Machtkämpfe in der Ukraine

Eine antimilitaristische Sicht auf den Krieg

von Vadim Damier

Vom 10.-19. November 2014 führte der in Moskau lebende Sozial- und Politikwissenschaftler Vadim Damier Veranstaltungen in Münster, Hamburg, Frankfurt, Mainz, Trier, Düsseldorf, Hagen und Celle durch. Bis zu 90 Personen wollten auf den jeweiligen Veranstaltungen seine Einschätzung hören und darüber diskutieren. Die Ver­an­stal­tungs­reihe hatten Connection e.V. und das Bildungswerk der DFG-VK Hessen ausgerichtet. Das uns von Vadim Damier freundlicherweise zur Verfügung gestellte Redemanuskript bearbeitete die graswurzelrevolution für die Ausgaben Januar und Februar 2015. Wir dokumentieren seinen Veranstaltungsbeitrag hier in voller Länge. (d. Red.)

Die Problematik der ukrainischen Krise und des ukrainischen Bürgerkrieges ist vielfältig und kompliziert. Es ist unmöglich, alle Aspekte der Ereignisse und der aktuellen Situation im Rahmen eines einzigen Vortrags zu analysieren.

Darum schlage ich folgenden Ablauf vor: Zunächst werde ich die für das Verständnis des Geschehens notwendigen Grundlagen vermitteln. Danach seid ihr eingeladen, Fragen zu stellen, anhand derer ich weitere Einzelheiten beleuchten kann.

Weder prorussisch, noch proukrainisch oder prowestlich

Die von mir hier vertretene Position ist weder prorussisch, noch proukrainisch oder prowestlich. Sie ist explizit antinational.

Die propagandistische Hysterie aller Seiten übersteigt in der aktuellen Krise jedes Maß, sie ist sogar mit der Kriegspropaganda aus der Zeit des Ersten Weltkrieges und den damals aufgebauten Feindbildern vergleichbar. Überall wird mit zweierlei Maß gemessen. Die gegenseitigen Vorwürfe klingen oft absurd bis zum Idiotismus. So erklärte der damalige Kriegsminister der Ukraine Geletey, dass die russischen Militärs während der Kämpfe in Lugansk taktische Atomwaffen eingesetzt hätten.

Die russische Propaganda hält ihrerseits die ganze politische Elite der Ukraine für"faschistisch". Beide Seiten versuchen hartnäckig, die ukrainische Krise ausschließlich durch Einmischung von außen zu erklären. Die ukrainische Propaganda verneint sogar die Existenz eines Bürgerkrieges, indem sie die ganze Unzufriedenheit im Osten des Landes mit dem Maidan-Staatsstreich ausschließlich als Folge der Einmischung durch das Putin-Regime deutet. Russische Medien neigen umgekehrt dazu, die Maidan-Proteste und den Sturz des Ex-Präsidenten Janukowitsch mit einer US- und EU-Verschwörung zu erklären.

Die herrschende Methode ist dabei die Verabsolutierung einzelner Tatsachen und ihre Eingliederung in ein gängiges primitives Erklärungsmuster. Genau ein solches Vorgehen müssen wir vermeiden, um die wirkliche Verflechtung verschiedener und vielfältiger Faktoren zu verstehen. Ich versuche heute zu zeigen, dass die aktuelle Krise ihrem Ursprung nach eine innerukrainische war, dann aber durch die anderen Staaten mit ihrer imperialistischen Interessenpolitik gewaltig verstärkt und zugespitzt wurde.

Zuerst müssen wir uns klarmachen, was eigentlich auf dem Kiewer Maidan-Platz passierte, was für eine Protestbewegung das war und woher sie kam. Einige nennen sie"Volksrevolution", andere reden von einem"faschistischen Putsch". Beides ist falsch. Hier sind unbedingt die oberflächlichen Vorwände von den wirklichen Hintergründen zu unterscheiden. In Wirklichkeit war das ein Staatsstreich, der von der Opposition schon lange angestrebt wurde.

Diese Opposition wurde durch drei politische Parteien vertreten. Das waren: die rechtspopulistische Batkiwschtschina (Vaterland) von Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko, die liberal-rechtszentristische Ukrainische Demokratische Allianz für Reformen (UDAR) von Vitali Klitschko (er ist ein ehemaliger Boxer und heute Bürgermeister von Kiew) sowie die Partei Swoboda (Freiheit) von Oleg Tjagnibok. Letztere ist rechtsradikal, extrem nationalistisch und antisemitisch und hatte eine starke Unterstützung besonders im Westen des Landes.

Die ukrainische Opposition bekam eine finanzielle und moralische Hilfe vom Westen, durch verschiedene Stiftungen und angebliche Nicht-Regierungs-Organisationen. Vor allem galt das für Batkiwschtschina sowie die UDAR-Partei von Klitschko, der seit Jahren enge Beziehungen mit Deutschland pflegte und auch von der CDU unterstützt wurde.

Die drei Parteien, die einen gemeinsamen Oppositionsblock bildeten, suchten schon einige Jahre nach einer Möglichkeit, um die Regierung Janukowitsch zu destabilisieren. Dabei nutzte man verschiedene Vorwände: von der angeblichen Fälschung der Parlamentswahlen 2012 über Korruptionsskandale und die Kampagne für die Freilassung der verurteilten Timoschenko bis hin zur Organisierung heftiger Massenproteste gegen das Sprachgesetz der Regierung, das die Rechte der regionalen Minderheitssprachen anerkannte. Während dieses letzten Konfliktes blähte die Opposition die nationalistische Hysterie auf, indem sie versuchte, das Janukowitsch-Regime als anti-ukrainisch und pro-russisch darzustellen.

Diese Kämpfe bildeten aber nur die politische Oberfläche des Geschehens. Nach dem Zerfall der Sowjetunion ist die Ukraine verfassungsgemäß zwar ein Staat mit einer repräsentativen Demokratie. In den meisten Ländern außerhalb der westlichen politischen Traditionen besagt das aber wenig, da unter dieser Oberfläche verschiedene Klans und Interessengruppen agieren, die eigentlich entscheiden und ihre Ent­schei­dungen dann parteipolitisch institutionalisieren.

