André Shepherd

André Shepherd

US-amerikanischer Deserteur

von Wil S. Hylton

Viele US-SoldatInnen verließen unerlaubt die Armee, weil sie ihren Glauben an die Kriege in Irak und Afghanistan verloren haben - lange bevor es ihre Landsleute taten. An einem Ort auf dieser Welt sind sie im Moment in größter Gefahr: Es ist Kanada.


Manchmal verschwindet Dean Walcott. Er sitzt auf dem Sofa, schaut seinen Söhnen beim Spielen zu, hört ihre lauten Stimmen und ihr Lachen, als ihn plötzlich der Geruch von Blut übermannt und der Tag schwarz wird.

„Es kommt ganz plötzlich, ich bin weg“, sagt er ruhig, „und ich gehe auf den Flur und weine“.

Deans Frau, Vanessa, schaut ihm ins Gesicht. Sie schaut ihm in die Augen und runzelt die Stirn. „Dann knuddel ich ihn einfach“, sagt sie. „Ich nehme ihn in den Arm, massiere seine Schultern, versichere ihm mit Blick auf die Jungs: „Schau, sie sind ok“. Einmal wollte ich, dass er sie berührte, aber er wollte seine Hände nicht in die Nähe ihrer Gesichter bringen.“

„Ich hatte Angst, dass sich ihre Haut lösen würde“, sagt Walcott. „Wenn Du sehr stark verbrannt bist, kann sich die Haut lösen.“

Es ist ein frischer Herbstnachmittag und wir sitzen im Wohnzimmer der Walcotts in Peterborough, Ontario, einer kleinen Stadt im Osten Kanadas. Am Ufer des Flusses Otonabee explodieren die Ahornbäume in einem leuchtenden Orange und die Essigbäume in tiefem Rot. Die Wohnung befindet sich in einem wüsten Durcheinander. Ein Dutzend Katzen und Kätzchen purzeln über den Teppich, miauend und an Stoffen und Polstern die Krallen wetzend, während ein pummeliger Hund zwischen Haufen von Kleidern hindurchwatschelt und an Tellern voller Krümel schnuppert. Die Walcotts haben größere Sorgen. Früh am Morgen ist Vanessa ins Krankenhaus gebracht worden, weil ihre Herzprobleme wieder aufflackerten. Dean hat sie gerade wieder zurückgeholt. Aber kaum sind sie zu Hause, stellen sie fest, dass sie nicht genügend Geld haben, um für ihren Sohn Drake, der an diesem Tag sechs Jahre alt wird, einen Geburtstagskuchen zu besorgen. Vanessa verbringt die darauffolgende halbe Stunde damit, Verwandte anzurufen und um Hilfe zu bitten und gerade als sie den Hörer nach dem Gespräch mit ihrem Stiefvater auflegt, meldet sich die Grundschule und berichtet, dass ihr anderer Sohn, Aidan, vom Klettergerüst gefallen ist und sich hinten am Kopf verletzt hat. Beide Jungs der Walcotts haben Verhaltensauffälligkeiten und müssen Medizin gegen Psychosen erhalten. Als ob all dies nicht genug wäre, steht Dean vor seiner Abschiebung. Er hat gerade den Bescheid von der kanadischen Einwanderungsbehörde erhalten. Sein Antrag, politisches Asyl zu erhalten, wurde abgelehnt, was bedeutet, dass er jeden Tag aufgefordert werden kann, sich zur Grenze der USA zu begeben, wo er vom US-Militär verhaftet und als Deserteur verurteilt werden würde.

Walcott ist 33 Jahre alt, untersetzt, seine Augen sind stets auf den Boden gerichtet. Er wuchs im Staat New York auf und ging 1999 als Abiturient zu den Marines (Marineinfanterie). Als militärische Tätigkeit entschied er sich für die Reparatur von Elektronik. Nach der Grundausbildung reparierte er ein Jahr lang die Ausrüstung auf einer Basis in Japan. Als er nach Hause zurückkehrte, lagen die New Yorker Zwillingstürme in Schutt und Asche und der Irakkrieg wurde vorbereitet. Alle Marines, unabhängig von ihrer Ausbildung, wurden als Teil der kämpfenden Truppe angesehen. Innerhalb von sechs Monaten nach seiner Rückkehr aus Japan erhielt Walcott den Befehl, als Angehöriger der Militärpolizei in den Irak zu gehen. Fünf Monate lang war er im Süden Iraks, bevor er nach Camp Lejeune in North Carolina zurückkehrte und seine Tätigkeit zur Reparatur von Elektronik wieder aufnahm. 2004 erhielt er den Befehl für einen dritten Einsatz, dieses Mal, um in einem Krankenhaus in Westdeutschland zu arbeiten.

