Maikel Nabil Sanad - © Christopher Schwarzkopf

Maikel Nabil Sanad - © Christopher Schwarzkopf

„Die Tour war eine großartige Gelegenheit“

Maikel Sanad über die Ver­an­stal­tungs­reihe „Ägyptischer Frühling: Zwischen Revolution und Militärherrschaft"

Nach der Ver­an­stal­tungs­reihe „Ägyptischer Frühling: Zwischen Revolution und Militärherrschaft“ sprachen wir mit Maikel Nabil Sanad über seine Erfahrungen und Eindrücke. Er hatte gemeinsam mit seinem Bruder Mark Sanad vom 21. bis 31. Mai 2012 in Köln, Bremen, Berlin, Hamburg, Leipzig, Ulm, Lahnstein, Mainz, Landshut und Ravensburg auf Abendveranstaltungen über die Situation in Ägypten berichtet und die Aktivitäten der Gruppe No to Compulsory Military Service (Nein zum militärischen Zwangsdienst) vorgestellt. (d. Red.)

Welche Schwerpunkte habt Ihr auf den Veranstaltungen gesetzt?

Wir haben unsere Schwerpunkte auf die Themen gesetzt, die unseres Erachtens wenig Beachtung in ägyptischen und in­ter­na­ti­onalen Medien finden. Wir sprachen über die Kriegs­dienst­ver­weigerung in Ägypten, die Militarisierung der Schulen und wie das Militär in den demo­kratischen Prozess eingreift. Wir haben auch über die politischen Gefangenen gesprochen und besonders über die, die wegen Kritik an Religion oder Militär im Gefängnis sitzen. Uns ging es darum, die Aufmerksamkeit stärker auf diese Themen zu lenken. Und um das deutlicher zu machen, habe ich meine eigenen Erfahrungen geschildert. Ich erlebte, dass es die Menschen stärker anspricht, wenn sie von persönlichen Erfahrungen hören. So können sie realisieren, wie es ist, in einer Diktatur zu leben und gegen Militär und Militärherrschaft zu kämpfen.

Welche Reaktionen habt Ihr von den BesucherInnen auf den Veranstaltungen erhalten?

Die BesucherInnen waren sehr erfreut, nähere Informationen zu erhalten, da sie die Berichte der Medien als nicht ausreichend empfinden. Es war offensichtlich, dass sie detaillierter wissen wollten, was in Ägypten geschieht, wie sich die Situation von politischen Gefangenen wirklich darstellt, wie Militärgerichtsverfahren ablaufen, was die Gruppe der Kriegs­dienst­ver­weigerer macht, wie die demo­kratischen Veränderungen einzuschätzen sind und in welcher Weise sich das Militär einmischt. Es war gut, mit der Tour das Schweigen darüber zu brechen. All diese Dinge sind der Öffentlichkeit nicht gut genug bekannt.

Sind auch ÄgypterInnen zu Euren Veranstaltungen gekommen?

Einige kamen zu den Veranstaltungen. Manche von ihnen sind schon vor vielen Jahren aus Ägypten weggegangen. Einige hatten sich für meine Freilassung eingesetzt und waren nun sehr froh, mich selbst sehen zu können. So konnten sie erleben, dass ihre Aktivitäten Wirkung gezeigt und etwas bewirkt haben. Und die meisten von ihnen reagierten positiv auf meine politische Analyse und meine Erwartungen bezüglich der Situation in Ägypten. Es gibt keine wirkliche Demokratie, das hat auchdie vom Militärrat verordnete Auflösung des Parlaments gezeigt, die kurz nach der Tour veranlasst wurde. Das Militär ist nicht wirklich bereit, Demokratie zuzulassen. Wichtig war ihnen auch meine Einschätzung zum Verhältnis von Militär und Islamisten in Ägypten und wie sich dies auf den demo­kratischen Prozess im Land auswirken wird.

Konntet Ihr neue Kontakte auf der Tour aufbauen?

Ja, wir haben versucht, so viele Kontakte aufzunehmen, wie möglich. Die Tour war eine großartige Gelegenheit dazu, die verschiedensten Gruppen mit den unterschiedlichsten Hintergründen kennenzulernen. Da gab es ältere Aktive, die schon seit dreißig oder vierzig Jahren arbeiten. Andere, insbesondere von Gruppen von Amnesty In­ter­na­ti­onal, haben vor ein paar Jahren mit den Aktivitäten begonnen. Es gab Gruppen mit religiösem Hintergrund, andere, die Friedensaktivitäten oder Flüchtlinge unterstützen. Es war uns sehr wichtig zu sehen, wie Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen für ähnliche Ziele arbeiten.

Für die Arbeit zur Kriegs­dienst­ver­weigerung war es gut, die Erfahrung von Aktiven in Deutschland zu hören. Wir arbeiten erst seit drei Jahren zu diesem Thema. Es ist sehr hilfreich, auf die Erfahrungen zurückgreifen zu können und zu sehen, welche Ansätze erfolgreich waren. So ist es auch möglich, Fehler zu vermeiden.

Und es war mir sehr wichtig, PolitikerInnen zu treffen, wie auch Men­schen­rechtsaktivisten, die auf in­ter­na­ti­onaler Ebene tätig sind. Sehr gut war es auch, auf der Jahrestagung von Amnesty In­ter­na­ti­onal sein zu können.

Hast Du Vorschläge zur Verbesserung solch einer Ver­an­stal­tungs­reihe?

Es war sehr anstrengend, am selben Tag zu reisen und am Abend eine Veranstaltung durchzuführen. Vielleicht wäre es besser, dafür jeweils zwei Tage Zeit zu haben. Problematisch war auch, dass wir nicht überall Zugang zum Internet hatten. So sprachen uns die BesucherInnen auf den Veranstaltungen zu aktuellen Ereignissen in Ägypten an, von denen wir gar nichts wussten. Und dann gab es noch das Problem mit der Übersetzung: Nicht jeder, der arabisch spricht, kennt sich wirklich mit den politischen Begrifflichkeiten aus. Das war zum Teil wirklich schwierig. Ich weiß nicht, wie sich das Problem lösen lässt, aber es wäre sicher sinnvoll, hier eine bessere Lösung zu finden.

Du wirst nun in Deutschland studieren. Welche Pläne hast Du für die nächsten zwei Jahre?

Zunächst will ich mich darauf konzentrieren, ein Buch über meine Erfahrungen als politischer Gefangener zu schreiben. Meines Wissens gibt es solche Erfahrungsberichte aus Ägypten schon seit zwei Jahrzehnten nicht mehr. Und es muss unbedingt geschrieben werden. Ich will darin auch über meine Friedensaktivitäten berichten und über meine Kriegs­dienst­ver­weigerung.

Ein weiteres mir wichtiges Anliegen ist, den Aktivisten in Ägypten die Möglichkeit zu eröffnen, von den Erfahrungen in Europa zu profitieren. Wie war es in den verschiedenen Ländern möglich, demo­kratische Gesellschaften zu entwickeln, Freiheit zu erhalten und Frieden zu schaffen?

Hier in Deutschland wäre es wichtig, Druck auf die Regierung auszuüben, um die Waffenexporte an Diktaturen zu beenden, keine Waffen an Ägypten oder Saudi-Arabien zu liefern.

Interview mit Maikel Nabil Sanad: „Die Tour war eine großartige Gelegenheit“ - Maikel Nabil Sanad berichtet über die Veranstaltungsreihe „Ägyptischer Frühling: Zwischen Revolution und Militärherrschaft“. 21. Juni 2012. Die Fragen stellte Connection e.V. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe September 2012

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