Die Ukraine ist ein Land mit extremer sozialer Polarisierung: Während die meisten Menschen in bitterer Armut leben, ist die überwältigende Mehrheit der Wirtschaft und des Eigentums in den Händen weniger oligarchischer Gruppen konzentriert. Diese Gruppen entstanden in den 90er Jahren in enger Zusammenarbeit mit Mafiastrukturen, und die Geschichte der Ukraine seit ihrer Unabhängigkeit ist in Wirklichkeit eine Geschichte ununterbrochener Machtkämpfe zwischen diesen Klans und Wirtschaftseliten. Zuerst setzte sich der Donezker Klan durch, dann wurde er Mitte der 90er Jahre durch die Dnepropetrowsker Gruppe verdrängt. 2010 kehrte mit Janukowitsch als Staatspräsident dann die Donezker Gruppe um Multimilliardär Achmetow an die Macht zurück. Nun versuchte aber das neue Staatsoberhaupt eine Neuverteilung der wichtigsten Kontrollposten, des Eigentums und der Wirtschaft durchzusetzen, zugunsten eines engen Kreises eigener Verwandten und Bekannten. Das brachte ihn in Konflikt mit allen anderen oligarchischen Gruppen, einschließlich Achmetow. Dabei geschah etwas ganz Neues: Die bis dahin zutiefst verfeindeten oligarchischen Gruppen fanden sich im Laufe des Jahres 2013 unerwartet zusammen und wandten sich geschlossen gegen das Janukowitsch-Regime. Niemand hätte jemals gedacht, dass erbitterte Gegner wie Poroschenko, Kolomojskij, Achmetow, Pintschuk, Firtasch, Taruta und andere sich zusammentun könnten. Aber es geschah. Die Oligarchen finanzierten nicht nur die Maidan-Proteste. Ihr entscheidendes informelles Treffen im Januar 2014 wurde zum Todesurteil für das Janukowitsch-Regime.

Der Staatsstreich wurde dadurch erleichtert, dass Janukowitsch nicht auf eine breite Unterstützung in der Gesellschaft bauen konnte. Während seiner Regierungsjahre hatte er unermüdlich eine reaktionäre neoliberale Sozialpolitik betrieben.

Die Dimensionen des Sozialabbaus in der Bildung, im Gesundheitswesen oder im Arbeitsrecht waren zwar geringer als zum Beispiel in Russland, aber trotzdem erheblich. Die Löhne waren überdies viel niedriger als in Russland (offiziell weniger als 400 Dollar monatlich), die Arbeitslosigkeit lag offiziell bei 8% und eine normal bezahlte Arbeit war kaum zu finden.

Im wichtigsten Kohleabbaugebiet im Donbass, also im Osten des Landes, wurden mehrere Bergwerke geschlossen; teilweise wurden sie illegal weiter betrieben. Im Westen des Landes standen viele der alten Betriebe still. Millionen Menschen arbeiteten im Ausland: diejenigen aus der Westukraine üblicherweise in der EU, diejenigen aus den östlichen Gebieten eher in Russland. Die Korruption der Behörden war enorm.

So hatten die arbeitenden Menschen in der Ukraine kaum Gründe, das Janukowitsch-Regime zu unterstützen. Die Mehrheit der Bevölkerung schenkte während der Maidan-Proteste aber auch der Opposition keine Unterstützung. Als beispielsweise die Opposition Ende 2013 zu einem Generalstreik gegen die Regierung aufrief, wurde der Aufruf kaum befolgt. Die Maidan-Proteste waren von Anfang bis Ende die Sache einer hartnäckigen und sich allmählich radikalisierenden Minderheit.

Euromaidan

Die Protestaktionen auf dem Kiewer Maidan-Platz wurden Ende November 2013 von einer Gruppe Studierender begonnen. Sie wurden Euromaidan genannt, weil die Hauptforderung der Protestierenden die ukrainische Assoziation mit der Europäischen Union war. Diese Konstellation ist eine genauere Analyse wert, da sich hinter ihr die machtpolitischen Interessen verschiedener Imperialismen verbergen.

Es gibt eine weit verbreitete Meinung, die auch von der damaligen ukrainischen Opposition propagiert wurde, dass Janukowitsch ein explizit pro-russischer Politiker gewesen sei. Das ist aber ein Propaganda-Mythos und entspricht nicht der Wahrheit. Janukowitsch betrieb eine Politik des Lavierens zwischen dem Westen und Russland, indem er bereit war, mit beiden Seiten zusammenzuarbeiten. Insbesondere wollte er mit der Seite zusammenarbeiten, die ihm ein besseres Angebot machen würde.

Er erklärte seine prinzipielle Bereitschaft, sowohl eine Assoziation mit der EU als auch eine Kooperation mit der Zollunion unter Führung Russlands einzugehen. Alles hinge von den konkreten Bedingungen ab.

Janukowitsch wollte feilschen und warten, wer ihm das bessere Angebot unterbreiten würde. In diesem riskanten Spiel brach er sich den Hals.

Wie waren und sind nun die Interessen der Außenmächte in der bzw. um die Ukraine? Sie sind vor allem geostrategischer, militärischer und wirtschaftlicher Natur. Verschiedene imperialistische Mächte sind daran interessiert, die Ukraine unter ihrer Kontrolle zu halten.

Obwohl die EU-Staaten mit ihren Beschlüssen und Sanktionen gern demonstrieren möchten, dass sie in der Ukraine-Frage einig und auch mit den USA im Einklang sind, ist das in der Realität nicht der Fall. Tatsächlich sind einige der europäischen Staaten an der Beeinflussung der Ukraine mehr interessiert als die anderen.

Ein besonderes Interesse an einer prowestlichen und Russland fernstehenden Regierung in Kiew haben Deutschland, Polen und die baltischen Länder. Wenn dabei die osteuropäischen Staaten einfach Angst vor einem zu starken Russland haben (teilweise auch historisch motiviert), so stimmen die Bestrebungen der herrschenden Eliten Deutschlands weitgehend mit den Interessen, Plänen und Hoffnungen einflussreicher multinationaler und europäischer Konzerne, der EU-Bürokratie und der NATO-Strukturen überein.

Wirtschaftlich gesehen gilt die Ukraine als wichtiger Handelspartner Deutschlands. Mit etwa 6,6 Milliarden US-Dollar haben deutsche Investitionen in der Ukraine einen Anteil von 16,5 Prozent an den gesamten ausländischen Investitionen. Knapp 400 deutsche Unternehmen sind in der Ukraine vertreten, berichtet das Handelsblatt.

