Israel/Palästina

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Israel: Ein Spaziergang zwischen Nadelstichen während es in Gaza Tod regnet

von Adam Keller

(18.07.2014) Vergangenen Sonntag berichtete die Tageszeitung Ma’ariv: “Mindestens 15 Kinder beim Bombardement einer Moschee und eines Wohnhauses in Gaza Tufah getötet“. Das erschien sogar auf der ersten Seite, aber ziemlich weit unten – mit einem viel kleinerem Titel als die sehr kriegerische Schlagzeile oben auf der Seite – und es verwies auf den Bericht auf Seite 6, wo viel vorsichtiger formuliert wurde; Die Tötung von 15 Kindern wurde hier nicht als Tatsache dargestellt, sondern als etwas, was „die Palästinenser behaupten“. Das Ganze machte den Eindruck eines Kompromisses nach einem Machtkampf zwischen den Herausgebern.

Drei Tage später, nach der Tötung von vier Jungen, die auf dem Strand von Gaza Fußball gespielt hatten, war kein Platz mehr für eine Zweideutigkeit wie „die Palästinenser behaupten...“. Die Jungs wurden nur wenige Hundert Meter von einem Ort getötet, an dem Vertreter der in­ter­na­ti­onalen Medien standen und die Fernsehkameras schickten die Bilder der kleinen Blutbefleckten in Echtzeit um die Welt.

Und so schafften es die vier Jungs vom Strand auf die Titelseiten in Israel. Ungenannte diplomatische Quellen in Jerusalem beklagten, dass die versehentliche Tötung der Jungen auf dem Strand das in­ter­na­ti­onale Ansehen Israels ruiniert habe, während die Hamas den Vorschlag Ägyptens für einen Waffenstillstand ausschlug. Es waren wahrscheinlich die toten Jungen, die dazu führten, dass Netanyahu sich verpflichtet fühlte, den Vorschlag der Vereinten Nationen zu akzeptieren und eine vierstündige humanitäre Feuerpause auf Gaza anzuordnen.

Während der Feuerpause entschieden wir uns, ins Zentrum von Tel Aviv zu gehen, da wir annahmen, dass das Risiko geringer ist, während der Fahrt mit dem Bus vom Luftalarm der Sirenen erwischt zu werden. Im Bus trafen wir die irritierten Passagiere. Da gab es einen etwa 40-jährigen, nichts fiel an ihm auf. Er saß auf dem Rücksitz und las still seine Zeitung. Plötzlich sprang er auf, schmiss die Zeitung mit Wucht durch den halben Bus und begann zu schreien, ohne sich an irgendjemanden zu wenden: „So eine Frechheit von den Hurensöhnen der Hamas! Sie stellen Forderungen für einen Waffenstillstand! Sie stellen wirklich Forderungen! Die Freilassung der Gefangenen, die Öffnung der Grenzübergänge, die Arbeit! Zur Hölle sollen sie gehen! Und Netanyahu schickt Leute nach Kairo um mit ihnen zu verhandeln? Was für eine Schande. Ich sage: Keine Zugeständnisse an die verdammten Terroristen! Schickt einfach die Panzer rein und macht sie alle platt, zertretet sie, vernichtet sie!“

Ein Familienbesuch bei Y., einem alten Mann, der mehr als wir dem Mainstream nahesteht – auch wenn er linker ist im Vergleich zum üblichen Spektrum in Israel – artete in eine politische Debatte aus. „Ihr wollt zu der Veranstaltung mit den Aussagen von Soldaten aus Gaza gehen? Warum zum Teufel denn das? Denkt Ihr, das wird irgendetwas ändern?“ „Nein“, antworte ich, „wahrscheinlich wird es niemand beeinflussen, der nicht eh schon überzeugt ist. Heutzutage verschließen sich die Menschen den Tatsachen, die nicht ihrer Meinung entsprechen“. „Aber warum tut Ihr es dann? Wollt Ihr nur die Leute provozieren?“ “Nicht wir tun, die Veranstaltung ist von Breaking the Silence organisiert. Zeugnisse von Soldaten: Das ist ihr Ding.“ „Das ist doch Unsinn! Was soll das für einen Sinn machen? Überhaupt keinen!“ “Manchmal gibt es Dinge”, antworte ich, “die gesagt werden müssen, was auch immer dabei herauskommt”. „Das ist völliger Quatsch“, entgegnet er mir. Wir gingen mehr als verstimmt auseinander.

