ehrenhafter Abgang aus einem Krieg, der zutiefst verlogen und unehrenhaft ist.

Wir erinnern uns an den propagandistischen Paukenschlag, mit dem US-Außenminister Colin Powell 2003 vor dem Weltsicherheitsrat die Notwendigkeit eines Angriffs gegen das Zweistromland begründen wollte: gefälschte Beweise von angeblichen Massenvernichtungswaffen, die definitiv im Irak nicht existierten. Powell selber hat sich viel später für diese Lügen entschuldigt. „Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst“, das bleibt eine allgemeingültige Aussage.

Der Krieg gegen Irak, ohne Beschluss des Weltsicherheitsrats begonnen, war ein verbrecherisches Unternehmen. Die US-Armee hat im Irak panzerbrechende Munition mit abgereichertem Uran-Kern massenhaft eingesetzt, die toxische und radioaktive Verseuchung der Umwelt dort wird noch für Jahrzehnte Mißbildungen und Krankheiten gerade auch unter den Kindern verursachen. Die Zivilbevölkerung wurde und wird immer noch durch diesen Krieg massiv terrorisiert; nach Berechnungen der Vereinten Nationen sind etwa zwei Millionen Iraker seit 2003 aus dem Land geflohen, davon rund eine Million nach Syrien.

Seriöse Erhebungen, die etwa in der renommierten medizinischen Zeitschrift Lancet veröffentlicht wurden, gingen schon bis 2006 von etwa 600.000 direkten und indirekten Todesopfern unter der Bevölkerung aus, die allermeisten von ihnen, wie in allen modernen Kriegen, keine bewaffneten Kombattanten sondern Zivilisten. Hochrechnungen auf der Basis der Lancet-Studie kommen bis heute auf um die eine Million anzunehmende Todesopfer dieses sogenannten „War on Terror“. Wir haben als deutsche IPPNW die Ergebnisse dieser Untersuchungen in einer Broschüre unter dem Titel „Body Count“ noch einmal zusammengefasst, denn auch unsere deutsche Mainstream-Öffentlichkeit neigt zur Verleugnung dieser furchtbaren Tatsachen.

Viele Beobachter sind zu der Schlussfolgerung gekommen, dass die Hauptverantwortlichen für den Irak-Krieg, dass der damalige US-Präsident Bush, sein Vizepräsident Cheney und Verteidigungsminister Rumsfeld wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor das In­ter­na­ti­onale Gericht in Den Haag gestellt werden müssten.

Und ich persönlich meine: die US-Regierung sollte aufhören, im Namen der Men­schen­rechte neue Feldzüge zu propagieren. Wenn Men­schen­rechte nicht nur eine Propagandawaffe sein sollen, müssten stattdessen die massiven Kriegsverbrechen in Irak und auch in Afghanistan eingestanden und die Verantwortlichen in ihrem eigenen US-Machtapparat zur Verantwortung gezogen werden!

Das neue Mantra der US-Außenpolitik, die „Responsibility to Protect“, also die Verantwortung zum Schutz der Men­schen­rechte, sollte zuallererst im eigenen Machtbereich wirksam umgesetzt werden. Für bewaffneten Export ist diese Verantwortlichkeit nicht geeignet.

Kein Zweifel: die Soldaten sind Täter in diesen Kriegen, ohne sie könnten all diese Grausamkeiten nicht verübt werden. Aber sie sind gleichzeitig auch Opfer. Sie werden direkte Opfer der bewaffneten Kämpfe, aber sie werden auch psychisch zu Opfern der Demoralisierung und Gewalt. Bisher sind 6.300 US-Soldaten in Irak und Afghanistan gefallen, aber allein im vergangenen Jahr sind nach einem Bericht der New York Times 6.500 ehemalige GIs durch Selbstmord aus dem Leben geschieden. Unter den 20- bis 24-Jährigen, die in Irak und/oder Afghanistan eingesetzt waren, ist die Suizidquote fast viermal so hoch wie unter Gleichaltrigen, die nicht beim Militär waren, berichtet der große US-Sender CBS. Es wird geschätzt, dass bis zu 300.000 Veteranen unter dem PTSD leiden, dem Posttraumatischen Stress-Syndrom, das inzwischen auch unter den deutschen Afghanistan-Soldaten weit verbreitet ist. Ich vermute, dass die Gefahr einer solchen psychischen Schädigung umso größer ist, je weniger ein Sinn des lebensgefährlichen Einsatzes für die Betroffenen zu erkennen ist. Gewalt gegenüber eigenen Familienangehörigen und dem sozialen Umfeld ist ein weiterer Ausdruck der persönlichen Schädigung, denen die Soldaten bei diesen für sie sinnlosen Feldzügen ausgesetzt sind.