Interessant für deutsche Unternehmen sind der traditionsreiche ukrainische Maschinen- und Anlagenbau, die Elektroindustrie sowie Teile der metallverarbeitenden Industrie. Außerdem ist die Ukraine ein großer potentieller Absatzmarkt.1 Potentiell attraktiv für verschiedene ausländische Investoren kann auch Fracking in der Ukraine sein. Die westlichen Firmen und Konzerne sind bereit, noch stärker in der Ukraine zu investieren, doch wollen sie mehr politische, finanzielle und wirtschaftliche Stabilität. Letztere ist in der heutigen Welt mit tiefgreifenden neoliberalen Wirtschaftsreformen verknüpft.

Der IWF erarbeitete vor einigen Jahren Forderungen an die Ukraine als Vorbedingung für Kredite in Höhe von 16 Milliarden. Dazu gehörten: Erhöhung des Rentenalters, Kürzung der Renten, Löhne und des Arbeitslosengeldes, drastische Erhöhung der Gas- und Stromtarife und der Preise für Arzneimittel, Abschaffung aller sozialen Präferenzen für einzelne Bevölkerungskategorien, Kürzung der Sozialleistungen, Verzicht auf Erhöhung des Existenzminimums, weit reichende Privatisierungen, Einführung des freien Landverkaufs usw.

Während der Assoziationsverhandlungen 2013 forderte die EU von der Ukraine, mit dem IWF ein entsprechendes Abkommen zu schließen. Das konnte die Regierung von Janukowitsch sich aber nicht leisten. Nicht weil sie prinzipiell etwas gegen neoliberale Reformen hatte: Sie selbst führte solche durch. Aber so schnelle und drastische Maßnahmen hätten für sie tödlich sein können, besonders mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen 2015. Sie hätten die soziale Lage massiv verschlechtert, besonders in den Kohle- und Metallurgie-Gebieten im Osten, wo die regierende Partei der Regionen ihre Stammwählerschaft hatte.

Außerdem hätte die einseitige EU-Assoziation die traditionellen Wirtschaftsbeziehungen der östlichen Regionen mit Russland gefährden können. Janukowitsch erklärte, er sei bereit, ein Assoziationsabkommen zu unterschreiben, forderte aber eine milliardenschwere Kompensation von der EU. Ein Kuhhandel begann. Die Unterzeichnung des Vertrags wurde vertagt, und das rief die Protestaktion namens Euromaidan hervor. Das war der Auftakt des Spektakels.

Beweggründe

Wirtschaftsinteressen und neoliberale Reformforderungen waren aber nicht die einzigen Beweggründe der westlichen Eliten in Bezug auf eine Kontrolle über die Ukraine. Durch dieses Land verlaufen die Pipelines, die Europa mit dem für seine Volkswirtschaften lebenswichtigen Gas, vor allem aus Russland, versorgen. Die Lieferwege in der Energiewirtschaft zu kontrollieren, das ist in der heutigen Welt nicht nur wirtschaftlich profitabel, sondern auch strategisch wichtig.

Und was die herrschenden Eliten der USA und die NATO betrifft, so ist für sie die Dominanz in der Ukraine ein wichtiger Teil der Strategie der Osterweiterung dieses Militärblocks. Sie könnte ihnen die Möglichkeit verschaffen, nicht nur die russische Marinebasis auf der Krim zu beseitigen, sondern auch einen durchgehenden Korridor bis hin zum Nordkaukasus und dann weiter durch Georgien bis in den Nahen Osten zu schaffen. So würde die Ukraine für die NATO gleichsam das Tor nach Asien, wo die USA nicht nur ihre Gegner im Nahen und Mittleren Osten bekämpfen, sondern sich auch auf eine künftige Konfrontation mit China vorbereiten, das seinerseits seinen Einflussbereich nach Westen im Rahmen der Großen Seidenstraßen-Doktrin erweitert.

Die Interessen der herrschenden Eliten Russlands, die ihr Land als eine regionale Supermacht verstehen, sind solchen Bestrebungen der westlichen Mächte völlig entgegengesetzt.

Die Interessen des russischen Staates und des russischen Kapitals in der Ukraine sind ebenfalls vielfältig. Die Ukraine insgesamt und insbesondere das Krim-Gebiet haben für den russischen Staat eine enorme militärische Bedeutung. Seit dem Zerfall der Sowjetunion ist für Russland der Zugang sowohl zur Ostsee als auch zum Schwarzen Meer stark eingeschränkt.

Auf der Krim befinden sich die wichtigsten Stützpunkte der russischen Schwarzmeerflotte. Die Stationierung war befristet bis 2017. Strategisch gesehen ist die Halbinsel Krim, die weit ins Meer hineinragt, ein Schlüssel zum Schwarzen Meer. Und die Perspektive einer NATO-Mitgliedschaft der Ukraine erschreckt die russische Regierung.

Die hegemonialen Bestrebungen des russischen Staates und Kapitals in der Ukraine waren auch wirtschaftlich motiviert. Russland war wichtigster Handelspartner der Ukraine: 2012 betrug der russische Anteil am Export 27% und am Import 32%. Die russischen Direktinvestitionen in der Ukraine betrugen 2013 offiziell knapp vier Milliarden Dollar,2 in Wirklichkeit waren es sogar über 18 Milliarden. Besonders attraktiv waren für die russischen Konzerne die Bereiche Telekommunikation, Banken, Energiewirtschaft und die Schwermetallindustrie.3 Durch das Territorium der Ukraine führen Gas-Pipelines von Russland nach Europa.

Die Krim ist für die wirtschaftlichen Interessen Russlands von besonderer Bedeutung. Russische KapitalistInnen machen auf der Krim ihre Geschäfte und haben dort Immobilien. Nach der Eingliederung der Krim in Russland wurden neue lukrative Projekte geplant. So forderte das russische Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung russische Unternehmer Ende Februar 2014 auf, fünf Milliarden US-Dollar in verschiedene Krim-Projekte zu investieren. Diese befassen sich vor allem mit Infrastrukturentwicklung in den Häfen sowie mit der Erneuerung einer wichtigen Autobahn.

Zusätzliche Aufregung brachte die Meldung über angebliche reiche Gas- und Erdölvorkommen im Meer unweit der Krim. Sowohl Gazprom als auch westliche Firmen wie Exxon, Shell und ENI bekundeten daran Interesse.

Diese Lage macht die Ukraine zu einer Konfliktzone der imperialistischen Widersprüche zwischen Russland und der EU. Im scharfen Gegensatz zu den EU-Assoziationsplänen wollte Moskau den südlichen Nachbarn in ein Bündnis unter seiner Herrschaft einbinden: eine Zollunion. Naheliegenderweise möchte Russland keine antirussische Regierung in Kiew dulden.