Das Militärkrankenhaus in Landstuhl ist die größte US-Gesundheitseinrichtung außerhalb der USA. Während des Irakkrieges war es für die Notversorgung schwer verwundeter US-SoldatInnen zuständig. Walcott hatte Neuankömmlinge zu begrüßen und ihnen Mut zuzusprechen. Damit war er täglich mit den verschiedensten schrecklichen Verwundungen konfrontiert. Während Ärzte und Krankenschwestern ausgebildet werden, um sich emotional von solchen Verletzungen distanzieren zu können, erhielt Walcott keine solche Ausbildung und konnte die Distanz nicht wahren. Er verbrachte seine Tage damit, die Korridore entlangzueilen, mit Tragen, auf denen verstümmelte Körper lagen, die bei Bombenexplosionen Beine und Arme verloren hatten oder deren Gesichter sich vom Feuer verbrannt auflösten. Nachts spukten die grausamen Bilder in seinem Kopf herum. Er dachte, dass er dem Druck standhalten könne, bis eines Morgens Kinder ankamen. Im Norden Iraks hatte eine verirrte Mörsergranate in einer zivilen Wohngegend mit Zelten ein Feuer entzündet. Das Militär evakuierte die örtliche Bevölkerung. „Mütter und Kinder kamen an, alle verbrannt und vollkommen blutig. Sie schrien schrecklich“, sagt Walcott. Einige der Kinder waren so schwer verkohlt und glänzten von der Salbe, dass er sie nicht als Personen erkannte. „Einige Male dachte ich, dass Müllsäcke auf meiner Trage lagen“, sagt er. „Dabei waren es kleine Kinder.“

Da begannen bei Walcott die Alpträume. Er legte sich ins Bett, nur um wenige Stunden später wieder aufzuwachen und völlig benommen herumzuwanken. „Ich ging in der Wohnung umher und suchte nach Menschen, die gar nicht da waren“, sagte er. „Ich schaute nach verletzten Personen, deren Schreie ich hörte.“

Walcott kehrte 2006 zurück nach North Carolina, aber die Alpträume und Flashbacks folgten ihm. Wo auch immer er war - bei der Arbeit, zu Hause, sogar beim Einkaufen - die Erinnerungen überkamen ihn. Es begann mit dem Geruch nach Tod. „Ich roch Blut, ich roch verbranntes Fleisch“, sagt er. „In den Krankenhäusern gibt es einen unheimlichen Geschmack und Geruch. Da gibt es ein ganzes Gebäude, das so riecht, als ob gerade jemand einen Erste-Hilfe-Kasten aufgemacht hat. Ich kann es auf meiner Zunge schmecken, die Verbände, die Mullbinden, Vaseline.“ Nach einem Flashback, wenn Walcott in die Realität zurückkehrt, realisiert er, dass er gekrümmt am Boden liegt und nach Luft schnappt. „Er hat Angst, wenn ich zu ihm gehe und ihn berühre“, sagte Vanessa. „Er erschrickt sich und dann sieht er mich an, dann schaut er weg, fängt an zu weinen und sagt, ‚was machst Du hier?‘„

Walcott machte einen Termin bei einem Psychiater. Aber, so berichtet er, sein Vorgesetzter gab ihm dafür nicht frei. Schließlich kam er zu einem Arzt, der PTSD, Posttraumatisches Stresssyndrom, diagnostizierte. Er begann davon zu träumen, das Militär zu verlassen und stellte sich vor, irgendwo an einem ruhigen Ort zu sein, einen normalen Job zu haben und zu lernen, die Erinnerungen ruhen lassen zu können. Eines Morgens stand er neben seinem Toaster, bereit zum Dienst, als er sich entschied stattdessen zu desertieren. Innerhalb von zwei Stunden war er am örtlichen Busbahnhof. In weniger als zwei Tagen war er in Kanada. Innerhalb einer Woche hatte er den Weg in die wachsende Gemeinschaft von US-DeserteurInnen gefunden, die sich von Neufundland bis British Columbia, über Winnipeg, London und Nelson niedergelassen hatten. Niemand wusste, wie viele dort waren und wie lange sie bleiben könnten.

