World Without War

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"In Südkorea sind die großen Kirchen Gegner der Kriegsdienstverweigerung"

von Seungho Park

Ich bin Seungho Park von World Without War. Ich möchte Ihnen zunächst meine persönliche Geschichte erzählen. Viele fragen mich, wie ich zur Friedensbewegung kam und ob mich irgendwer oder irgendwas beeinflusste. Jedes Mal beantworte ich diese Frage ohne Zögern mit Ja. Es ist George W. Bush, der ehemalige US-Präsident. Vor der Invasion in den Irak habe ich niemals wirklich ernsthaft über die Bedeutung von Krieg nachgedacht. Als ich jung war, wollte ich Kampfpilot werden und mein liebstes Computerspiel simulierte den Kampfeinsatz eines Piloten. Im Gymnasium zeigten uns unsere Lehrer eine Dokumentation über eine südkoreanische Spezialeinheit. Ich war so beeindruckt und hatte sofort die Idee, zu solch einer Spezialeinheit zu gehen. Als ich dann 2001 mein Studium an der Uni begann, geschah der 9/11 und die USA marschierten in Afghanistan und Irak ein. Als ich die deutlichen Bilder aus dem Krieg im Irak sah, dachte ich zum ersten Mal wirklich über die Bedeutung von Krieg und Kriegs­dienst­ver­weigerung nach. Ich begann Bücher über Krieg, soziale Gerechtigkeit und christlichen Pazifismus zu lesen. Und schließlich sah ich, dass Krieg nicht mit meinem christlichen Glauben vereinbar ist.

2003 war ich Teil einer Bewegung von evangelikalen Studenten. Einmal war ich auf einem großen Predigertreffen. Dort bat uns ein Pastor, der das Treffen leitete, über die Situation im Irak zu predigen. In meiner Predigt zeigte ich aus meiner Sicht die Situation. Was ich üblicherweise in den Nachrichten sah, war die Bombardierung der Städte aus der Luft. In meiner Vorstellung sah ich Menschen, die in den Himmel schauen und sehen, wie die Bomben herunterfallen. Auf diesem Predigertreffen wurde mir klar, dass dies die Sicht von Gott ist. Ich war überzeugt, dass Gott den Menschen beisteht, die bombardiert werden, nicht denen die bombardieren.

Für mich bedeutet Christ sein, an der Seite der Opfer des Krieges zu stehen, nicht an der Seite der Soldaten. Aber die großen Kirchen in Südkorea schwiegen zum Irakkrieg. Ja, einige Leute aus der Kirche kritisierten sogar die Friedensaktivisten, die gegen die Ent­schei­dung der südkoreanischen Regierung protestierten, Truppen zur Unterstützung der US-Einheiten zu entsenden. Sie sagten, die US-Einheiten schützten uns im Koreakrieg, nun ist es Zeit für uns, die Schuld zurückzuzahlen. Wer dagegen ist, ist ein Sohn der Dunkelheit. Als Christ fühlte ich, dass die Stimme des Friedens in unserer Gesellschaft gestärkt werden muss und ich fühlte, dass es die Pflicht eines Christen ist, ein Apostel des Friedens zu sein. So kam ich zur Friedensbewegung.

Obwohl ich entschieden hatte, Friedensaktivist zu werden, zauderte ich, auch den Kriegsdienst zu verweigern. Ich war zu ängstlich, mich gegen den Strom der Gesellschaft zu stellen. Niemand, den ich kannte, hatte die gleichen Ideen zu Militär und Krieg, wie ich selbst. Mit der Erfahrung des Elends des Krieges in der Vergangenheit hat die nationale Verteidigung einen hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft. Angesichts dessen ist es nicht einfach, die Idee der Kriegs­dienst­ver­weigerung überhaupt zu denken.

Auch nach der Demokratisierung hatte die Kultur der Militarisierung Bestand. Von Schulen bis zu privaten Unternehmen, alle Teile der Gesellschaft sind dem Militär ähnlich. In der Vergangenheit erhielten Studenten eine Militärausbildung mit einem hölzernen Gewehr. Nun gibt es zwar keine Militärausbildung mehr in den Schulen, die Schulen sind aber weiter stark militarisiert. Jeden Morgen überprüfen die Lehrer am Haupteingang, ob die SchülerInnen angemessen gekleidet und den richtigen Haarschnitt haben. In jedem Klassenraum hängt eine Flagge. SchülerInnen lernen in wöchentlichen Treffen militärische Ausdrücke wie „Stillgestanden“ oder „Rührt Euch“. In diesen Stunden müssen sie Habacht-Stellung einnehmen, der nationalen Fahne salutieren und die Nationalhymne singen. Wenn jemand ausschert, reagieren einige Lehrer mit Kollektivstrafen und verweisen wie im Militär auf die „kollektive Verantwortung“

Die nationale Verteidigung wird als heilig angesehen und jede Frage zum Militär als Bedrohung der nationalen Sicherheit. Im Moment hat die südkoreanische Armee eine Mannstärke von 640.000 Soldaten. Jedes Jahr wird eine enorme Summe für den Erhalt der Armee ausgegeben. Im in­ter­na­ti­onalen Vergleich steht Südkorea damit an der 10. Stelle und der Verteidigungshaushalt beträgt umgerechnet 30,1 Mrd. Euro, 14,5% des gesamten Staatsetats.