Schließlich spielten später, während der Krise um Krim und Ostukraine, auch innenpolitische Motive der Kreml-Administration eine Rolle. Die russische Regierung intensiviert ihre neoliberale Sparpolitik immer mehr, und dies vor dem Hintergrund eines bereits sehr niedrigen Lohnniveaus. Viele AnalytikerInnen sagten voraus, dass sich die Wirtschaftskrise in Russland im Jahr 2014 verschärfen würde, besonders aufgrund der fallenden Erdölpreise. So war das Schüren einer nationalistischen und kriegerischen Hysterie ein probates Mittel, den Unmut in der Bevölkerung umzulenken und sie zum patriotischen Schulterschluss mit der Regierung zu bringen. Die westlichen Sanktionen taten ein Übriges, um dieses Ziel zu erreichen.

Kehren wir nun aber zu den Maidan-Ereignissen zurück. Wie lässt sich diese Bewegung charakterisieren?

Der Maidan: Keine soziale Bewegung

Vor allem ist zu betonen, dass es rein politische und keine sozialen Proteste waren. Es ging zuerst um die EU-Assoziation und dann um den Rücktritt der Regierung und des Präsidenten Janukowitsch. Keine sozialen oder sozialwirtschaftlichen Forderungen wurden aufgestellt, und das trotz einer elenden sozialen Lage. Man redete zwar über Korruption, die zu bekämpfen sei, oder protestierte gegen das repressive Vorgehen der Behörden gegenüber den Demonstranten; das berührte aber nicht im geringsten die wirklichen sozialen Probleme der Mehrheit der Bevölkerung. Mehr noch: Wie bereits oben ausgeführt, waren die westlichen Vorbedingungen für die Assoziation darauf ausgelegt, die soziale Lage der einfachen Leute weiter zu verschlechtern. Das interessierte aber die jungen Vertreter der Mittelschichten nicht, die im November 2013 mit dem Protestcamp an Maidanplatz in Kiew begannen.

Die Aktion bekam sehr bald die Unterstützung dreier Oppositionsparteien, die ihre Anhänger zur Teilnahme mobilisierten. Das Protestlager wurde so organisiert, dass sich an seiner Spitze die Vertreter von Batkiwschtschina, UDAR und Swoboda (Freiheit) als Lagerkommandanten abwechselten. Die Aktion war also hierarchisch strukturiert, und wenn später die Lage bisweilen der Kontrolle der oppositionellen Parteiführer entglitt, dann geriet sie unter den Einfluss von Kräften, die noch reaktionärer waren.

Der Kern der Maidan-TeilnehmerInnen bestand aus einigen tausend Menschen, wobei zu den periodisch organisierten Massenkundgebungen gelegentlich Hunderttausende kamen. Was die KernteilnehmerInnen angeht, so war, nach den vorliegenden Umfragen und Forschungen, etwa die Hälfte von ihnen aus Kiew, die anderen waren in die Hauptstadt gekommen oder auch gebracht worden. Dies waren VertreterInnen verschiedener sozialer Schichten, bis hin zu Arbeitslosen aus dem Westen des Landes oder Dorfjugendlichen. IndustriearbeiterInnen gab es wenige. Den Ton gaben die Mittel- und KleineigentümerInnen an. Finanziert wurde das Lager durch die Oligarchen.

Ideologisch kam es zu einer Dominanz des militanten ukrainischen Nationalismus. Sein Einfluss wuchs erstmals stark an, nachdem der russische Präsident angeboten hatte, der Ukraine milliardenschwere Finanzhilfen zu gewähren. In Wirklichkeit kaufte er damit die Janukowitsch-Regierung, um sie dazu zu bewegen, die Assoziationsbedingungen der EU abzulehnen. Dies rief in der ukrainischen Opposition eine nationalistische Welle hervor: Sie verstand diesen Schritt als Ausdruck eines politischen Diktats durch Moskau und begann sich selbst als eine Bewegung für die Unabhängigkeit der Ukraine vom jahrhundertealten imperialen Erzfeind Russland darzustellen. In diesem Kontext erschien die Putin-Regierung als Fortsetzung der Sowjetunion, und es begann ein regelrechter Krieg gegen alles, was man als sowjetisch, kommunistisch oder einfach links verstand. Parallel dazu wurden im Maidan-Lager ganz offiziell die ukrainischen Nationalisten aus der Zeit des zweiten Weltkriegs heroisiert, obwohl diese seinerzeit mit den deutschen Nationalsozialisten zusammengearbeitet hatten. Die Porträts von Stepan Bandera, die alten Fahnen der ukrainischen Nationalisten, ihre Kampfrufe und Symbole wurden von der Opposition ganz offiziell übernommen.

Faschistische Einflüsse

Dieser rechtsradikale Trend wurde in den nächsten Wochen durch den Verlauf der Ereignisse und der Konfrontation weiter gestärkt. Damit verbunden war eine Änderung der Protesttaktik. Zuerst bestand sie darin, dass die Protestierenden sich rund um die Uhr im Lager befanden und versuchten, den Zugang zu staatlichen Einrichtungen und manchmal auch den Verkehr zu blockieren. Die Behörden reagierten darauf mit der Entsendung polizeilicher Spezialeinheiten, der Berkut, die ziemlich brutal gegen die Demonstranten vorgingen. Dies führte jedoch zu einer Eskalation der Konfrontation, da der Berkut-Einsatz nicht mächtig genug war, um die DemonstrantInnen völlig zu vertreiben (das wurde auch von den westlichen Staaten verhindert). Nun gingen die Oppositionellen zur Besetzung von Verwaltungsgebäuden über. Das führte zu heftigen physischen Auseinandersetzungen mit den Polizeikräften, wobei auch Waffen eingesetzt wurden. Das Protestlager begann sich zu militarisieren. Es wurden Kampfgruppen (so genannte Hundertschaften) organisiert, die den Namen Selbstverteidigung des Maidan erhielten. Es versteht sich von selbst, dass dabei diejenigen Gruppen die Oberhand gewannen, die eine entsprechende Erfahrung oder Ausbildung hatten und diese nun weitergeben konnten. Insbesondere waren dies Veteranen des sowjetischen Krieges in Afghanistan (diese hatten sich nach dem Zerfall der Sowjetunion teilweise in Mafiastrukturen eingegliedert) und junge Neonazis aus Gruppen, die schon seit den 90er-Jahren aktiv militärische Übungen betreiben. Diese rekrutierten im weiteren Verlauf eine beträchtliche Zahl von Fußballfans. Letztere hatten bereits viel Erfahrung mit Straßenkämpfen und Zu­sam­men­stößen. Unter den neofaschistischen Gruppen waren zwei Gruppierungen besonders auffallend und aktiv: der sogenannte Rechte Sektor und die Sozial-Nationale Versammlung.