 

Es ist schwierig, sich an den amerikanischen Enthusiasmus für den Krieg in 2003 zu erinnern und es ist zugleich verlockend, ihn zu vergessen - die leidenschaftliche Sicherheit der Regierung unter Bush, der Hurra-Konsens im Kongress und die bereitwillige Unterstützung einer US-Mehrheit, die schon lange von jedem Kampfgeschehen getrennt ist. Sechs Wochen nach Beginn der Invasion in den Irak stieg die öffentliche Unterstützung auf nahezu 80% an. Für die Männer und Frauen, deren Aufgabe es war, zu kämpfen, waren das elektrisierende Zeiten. Viele wurden in ihrem Engagement für den Dienst bestärkt; andere akzeptierten ihre erneute Verlegung mit zorniger Resignation. Wieder andere kehrten aus ihrem ersten oder zweiten Einsatz verstört und desillusioniert zurück und sahen sich dazu gezwungen zu desertieren. Zwischen 2003 und 2006 verließen mehr als 20.000 US-SoldatInnen und Marines unerlaubt die Armee.

In Zeiten des Krieges zu desertieren kann die höchste Strafe, die Todesstrafe, bedeuten. Das Militär hat seit 1945 keinen Soldaten mehr wegen Desertion exekutiert. Aber für die jungen Männer und Frauen, die sich darauf vorbereiteten, sich in einer Stimmung moralischer Verpflichtung unerlaubt zu entfernen, AWOL zu gehen, war es schwer einzuschätzen, wie hoch die tatsächliche Strafe sein könnte. In einem Land, das sich im Griff eines erneuerten Enthusiasmus für einen militärischen Einsatz befand, erfreuten sich Begriffe wie Feigling oder Verräter einer neuen Beliebtheit, wie es sie seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hatte. Viele glaubten, dass die Strafe bei Desertion mehrere Jahre oder gar schlimmeres sein könnte.

Desertion ist immer eine einsame Ent­schei­dung, besonders für diejenigen, die dazu in anderen Ländern Schutz suchen. Ein Deserteur im Exil ist von der Gesellschaft, von der Familie und von seinem Land abgeschnitten und er weiß, dass es sein kann, dass es niemals einen Weg zurück gibt. Für diejenigen, die sich vom Militär abwendeten und in den ersten Jahren des Irakkrieges nach Kanada gingen, schien die Ent­schei­dung Trost zu bieten. Die nördlichen Nachbarn haben immer untreue US-SoldatInnen willkommen geheißen, von den British Union Loyalists, die sich gegen den Revolutionskrieg wandten, bis zu den Militärdienstentziehern und Deserteuren des Vietnamkrieges. Zwischen 1968 und 1978 erhielten etwa 50.000 US-Bürger Schutz in Kanada, wo sie die Liberale Partei unter Premierminister Pierre Trudeau in aller Stille aufnahm. In den ersten drei Jahren des Irakkrieges kamen mindestens 200 neue US-AmerikanerInnen mit der Hoff­nung, ebenso offen aufgenommen zu werden. Die meisten der neuen DeserteurInnen entschieden sich, in Städten wie in Toronto oder Montreal zu leben und zu arbeiten, ohne ihre militärische Vergangenheit zu offenbaren. Nur etwa zwei Dutzend gingen an die Öffentlichkeit und baten als „KriegsgegnerInnen“ um politisches Asyl.

Was immer man von diesen Männern und Frauen halten mag, es ist schwierig, sie als Feiglinge zu brandmarken. Sie haben sich dazu entschieden, die letzten zehn Jahre unter öffentlicher Beobachtung zu stehen. Sie haben ihr Leben und ihre Ent­schei­dung der Kritik ausgesetzt ohne die Möglichkeit, nach Hause zurückzukehren. Es sind Menschen wie Chuck Wiley, der 17 Jahre lang Dienst im Militär leistete, bevor er 2006 als Atomingenieur auf einem Flugzeugträger in den Persischen Golf geschickt wurde. Dort war er geschockt vom Vorgehen der Luftwaffe in zivilen Gebieten des Iraks. In den ganzen letzten acht Jahren hat Wiley standhaft die Offenlegung von geheimen Details verweigert, die er gesehen hat, weil dies eine noch höhere Bestrafung zur Folge hätte haben können, als nur wegen Desertion verurteilt zu werden. Aber er war so in Bedrängnis - und seine Bemühungen das System zu ändern, wurden so sehr durchkreuzt -, dass er 2007 seine Karriere in der Navy aufgab, knapp drei Jahre, bevor er den gesamten Pensionsanspruch erworben hätte. Er sagt, dass seine Eltern seitdem nicht mehr mit ihm gesprochen haben.