Aus einem kleinen Laden, an dem ein Schild hing Operation Protective Edge – 50% Rabatt, plärrte das Radio auf die Straße. Eine kleine Menge stand zusammen, um den Nachrichten zuzuhören. Der Nachrichtensprecher informierte uns mit leicht bebender Stimme, dass „neben den vier gestern getöteten Kindern auch heute bei Bombenangriffen vier getötet wurden – drei auf dem Dach eines Wohnhauses und ein drei Jahre altes bei der Bombardierung eines anderen Hauses“. Später fanden wir heraus, dass die drei auf dem Dach spielten, weil ihre Eltern nicht realisiert hatten, dass die humanitäre Feuerpause bereits zu Ende war.

Noch zwei Stunden bis zum Vortrag der Zeugnisse. Wir trafen R., eine alte Freundin und Aktivistin, an unserem üblichen Platz, dem Café Garcia auf dem von Bäumen gesäumten Massarik-Platz. Wir plauderten und versuchten, den Krieg aus unseren Köpfen zu kriegen.

Auf unserem Weg die King-George-Straße entlang kamen wir an zwei religiösen Frauen vorbei, die handgemalte Plakate trugen. Auf einem stand: „Lasst uns alle so laut wie möglich herausschreien: Wie lange wird das noch dauern?“ Die andere trug ein Schild: „Unser Herrgott, bitte sende uns jetzt den Messias!“ Dann trafen wir auf dem Habimah-Platz ein, auf dem sich mehrere Hundert Menschen versammelt hatten, um die Aussagen zu hören.

Gerade als wir eintrafen, sprach ein Soldat, der an der Invasion von Gaza im Jahr 2009 teilgenommen hatte. „Wir befanden uns auf dem Dach eines Hauses. Wir sahen jemanden, der in der Dunkelheit auf uns zuging und ein schwankendes Licht in der Hand hatte. Wir wollten einen Warnschuss abgeben, um ihn zu stoppen, aber das hätte unsere Position verraten. Schließlich kam er uns sehr nah, nah genug, dass er uns als Selbstmordattentäter hätte in die Luft jagen können. Es gab keine Chance mehr, ihn zum Stehenbleiben aufzufordern, also eröffneten wir das Feuer und töteten ihn. Dann untersuchten wir seinen Körper. Es war ein alter Mann, unbewaffnet, überhaupt keine Gefahr.“

“Wie viele Aussagen wie diese wird es von der gegenwärtigen Runde der Kämpfe geben?“ fragte R. Ein bisschen abseits gab es extrem-rechte Gegendemonstranten, die riefen „Tod den Arabern! Ein Jude hat eine Seele, ein Araber ist ein Hurensohn!“ Breaking the Silence hatte dafür gesorgt, dass ordentlich kräftige Lautsprecher zur Verfügung standen, so dass der Vortrag der Aussagen weiterging. Die Polizei tat (mehr oder weniger) ihren Job und es gab nur kleine Handgemenge.

Die Sirenen heulten, als wir auf den Bus zurück warteten, wieder auf der King-George-Straße. Ein langer, sehr langer Heulton. Wir rannten in das nächste Geschäft. Es war sehr groß und wir konnten tief hineingehen, um weit genug weg von der Glasfront der Auslagefenster zu sein. Mehrere Minuten später konnten wir die dumpfe Explosion hören, womit klar war, dass es in der Luft abgefangen worden war. Ein Auftreffen auf dem Boden hätte ein viel heftigeres Geräusch verursacht. Wie schnell man diese Erfahrung bekommt! Da wir sowieso im Geschäft waren, kauften wir ein kleines Glas scharfer jemenitischer Soße.