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass entgegen allen Behauptungen der russischen Medien und der Anti-Maidan-AktivistInnen diese offenen Neofaschisten im Protestlager zahlenmäßig nie in der Mehrheit waren. Und der Maidan als solcher kann auch nicht als faschistisch bezeichnet werden. Reaktionär gewiss, aber nicht faschistisch. Was aber stimmt: Die Neonazis gewannen eine enorme Stärke und Autorität als Kampftruppen im Straßenkampf mit der Polizei, weil sie darauf vorbereitet waren. Und ihre Hegemonie auf der Straße führte auch zu einer Hegemonie ihres Diskurses. Zahlenmäßig mochten sie eine Minderheit sein, ihr Einfluss auf die Ereignisse aber war so bedeutend, dass viele ihrer Symbole und Parolen übernommen wurden. Nach dem Sieg auf dem Maidan wurden die Neonazis damit belohnt, dass sie in die Sicherheits- und Ordnungsstrukturen des neuen Regimes eingegliedert wurden. Die wichtigsten Einheiten der neu gegründeten Nationalgarde, namentlich die Bataillone Asow und Ajdar, bestehen hauptsächlich aus neofaschistischen Freiwilligen, gebrauchen Nazi-Symbole (z.B. die Wolfsangel der ehemaligen SS-Division Das Reich) und reden von der Verteidigung der"weißen Arier-Rasse" und der arischen Ukrainer gegen die russisch-mongolischen"Untermenschen". Sie spielten eine zentrale Rolle in den Kämpfen gegen die prorussischen Separatisten und begingen Gräueltaten und Kriegsverbrechen. Das neue Regime tolerierte diese Kräfte, da es, besonders am Anfang, stark von ihrer Unterstützung abhing. Das macht natürlich nicht die gesamte neue Maidan-Regierung faschistisch im eigentlichen Sinne, obwohl einige Vertreter von Swoboda Ministerposten bekamen und führende Figuren dieser Partei auch weiter rassistische, kriegstreiberische und hasserfüllte Erklärungen abgeben, zu ethnischen Säuberungen aufrufen usw.

Zwischen Straßenkampf und außenpolitischen Machtspielen

Von diesem Zusammengehen mit den offenen Nazis ließen sich jedoch viele andere Maidan-TeilnehmerInnen sowie die westlichen Regierungen nicht anfechten. Letztere spielten ihr eigenes politisches Spiel um die Kontrolle der Ukraine an sich zu reißen. Wie der Kreml übten auch sie starken Druck auf die ukrainische Regierung aus. Obwohl sie in ihren eigenen Staaten soziale Proteste nicht selten brutal auseinandertreiben – sogar wenn diese viel friedlicher als der Maidan sind –, verboten sie der Janukowitsch-Regierung unter Androhung von Sanktionen härtere Maßnahmen gegen das Protestlager. So wurde der Maidan-Platz weder eingekesselt noch geräumt, die Armee nicht eingesetzt, die von Oppositionellen besetzten Gebäude nicht gestürmt usw., obwohl jede westliche Regierung in einer solchen Situation zu derartigen Maßnahmen greifen würde. Die Konfrontation bekam einen dauerhaften und ortsfesten Charakter, was dem Lager die Zeit gab, eigene Kampfgruppen zu organisieren und zu trainieren. In Kiew lief alles auf die lokale Konfrontation zwischen den Kampftrupps der Selbstverteidigung des Maidan und der Neonazis einerseits und der Berkut-Polizei andererseits hinaus, während in den westlichen Gebieten des Landes AnhängerInnen der Oppositionsparteien Verwaltungsgebäude besetzten. Einige westliche PolitikerInnen mischten sich ganz offen in den politischen Konflikt in der Ukraine ein, wie z.B. Catherine Ashton, Carl Bildt, Guido Westerwelle, John McCain, Jaroslaw Kaczynski oder Jerzy Buzek, die auf dem Maidan-Platz vor den Demonstranten ihre Unterstützungsreden hielten. Man stelle sich nur vor, welches Geschrei der Auftritt eines führenden ausländischen Politikers vor den Indignados an der Madrider Puerta del Sol oder auf einer Demonstration von Occupy Wall Street hervorgerufen hätte! Unter diesem Druck erklärte sich Janukowitsch zu Verhandlungen mit der Opposition bereit, und Ende Februar wurde durch Vermittlung westlicher VertreterInnen ein Abkommen über Neuwahlen erreicht. Dieses wurde aber durch die Maidan-Kampftrupps gebrochen und am 22. Februar ein gewaltsamer Staatsstreich organisiert. Die Residenz des Präsidenten und das Parlament wurden erstürmt, die Berkut-Truppen kapitulierten und Janukowitsch floh. Das Parlament, an dessen Arbeit nunmehr nur noch etwa 330 der 450 Abgeordneten teilnahmen, ratifizierte den Machtwechsel. Die neue, aus PolitikerInnen der Opposition bestehende Regierung wurde auch vom Maidan gebilligt. Zu ihren ersten Maßnahmen zählten die Beschlüsse, das unter Janukowitsch verabschiedete Gesetz über die Rechte der Minderheitensprachen außer Kraft zu setzen und eine Assoziation mit der EU zu akzeptieren.

Der Anti-Maidan

Nun begann der zweite Teil der ukrainischen Tragödie. Janukowitsch floh in den Osten des Landes, wo seine Partei politisch einflussreich war. Er konnte sich aber mit den politischen Bossen der Region nicht auf ein gemeinsames Vorgehen verständigen. Im weiteren Verlauf kapitulierten diese Bosse vor der neuen Maidan-Macht. Trotzdem begann in verschiedenen Regionen im Süden und Osten der Ukraine eine so genannte Anti-Maidan-Bewegung.