Die US-DeserteurInnen in Kanada sind eine sehr vielschichtige Gruppe. Einige waren im Militär sehr erfolgreich und absolvierten wie Wiley mehrere Dienstzeiten. Andere waren jung, gingen in Eile zum Militär und verloren alle Illusionen, als sich ihre politischen Vorstellungen änderten. Der Militärdienst ist eine schwierige Episode des amerikanischen Lebens. Aus den meisten Situationen, in die 18-jährige US-BürgerInnen hineingeraten, können sie nach ein paar Jahren wieder aussteigen. Beim Militär ist das anders. Die US-Armee definiert sich zwar selbst als „Freiwilligendienst“. Aber das gilt nur so lange, bis die Tinte auf dem Vertrag getrocknet ist. Danach ist es fast unmöglich, wieder herauszukommen. Der Job eines Soldaten oder einer Soldatin ist der einzige, in dem er oder sie laut Arbeitsvertrag zu einer Haftstrafe verurteilt werden kann, wenn der Dienst nicht vollständig erfüllt wurde. JedeR, unabhängig von einer besonderen Ideologie, versteht, warum das so ist. Die militärische Disziplin ist entscheidend für jede nationale Verteidigung. Aber es ist zugleich leicht, Sympathie für Männer wie Wiley und Walcott zu hegen, die überzeugt zur Armee gingen, aber zu der Überzeugung kamen, dass sie den Dienst nicht mit gutem Gewissen und in gutem Gesundheitszustand weiter leisten können. Es kann schwierig sein, die militärischen Erfordernisse eines freien Staates mit den individuellen Werten einer freien Gesellschaft in Übereinstimmung zu bringen.

Trotz aller Unterschiede in Alter und Erfahrung haben die US-DeserteurInnen in Kanada doch eines gemeinsam: Sie waren über die Maßen vom Pech verfolgt. Als die Jahre vergingen und sich die Kriege dahin zogen, waren sie in einer sich ändernden kulturellen Landschaft gefangen. 2008 glaubten zwei Drittel der Amerikaner, dass der Irakkrieg ein Fehler war und Präsident Obama wurde von vielen gewählt, weil er sich früh gegen den Krieg ausgesprochen hatte. Kanada hingegen driftete in eine andere politische Richtung. Obwohl zwei Drittel seiner Bürger in einer Umfrage aus dem Jahre 2008 die US-DeserteurInnen unterstützten und sich die Legislative zwei Mal für ihren dauerhaften Aufenthalt ausgesprochen hatte, änderte sich mit der Wahl von Stephen Harpers Konservativer Partei 2008 die politische Grundlage des Landes. Harper, der den Einmarsch in den Irak befürwortet hatte, war unbeirrbar gegen die US-DeserteurInnen eingestellt und seine Einwanderungsbehörde arbeitete fleißig daran, sie abzuschieben. 2009 erläuterte der Einwanderungsminister Jason Kenney die Regierungsposition folgendermaßen: „Wir sprechen über Personen, die freiwillig den bewaffneten Streitkräften eines demo­kratischen Landes beigetreten sind und schlicht ihre Meinung geändert haben und desertierten. Das ist in Ordnung, das ist die Ent­schei­dung, die sie getroffen haben. Aber deshalb sind sie noch keine Flüchtlinge.“ Damit befinden sich die US-DeserteurInnen in einer grotesken Situation: Zu einer Zeit, als die meisten US-Amerikaner zustimmen, dass die Ent­schei­dung zum Einmarsch in den Irak ein katastrophaler Fehler war, sind die einzigen US-SoldatInnen, deren aktuelle Lebenssituation noch direkt und stark vom Irakkrieg geprägt ist, diejenigen, die sich mit ihrer Ent­schei­dung zur Desertion dagegen stellten.