„Habt Ihr gesehen, wie hysterisch einige der Leute waren, wie sie in Panik zu schreien begannen, als die Sirenen losgingen? Wissen sie nicht, dass die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwas durch die Iron Dome (Eiserne Kuppel) durchkommt und genau auf ihre Köpfe fällt astronomisch klein ist? Es sind die Menschen in Gaza, um die man sich ernsthaft Sorgen machen muss, nicht wir.“ „Verachte nicht die Menschen in Tel Aviv. Die Gefahr mag jetzt zwar klein sein, aber sie fühlen, dass die Zukunft immer unsicherer wird. Israel ist heute weniger sicher als vor 20 Jahren. Wie sicher wird es in 20 Jahren sein, insbesondere, wenn die amerikanische Weltmacht den gleichen Weg geht, wie die britische Weltmacht?“ „Und, welche politischen Schlüsse werden die Menschen aus Israel daraus ziehen?“ „Jede und jeder nach seinem und ihrem Geschmack. Wir sagen, Israel sollte Frieden schließen und sich in der Region integrieren, bevor es zu spät ist. Es ist noch nicht zu spät dafür. Aber andere werden sagen, wir müssen uns eingraben, die israelische Militärmacht ausbauen und dürfen keinen Zentimeter zurückweichen.“ „Also, was sollen wir tun?“ „Für mich? Ich werde am Samstag Abend auf die Demo gehen und ein Schild hochhalten: ‚Juden und Araber weigern sich, Feinde zu sein‘ Zumindest die dort anwesenden Juden und Araber meinen es auch genau so.“

Und nun begann die Bodenoffensive in Gaza. R. wachte letzte Nacht auf. Sie dachte, es war eine Rakete, stellte aber fest, dass es ein Hubschrauber war und wusste sofort, dass israelische Opfer in das nahegelegene Krankenhaus gebracht wurden. Bis jetzt gibt es einen Toten und drei Verletzte. Der tote Soldat wurde als der 20 Jahre alte Feldwebel Ethan Barak identifiziert, getötet im Norden des Gazastreifens, als sein Jeep von einer Hams-Panzerabwehrwaffe getroffen wurde (oder durch Friendly Fire aus den eigenen Reihen). Sein ehemaliger Schulrektor sprach im Radio und sagte, was für ein stolzer Junge Ethan Barak war, wie sehr er von den MitschülerInnen geliebt wurde und wie stark er motiviert war, um zu einer Kampfeinheit der Armee zu gehen, ein Traum, den er vorschriftsmäßig erfüllte. „Ich weiß, all dies klingt wie ein Klischee“, entschuldigte sich der Rektor. In der Tat, genauso hörte es sich an.

Auch 24 PalästinenserInnen wurden zu Beginn der Bodenoffensive getötet. Unter ihnen, das wurde nebenbei angemerkt, befand sich ein fünf Monate altes Baby, getötet, als seine Familie zu Hause von einem Panzer beschossen wurde. Ein Baby, das namenlos bleiben wird.

Es ist verboten, auf die Zivilbevölkerung zu schießen. Es ist verboten und es geschieht immer noch. Beide Seiten tun es. Die Hamas schießt auf die Bevölkerung in Israel. Das israelische Militär schießt auf die Bevölkerung von Gaza.

Zwei gleiche Seiten? Weit entfernt davon. Der israelische Staat hat eine enorme militärische und wirtschaftliche Stärke. Mit massiver Unterstützung der Vereinigten Staaten errichtete Israel das System des Iron Dome, eine großartige Leistung, die uns schützt. Das System sorgt dafür, dass die auf israelische Städte abgefeuerten Raketen meistens nur lästig sind. Die Luftalarme sind irritierend, stören ein wenig die übliche Routine des Lebens, manchmal machen sie Angst – aber nicht mehr.

Die Menschen in Gaza haben keine Eiserne Kuppel, keinen irgendwie gearteten Schutz gegen den Tod, der aus der Luft, vom Meer und vom Land auf sie herabfällt. Der Staat Israel richtet das Trommelfeuer auf Gaza, tötet und tötet und tötet. Es ist wahr – der Staat Israel hat nicht vorsätzlich das Ziel, unschuldige Zivilisten zu töten, Frauen und Männer, die Alten und Kinder, die auf dem Strand Fußball spielen. Es ist kein vorsätzliches Ziel, aber es ist Realität. Die Tötung von unbewaffneten Zivilisten im Gaza dauert an, Tag für Tag und Stunde für Stunde. Mehr als zweihundert PalästinenserInnen wurden bislang getötet. Der größte Teil von ihnen war unbewaffnet, Dutzende Kinder. Und es dauert an.