Diese Bewegung war ebenso heterogen wie der Maidan selbst. An ihr beteiligten sich VertreterInnen verschiedener sozialer Schichten, die Initiative und die Leitung lag aber bei Leuten aus der lokalen Mittel- und Kleinbourgeoisie, aus der lokalen Polizei und teilweise auch dem kriminellen Milieu sowie aus den lokalen russisch-nationalistischen Parteien. Die führenden Personen auf der Krim waren z.B. die Unternehmer Aksjonow und Tschalyj, in Donezk waren es ein gewisser Gubarew, ehemaliges Mitglied der neofaschistischen Partei Russische Nationale Einheit, der Unternehmer Puschilin und der russische Nationalist Purgin, in Lugansk der Berufsmilitär Bolotow, der Unternehmer Nikitin sowie einer der Führer der Organisation der Polizei- und Armeeveteranen, Sachartschenko. An den Demonstrationen gegen den Staatsstreich in Kiew nahmen auch AnhängerInnen neostalinistischer und leninistischer Parteien und Gruppen teil. Ideologisch gab man sich zunächst antifaschistisch, indem man den Coup in Kiew als eine faschistische Machtergreifung bezeichnete. Solche Argumente werden nach wie vor benutzt, die Oberhand gewann aber nach wenigen Tagen bis Wochen der russische Nationalismus, den man dem ukrainischen Nationalismus entgegensetzte. Er gab sich als Antwort auf eine jahrelange Kampagne der ukrainischen NationalistInnen aus, welche die Be­woh­nerInnen der östlichen Regionen als irgendwie "nicht echte" Ukrainer, als Ukrainer zweiter Klasse abqualifiziert habe. Am deutlichsten wurde dieser russische Nationalismus in der Maiverfassung der separatistischen Donezk-Republik. Die Region wurde dort als ein Teil der"russischen Welt" im ethnischen Sinne des Wortes definiert; der neue Staat stütze sich auf die traditionellen Werte der "russischen Zivilisation" und des Christentums der orthodoxen Kirche. "Die Ukraine will uns töten, weil wir Russen und orthodoxe Christen sind", erklärte Puschilin, einer der Separatistenführer. Der damalige Militärchef des Donezker Anti-Maidan, Strelkow, ist bekennender russischer Monarchist und Bewunderer der Zarenarmee und der weißen Generäle des russischen Bürgerkriegs. Im weiteren Verlauf kamen auch NeofaschistInnen und RadikalnationalistInnen aus Russland, um sich der Anti-Maidan-Bewegung anzuschließen.

Maidan und Anti-Maidan: Gleichermaßen reaktionär

Das alles macht die Anti-Maidan-Bewegung nicht insgesamt faschistisch, wie es z.B. die liberale Opposition in Russland oft behauptet. Sie ist aber, ähnlich wie der Maidan selbst, eine Bewegung, in der Neofaschismus nicht nur toleriert wird, sondern eine wichtige Rolle spielt. Der überwiegend ukrainisch-nationalistische Maidan und der überwiegend russisch-nationalistische Anti-Maidan sind gleichermaßen reaktionär.

Die Aktionsmethoden des Anti-Maidan waren im Prinzip denen des Maidan ähnlich: zuerst Kundgebungen, Demonstrationen und Protestcamps, dann Blockaden und schließlich die Besetzung der Verwaltungsgebäude. Als die neue Macht sowie die Maidan-AnhängerInnen mit Repressionen, Verhaftungen und gewaltsamen Auflösungen reagierten, begannen sich die AktivistInnen zu militarisieren, ihre Parolen radikalisierten sich: von Forderungen nach einer Föderalisierung der Ukraine, die von der Kiewer Regierung prompt und kategorisch abgelehnt wurden, hin zur separatistischen Lostrennung von der Ukraine und einer möglichen Vereinigung mit Russland.

Die Rolle Russlands

An diesem Punkt mischte sich der Kreml ein. Das Putin-Regime nutzte die chaotische Situation in der Ukraine, um seine eigenen hegemonialen Pläne zu verwirklichen. In Moskau wählte man nicht etwa die Option, eine mögliche gesamtukrainische Gegenregierung zu fördern, sondern die Annexion der Krim. Das hat Gründe. Das Putin-Regime riskiert lieber eine massive und dauerhafte Feindschaft mit Kiew und die permanente Auseinandersetzung mit künftigen revanchistischen Bestrebungen, als auf die Krim zu verzichten. Die Angliederung der Krim gestaltet sich jedoch alles andere als einfach. Außenpolitisch führte sie zu enormen Komplikationen in den Beziehungen mit dem Westen, der einen solchen Schlag gegen seine Pläne nicht so leicht hinnehmen wollte und darauf mit verschiedenen Sanktionen reagierte. Auch innenpolitisch ist die Annexion der Krim problematisch, da sie viel Geld verschlingt – und das vor dem Hintergrund einer beginnenden Wirtschaftskrise. Somit ist klar, dass der Kreml an weiteren Annexionen, z.B. von Donezk und Lugansk, eigentlich kein Interesse haben kann: Für einen so kostspieligen Schritt fehlt einfach das Geld. Was die Moskauer Führung stattdessen versucht, ist, die im Mai proklamierten separatistischen Republiken in Donezk und Lugansk mit verschiedenen Mitteln zu unterstützen, um entweder die ukrainische Situation instabil zu halten und dadurch den NATO-Beitritt der Ukraine zu verhindern oder aber eine Friedensregelung durchzusetzen, die ihren Interessen in irgendeiner Form gerecht wird. Kurz: Man will den SeparatistInnen helfen, aber nicht zu sehr. Dabei versäumt man keine Chance, den Einfluss der russischen Konzerne in der Donbass-Region zu festigen. So waren die beiden anfänglichen Ministerpräsidenten der separatistischen Republiken aus Moskau entsandte Technokraten mit besten Beziehungen zur russischen Wirtschaft: Der Donezker Borodaj ist eng mit dem Telekommunikationskonzern Telekom verbunden, der Lugansker Baschirow mit den Energiekonzernen.

Die Angliederung der Krim ermunterte die oppositionellen, pro-russischen und föderalistischen Kräfte in den östlichen und südlichen Regionen der Ukraine. Sie intensivierten ihre Aktivitäten. Die neuen Herrscher in Kiew hingegen dachten nicht daran, ihre Macht zu teilen. Folglich weigerten sie sich, einen Kompromiss mit der Opposition zu suchen und föderalistische Reformen durchzuführen. Mitte April erklärten sie den Beginn der so genannten "Antiterror-Operation" im Osten und schickten militärische Straftruppen, um die Opposition gewaltsam zu unterdrücken, das heißt das zu tun, was Janukowitsch eben nicht riskiert hatte. In der Folge radikalisierten und militarisierten sich die Proteste, die separatistischen Parolen gewannen an Boden und die russischen Hilfeleistungen an die Separatisten nahmen zu. Zwar lehnte die russische Regierung die Bitte der Separatisten, die östlichen Gebiete an Russland anzuschließen, ab; dennoch leistete sie vielfältige Unterstützung: von der Entsendung angeblicher und wirklicher Freiwilliger und Spezialisten bis hin zu mutmaßlichen Waffenlieferungen. Russland sah sich sogar dem Vorwurf ausgesetzt, reguläre Truppen in die Ukraine geschickt zu haben, was aber von der Moskauer Regierung wiederholt bestritten wurde.

