Norwegen: Wehrpflicht für Frauen

von Ellen Elster

(25.07.2013) Am 14. Juni 2013 hat das norwegische Parlament beschlossen, die Wehrpflicht für Frauen einzuführen. Die Frage stand in diesem Frühjahr bei allen Jahrestreffen der politischen Parteien auf der Tagesordnung, angeführt von Frauen aus der jungen Generation. Das Überraschendste angesichts der Situation in Norwegen ist, dass die jungen Frauen aus der Sozialistischen Partei ganz vorne mit dabei waren, um dazu aufzurufen, obwohl diese Partei – und insbesondere die junge Generation – in der Vergangenheit eindeutige antimilitaristische Positionen bezogen hatte. Nun ist ihr wichtigstes Argument, dass Frauen die gleichen Rechte haben sollten – und auch die gleichen Pflichten – wie Männer.

Was ist geschehen? Warum ist es so wichtig, die Wehrpflicht für Frauen einzuführen? Was ist mit den bisherigen feministischen Positionen geschehen, die auf Werten wie Würde gründeten, sich gegen Patriarchat und Hierarchie richteten und nicht automatisch die Gleichheit auf Grundlage der Vorgaben einer männlich dominierten Gesellschaft vorsahen?

Zum Hintergrund

In Norwegen können Frauen zu allen Einheiten des Militärs gehen und alle Positionen erreichen. Sie können sich auch auf freiwilliger Basis zum Militärdienst wie Wehrpflichtige einberufen lassen. Aber ab 2015 wird es keine Wahl mehr geben, sondern eine Pflicht sein. Bereits seit 2010 müssen sich junge Frauen erfassen lassen. Das Militär hat das Ziel, noch vor 2020 ein Viertel der Ränge mit Frauen zu besetzen – heute sind es nur 8-10%. Wie in vielen anderen Ländern, wo Frauen im Militär sind, leiden sie unter Schikanen und insbesondere sexuellen Belästigungen. Untersuchungen zeigen, dass die Verantwortlichen diesbezüglich wenig unternehmen.

Das norwegische Militär ist praktisch eine Berufsarmee.1 Nur sehr wenige Männer werden einberufen, ungefähr ein Viertel eines Jahrgangs. Das bedeutet, dass in Zukunft auch sehr wenige Frauen einberufen werden. Aus militärischer Sicht wird es einfacher sein, Frauen und Männer aus der Gruppe der Wehrpflichtigen zu finden, die die notwendigen Qualifikationen für eine hoch-technisierte und professionelle Armee haben. Die Verteidigungsministerin Anne-Grethe Strøm-Erichsen dazu: „Wir führen die Wehrpflicht für Frauen und Männer nicht ein, weil wir mehr Soldaten brauchen, sondern weil wir die Besten brauchen.“

Die Wehrpflicht ist in der norwegischen Gesellschaft als Teil der Demokratie tief verankert! Alle norwegischen Männer, und nun also auch Frauen, sind gleich wichtig bei der Verteidigung des Landes, wird gesagt. Wenn die Wehrpflicht aufgehoben würde, würde etwas Grundlegendes fehlen, so zumindest die Überzeugung. Eine Berufsarmee ist undenkbar. Die Tatsache, dass Norwegen heutzutage fast eine Berufsarmee hat: Darüber wird nicht gesprochen. Es könnten sich Fragen auftun wie: Wie demo­kratisch ist die Wehrpflicht, wenn doch nur ein Viertel der Männer einberufen wird – und in Zukunft wahrscheinlich noch weniger Frauen? Wie demo­kratisch ist die Wehrpflicht, wenn es um die Einbeziehung von Wehrpflichtigen in Ent­schei­dungsprozesse und Militärstrategien geht?

Verschiedene Argumente

Die Auffassungen zur Wehrpflicht von Frauen scheinen eine Generationenfrage zu sein. Die älteren Frauen sind dagegen, da Frauen immer noch andere Lasten in der Gesellschaft tragen, wie Geburt und Erziehung der Kinder. Es wurden eine ganze Reihe von Maßnahmen getroffen, um Männern die Möglichkeit zu geben, sich um die Kinder zu kümmern, aber es sind immer noch mehr Frauen, die dies tun. Die jüngere Generation denkt, dass es höchste Zeit ist, dass Frauen männliche Domänen erobern, wie das Militär.

Ein anderes Argument ist, dass das Militär ein Bereich für Ausbildung und Arbeit ist. Die Wehrpflicht ist ein Weg, um Jobs zu bekommen. Es wird gesagt, dass es nicht fair ist, dass Frauen nicht den gleichen Zugang dazu haben, wie Männer, dass das Militär ein Symbol der Macht in der Gesellschaft darstellt und dass Frauen die Möglichkeit haben sollten, an dieser Macht zu partizipieren.

Ein weiteres Argument, benutzt vom Militär selbst, kann in der UN-Resolution 1325 zu Frauen, Frieden und Sicherheit gefunden werden. Hier wird argumentiert, dass eine zunehmende Zahl von Frauen im Militär dazu dient, diese Resolution in Norwegen umzusetzen. Dafür gäbe es zwei wesentliche Gründe. Zum einen brächten Frauen eine andere Perspektive und andere Werte in das Militär ein und würden etwas anderes als das Militär darstellen. Damit würde das Militär „weicher“ und ein menschlicheres Bild erhalten.

