André Shepherd

André Shepherd

US-Deserteur André Shepherd vor EuGH

von Ina Krauß, Bayerischer Rundfunk

(25.06.2014) Wenn André Shepherd redet, schließt er die Augen. Er muss sich konzentrieren, wenn er deutsch spricht. Es geht um komplexe politische Zusammenhänge, die er zu übersetzen versucht. Der 37-jährige sitzt in seiner Wohnung in einem oberbayerischen Bauernhaus auf dem Sofa und erklärt, wie aus einem einfachen US-Soldaten ein europäischer Präzedenzfall werden konnte. Shepherd ist der erste US-Deserteur, der in Deutschland Asyl beantragt hat. „Als ich das gemacht habe, habe ich nicht gedacht, dass, ohja, ich mache das, weil ich an die Medien gehen, vor das Europäische Gericht gehen will. Ich habe das einfach gemacht, weil ich sage, ich will nicht mitmachen.“

Er wollte nicht mehr mitmachen im 2. Irakkrieg, den er bis heute für völkerrechtswidrig und für einen Verstoß gegen die amerikanische Verfassung hält. Mit dieser sehr privaten Gewissensentscheidung wurde Shepherd eine öffentliche Person, deren Fall Auswirkungen auf das deutsch-amerikanische Verhältnis haben könnte. „Wie sich die ganze Geschichte so groß entwickelt hat, das ist unfassbar.“ Als er das sagt, blickt André Shepherd erstmals auf, so, als würde er aus einem schlechten Traum erwachen.

Der begann im Jahr 2004. Der damals 26-jährige Shepherd musste sein Informatik-Studium abbrechen, weil ihm das Geld ausging. Kurzzeitig wurde er obdachlos. Die Army bot ihm ein Dach über dem Kopf und eine Ausbildung zum Mechaniker. Er unterschrieb. Kurz danach wurde er 2004 im Irak eingesetzt. Er reparierte Apache-Hubschrauber. Schnell wuchsen aber die Zweifel. Wenn es um diese Zeit geht, wechselt Shepherd lieber ins Amerikanische: „Die Iraker fragten uns, warum zerstört ihr unsere Dörfer, warum missbraucht ihr unsere Frauen, schändet unsere Toten? Ich konnte das nicht glauben, denn, Entschuldigung, wir sind das Militär der Vereinigten Staaten. So etwas passiert bei uns nicht, ganz einfach, weil wir so nicht sind.“

Shepherd begann im Internet zu recherchieren und geriet immer mehr in Konflikt mit dem eigenen Gewissen: „Meine dunkelste Stunde im Irak war, als wir die Hubschrauber startklar gemacht haben, die an der November-Offensive in Falludscha teilnahmen. Die Schlacht, die fast nur Ruinen hinterließ und radioaktive Spuren, die heute noch für Missbildungen bei Neugeborenen sorgen.“

Im Jahr 2007 sollte er ein zweites Mal in den Irak geschickt werden. Er war damals in Nordbayern stationiert. Shepherd packte seine Sachen und tauchte bei Freunden im oberbayerischen Chiemgau unter, fand Unterstützer und stellte schließlich einen Antrag auf Asyl. Er beruft sich auf eine europäische Richtlinie, die Menschen davor schützt, an völkerrechtswidrigen Kriegen oder Handlungen teilnehmen zu müssen. Doch der Asylantrag wurde abgelehnt. Shepherd klagte dagegen vor dem Münchner Verwaltungsgericht, das den Fall an den Europäischen Gerichtshof weiterreichte.

In den USA drohen Deserteuren wie Shepherd lange Haftstrafen und der Entzug bürgerlicher Rechte. Doch Shepherd geht es längst nicht mehr nur um die eigene Freiheit: „Ich hoffe, dass der Europäische Gerichtshof die Empfehlung ausspricht, dass Soldaten das grundsätzliche Men­schen­recht haben, die Ent­schei­dung zu treffen, ob sie mitkämpfen oder nicht. Und wenn sie vom eigenen Land große Schwierigkeiten bekommen, dass sie dann das Recht haben, in ein anderes Land zu gehen und Asyl zu erhalten.“

Nach der mündlichen Verhandlung heute in Luxemburg werden mehrere Monate bis zum Urteil ergehen. bis der Fall André Shepherd endgültig entschieden ist, könnte es bis 2015 dauern.

Ina Krauß, Bayerischer Rundfunk: US-Deserteur André Shepherd vor EuGH. Abschrift der Radiosendung vom 25. Juni 2014. Audiosendung unter www.tagesschau.de/multimedia/audio/audio-844.html

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