Andererseits erklärte die neue ukrainische Regierung nunmehr offen, sie strebe ein Bündnis mit der NATO an. Sie bekommt vom Westen umfangreiche Finanzhilfen, Waffen und Beratung.

Stellvertreterkrieg der Großmächte

Eine Zeit lang gab es im Frühjahr die Befürchtung, der Konflikt könne sich ausweiten und zu einer offenen Konfrontation zwischen Russland und der NATO entwickeln. Bald stellte sich aber heraus, dass keine Seite zu einem solchen größeren Krieg bereit war. Was stattdessen geschah, erinnert stark an vergangene Zeiten der Blockkonfrontation. Russland und die NATO führten eine Art Stellvertreterkrieg mittels ihrer Satelliten – den Donezker und Lugansker Separatisten einerseits und der auf territoriale Einheit pochenden Kiewer Regierung andererseits.

Auf die Einzelheiten der Kampfhandlungen möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen. Sie waren grausam – Wohnviertel wurden unter Artilleriebeschuss genommen, Kassettenbomben wurden eingesetzt, es gab 4.000 Tote und fast eine Million Flüchtlinge und Vertriebene. Es kam zu Hinrichtungen von ZivilistInnen und Gefangenen. Die Infrastruktur wurde mancherorts völlig zerstört. Viele Menschen mussten monatelang ohne Löhne, Renten und manchmal auch ohne Lebensmittel auskommen. Der Machthunger beider Seiten machte einen Kompromiss unmöglich und besteht unvermindert fort. Auch wenn die Kampfhandlungen zurzeit glücklicherweise eingestellt sind, weiß niemand, ob und wann sie wieder aufflammen werden. Beide Seiten drohen mit einer späteren Wiederaufnahme der Kampfhandlungen, beide Seiten bekommen weiterhin Waffenlieferungen und eine friedliche Lösung ist nach wie vor nicht in Sicht.

Die Zuspitzung der Rivalitäten zwischen den imperialistischen Mächten, die sich in der ukrainischen Krise widerspiegelt, lässt für die nahe Zukunft nichts Besseres erwarten. Unabhängig von ihrem unmittelbaren Ergebnis zeigt diese Krise, dass der Kampf um die Neuverteilung der Welt ununterbrochen weiterläuft. Die ukrainische Regierung hat den blockfreien Status des Landes aufgekündigt und strebt eine Mitgliedschaft in der NATO an. Und der Kreml antwortet auf die Verschlechterung der Beziehungen zum Westen mit dem Ausbau der vielfältigen Zusammenarbeit mit China, was auch zur Stärkung einer militärpolitischen Kooperation in Rahmen des Shanghai-Abkommens führen wird. Die Formierung neuer rivalisierender Militärblöcke schreitet immer schneller voran.

Widerstand gegen den Krieg

Leider kann man nicht sagen, dass es in Russland oder der Ukraine heute eine echte, wirksame Antikriegsbewegung gäbe. In beiden Ländern stärkte der Konflikt vor allem nationalistische und patriotische Stimmungen. Was die Opposition angeht, so spiegelt ihre Position eher taktisch-opportunistische als prinzipielle Erwägungen wider. So stehen z.B. diejenigen politischen Kräfte und AktivistInnen in Russland, die von Anfang an mit den Maidan-Protesten im Nachbarland sympathisierten, weiter an der Seite der Kiewer Regierung. Putins Feinde sind für sie Verbündete, auch wenn sie nicht weniger reaktionär sind als Putin. Manche wollen im Maidan und in der Strafoperation im Osten der Ukraine eine nationale ukrainische Befreiungsbewegung gegen den russischen Imperialismus sehen. So ist es nicht verwunderlich, dass die von den liberalen Oppositionsparteien organisierten Demonstrationen in Russland eher pro-ukrainisch als gegen den Krieg gerichtet oder antimilitaristisch waren. Andererseits sympathisieren viele Maidan-GegnerInnen mehr oder weniger mit den prorussischen SeparatistInnen im Osten.

Wirklich positive Elemente eines realen Protests gegen den Krieg in der Ukraine lassen sich jedoch an anderer Stelle beobachten: So gab es Desertionen sowie Kundgebungen, Demonstrationen und Protestlager gegen die Mobilisierung von Truppen, die dann ins Kampfgebiet geschickt wurden. Die ukrainische Regierung rief drei Mobilisierungswellen aus, und auch zum Bau von Befestigungen wurde die Bevölkerung einiger Regionen massenhaft herangezogen. Die Zahlen der Kriegs­dienst­ver­weigerer sind ziemlich hoch. So erklärten z.B. die Behörden im Gebiet Odessa, dass rund ein Drittel der Wehrpflichtigen die Einberufung verweigert habe und dass in anderen Gebieten die Situation noch schlimmer sei.4 In mehreren Städten und Dörfern der Ukraine rebelliert die lokale Bevölkerung gegen die Einberufung, da sie nicht will, dass ihre Kinder oder Nachbarn in den Krieg geschickt werden. Die Menschen belagerten Verwaltungsgebäude, blockierten den Verkehr, griffen manchmal die Behörden physisch an. Hier und da waren Parolen zu hören: "Sollen doch die Oligarchen in den Krieg ziehen" und "Das ist nicht unser Krieg!". Es gab Proteste von Angehörigen derjenigen Soldaten, deren Dienstzeit schon abgelaufen war, die aber trotzdem von den Behörden nicht demobilisiert wurden.

Oft mussten dann die lokalen Behörden nachgeben und entweder die Mobilisierung in der betreffenden Region stoppen oder den EinwohnerInnen zusichern, dass niemand ins Kriegsgebiet geschickt werde. Es kommt aber auch zu Repressionen. So hat die ukrainische Militärstaatsanwaltschaft offiziell Ermittlungsverfahren gegen mehr als 3.000 Deserteure eingeleitet.5

Aus den separatistischen Gebieten gibt es leider keine Informationen über das Ausmaß der Verweigerung. Es ist aber bekannt, dass die Bevölkerung auch dort zum Befestigungsbau und manchmal auch in die Milizen mobilisiert oder sogar entführt wurde und dass die Drohung ausgesprochen wurde, diejenigen, die sich widersetzen sollten, zu töten.

