World Without War

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Südkorea: Die Macht internationaler Solidarität

von Jungmin Choi, World Without War

(29.08.2014) Die Solidaritätsarbeit zwischen AktivistInnen in Südkorea und im Ausland führte dazu, dass in diesem ultra-militaristischen Land eine Kriegs­dienst­ver­weigerungsbewegung entstand. 2000 sahen Karin Lee und John Feffer, MitarbeiterInnen des American Friends Service Committee (Quäker) in Tokio, das mit vielen Gruppen der Zivilgesellschaft in Südkorea zusammenarbeitete, dass die Bewegung gegen das koreanische Militär, den Militarismus, gegen die Wehrpflicht und andere damit zusammenhängende Institutionen schwach war. Im Juli des Jahres führte Taiwan einen alternativen Dienst ein. Als Karin und John davon hörten, dachten sie, es könnte Zeit sein, in Südkorea über diese Fragen offener und breiter zu diskutieren, da die Situation bezüglich der militärischen Konfrontation, des ökonomischen Wachstums und der geografischen Lage relativ ähnlich ist. Sie suchten Organisationen, mit denen sie dazu zusammenarbeiten konnten und trafen auf diese Weise Sangyeul und mich. Wir beide waren damals aktiv in der Gruppe Solidarität für Frieden und Men­schen­rechte (Solidarity for Peace and Human Rights - SPR).

Bald danach wurde im SPR eine Arbeitsgruppe eingerichtet, deren Mitglieder damit begannen, Texte zu Militär und Wehrpflicht aus anderen Ländern zu übersetzen und zu studieren. Bis dahin gab es in Korea noch nicht einmal das Konzept der Kriegs­dienst­ver­weigerung und extrem wenig Material dazu. Natürlich sah sich die Arbeitsgruppe am Anfang einigen Herausforderungen gegenüber, forschte aber weiter zu den Men­schen­rechtsverletzungen, denen die Zeugen Jehovas ausgesetzt waren - zu der Zeit die einzigen Kriegs­dienst­ver­weigerer - wie auch zu anderen Fragen der Wehrpflicht in Korea.

Daraus ergab sich ein halböffentliches Seminar, das SPR mit anderen Organisationen der Zivilgesellschaft im März 2001 durchführte. In dem Seminar wurde das System der Wehrpflicht diskutiert und nach Alternativen gesucht. Über 50 koreanische Aktivisten und Forscher, die an diesen Themen interessiert waren sowie Aktivisten aus Taiwan und Kolumbien wurden zu diesem Experiment eingeladen. Wir tauschten unsere Ergebnisse aus, sprachen über die Probleme, die wir festgestellt hatten und erarbeiteten eine Strategie für die weitere Arbeit. Zu dieser Zeit bestand die darin, dass wir die Bevölkerung über die Berechtigung für eine Kriegs­dienst­ver­weigerung informieren wollten. So schrieben wir also Artikel und organisierten verschiedene Veranstaltungen. Ungeachtet des radikalen Themas waren viele schockiert, als sie von der Unterdrückung und dem Leid hörten, denen die Zeugen Jehovas seit 60 Jahren ausgesetzt waren.

Im Juli 2001 besuchten wir Taiwan, um mehr über das dortige System eines alternativen Dienstes zu lernen. Ungefähr zu dieser Zeit begann auch unsere Zusammenarbeit mit der War Resisters‘ In­ter­na­ti­onal (WRI). Wir wollten auf unserer Arbeit aufbauen und mehr über Kriegs­dienst­ver­weigerung als Teil einer Friedensbewegung erfahren. Wir nahmen an dem jährlichen Seminar der WRI teil, das im September 2001 in der Türkei stattfand. Nach dem Seminar gelang es uns engere Beziehungen zur WRI zu knüpfen. 2002 besuchte uns Andreas Speck, Koordinator für das Programm „Das Recht, das Töten zu verweigern“ der WRI, in Südkorea und diskutierte mit uns, wie die in­ter­na­ti­onale Gemeinschaft die Bewegung in Korea unterstützen könnte. Ein Ergebnis war eine in­ter­na­ti­onale Konferenz zum Thema Kriegs­dienst­ver­weigerung, die im März 2003 in Korea stattfand. Und zwei koreanische AktivistInnen nahmen im Mai an einem anderen Seminar der WRI in Israel teil. Zusätzlich war ein koreanischer Aktivist als Praktikant bei der WRI in London.

