Israel/Palästina

Israel/Palästina

Israel hat seinen moralischen Mut vergessen

von Daniel Barenboim

Die Inhaftierung von Kriegs­dienst­ver­weigerern aufgrund ihrer Opposition zur Besatzung weist nicht nur auf die Ungerechtigkeit der israelischen Politik gegenüber den PalästinenserInnen hin, sondern auch auf die bedauernswerte Abkehr von einer großen moralischen Tradition der Juden.

Seit vielen Jahren bin ich tief besorgt über die Haltung der israelischen PolitikerInnen und Bürger zum israelisch-palästinensischen Konflikt. Ich bin ebenso besorgt, sowohl direkt als auch indirekt, über die moralische Qualität des Lebens, der geistig-moralischen Verfassung in Israel. Über viele Jahrhunderte stand das jüdische Volk in der ganzen Welt für eine große Tradition moralischer Werte. Es war diese Tradition, die den vielen verschiedenen jüdischen Gemeinschaften eine gemeinsame Identität verlieht. Sie war beispielgebend bei der Sensibilität und des ethischen Verhaltens gegenüber Menschen, die nicht den Juden angehörten und nicht antisemitisch waren. Sie war ein Angelpunkt, um das Überleben der jüdischen Kultur sicherzustellen.

Die andere Qualität, die eine Basis für das Überleben der Juden bildete, war der Mut. Es war tatsächlich eine Kombination von moralischer Kraft, Zivilcourage und unnachahmlichem jüdischen Humor, der Juden vom Römischen Reich bis heute am Leben hielt. Aber wie wir wissen, kann jede Charakteristik verschiedene Rollen in unterschiedlichen Situationen spielen: Der Widerstand eines Juden gegen die Unterdrücker in der spanischen Inquisition, die russischen Pogrome oder den Holocaust waren Ausdruck von Mut und innerer Stärke. Aber die Verachtung und Arroganz eines Israelis gegenüber den PalästinenserInnen an einem Checkpoint heute ist eine ganz andere Sache.

Die Ereignisse um Natan Blanc sind ein exzellentes Beispiel für den Wert genau dieser Zivilcourage, die leider von so vielen vergessen worden ist. Erfreulicherweise wurde Natan Blanc nach 178 Tagen Haft aus dem Gefängnis entlassen, die er verbüßte, weil er sich wegen der Besatzung weigerte, zur Armee zu gehen. Auch wenn ich es begrüße, dass er freigelassen wurde: Ich halte 178 Tage Gefängnis für 178 Tage zu viel.

In anderen Demokratien wird jungen Männern und Frauen die Wahl gelassen, auf welchem Weg sie ihrem Land und ihrer Gesellschaft dienen. Aber in Israel, das in anderen Bereichen demo­kratisch ist, führt die Ent­schei­dung, nicht zur Armee zu gehen, ins Gefängnis. Ultra-orthodoxe Juden können ihre Religion als rechtmäßigen Grund angeben, um nicht zu dienen. Natan Blanc verweigerte sich aber dieser Möglichkeit, weil er seine wirkliche Motivation offenlegen wollte. Das Beispiel zeigt einmal mehr, dass die Frage der Sicherheit zu einer gefährlichen fixen Idee in Israel geworden ist; es ist ein hochpolitisiertes Thema, das die israelische Gesellschaft lähmt. Die Tatsache, dass ein junger Mann wegen seiner Kriegs­dienst­ver­weigerung zu Gefängnisstrafen verurteilt wurde, zeigt, dass die gegenwärtige israelische Politik nicht nur gegenüber den PalästinenserInnen ungerecht ist – sie führt auch zu einem beklagenswerten Niedergang der zivilen Moral unter Israelis.

Die militärische Besatzung und Besitzergreifung palästinensischen Landes kann in meinen Augen als nichts anderes angesehen werden, als ein Ausdruck der völligen Missachtung elementarer Gerechtigkeit, die den PalästinenserInnen zusteht. Die Ungerechtigkeit und verabscheuungswürdigen Grausamkeiten der Welt gegenüber dem jüdischen Volk können nicht dadurch ausgelöscht oder kompensiert werden, eine andere Ungerechtigkeit zu begehen. Das ist die Lektion, die ich von großen jüdischen Vordenkern wie Maimonides oder Spinoza gelernt habe. Deshalb glaube ich, dass es die Verantwortung der Israelis ist, Wege zu finden, um eine bessere Zukunft gemeinsam mit den PalästinenserInnen aufzubauen, entweder zusammen oder Seite an Seite. Aber ganz bestimmt nicht Rücken an Rücken.

Wir sollten nicht vergessen, dass die jüdische Bevölkerung in Palästina vor hundert Jahren nur 15% der gesamten dort lebenden Bevölkerung ausmachte. Der jüdische Traum nach Unabhängigkeit auf diesem Land ist einer der schönsten Träume der Geschichte. Aber wir wissen, dass Traum und Realität nicht immer Hand in Hand gehen. Das Land in Palästina war nicht leer. Der Mythos von „einem Volk ohne Land für ein Land ohne Volk“ ist schlicht und einfach nicht wahr. Was seitdem geschehen ist, ist Geschichte und wir können die Uhr nicht zurückdrehen. Aber meiner Ansicht nach ist es unbedingt erforderlich, sich an die Vergangenheit zu erinnern als etwas, das zur Gegenwart führte und uns Hinweise darauf geben kann, wie wir eine bessere Zukunft erreichen können.

Daniel Barenboim ist Dirigent der La Scala, der Berliner Staatsoper und der Staatskapelle Berlin. Zusammen mit dem verstorbenen Edward Said gründete er das West-Eastern Divan Orchestra, ein in Sevilla beheimatetes Orchester mit jungen arabischen und israelischen MusikerInnen.

Daniel Barenboim: Israel has forgotten its moral courage. Ha’aretz, 16. Juni 2013. Übersetzung: rf

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