“Warum schießen sie auf uns?” fragt sich rechtschaffen der scheidende Präsident von Israel, ein Friedensnobelpreisträger. „Warum machen sie Gaza nicht zu einem blühenden Singapur?“ Aber Shimon Peres vergisst zu erwähnen, dass der Stadtstaat Singapur, dessen Bevölkerung und Lage der vom Gazastreifen vergleichbar ist, einen der größten Häfen der Welt hat. Dort gibt es niemanden, der Tausende von Schiffen aus aller Welt daran hindert, in und aus dem Hafen zu fahren und die Waren zu transportieren, auf denen der Wohlstand Singapurs aufbaut. Der winzige Hafen von Gaza ist geschlossen und wird blockiert. Die israelische Marine ist so wachsam, um sogar kleinste Schiffe daran zu hindern, den Hafen zu erreichen und auf Fischerboote aus Gaza zu schießen, die sich auf einige Kilometer vom Ufer hinauswagen.

Gaza ist für die Einwohner ein großes Gefängnis, es sind fast zwei Millionen. Israel und der Nachbar Ägypten – mit dem die Beziehungen seit der Machtergreifung von General Sisi erheblich gefestigt wurden – kooperieren bei der Blockade von Gaza und halten dessen Bevölkerung praktisch eingesperrt, unfähig, aus der Welt zu kommen oder in diese zu reisen. Gaza liegt an einer Küste. Sie können schwimmen und auf dem Strand spielen, wenn nicht tödliche Schüsse vom Meer kommen. Aber sie können nicht in ein Boot steigen und auf das Meer hinausfahren, sie können nicht in ein Flugzeug steigen und an einen Ort irgendwo auf der Welt fliegen. Auch die Grenzposten auf dem Land sind oft völlig geschlossen. Seit Jahren sind Millionen von Menschen in einem kleinen, engen und extrem übervölkertem Stück Land eingeschlossen, das Gazastreifen genannt wird.

“Wir richteten eine Blockade über sie ein, weil sie auf uns schießen”, sagen die Führer Israels. (Nebenbei erwähnt, die Blockade von Gaza begann lange bevor die Hamas dort die Macht übernahm). „Wir schießen, weil ihr eine Blockade über uns errichtet habt. Wir werden einem Waffenstillstand so lange nicht zustimmen, bis er die Aufhebung der Blockade beinhaltet“, sagen die Be­woh­ner von Gaza diese Woche (nicht alle von ihnen sind Angehörige der Hamas).

Es wird keinen Waffenstillstand geben, der einfach die Situation von vor zwei Wochen wieder herstellt. Die Situation vor zwei Wochen war unerträglich – eine Situation der völligen Blockade über den Gazastreifen, die Leid verursacht, die Wirtschaft erstickt und über die Mehrheit der Einwohner extreme Armut bringt. Die Blockade von Gaza hat mehrere Runden des Konflikts hervorgebracht. Eine fortdauernde Blockade ist ein sicheres Rezept dafür, dass es in ein oder zwei Jahren eine weitere Runde geben wird.

Nur die Aufhebung der Blockade über Gaza, die es den Be­woh­nerInnen ermöglicht, auf dem Land, über das Meer und auf dem Luftweg zu kommen und zu gehen, Waren zu exportieren und zu importieren und ihre Wirtschaft zu entwickeln, kann ihnen für die Zukunft eine Hoffnung geben. Nur die Aufhebung der Blockade kann dem Frieden eine Chance geben und für Ruhe an den israelischen Grenzen zum Gazastreifen sorgen.

Samstag Abend wird sich Gush Shalom gemeinsam mit anderen Friedens- und Men­schen­rechtsorganisationen an einer Protestaktion gegen den grausamen und unnötigen Krieg beteiligen, der Operation Protective Edge (Operation Schutzklinge) genannt wird. Letzte Woche wurde eine Demonstration an gleicher Stelle von extrem-rechten Schlägern angegriffen. Die OrganisatorInnen für den Samstag haben Vorkehrungen getroffen um sicherzustellen, dass dies nicht wieder passiert – und das, was passiert ist, wird uns selbstverständlich nicht davon abhalten unsere Meinung zu so einem lebenswichtigen Thema für unsere Zukunft zu äußern.

Wie uns mitgeteilt wurde, werden Demonstrationsordner anwesend sein. Alle, die kommen, sollten sich an ihre Anweisungen zum Ort, Ablauf der Demonstration und Auflösung halten und jede gewaltsame Aktion von unserer Seite aus unterlassen.

Adam Keller: Walking between the drops while it’s raining death in Gaza, July 18, 2014. Übersetzung: rf. Quelle: http://adam-keller2.blogspot.de/2014/07/walking-between-drops-while-its-raining.html.

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