Viele von ihnen sind bereits aus Kanada abgeschoben und in den USA inhaftiert worden. Der erste war Robin Long, der 2003 zur Armee ging, über den Skandal von Abu Ghraib jeglichen Glauben an den Sinn des Krieges verlor und 2005 desertierte. Die Regierung Harper schob ihn 2008 ab. Bei seinem Militärstrafverfahren war die Staatsanwaltschaft mehr über seine öffentliche Erklärung aufgebracht, als über seine Ent­schei­dung, die Armee zu verlassen. Als erstes Beweismittel gegen ihn wurde ein sechsminütiges Interview gezeigt, das er mit einem kanadischen Fernsehsender gemacht hatte und in dem er sich gegen den Einmarsch in den Irak aussprach. Nach einer Vereinbarung im Vorverfahren erhielt er eine unehrenhafte Entlassung und 15 Monate Gefängnis. Der Richter äußerte sein Missfallen darüber, dass die Staatsanwaltschaft keine höhere Haftstrafe gefordert hatte.

Im folgenden Jahr versuchten die kanadischen Behörden einen anderen US-Deserteur, Rodney Watson, abzuschieben. Er lebte nach seinem Einsatz in Mosul in Vancouver und sagte, dass er US-SoldatInnen gesehen habe, die irakische Zivilisten körperlich misshandelten. Als er aufgefordert wurde, Kanada zu verlassen, suchte er Kirchenasyl. Nach fünf Jahren ist er immer noch in dieser Kirche in Vancouver - und kann keinen Schritt nach draußen machen.

Eine andere Deserteurin, Kim Rivera, wurde 2012 aus Kanada abgeschoben. Rivera war 2006 als Fahrerin der Vierten Infanteriebrigade eingesetzt gewesen. Sie kam zu der Überzeugung, dass die langwährende Besatzung des Iraks unverhältnismäßig und unmoralisch sei. 2007 verließ sie ihren Posten in Texas und kam mit ihrem Ehemann und zwei Kindern nach Toronto. In den nächsten Jahren bekamen sie zwei weitere Kinder und Rivera wurde erneut schwanger. Zu ihrem Militärgerichtsverfahren erhielt sie Unterstützung von Amnesty In­ter­na­ti­onal, Erzbischof Desmond Tutu und verschiedenen Veteranenverbänden. Sie verlor jedoch das Verfahren und wurde zu 14 Monaten Militärgefängnis verurteilt. Als sie kurz vor der Geburt stand, wurde sie von der Militärpolizei ins Krankenhaus eskortiert, die die Entbindung abwartete, um Rivera danach zurück in ihre Zelle zu bringen.

Heute befinden sich nur noch etwa ein Dutzend US-DeserteurInnen in Kanada, die an die Öffentlichkeit gegangen sind. Die Verwaltung unter Harper hat vielen von ihnen eine Arbeitserlaubnis verweigert und ihnen damit den Zugang zum nationalen Gesundheitssystem verwehrt. Ihre Asylanträge wurden von jeder Instanz abgelehnt - selbst als sie in Berufung gingen und bei den Bundesgerichten Schutz beantragten. Um zu überleben, haben sie eine geschlossene Gemeinschaft der wechselseitigen Unterstützung gegründet. Sie teilen sich Wohnungen und kümmern sich um die anderen bei Krankheiten, Herzanfall oder Depressionen. Nach einem Jahrzehnt könnte ihr höllischer Schwebezustand zu Ende gehen: Mit der Wahl, die dieses Jahres angesetzt ist. Premierminister Harper lag in den Umfragen im vergangenen Herbst hinter dem Kandidaten der Liberalen, Justin Trudeau, zurück. Dessen Vater war ausschlaggebend für die US-Militärdienstentzieher und DeserteurInnen des Vietnamkrieges. Chari DiNovo, Mitglied der Neuen Demokraten und Abgeordnete in Ontario, berichtete mir, dass die DeserteurInnen in Kanada werden bleiben können, wenn irgendjemand anders als Harper die Wahl gewinne. „Weder die Liberalen noch die Neuen Demokraten wollen die Deserteure abschieben“, sagte sie. Aber jetzt, da sich die Wahlen nähern, hat Harper eine endgültige Säuberung begonnen. Nahezu alle DeserteurInnen, die noch in Kanada sind, erhielten in den letzten vier Monaten eine Abschiebungsanordnung. Viele von ihnen könnten sich bereits in US-Gefängnissen befinden, wenn ihnen eine neue kanadische Regierung Schutz anbietet. Michelle Robidoux, prominente Aktivistin in Toronto, die die War Resister Support Campaign leitet, berichtete mir, dass nach mehr als einem Jahrzehnt Kampf die DeserteurInnen nun an einem „kritischen Moment“ stünden.

