World Without War

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"Ich erhielt als südkoreanischer Verweigerer in Frankreich politisches Asyl"

von Yeda Lee

(18.05.2015) Mein Name ist Yeda Lee. Ich lebe derzeit in einem Vorort von Paris, nachdem mich die französische Regierung als Flüchtling anerkannt hat.

Für Jugendliche in Südkorea ist das Militär ein Ort, an dem sie bedingungslos allen Befehlen gehorchen müssen. Als ich in der Mittelstufe in der Schule war, las ich ein Comic-Buch über das Leben von Buddha. Seitdem vermeide ich es, unnötig zu töten. Deshalb bin ich auch schockiert über das Wesen des Militärs, einer Organisation, die ganz offenkundig nur existiert, um Menschen mit einer Waffe zu töten. Ich denke, dass ich nur dann jemanden töten könnte, wenn es unabwendbar ist, um jemanden oder etwas zu schützen, eine Person, einen Glauben, ein Volk. Aber wenn ich einer Organisation angehören soll, die mich dazu zwingt, bedingungslos Befehlen zu gehorchen, muss ich über die Organisation Bescheid wissen. So begann ich, mich mit koreanischer Geschichte zu beschäftigen, insbesondere zur Kriegs­dienst­ver­weigerung. Schon bald fand ich heraus, dass die südkoreanische Armee nicht das eigene Volk beschützt, sondern ein Werkzeug zur Unterdrückung, und manchmal ein Werkzeug für ausländische Interessen ist.

Ich bin vielleicht eine Person mit wenig Wissen, aber ich wollte die richtigen Dinge in meinem Leben machen. Ich versuchte, schon bevor ich mich zur Kriegs­dienst­ver­weigerung entschloss, meine eigenen moralischen Werte zu leben, in Beziehungen zu anderen in der Schule und am Arbeitsplatz. Für mich war die Kriegs­dienst­ver­weigerung ein Schritt des Stolzes, den ich ohne Zögern machte. Die einzige Frage für mich war, ob ich mich der Haft in Südkorea stelle oder im Ausland Asyl suche. Trotz der Möglichkeit, dass ich nicht als Flüchtling anerkannt werden könnte, entschied ich mich für einen Asylantrag, weil ich dem Geist des Militarismus widerstehen wollte, der tief in unser Leben eingreift. Und bei der Frage, welche Qualität das Leben in der Zukunft für mich haben wird, ging ich davon aus, dass es ein besserer Weg für mich wäre, den Militarismus zu verweigern, indem ich in einem anderen Land Asyl suche und auswandere, statt in Südkorea zu verweigern.

Allgemein wird Südkorea als fortschrittliches Land angesehen, das nicht unter großen sozialen Problemen leidet. So zweifeln einige Menschen an, darunter auch meine Eltern, dass es überhaupt die Möglichkeit gibt, als Bürger Südkoreas aufgrund einer Kriegs­dienst­ver­weigerung Asyl zu erhalten. Deswegen schilderte ich ihnen, wie die Stellung von Kriegs­dienst­ver­weigerern in anderen Ländern ist. Ich erklärte ihnen auch überzeugend, dass die Art, wie unsere Gesellschaft Kriegs­dienst­ver­weigerer behandelt, in anderen Ländern als Grund angesehen werden könnte, als Flüchtling anerkannt zu werden.

Natürlich dachte ich auch über die andere Möglichkeit nach, in Südkorea zu verweigern, auch wenn das bedeutet hätte, ins Gefängnis zu gehen. Aber selbst nach meiner Haft würde ich mich verschiedenen Formen der Diskriminierung ausgesetzt sehen und ich hätte mit einer Vorstrafe zu leben, weil ich die Pflicht nicht erfüllt hätte. In Südkorea sind Bewerber für eine Arbeitsstelle verpflichtet, Informationen über ihren Militärstatus zu geben. Auf diese Weise prüfen die Firmen, welchen Status beim Militär die Bewerber haben. Man kann leicht Berichte darüber finden, dass es Kriegs­dienst­ver­weigerern nicht möglich war, einen Job zu bekommen oder dass ihre Einstellung zurückgenommen wurde. Diese Probleme nehmen tatsächlich zu, statt besser zu werden.

Immer noch werden viele wegen ihrer Kriegs­dienst­ver­weigerung inhaftiert und es gab schon viele Kampagnen zu diesem Thema. Aber die Aussichten für Veränderungen scheinen noch weit entfernt zu sein. Ich entschied mich auch für den Asylantrag, weil ich dachte, dass sich die Nachricht über meine Asylanerkennung in der südkoreanischen Gesellschaft verbreiten würde und so Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt wird.

Glücklicherweise gibt es immer mehr Menschen, die sich Fragen zum Militär stellen. Nachdem die Medien über meinen Fall berichteten, kontaktierten mich viele junge Südkoreaner und fragten nach, wie das mit dem Asylantrag ist. Allein in Frankreich haben drei Südkoreaner Asyl beantragt und warten auf den Ausgang des Verfahrens.

Neben diesen Folgen konnte ich viele Menschen treffen, die wie ich selbst dachten. Das war für mich persönlich ein großer Gewinn. Mit der Möglichkeit, in einer neuen Welt zu leben, eine neue Sprache zu sprechen und eine andere Kultur zu erleben, wurden mir viele neue Möglichkeiten eröffnet, die ich in Südkorea nie gehabt hätte. Wenn ich mich für das Gefängnis entschieden hätte, wäre ich jetzt entlassen worden. Und es könnte gut sein, dass ich jetzt als Kriegs­dienst­ver­weigerer vergeblich einen Job suchen würde.

Die Unterstützer in Südkorea hatten aufgrund der gesellschaftlichen Situation im Land gar nicht die Möglichkeiten mich so zu unterstützen, wie ich das in Frankreich erfahren habe. Aber viele mir zugetane Freunde, die aus den Medien meine Geschichte erfuhren, schickten mir freundliche und unterstützende Mitteilungen, nachdem ich als Flüchtling anerkannt worden war.

Nun versuche ich zu tun, was ich kann. Ein Beispiel dafür ist mein Besuch in Japan, den ich vor kurzem unternahm. Kürzlich änderte Japan die Interpretation des Artikels 9 der Verfassung, so dass das Land nun das „Recht zur kollektiven Verteidigung“ hat. Aktivisten der japanischen Friedensbewegung befürchten, dass die Regierung eine Militärdienstpflicht einführen will, um wieder Krieg zu führen. Zu diesem Thema war ich von japanischen Aktivisten eingeladen worden. Auf einer Veranstaltung diskutierten wir das und mögliche Solidaritätsarbeit.

Im Moment versuche ich, in Frankreich einen Studienplatz zu erhalten.

Yeda Lee: Redebeitrag zur Veranstaltung „Kriegsdienstverweigerung in Südkorea“, 18. Mai 2015 in Berlin. Übersetzung: Seunghoi Park, rf. Der Beitrag erschien in: Connection e.V., Deutsche Ostasienmission und Ev. Mission in Solidarität (Hrsg.): Broschüre "Südkorea: 700 Kriegsdienstverweigerer in Haft", Juli 2015

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