Vor 2003, auch wenn die Kriegs­dienst­ver­weigerung ein wirklich heißes Eisen in der koreanischen Gesellschaft war, wurde sie viel zu sehr mit Blick auf die Men­schen­rechte diskutiert. Die Debatte bezog sich nur auf die Frage einer Alternative zur Pflicht, den Militärdienst abzuleisten und damit den individuellen Kriegs­dienst­ver­weigerern eine Hilfe geben zu können. Kriegs­dienst­ver­weigerer wurden deshalb als passive Opfer angesehen, während die Aktivistinnen, also die Frauen in der Gruppe, nur als zur Seite stehende Unterstützerinnen gesehen wurden, die mit Klagen die Sympathie der Gesellschaft zu erreichen suchen. Die damaligen AktivistInnen von World Without War kritisierten diese binäre Sichtweise und wollten die Bewegung neu als eine Kampagne des Zivilen Ungehorsams organisieren. Mit Hilfe in­ter­na­ti­onaler Solidarität konnten wir reflektieren, was dann zu erwarten wäre und andere mögliche Strategien entwickeln. Auf der einen Seite ist es überraschend, dass Kriegs­dienst­ver­weigerungsbewegungen in anderen Erdteilen ähnliche Probleme zu bewältigen hatten, auf der anderen Seite war die Tatsache, dass wir in ähnlicher Weise wie die anderen Kritik und Herausforderungen ausgesetzt waren, sehr komfortabel.

Wir luden Andreas Speck erneut nach Korea ein, um im Sommer 2004 unser erstes gewaltfreies Training durchzuführen und nun - zehn Jahre später - haben wir ein eigenes Team von koreanischen TrainerInnen. Zusätzlich nahmen wir 2006 an der Dreijahreskonferenz der WRI in Paderborn teil, wo wir dazu angeregt wurden, gegen Kriegsprofiteure zu arbeiten. Ein Jahr später starteten wir eine neue Kampagne, Null Waffen, um die koreanischen Waffenlieferungen und die Waffenindustrie zu beobachten und unseren Schwerpunkt auf die Kriegsprofiteure zu richten. Gegenwärtig rufen wir zu einem Verbot der Streumunition auf, führen eine Kampagne „Stoppt die Weltraum- und Verteidigungsausstellung (ADEX)“ durch, blockieren Exporte von Tränengas nach Bahrain und anderes mehr. Durch in­ter­na­ti­onale Solidarität lernten wir und bekamen neue Ideen.

Unsere Erfahrung zeigt, wie wichtig und machtvoll in­ter­na­ti­onale Solidarität ist. Wenn wir nicht die Hilfe der Quäker und der WRI erhalten hätten, insbesondere zu Beginn der Bewegung, wüsste ich nicht, wie unsere Bewegung heute aussehen würde. Die Situation in jedem Land ist selbstverständlich bei jedem Schritt und zu jeder Zeit anders, aber die Erfahrung und die Kenntnisse von Menschen und Gruppen, die uns bis heute begleitet haben, waren eine wertvolle Stütze für Anfänger wie uns. Auf diese Weise konnten wir einige Entwicklungen, die uns betroffen hätten, voraussehen, bedacht und strategisch damit umgehen und unsere Aktionen weiterentwickeln.

Jungmin Oh, World Without War: South Korea - The Power of International Solidarity. 29. August 2014. Übersetzung: rf. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe April 2015

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