 

Als ich bei den Walcotts in Petersborough bin, organisiert Robidoux ein Strategietreffen für die DeserteurInnen. So fahre ich am Nachmittag nach Toronto. Seit 2005 hat die Gruppe von Robidoux ein Büro im zweiten Stock einer Stahlarbeiterhalle in der Innenstadt. Das Gebäude liegt am Rand eines Viertels, das als Baldwin Village bekannt ist und ein Ort für KriegsgegnerInnen aus den USA in der Zeit des Vietnamkrieges war. Ich gehe mit dem Verweigerer Jeffry House dort entlang. Er verließ 1970 die USA, studierte in Toronto Jura und vertrat schließlich die neue Generation von DeserteurInnen. Als wir entlang der bürgerlichen Fassaden des Baldwin Village gehen, erinnert er sich an die bohemehafte Vergangenheit des Viertels. „Es war eine schöne ausgelassene Atmosphäre der Welt der Hippies“, sagt er. „An einem Sommertag waren Leute auf allen Veranden. Es gab den Rauch von Dope und Menschen mit Luftballons.“

Die jungen Männer und Frauen, die sich am Abend in der Halle treffen, sind anderer Herkunft: Keiner Gegenkultur angehörend unterschieden sie sich nicht von den normal arbeitenden Eltern in der Schule meiner Tochter. Chuck Wiley ist da, in einem grauen Polohemd, das in einer Hose mit Gürtel steckt, der eine Handy-Tasche an der Hüfte hat. Neben ihm sitzt Jenna Jackson, die ihrem Ehemann Ryan nach Kanada gefolgt ist und aufdeckte, dass der „Arbeitsplatz einer nicht-verlegbaren Unterstützungseinheit“, für die er sich freiwillig gemeldet hatte, überhaupt nicht existierte. In der Mitte des Tisches steht Robidoux´s Laptop mit offenem Skype, mit Dean und Vanessa Walcott aus Petersborough in einem Fenster auf der linken Seite und Josh und Alexina Key in ihrer Wohnung in Manitoba auf der rechten. Josh ist einer der bekanntesten US-Deserteure in Kanada. 2007 veröffentlichte er ein Buch, in dem er eingestand, dass er mit Angehörigen seiner Einheit irakische Zivilisten bestohlen hatte und seine Beobachtung schilderte, dass eines Tages ein zehn Jahre altes Mädchen von einer Heckenschützensalve tödlich getroffen wurde, die seines Wissens nach von einem US-Soldaten abgefeuert wurde. „Ich bin ein Deserteur“ beschreibt ein langsames moralisches Erwachen. Von einem Einsatz zurück in den USA entschied er 2005 zu desertieren, seine Sachen in einen alten Dodge Campingbus zu werfen und gen Norden zu fahren.

Am Kopf des Tisches steht Robidoux vor einem großen Bogen Papier, das an der Wand hängt. Sie ist eine drahtige Frau Anfang 50, mit einem ausgeprägten Kinn und kurzen Haaren. Nach einigen Minuten Plaudern räuspert sie sich, um das Treffen zu beginnen. „Okay“, sagt sie. „Sind wir bereit anzufangen, Kinder?“ Sie weist auf den Bogen Papier hinter ihr hin, der mit rosa und gelben Haftnotizen bedeckt ist und streicht mit grün und lila Geschriebenes an. „Ich nehme mir die Freiheit dazu, weil ich versuche, zu organisieren, was ansteht“, sagt sie. „Können wir zunächst die aktuellen Infos hören?“

Einer nach dem anderen am Tisch berichtet die aktuellen Neuigkeiten: Erhalt einer Abschiebungsanordnung, Kündigung der Arbeitsstelle oder auch nur das Packen der Taschen und der Verkauf oder das Verschenken ihrer Habseligkeiten, um auf das Gefängnis vorbereitet zu sein. Robidoux hört still zu. Nachdem alle gesprochen haben, informiert sie über die Neuigkeiten zu einem Deserteur, der nicht da ist. Während seines Einsatzes im Irak hatte er extreme traumatische Stresssyndrome entwickelt und leidet nach wie vor unter häufigen dissoziativen Aussetzern. Nun hat ihn die kanadische Einwanderungsbehörde angewiesen, Kanada innerhalb von zwei Wochen zu verlassen. Seine Ehefrau hoffte, mit zur Grenze zu den USA zu kommen und mit ihren Kindern in der Nähe des Militärgefängnisses zu leben, wo er verurteilt werden würde. Aber die Anspannungen des täglichen Lebens haben sie völlig überfordert und das Packen und Umzuziehen zu organisieren, schien ihr unerträglich zu sein. Robidoux versuchte zu helfen.