Gegen alle Nationalismen!

All dies zeigt deutlich, dass keine der Seiten in diesem Bürgerkrieg unsere Sympathie verdient. Die Politik und das Vorgehen beider Regierungen, der Kiewer und der separatistischen, sind abscheulich.

Beide Regime sind reaktionär und autoritär, trotz aller demo­kratischen und elektoralen Legitimationen. In der Ukraine, soweit sie sich unter der Kontrolle Kiews befindet, gehört die Macht weiterhin der Oligarchie. Die Maidan-Regierung ernannte in den meisten Gebieten des Landes die reichsten Oligarchen und ihre Vertrauensmänner zu Gouverneuren, und der neue Präsident Poroschenko ist laut Forbes mit einem Vermögen von etwa 1,3 Milliarden US-Dollar die Nummer 6 der ukrainischen Milliardäre. Die Men­schen­rechte werden durch die so genannten Antiseparatisten-Gesetze eingeschränkt; VertreterInnen der politischen, gewerkschaftlichen und Medien-Opposition werden brutal terrorisiert – wenn nicht von der Nationalgarde oder Polizei, dann von den militarisierten Banden der Rechtsradikalen. Verhaftungen, Prügelattacken und Morde sind an der Tagesordnung; beim bislang schlimmsten Angriff auf Anti-Maidan-AktivistInnen starben im Mai 2014 in Odessa Dutzende von Menschen.

Die Regierung in Kiew betreibt eine grausame Sparpolitik und drastischen Sozialabbau. Die Wassertarife wurden um 90% erhöht, die Heizkosten um bis zu 98%, die Kosten für Gas um 73% und für Strom um 30%. Die kommunalen Dienstleistungen für Haushalte wurden um durchschnittlich 40-48% teurer. Im öffentlichen Dienst werden Arbeitsplätze abgebaut. Die Lebensmittelpreise sind um durchschnittlich 20% gestiegen. Wegen der Inflation verlieren die Löhne und Preise ihren realen Wert: Die Durchschnittsrente lag schon im Sommer bei umgerechnet knapp über 100 Dollar, LehrerInnen bekommen derzeit ein Gehalt von etwa 170 Dollar, ÄrztInnen 160 Dollar.6 In Rahmen der Schocktherapie wurden bereits im März der Mindestlohn eingefroren und die Mindestrente gekürzt.7

Aber auch die Politik der Separatisten ist nicht besser. Die wirkliche Macht liegt hier bei den Kriegsherren und ihren Verbündeten in der politischen Klasse. Politische Gegner werden nicht selten terrorisiert, verhaftet oder entführt. Die neuen Strafgesetze sehen die Todesstrafe vor. Die neuen Behörden versprechen, die Sozial- bzw. Eigentumsstruktur nicht zu ändern, das Eigentum der Oligarchie und der Konzerne nicht anzutasten sowie neue private Investitionen zu fördern. Löhne und Renten werden monatelang nicht bezahlt, Demonstrationen für die Auszahlung der Löhne und Renten werden aufgelöst, wobei es Fälle gab, in denen die Miliz der Separatisten auf die Protestierenden schoss.

Sowohl das Regime in Kiew als auch die Behörden der sich für autonom erklärten Republiken sind militaristisch, betreiben heftige nationalistische Propaganda und dienen den Interessen der Herrschenden. Dies begründet die Position unserer Gruppen: gegen alle Seiten in diesem Konflikt. In Kriegen zwischen Staaten oder Möchtegern-Staaten kann es keine gerechte Seite geben!

Fußnoten

1 www.handelsblatt.com/politik/deutschland/ukraine-krise-400-deutsche-unternehmen-in-der-ukraine-aktiv/9376948-2.html

2 http://voprosik.net/inostrannye-investicii-na-ukrainu/

3 www.intertrends.ru/twenty-ninth/02.htm

4 www.aitrus.info/node/3928

5 http://zn.ua/UKRAINE/v-otnoshenii-bolee-3-tysyach-ukrainskih-voennyh-otkryty-dela-za-dezertirstvo-155312_.html

6 www.aitrus.info/node/3995

7 www.aitrus.info/node/3672

 

Weitere Infos: www.Connection-eV.org; Filmdokument: Die von der Redaktion Graswurzelrevolution, der DFG-VK Münster, der FAU Münsterland, der Friedensinitiative Pulverturm und der VVN-BdA Münster organisierte Veranstaltung "Krieg in der Ukraine: Machtproben in einem zerrissenen Land. Eine alternative Sicht aus Russland" mit Vadim Damier am 10.11.2014 in Münster wurde von Cord Steinbach (Filmwerkstatt Münster) gefilmt und online dokumentiert unter: http://tinyurl.com/ku7nqgc; eine russische Übersetzung des Textes von Vadim Damier über die Ukraine findet sich unter: www.aitrus.info/node/4092

 

Zum Thema siehe auch: Krim-Krise und Kriegsgefahr. Zur Situation in der Ukraine und in Russland. Ein Interview von Bernd Drücke mit dem libertären Sozialwissenschaftler Vadim Damier, in: GWR 388, April 2014, www.graswurzel.net/388/krim.php; "Der Eisberg heißt Nationalismus". Ein Gespräch mit Vadim Damier, in: Bernd Drücke (Hg.): Anarchismus Hoch 2, Karin Kramer Verlag, Berlin 2014, S. 67 bis 80. ;"Wenn beide Seiten schlecht sind, muss man sich nicht entscheiden". In der Westukraine bilden Nationalismus und Militarismus eine unheilvolle Allianz. Ein Interview von Mathias Schmidt mit Anarchisten aus Lwiw (Lemberg), in: GWR 392, Oktober 2014

Vadim Damier: Machtkämpfe in der Ukraine - Eine antimilitaristische Sicht auf den Krieg. Veranstaltungsbeitrag der Veranstaltungsreihe „Krieg in der Ukraine: Machtproben in einem zerrissenen Land“, 10.-18. November 2014. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe Februar 2015

Stichworte:    ⇒ Europa   ⇒ Krieg   ⇒ Kriegsdienstverweigerung   ⇒ Militarisierung   ⇒ Russland   ⇒ Ukraine   ⇒ USA   ⇒ Vadim Damier