Israel/Palästina

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Israel: ’Einer der Jungs’ - über die Wehrpflicht für junge Frauen

von Sahar Vardi

(15.05.2013) Seit seiner Gründung gibt es in Israel die Wehrpflicht sowohl für Männer als auch Frauen. Man ist national und in­ter­na­ti­onal stolz auf das relativ geschlechtergleiche Militär, bei dem Frauen genauso wie Männer zu der Gesellschaft beitragen und ihren Wert unter Beweis stellen können. Die durch das Militär dargestellte anscheinende Gleichheit der Geschlechter provoziert eine besondere feministische Perspektive zur Wehrpflicht von Frauen.

Als ich ungefähr elf war hing im Zimmer meines Bruders ein Poster mit einer Kampfsoldatin im Training, die einen Soldaten auf ihrem Rücken trug und so die Evakuierung eines verletzten Kameraden im Kampf simulierte. Damals beschloss ich, eine Kampfsoldatin zu werden; ich wollte den Männern beweisen, oder vielleicht auch mehr mir selbst, dass ich die gleichen Dinge tun konnte wie sie. Zugleich wusste ich, dass ich gegen die israelische Militärbesatzung der Palästinenser war – dass Gewalt nichts war, was ich auf irgendeine Weise fördern wollte. Aber die Gelegenheit, mich selbst auf diesem sehr männlich dominierten Gebiet den Männern zu beweisen, war attraktiver. Mit der Zeit bin ich da herausgewachsen, als sich mein Verständnis für Feminismus und Gleichstellung entwickelte. Aber es gibt immer noch Zeiten, zu denen ich mich auf emotionaler Ebene genauso fühle und die gleiche Bewunderung für diese es mit den Männern aufnehmenden Kampfsoldatinnen empfinde.

Historisch gesehen wurden bei der Heroisierung der Kämpfer gewöhnlich Frauen übersehen. Während feministische und antimilitaristische Bewegungen versuchten, das Konzept der Heroisierung anzugehen, scheint das israelische Militär die Teilnahme von Frauen im Kampf zu fördern, zumindest dem Schein nach. Die Wehrpflicht für Frauen beim israelischen Militär ist nicht nur ein Teil der allgemeinen Wehrpflicht in Israel – und des Gedankens ‚alle gehen‘ – sondern wird auch besonders als eine auf Gleichstellung der Geschlechter und deren Förderung basierende Politik hervorgehoben. Das zu 34% aus Frauen bestehende Militär ist stolz darauf, dass 88% der Stellen in der Armee für Frauen offenstehen und Frauen am Kampf teilnehmen können.

Diese Illusion von Gleichstellung dient zwei Zwecken. Der erste: Motivierung junger Frauen zum Dienen, indem man ihnen zeigt, dass das Militär der Platz für sie ist, um zu beweisen, dass sie hinsichtlich ihrer Pflichten und Leistungen den Männern gleichwertig sein können. Die Tatsache, dass Hunderte von Soldatinnen jedes Jahr über sexuelle Belästigungen beim Militär klagen, wird normalerweise übergangen. Laut Militärforschung im Jahre 2002 wurden 80% der Soldatinnen während ihres Militärdienstes sexuell belästigt. Der zweite Zweck: Die Illusion der Gleichstellung ist ein Teil der Legitimierung des Militärs, sowohl für sich selbst als auch für den Rest der israelischen Gesellschaft und für die in­ter­na­ti­onale Gemeinschaft.

Die israelische Armee ist stolz darauf, ‚die moralischste Armee der Welt‘ zu sein.1 Damit werden insbesondere Kampfeinsätze der israelischen Armee legitimiert, indem man erklärt, dass zivile Opfer, Verletzungen und Sachschaden bei „militärischen Operationen“ gerechtfertigt sein müssen, da israelische Soldaten unter den gegebenen Umständen auf die moralischste Art und Weise agieren. Nach dem Angriff auf Gaza im Jahre 2009 (Operation Cast Lead) antwortete der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak auf die Zeugenaussagen von Soldaten hinsichtlich des Leids, das Zivilisten angetan wurde, mit der Behauptung: „Wir haben die moralischste Armee auf der Welt. Ich verbrachte Jahrzehnte in Uniform. Ich weiß, was in Jugoslawien passierte, in Afghanistan und im Irak. Und ich sage Ihnen, dass – vom Personalchef bis zum letzten Soldaten – der israelischen Regierung die moralischste Armee der Welt zur Verfügung steht. Ich habe keinen Zweifel, dass jeder einzelne Vorfall überprüft wird.“2