„Wir brauchen eine starke Person, die Dinge in die Hand nehmen kann“, sagt sie. Sie wirft einen Blick auf den Bogen Papier an der Wand. „Die kritischen Dinge. Einen ‚Garage Sale‘ (Abverkauf von persönlichen Dingen aus der Garage heraus) organisieren. Wann soll das stattfinden? Wer macht es?“

Einige der kanadischen AktivistInnen rutschen unbehaglich auf ihren Stühlen. Es ist schwierig, nach Jahren des Kampfes zu akzeptieren, dass diese Familie am Ende den Blick darauf richtet, zu gehen. Viele der Aktivisten hoffen immer noch darauf, in letzter Minute Aufschub zu erhalten.

„Es ist so hart“, sagt einer. „Sie wissen nicht, ob sie gehen müssen.“

Robidoux seufzt. „Nun“, sagt sie, „sie müssen so planen, als ob es so wäre.“

Als das Gespräch übergeht zu der Frage, wie man sich an der Grenze den Behörden stellt, bemerke ich den Namen Corey, geschrieben mit einem Marker auf dem Papier hinter Robidoux. Dies ist ein Verweis auf einen Deserteur der Armee, der das Land einige Tage vorher verlassen hat, um der Abschiebung zu entgehen. Statt sich den US-Behörden an der Grenze zu stellen, hat sich Corey Glass in den Osten über den Ozean abgesetzt. Während das Treffen in Toronto endet und alle die Straße in Richtung Grossmans Taverne entlang gehen, hält Glass Kurs auf den Kanälen in Holland auf einem Segelboot mit einem zerbrochenen Mast. Er hat keine Vorstellung, wohin er gehen wird oder welche rechtlichen Möglichkeiten sich ihm bieten - aber alle in Kanada hoffen, dass er einen sicheren Hafen finden wird, wo er und sie selbst leben können.

 

Ich treffe Glass einige Tage später in einer belebten Straße in Rotterdam. Er ist ein magerer Mann mit einem schütteren Bart und der unbekümmerten Art eines lebenslangen Skateboarders. Glass musste kurzfristig nach Europa gehen, konnte kaum planen, und hat nur wenige Kontakte auf dem Kontinent. Ich bin auf dem Weg, andere DeserteurInnen und FriedensaktivistInnen zu treffen. Also biete ich ihm an, ihn verschiedenen Leuten vorzustellen. Wir verbringen die Nacht bei Freunden im ländlichen Belgien, dann setzen wir den Weg fort durch die Ardennen bis nach Luxemburg. Auf dem Weg schildert er sein Jahrzehnt im Exil und erzählt, was er sich in Europa erhoffe.

Glass ging im späten Teeniealter in die National Guard. Er war davon überzeugt, dass er nur dann zu einem Kampfeinsatz einberufen werden könnte, wenn es einen nationalen Notfall geben werde. Aber bald fand er heraus, dass er falsch lag. In Kriegszeiten können Angehörige der Guard bis zu 18 Monate lang zu Einsätzen herangezogen werden. 2005 waren mehr als 40% der im Irak eingesetzten Truppen Angehörige der Guards. In diesem Jahr erhielt Glass den Befehl, zum Einsatz in die im Norden des Irak gelegenen Stadt Balad zu gehen.

Es war eine relativ leichte Sache: Er verbrachte seine Tage hinter einem Schreibtisch und schrieb Berichte zu Feldnachrichten. Abgesehen von gelegentlichen Einschlägen von Mörsergranaten um das Militärlager herum, sah er kaum Einsätze. Das Problem für Glass entstand, weil er die Berichte sah, die über seinen Schreibtisch gingen. Sein Job war, die Inhalte zu lesen und sie für die Kommandeure in eine verständliche Form zu bringen, damit diese sie nutzen konnten. Er fand sich immer wieder in der Situation, die Berichte selbst zu hinterfragen. Wie andere US-DeserteurInnen, war Glass sehr vorsichtig und legte keine Details von den Einsätzen offen, die ihn beschäftigten. Aber mit der Zeit war er davon überzeugt, dass die US-Truppen Kriegsverbrechen begangen hatten. Er sagt, er habe Vorgesetzte darauf aufmerksam gemacht. Sie aber sagten, dass er zu sensibel sei. Als sie ihm anboten, für zwei Wochen die Einheit für einen Besuch in den USA zu verlassen, akzeptierte er - und ging AWOL.

