World Without War

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Südkoreanischer Kriegsdienstverweigerer beginnt in Frankreich neues Leben

von Izumi Sakurai

(26.10.2014) Yeda Lee konnte den Gedanken nicht ertragen, den Militärdienst ableisten zu müssen. So floh er aus Südkorea und beantragte in Frankreich Asyl, etwas, was man aus seinem Land selten hört.

Bei nur wenigen Ausnahmen sind alle Männer in Südkorea wehrpflichtig. Nach der Musterung im Alter von 19 Jahren haben sie zumeist zwei Jahre Militärdienst abzuleisten. Die Regierung sieht die Wehrpflicht angesichts der Bedrohung von Nordkorea als notwendig an.

Auch wenn Hunderte von Männern jedes Jahr aus religiösen und anderen Gründen verweigern, so ist es doch selten, dass ein Bürger in Übersee Asyl beantragt. Lee wurde 2013 in Frankreich als Flüchtling anerkannt. Da Südkorea das Recht auf Kriegs­dienst­ver­weigerung nicht anerkennt, gibt es keine Alternative zur Ableistung des Militärdienstes außer einer Gefängnisstrafe.

Der 23-jährige Lee besuchte im September auf Einladung der Schriftstellerin und Sozialkritikerin Karin Amamiya Tokio. In einem Interview berichtete er The Asahi Shimbun, dass ihn sogar das Töten einer Mücke entsetzt. Als Schüler wurde er stark angesprochen durch „Buddha“, einer Komikserie der letzten japanischen Comiclegende Osamu Tezuka. Mit Blick auf seine Gedanken, die ihm beim Lesen des Comics durch den Kopf gingen, sagte Lee: „Ich habe kein Recht, einer anderen Person das Leben zu nehmen. Ich will nicht zum Mörder ausgebildet werden.“

Seine Mutter war außer sich und bat ihn in Südkorea zu bleiben: „Wir werden uns nie wiedersehen, wenn Du gehst. Bitte bleibe hier und gehe ins Gefängnis.“ Aber Lee entschied sich zu gehen. „Als Verweigerer des nationalen Dienstes werde ich mein ganzes Leben lang in meinem Heimatland als Verräter gelten. Keine Firma würde mich anstellen.“

Aus Angst vor weiteren Asylanträgen in Übersee ignorierten die führenden südkoreanischen Medien die Geschichte von Lee.

Da Lee in der Schule japanisch gelernt hat, überlegte er zunächst, in Japan Asyl zu beantragen. Über das Internet erfuhr er jedoch, dass es in Japan sehr strenge Kriterien zur Anerkennung als Flüchtling gibt, so dass er diese Idee wieder verwarf. 2012 floh er mit einem einwöchigen Ticket nach Paris, zwei Monate bevor sein Militärdienst begonnen hätte. Er hatte nur 600 US-Dollar in seiner Tasche.

In seinem Asylantrag an die französischen Behörden verwies Lee auf die „Verfolgung durch die Gesellschaft und die Angst vor einer Inhaftierung“. Nachdem sein Geld alle war, lebte er in einer Unterkunft für Obdachlose. Schließlich wurde ihm im Juni letzten Jahres der Flüchtlingsstatus zuerkannt.

Während seines Aufenthaltes in Japan führte Lee eine Veranstaltung in Tokio durch. Er sprach über die körperliche Misshandlung, denen Rekruten durch ältere Soldaten ausgeliefert sind und verwies auf einen Zwischenfall im April, bei dem ein Soldat starb und einen weiteren, bei dem ein Grenzsoldat im Juni fünf Personen erschossen hatte. Diese Vorfälle „gibt es, weil das Leben im Militär unmenschlich ist. Es zwingt Soldaten dazu, unter Stress und außerhalb der Gesellschaft zu leben“, so Lee. „Wenn man sich selbst treu bleiben will, muss man ins Ausland gehen oder ins Gefängnis“, ergänzte er gegenüber den japanischen ZuhörerInnen. Viele aus dem Publikum befürchten, dass die Wehrpflicht in Japan wieder eingeführt wird, nachdem die Regierung das Recht auf kollektive Selbstverteidigung befürwortet hat. „Ihr solltet verhindern, dass es in Eurer Gesellschaft so etwas gibt“, sagte Lee.

Lee steht mit seiner Familie in Südkorea über eMail und Telefon in Kontakt. Mit einem Job in einer Bäckerei im Hintergrund, in der er Bagels und Sandwiches macht, lernt er französisch und hat die Absicht, die französische Staatsbürgerschaft anzunehmen.

The Asahi Shimbun, Japan: S. Korean conscientious objector finds new life in France. 26. Oktober 2014. Übersetzung: rf. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe April 2015

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