Um diese Behauptung aufrechtzuerhalten, muss die israelische Armee jedoch anscheinend einen höheren moralischen Standard haben als die Leute, die sie bekämpft; nicht nur an der Front, sondern auch in ihren Kernwerten. Aus diesem Grund gibt die Wehrpflicht für Frauen und die Illusion von Gleichstellung der Frauen im militärischen System, zusammen mit der Wehrpflicht für Homosexuelle, der Armee moralisches Oberwasser – was die Werte des „Westens“ angeht – im Vergleich zu anderen Armeen auf der Welt und insbesondere im Nahen Osten. Und so kann das israelische Militär und die israelische Gesellschaft die Wehrpflicht für Frauen als progressiven Schritt zur Befreiung der Frauen feiern.

Die andere Seite ist, dass die Frauen-Friedensbewegung in Israel jahrzehntelang eine dominante Stimme in der allgemeinen Friedensbewegung hatte und mit ihrer einzigartigen Stimme die Politik beeinflussen konnte. Es war interessant zu sehen: Eine militarisierte Gesellschaft sprach den Frauen in ihrer Rolle als Mütter, die sich um ihre Soldaten kümmern, eine dominante Rolle zu. Die Frauen nutzten dies, um das Ende des Krieges und die Rückkehr der Soldaten zu fordern, eine Strategie, die die Bewegung der Vier Mütter3 erfolgreich einsetzte, um den endgültigen Rückzug aus dem Libanon im Jahre 2000 zu erreichen.

Andere feministische Friedensbewegungen gingen einen anderen Weg und stellten die Rolle in Frage, die ihnen als Unterstützerinnen und Ausbilderinnen zukünftiger Soldaten gegeben war. Sie bildeten Gruppen wie Women in Black, New Profile, the Women‘s Coalition for Peace und noch viele weitere, die alle weiterhin eine klare, feministische Stimme gegen die Besatzung und die Militarisierung der israelischen Gesellschaft erheben.

Im Jahre 2005 verweigerte Idan Halili, eine neunzehnjährige Israelin, den Militärdienst, indem sie erklärte: „Eine stark patriarchalische Institution, wie die Armee, betont nur die Marginalität der Frauen und die Überlegenheit männlich identifizierter Werte. (...) Man könnte sagen, dass in der ganzen Armee eine Stimmung sexueller Belästigung herrscht. Und somit kommt die Aufforderung an eine Frau, zur Armee zu gehen, der Aufforderung gleich, sexueller Belästigung gewachsen zu sein. Ich als Feministin meine, ich muss die Ableistung des Militärdienstes vermeiden und dahingehend handeln, dass der Einfluss der Armee auf die Zivilgesellschaft begrenzt und reduziert wird.“

Heute arbeiten wir als Mitglieder israelischer feministischer Bewegungen auf eine Entmilitarisierung der israelischen Gesellschaft hin. Wir erheben eine alternative feministische Stimme, die sowohl das vorhandene Patriarchat in der Armee und seine Auswirkung auf Frauen hervorhebt als auch unsere Alternative vorstellt – eine feministische Stimme für den Frieden.

Fußnoten

1 Dieser Satz wurde von zahlreichen israelischen Politikern und Generälen wiederholt, in den letzten Jahren auch von dem ehemaligen Premierminister Ehud Barak, der jetzt Verteidigungsminister ist; dem ehemaligen Personalchef der Armee Gabi Ashkenazi; dem ehemaligen Premierminister Ehud Olmert und vielen anderen.

2 Shahar Ilan & Fadi Iadath, ‚Barak: we have the most moral military, every incident will be investigated‘, Haaretz News, 20.3.2009, www.haaretz.co.il/news/politics/1.1251460

3 Four Mothers: www.4mothers.org.il/peilut/backgrou.htm

 

Sahar Vardi: ‚One of the boys‘ – on the conscription of women to the Israeli military. Veröffentlicht in: WRI: Das Zerbrochene Gewehr, Mai 2013. Quelle: www.wri-irg.org/de/node/21785. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe Juni 2013

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