Zum anderen würden mehr Frauen im Militär diesem die Möglichkeit bieten, Frauen in Konflikten in anderen Ländern, bei denen die NATO-Streitkräfte eine Rolle haben, die Hand zu reichen. Um dies zu fördern, hat Norwegen eine Frau damit beauftragt, im NATO-Hauptquartier als Geschlechterberaterin tätig zu sein. Hiermit versucht das Militär, sich selbst als Friedensorganisation darzustellen. Nicht vermittelt werden die Kriegstätigkeit und die Besatzung. Ein Beispiel dafür ist die Diskussion um die Teilnahme norwegischer Truppen an der NATO-Besatzung in Afghanistan. Es wird argumentiert, dass diese teilweise für die Frauen in Afghanistan und ihre Rechte erfolgte. Es sei deshalb wichtig, Frauen ins norwegische Militär einzuberufen, um besser afghanische Frauen erreichen zu können.

Das Militär benutzt ein doppeltes Argument zur Frage der Frauen im Militär: Frauen seien den Männern gleich, und Frauen seien von den Männern verschieden. Auf der einen Seite könnten Frauen „einer der Jungs“ sein, auf der anderen Seite brächten Frauen eine andere Perspektive ein, eine weibliche und fürsorgende Seite, die das Militär „weicher“ mache und ein menschlicheres Gesicht gäbe. In der Realität herrscht die erste Perspektive vor. Frauen müssen das gleiche Training wie Männer absolvieren – eine harte körperliche Ausbildung, um fit für das Aufeinandertreffen mit dem Feind zu sein. Und es ist die männliche Kultur, die das Sagen hat. Wie können weibliche Werte der Fürsorge in eine patriarchale und militärische Struktur eindringen? Eine norwegische Forscherin, Berit von der Lippe, hat sich in mehreren Artikeln mit der militärischen Rhetorik befasst. Sie betont, dass das Argument der Gleichstellung und dass Frauen einen Unterschied machen würden nicht die Tatsache benennt, dass es um militärische Operationen im Ausland im Auftrag der UN, für KFOR, NATO usw. gehe und nicht um menschliche Sicherheit oder um einen Beitrag zu Frieden und Konfliktlösung, wie es das Militär suggeriert.

Welche Art Feminismus?

Die oben genannten Argumente für eine Wehrpflicht für Frauen sagen auf der einen Seite, dass Frauen den Männern „gleich“ seien und zugleich eine Differenz repräsentierten. Was in dieser Diskussion fehlt sind die Werte und die Ziele des Militärs – und die Frage, auf welchen Werten wir unsere Gesellschaft zu gründen wünschen. Es mutet insbesondere seltsam an, dass bei den jungen sozialistischen Frauen auch das Ziel fehlt, die Gesellschaft zu verändern. Sie wollen Frauen militarisieren, statt Männer zu entmilitarisieren. Das ist schwer zu verstehen. Ich frage mich, was am Ende des letzten und am Anfang diesen Jahrhunderts geschehen ist oder falsch lief.

Für mich bedeutet Feminismus, wie wir es in den 1970ern und 1980ern entwickelt haben, Werte der Gewaltfreiheit: nicht-hierarchisch und nicht-aggressiv. Unsere Ziele sollen die Struktur von Gehorsam und Unterordnung herausfordern. Radikaler Feminismus stand in Übereinstimmung mit den Prinzipien der Gewaltfreiheit. Wir sprachen über Befreiung – nicht darüber, gleich zu sein. Unser Kampf bestand darin, den sozialen Werten und Frauenarbeit, z.B. der Fürsorge, einen höheren Status zu geben.

Was also geschah in den letzten 30 bis 40 Jahren? Warum haben die radikalen Frauenwerte keine Gültigkeit mehr? Es würde zu viel Platz beanspruchen, diese Fragen zu reflektieren. Deshalb will ich nur ein paar Elemente benennen:

  • Ideen der feministischen Bewegung wurden von der staatlichen Bürokratie aufgegriffen und so zu einem „staatlichen Feminismus“. Das wurde insbesondere durch die Regierung von Gro Harlem Brundtland gefördert, in der 40% Frauen waren. Bessere Kinderversorgung und Mutterschaftsurlaub ermöglichten es Frauen zu arbeiten;
  • Die Förderung der Gleichstellung von Frauen, die Übernahme von Führungspositionen, Vorstandsämtern und männlich dominierten Beschäftigungen durch Frauen;
  • Die Reduzierung des Feminismus' auf nicht-politische Inhalte;
  • Eine Änderung der politischen Ideologie, bei der liberale Politik und Individualität (verstanden als Egozentrismus) eine stärkere Position erhielten, gemeinsam mit Konsumorientierung, Wettbewerb und Materialismus.

Früher hat der Feminismus die Strukturen der Gesellschaft in Frage gestellt und Patriarchat und militärische Funktionen sichtbar gemacht. Feministinnen wollten dies mit Gewaltfreiheit ändern und probierten andere Lebensentwürfe aus. Diese grundsätzlichen Fragen sind verschwunden, das zeigt der heutige Feminismus in Norwegen.

Fußnote

1 Die Autorin verweist hiermit auf die Tatsache, dass die Wehrpflichtigen in der norwegischen Armee nur einen geringen Teil der Mannschaftsstärke ausmachen. Der überwiegende Teil Ränge wird durch BerufssoldatInnen besetzt (Anm. d. Ü.).

 

Ellen Elster lebt in Norwegen, war viele Jahre Vorstandsmitglied der War Resisters‘ In­ter­na­ti­onal (WRI) und ist aktiv in der Frauenarbeitsgruppe der WRI.

Ellen Elster: Conscription for Women in Norway. 25. Juli 2013. Übersetzung: rf. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe September 2013

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