In solch einem Militärstaat ist das Auftreten von Kriegs­dienst­ver­weigerern, die sich weigern, die heilige Pflicht der nationalen Verteidigung zu erfüllen, ein Skandal.

In Südkorea sind die großen Kirchen mit die größten Gegner der Kriegs­dienst­ver­weigerungsbewegung. Die größte Kirchenvereinigung, der Rat der Christen in Korea (CCK / Han-Ki-Chong) erklärte, dass die Anerkennung der Kriegs­dienst­ver­weigerung und die Erlaubnis, einen alternativen Dienst abzuleisten, eine bevorzugte Behandlung der Zeugen Jehovas darstellen würde. Erst kürzlich, als ein Gericht zu drei Zeugen Jehovas Urteile fällte, gab der Rat eine Stellungnahme heraus und erklärte: „Kriegs­dienst­ver­weigerung ist eine irrige Handlung, sie beruht auf einem Irrglauben.“

Nachdem die Kriegs­dienst­ver­weigerungsbewegung wuchs, konnten wir einige Veränderungen wahrnehmen. Eine bedeutsame war das Strafmaß. Gewöhnlich werden Kriegs­dienst­ver­weigerer zu genau 18 Monaten Haft verurteilt. Vor dem Entstehen der Kriegs­dienst­ver­weigerungsbewegung hatten die GErichte die Höchststrafe von drei Jahren verhängt.

Ein Verfahren zur Kriegs­dienst­ver­weigerung hat üblicherweise zwei Seiten. Es gibt die formale Anklage und später das Urteil. Der Staatsanwalt fordert genau eineinhalb Jahre Haft und der Richter verurteilt zu eineinhalb Jahren Haft. Warum das so zur Gewohnheit wird, dafür gibt es einen Grund. Bei einer Haftstrafe unter eineinhalb Jahren kann nach Verbüßung der Haftstrafe erneut einberufen werden. Mit einer Ver­ur­tei­lung zu 18 Monaten Haft ist eine erneute Einberufung ausgeschlossen. Die Richter sehen die Ver­ur­tei­lung der Kriegs­dienst­ver­weigerer zu eineinhalb Jahren Haft als eine „barmherzige Bestrafung“ an.

Die nationale Men­schen­rechtskommission gab der Regierung die Empfehlung, den Konflikt zwischen Gewissensfreiheit und der Militärdienstpflicht durch die Einführung eines alternativen Dienstes zu lösen. Abgeordnete legten Gesetzentwürfe zur Änderung des Militärdienstgesetzes vor, um die Strafverfolgung von Kriegs­dienst­ver­weigerern zu beenden. Bei verschiedenen Gelegenheiten hat das UN-Men­schen­rechtskomitee Stellungnahmen herausgegeben, dass Südkorea den In­ter­na­ti­onalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte verletzt hat, weil Kriegs­dienst­ver­weigerer bestraft wurden und das Komitee empfahl, das Recht auf Kriegs­dienst­ver­weigerung anzuerkennen. Viele Länder in der UN drängen die südkoreanische Regierung dazu, das Recht auf Kriegs­dienst­ver­weigerung anzuerkennen und einen alternativen Dienst einzuführen.

Es gibt auch einige beunruhigende Zeichen. Erst kürzlich, am 9. Dezember 2014, verabschiedete die Nationalversammlung Änderungen des Militärdienstgesetzes, darunter die Regelung, dass der Vorsitzende des Rekrutierungsbüros persönliche Informationen von denjenigen veröffentlichen darf, die nicht zum Militär gehen, sich nicht mustern lassen usw. Die Änderungen werden ab Juli in Kraft treten. Wir wissen noch nicht, ob Kriegs­dienst­ver­weigerer darunter fallen werden oder nicht. Aber es ist auf jeden Fall sehr beunruhigend, dass die Regierung versucht, die Militarisierung dadurch zu stärken, dass sie diejenigen stigmatisiert, die sich dem Militärdienst entziehen.

Es gibt aber auch ein paar positive Zeichen in Südkorea. Erst kürzlich hat sich ein Gericht für drei Zeugen Jehovas freigesprochen, die wegen ihrer Kriegs­dienst­ver­weigerung angeklagt waren. Sehr wahrscheinlich wird das Urteil durch das Beru­fungs­gericht revidiert werden, aber es sorgte bereits für eine breite Debatte im Land. Amnesty In­ter­na­ti­onal gab vor kurzem einen Bericht zur Lage der Kriegs­dienst­ver­weigerer in Südkorea heraus - und verschiedene Organisationen starteten eine gemeinsame Kampagne.

Wir hoffen auf weitere Veränderungen in der Gesellschaft. Und ich erhoffe mir von dieser Reise in Europa, mehr in­ter­na­ti­onale Solidarität und Unterstützung zu erhalten, um diese Veränderungen möglich zu machen.

Seungho Park: Redebeitrag auf den Veranstaltungen „Kriegsdienstverweigerung in Südkorea“ auf dem Kirchentag in Stuttgart, 4. und 5. Juni 2015. Auszüge. Übersetzung: rf. Der Beitrag erschien in: Connection e.V., Deutsche Ostasienmission und Ev. Mission in Solidarität (Hrsg.): Broschüre "Südkorea: 700 Kriegsdienstverweigerer in Haft", Juli 2015

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