15. Mai: Internationaler Tag der Kriegsdienstverweigerung

15. Mai: Internationaler Tag der Kriegsdienstverweigerung

Türkei: Tag der Kriegsdienstverweigerung - Sicherheit oder Freiheit?

von Halil Savda

(14.05.2012) Die Kriegs­dienst­ver­weigerung, die es vor 200 Jahren in anderen Teilen der Welt zum ersten Mal gab, ist nun auch in der Türkei sichtbar geworden. Aber die Geschichte des Ottomanischen Reiches  - mit dem Mythos der „Armee des Propheten“ - und der Republik Türkei - mit dem Mythos „Jeder Türke ist als Soldat geboren“ - sind voll von Geschichten individueller und kollektiver Entziehung vom Militärdienst, als wollten sich diese über die Mythen lustig machen.. Auch meine eigene Familiengeschichte ist voll davon. Mein Großvater Ali entzog sich sieben Jahre lang der Wehrpflicht. Er floh oft aus dem Militär. Zu Zeiten meines Großvaters gab es keine Kriegs­dienst­ver­weigerungsbewegung, aber er wusste, wie er seinem Gewissen entsprechend handeln musste. Ich nahm einen anderen Weg. Wie andere Kriegs­dienst­ver­weigerer erklärte ich meine Weigerung, zu töten und getötet zu werden, in der Öffentlichkeit.

In der Türkei wurde diese Bewegung von Anarchisten initiiert. 1989, als Tayfun Gönül und Vedat Zencir ihre Kriegs­dienst­ver­weigerung erklärten, befand sich die Türkei in einem heftigen Bürgerkrieg. Dörfer wurden entvölkert, Morde wurden offen mitten auf der Straße begangen, die niemals aufgeklärt wurden. In den Auseinandersetzungen wurden Soldaten, Guerillas und Zivilisten getötet, alles unter eine hohlen nationalistischen Rhetorik.

Aus diesem Grund zeigte der Slogan „Wir werden nicht töten, wir werden nicht sterben, wir werden Niemandes Soldat sein“ den Charakter und den intellektuellen Hintergrund der Kriegs­dienst­ver­weigerungsbewegung in der Türkei. Dieser Slogan ist gegen Krieg gerichtet, antimilitaristisch und von seiner Natur her pazifistisch. Der Slogan „Verweigere, Widerstehe, Sag Nein, Geh nicht zur Armee“ ist der Ausdruck eines überzeugten Standpunktes und des mutigen Widerstandes gegen Unterdrückung.

In den 1990ern wurde die Kriegs­dienst­ver­weigerung mit Osman Murat Ülke sehr bekannt. In İzmir und İstanbul wurde der Verein der KriegsgegnerInnen gegründet. Die Gruppierung wurde sehr stark von einzelnen Personen der Sozialisten, Anarchisten und von KriegsgegnerInnen unterstützt.

Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts wurden in der Öffentlichkeit Namen wie Mehmet Tarhan, Mehmet Bal, Enver Aydemir, İnan Süver und Muhammed Serdar Delice bekannt. Heute gibt es in der Kriegs­dienst­ver­weigerungsbewegung Sozialisten, Zeugen Jehovas, Islamisten, Kurden, Frauen und sogar Nationalisten. Das Spektrum ist viel größer geworden. Die Bewegung ist stärker, weil der Kampf Unterstützung aus allen Teilen der Gesellschaft erhält.

In der Zukunft werden die Generäle mit ihren Epauletten auf der Schulter und ihren ausgefallenen Orden, die um ihren Hals hängen, nicht die Geschichte schreiben können; es werden PazifistInnen sein, und Männer und Frauen, die den Kriegsdienst verweigern.

Auf dem In­ter­na­ti­onalen Treffen zur Kriegs­dienst­ver­weigerung, das im Juli 1993 in Milas im Bezirk Muğla mit 90 TeilnehmerInnen aus 40 Ländern stattfand, wurde beschlossen, dass der 15. Mai als In­ter­na­ti­onaler Tag der Kriegs­dienst­ver­weigerung gefeiert wird. Das erste Mal geschah dies 1997.

Der 15. Mai wird dieses Jahr in der Türkei gefeiert und mit ihm eine dreißigjährige Geschichte der Kriegs­dienst­ver­weigerung. Die Veranstaltungen und Aktionen, die über neun Tage hinweg stattfinden, werden mit dem Verteilen von Broschüren vor dem Galatasaray Gymnasium (Istanbul) beginnen. Auf den Veranstaltungen wird es um folgende Themen gehen:

- Kinder in Krieg

- Kriegs­dienst­ver­weigerung aus islamischer Perspektive

- Politik gegenüber Kriegsgefangenen

- Kriegs­dienst­ver­weigerungsrecht

- Zweifelhafte Todesfälle von Soldaten

- Weder Schule noch Kasernen

- Wo sind die Frauen in einem Krieg?

- Trau nicht dem Militarismus

In einer Fotoausstellung, die erneut gezeigt werden wird, sind Kriegs­dienst­ver­weigerer zu sehen. Die Veranstaltungen enden am 20. Mai mit einer Demonstration mit Redebeiträgen von Kriegs­dienst­ver­weigerern.

Eine Woche lang wird das Verhältnis von Sicherheit, Freiheit und Frieden diskutiert werden. Weniger Sicherheit - mehr Freiheit! Weniger Sicherheit - mehr Frieden! Wir leben in einem typischen Sicherheitsstaat. Unsere Forderung nach mehr Freiheit wendet sich gegen dieses Verständnis von „Sicherheit“ und gegen die Strukturen dieser „Sicherheit“. Als Beispiel sei auf das kurdische Problem verwiesen: Es kann nicht mit mehr Sicherheitsvorkehrungen gelöst werden, sondern nur mit mehr Freiheit und Frieden. Mehr Frieden und Brot... - weil der Lebensunterhalt, der Schweiß und das Geld des Volkes in Waffen gesteckt wird, in Soldaten, in den Sicherheitsapparat. Mehr Sicherheit bedeutet mehr Waffen und weniger Brot.

Die Plattform 15. Mai, die die Veranstaltungen organisiert, schrieb in ihrer Erklärung: „Als Kriegs­dienst­ver­weigerer, KriegsgegnerInnen und AntimilitaristInnen werden wir unsere Haltung gegen den Krieg deutlich machen, der derzeit stattfindet. Wir werden uns mit den Veranstaltungen gegen den Militarismus wenden und unsere Haltung weiterentwickeln.“ Die Erklärung stellt auch fest, dass es den Militarismus überall gibt und er einen großen Einfluss hat. Es wird auch auf ein militaristisches Gesetz hingewiesen, das die „Distanzierung des Volkes vom Militär“ unter Strafe stellt und mit dem Menschen ins Gefängnis geworfen werden.

Es ist inzwischen schon Tradition, dass alljährlich am Tag der Kriegs­dienst­ver­weigerung Verweigerer ihre Erklärungen öffentlich machen. So wird es auch in diesem Jahr sein.

Die Regierungen verkaufen uns ihre Sicherheitspolitik und ihren Apparat als die einzige Wahrheit. Kriegs­dienst­ver­weigerer, AntimilitaristInnen und KriegsgegnerInnen wissen, dass eine freie und friedliche Welt möglich ist. Sie werden uns diese Botschaft eine Woche lang näher bringen.

Halil Savda: Dünya Vicdani Retçiler Günü: Güvenlik mi özgürlük mü? Kolumne in Yeni Özgür Politika, 14. Mai 2012. Übersetzung aus dem Englischen: rf. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe September 2012

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