Deswegen ist die Arbeit von Chris und Meike Capps-Schubert so wichtig: mit dem Clearing Barrel-Café in der größten US-Garnison in Deutschland, in Kaiserslautern eine Anlaufstelle für die amerikanischen Soldaten anzubieten, wo sie verständnisvolles Gehör und Beratung über ihre Rechte und Möglichkeiten finden, gerade auch dann, wenn sie nach Wegen heraus aus der großen Gewalt-Maschine suchen. Meike Capps-Schubert ist eine langjährige Aktivistin der Bewegung gegen den Krieg. Schon 1991, während des ersten Irak-Kriegs der USA, unterstützte sie kriegsunwillige US-Soldaten in ihrer Heimatstadt Hanau, wo zu dieser Zeit noch eine große Garnison der US-Armee lag. Ab 2003 arbeitete sie im Military Counseling Network der Mennonitischen Kirche mit, einer Anlauf- und Beratungsstelle für GIs, die auf Distanz zur ihnen zugedachten Gewalt-Rolle gingen. Meike ist von Beruf Erzieherin, aber hat jetzt ihre Vollzeitstelle gekündigt, um sich in Kaiserslautern zusammen mit Chris ganz dem Aufbau des Treffpunkts und der Beratung für die US-Soldaten zu widmen.

Bei seiner Kundgebungs-Rede in Büchel 2008 hat Chris um ein stärkeres Engagement der deutschen Friedensbewegung für die Unterstützung der US-Soldaten geworben, die Wege aus Gewalt und Krieg suchen. Mit Recht weist er darauf hin, dass die in Deutschland stationierten GIs doch unsere Nachbarn sind, an deren Schicksal wir Anteil nehmen sollten. Es stimmt: „Teile und Herrsche“ ist immer die Devise undemo­kratischer Herrschaft, der wir - auch über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg - solidarische Unterstützung für die Überwindung des Kriegs, dieser „Geißel der Menschheit“, wie es die UN-Charta von 1948 sagte, entgegensetzen müssen.

Die Ehrung heute hier in Ingelheim ist ein guter Schritt in diese Richtung, in die wir weiter gehen müssen. Ich selber habe mich deshalb entschlossen, heute Mitglied im Verein Military Counseling Network zu werden.

Als Ärzte streben wir immer eine kausale Therapie an, also eine Krankheitsbehandlung, die nicht nur ein Symptom lindert, sondern die Ursachen identifiziert und angeht. Dies muss, so meine ich, auch für unsere Arbeit gegen den Krieg gelten. Langfristig müssen wir für die in­ter­na­ti­onale Durchsetzung des längst kodifizierten Völkerrechts sorgen, gegen die Willkür der Großmächte und der Supermacht. Wir brauchen eine friedensfähige Ökonomie, die nicht aus der Hochrüstung Profit schlägt und den Krieg zum lukrativen Geschäft macht. Es war ein ehemaliger General, US-Präsident Eisenhower, der 1958 bei seiner Abschiedsrede vor der Macht des „militärisch-industriellen Komplex“ warnte. Wir werden uns entscheiden müssen: Wollen wir eine Plutokratie, eine Herrschaft der Geldbesitzer und des großen Kapitals, oder werden wir unsere Demokratie auch auf die Ökonomie konsequent ausweiten, und damit erst eine wirklich demo­kratische und friedensfähige Gesellschaft möglich machen?

Das sind aus meiner Sicht notwendige, langfristige Ziele und Perspektiven der Arbeit und des Kampfs für den Frieden. Aber es geht immer auch um ganz unmittelbar-praktisches Handeln, wie es in der IPPNW zum Beispiel besonders beeindruckend von unserem Ehrenvorsitzenden Professor Ulrich Gottstein mit seiner „Kinderhilfe Irak“ beispielhaft gezeigt wird: die Vermittlung und Organisation von spezialisierten medizinischen Behandlungen in Deutschland für kriegsverletzte oder aus anderem Grund schwer kranke irakische Kinder, die sie in ihrer Heimat nicht erhalten können. Es sind solche ganz praktischen Zeichen der menschlichen Anteilnahme und Unterstützung, die wir für eine wahre Kultur des Friedens brauchen.

Und das ist auch der humane Geist, den Chris‘ und Meike Capps-Schuberts Projekt für die GIs auszeichnet: menschliche Zuwendung und konkrete Unterstützung, um sie der Brutalität militärischer Gewalt entgegenzusetzen.

Zum Abschluss einige Zeilen aus dem berühmten Gedicht von Wolfgang Borchert aus dem Jahr 1947, zwei Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs:

 

Dann gibt es nur eins!

Du Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen –sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!


Du, Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!


Das sind ganz praktische, alltägliche Handlungsvorschläge für den Frieden. Chris und Meike Capps-Schubert leben uns solch praktische Entschiedenheit persönlich vor. Dafür heute diese Ehrung, und dafür wollen wir sie auch weiterhin unterstützen!

 

Matthias Jochheim, Arzt und Psychotherapeut, lebt und arbeitet in Frankfurt und ist seit 2001 Mitglied im Vorstand der In­ter­na­ti­onalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung e.V. (IPPNW) Deutschland

Matthias Jochheim: Laudatio für Chris Capps-Schubert und Meike Capps-Schubert anlässlich der Verleihung des Rheinland-Pfälzischen Friedenspreises 2012, 1. Juni 2012 in Ingelheim.

Stichworte:    ⇒ Deutschland   ⇒ Friedenspreis   ⇒ Militär   ⇒ USA