„Die Veranstaltungen waren interessant und wichtig“

Ein Rückblick auf die Ver­an­stal­tungs­reihe „Krieg in der Ukraine: Machtproben in einem zerrissenen Land“

von Vadim Damier

Vom 10.-19. November 2014 führte der in Moskau lebende Sozial- und Politikwissenschaftler Vadim Damier Veranstaltungen in Münster, Hamburg, Frankfurt, Mainz, Trier, Düsseldorf, Hagen und Celle durch. Bis zu 90 Personen wollten auf den jeweiligen Veranstaltungen seine Einschätzung hören und darüber diskutieren. Im Anschluss an die Rundreise hatten wir Gelegenheit mit ihm über seine Erfahrungen zu sprechen. Die Fragen stellten Rudi Friedrich und Karin Fleischmann von Connection e.V. (d. Red.)

Welche Erfahrungen hast Du auf den Veranstaltungen gemacht?

Die Veranstaltungen waren für mich sehr interessant und wichtig, aus menschlicher, persönlicher und aus politischer Sicht. Sehr erfreulich war, dass so viele Menschen zu diesen Veranstaltungen kamen. Das habe ich nicht erwartet. Aber ich stellte fest, dass das Thema nicht nur ohnehin aktuell ist, sondern die Menschen hier dies auch für sehr wichtig halten und sich dafür interessieren.

Ich stellte auch fest, dass die meisten TeilnehmerInnen über die Berichterstattung der Medien zur ukrainischen Krise sehr unzufrieden sind. Sie sagten mir, es werde einseitig pro-ukrainisch berichtet und in den Medien fehlten zumindest einige sehr wichtige Informationen. Angesichts dessen waren meine Veranstaltungen zuallererst eine Möglichkeit, über die Situation in der Ukraine aufzuklären. In meinem Vortrag versuchte ich daher so objektiv, ausgewogen und unparteiisch wie möglich zu berichten und auf diese Weise eine andere Einschätzung zu vermitteln. Das, so wurde mir gesagt, war für die Leute wichtig und interessant. Darüber hinaus waren sie froh, weitere Informationen zu erhalten, über die hier praktisch nicht berichtet wird.

So wird hier z.B. die Rolle der Neo-Nazis heruntergespielt, sowohl beim Maidan-Umsturz und den weiteren Entwicklungen in der Ukraine wie auch die der russischen Nazis im Osten der Ukraine bei den Separatisten. Die Zusammenhänge sind hier gar nicht oder nur wenig bekannt.

Wir hatten den Eindruck, dass einige der TeilnehmerInnen mit ihren Fragen und Anmerkungen Positionen widerspiegelten, die es schon vor 20 Jahren gab. Wie erlebst Du das?

Es ist ein wenig so, als ob alle einem Gespenst hinterherjagen.

Auf der einen Seite gibt es alte Linke (oder auch neue Leute, die wie alte Linke denken), die noch glauben, dass das heutige Russland so etwas wie die Sowjetunion ist. Das ist vollkommen falsch, gerade bezüglich der Ideologie. Wenn wir uns die Ideologie der heutigen Regierung in Russland anschauen, so ist sie alles andere als stalinistisch. Klar, sie benutzen stalinistische Denkmuster und Argumente, in der Realität beziehen sie sich aber auf Dinge und Traditionen der Zarenzeit, auch ideologisch. So ist es eigentlich absurd, wenn Leute meinen, man solle das heutige russische Regime verteidigen oder sogar unterstützen, weil es die Sowjetunion repräsentiere.

Und wenn wir auf der anderen Seite die Situation in der Ukraine nehmen: Da gab es Demonstrationen, bei denen die Denkmäler von Lenin zerstört wurden. Auch hier sah es so aus, als ob die Sowjetunion noch existiere, mit all ihrer Symbolik und ihren Mustern, und der Aufstand ein anti-sowjetischer Aufstand sei. Aber welche Sowjetunion? Es ist wie ein Krieg gegen ein Gespenst.

Wie ging es Dir bei den Veranstaltungen?

Am Anfang war ich ein wenig unsicher. Das Thema ist sehr komplex und mir war nicht bekannt, wie stark die Menschen hier über den Konflikt in der Ukraine informiert sind. Klar, ich konnte in meinem Vortrag nicht alle Details und Informationen geben. Aber es sollten doch wenigstens die wichtigsten Dinge dargestellt werden und dafür ist es von großer Bedeutung, was die TeilnehmerInnen der Veranstaltung schon wissen und was nicht. Mit der Zeit wurde ich hier sicherer, weil ich über die Fragen und Diskussionen eine bessere Einschätzung dazu erhielt. Und so konnte ich bei den späteren Veranstaltungen freier mit den Tatsachen und Fakten arbeiten.

Zum Ende hin hatte ich auch eine, denke ich, gute Form für die Veranstaltung gefunden. Zunächst stellte ich meinen Vortrag vor – im Hintergrund war eine Karte der Ukraine mit der Sprachverteilung in den verschiedenen Region zu sehen. Danach zeigte ich einige Bilder, um meinen Vortrag zu veranschaulichen. Daran schloss sich zunächst eine Runde an, in der die TeilnehmerInnen Verständnisfragen stellen konnten und ich so einige Aspekte detaillierter darstellte. Und am Schluss gab es eine offene Diskussion. Wir hatten so oft Veranstaltungen, die zwei bis zweieinhalb Stunden dauerte. Aber die Leute waren wirklich interessiert und aufmerksam.

Konntest Du neue Kontakte knüpfen?

Einige, die mich eingeladen hatten, kannte ich schon. Darüber hinaus entstanden auch neue Kontakte. Ich denke, dass diese auch in der Zukunft bestehen bleiben und sich eine gewisse Zusammenarbeit daraus ergibt.

Auf Tour zu sein bedeutet jeden Tag neue Gruppen und Menschen zu treffen. Ist das nicht anstrengend?

Ja, es war immer wieder notwendig, mich zu konzentrieren und Kraft zu schöpfen. Erholen ist später dran. Es war gut, dass es zumindest einen freien Tag gab, den ich dafür nutzte, nach Aachen zu fahren um meine Erinnerungen von vor zwanzig Jahren aufzufrischen. Auch damals war ich unterwegs gewesen, mit der Freien ArbeiterInnen Union (FAU) und ich hatte hier Menschen aus der anarchistischen Szene über die Anfänge der Gruppen bei uns informiert.

Hattest Du auf Deiner Rundreise auch Schulbesuche?

Gut, dass Ihr das ansprecht. Auf den Veranstaltungen waren ja meistens politisch Aktive, nicht die einfachen Menschen von der Straße. Und so war es eine sehr schöne Erfahrung, in eine Schule zu gehen und hier Schülerinnen und Schüler zu erleben, die nicht politisch engagiert sind, die aber auch sehr interessiert waren und gute Fragen stellten. Ich denke, dass  Schulbesuche eine gute Möglichkeit sind, andere – und auch junge - Menschen zu erreichen. Wir können so unsere Ideen weiter verbreiten und über die Situation z.B. in der Ukraine aufklären.

Möchtest Du noch etwas ergänzen?

Danke für Eure Organisation. Es war interessant, aber anstrengend.

Interview mit Vadim Damier. 19.11.2014. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe Februar 2015

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