Glass lebte ein Jahr lang abgetaucht in den USA, ständig in Angst davor, verhaftet zu werden. 2006 ging er über die Grenze nach Kanada in der Hoffnung, dort offen im politischen Exil leben und arbeiten zu können. Über die nächsten acht Jahre wurde er ein wesentliches Mitglied der Deserteursgemeinschaft und auf eine Art auch ein Führer. Er eröffnete ein kleines Geschäft zur Reparatur von Haushaltsgeräten und beschäftigte andere DeserteurInnen. Seine Bemühungen um einen sicheren rechtlichen Aufenthaltsstatus jedoch kamen nicht voran. Alle paar Monate erhielt er eine Warnung, dass er abgeschoben werden könne. Seine Anwälte überschwemmten die Gerichte mit Anträgen und Anfragen zum Aufschub der Abschiebung. Zwei Mal stand er so kurz vor der Abschiebung, dass er schon begann, seine Sachen zu verkaufen. Beim zweiten Mal wurde er bereits zum Flughafen nach Toronto gebracht, als der Aufschub kam. Als er im Herbst hörte, dass eine neue Abschiebungsanordnung auf dem Weg sei, entschied er, es sei Zeit, Kanada aufzugeben. Rechtlich gesehen sieht er sich selbst als „auf Urlaub“ in Europa an. Sein einziges Stück Gepäck ist ein großer Rucksack mit einem Solarstrom-Ladegerät, das an der Außenseite des Rucksacks angebracht ist, so dass er Strom für sein Smartphone hat und in Cafés mit freiem WLAN seine eMails checken kann. Aber er nutzt seinen Urlaub, um ein freundliches Land zu finden, wo er einen Antrag auf Asyl stellen könnte.

Wir machen in der Dämmerung Halt in der schmutzigen Stadt Kaiserslautern und kommen auf unserem Weg zu einer kleinen Kneipe durch Straßen voller zerbrochener Scheiben und mit Graffities. Die Kneipe trägt den Namen Clearing Barrel und ist bekannt als sicheres Haus für verärgerte US-SoldatInnen des nahegelegenen Luftwaffenstützpunkts Ramstein. Eine Gruppe von Neonazis steht auf der Straße. In der Kneipe sind die Wände gepflastert mit Anti-Nazi Plakaten und Antikriegs-Slogans. Ein Bild zeigt Rodney Watson im Kirchenasyl in Vancouver. Die Eigentümerin der Kneipe, Meike Capps-Schubert, steht hinter der Theke und dekoriert gerade vegane Schokoladen-Muffins. Meike ist eine stämmige Frau mit kurzen blonden Haaren. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift Support GI Resistance. Sie gießt uns Kaffee ein und hört schweigend zu, als Glass über seine Situation berichtet. Zum Schluss sagt er: „Ich muss herausfinden, was ich machen kann.“

Capps-Schubert nickt: „Ich mache das schon eine ganze Weile“, sagt sie ruhig. „Es gibt einige VerweigererInnen, die hier sind und mein Ehemann ist einer von ihnen. Wenn Du in Deutschland bleiben willst - ich kenne eine Menge Leute, die dich unterstützen können.“

Glass lächelt schwach: „Perfekt“, sagt er.

„Hast Du regelmäßige Geldeinnahmen?“

„Ich habe etwas Geld.“

Capps-Schubert schüttelt ihren Kopf. Um in Deutschland zu bleiben, brauche er einen Job. „Wenn Du einen Job bekommen willst, brauchst Du eine Arbeitserlaubnis“, erklärt sie. „Um eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, brauchst Du einen Aufenthaltstitel. Und um einen Aufenthaltstitel zu erhalten, musst Du nachweisen, dass Du nicht auf das Sozialsystem angewiesen bist - also z.B. einen Job hast.“

„Das ergibt doch keinen Sinn“, sagt Glass.

„Aber es gibt Wege“, antwortet Capps-Schubert mit einem Lächeln. Sie wirft einen Blick zur Eingangstür, wo gerade eine kleine Gruppe von Gästen eintritt. Schon bald werde sich die Kneipe mit AktivistInnen füllen, die die Luftangriffe auf ISIS diskutieren wollen. So vereinbaren wir, unsere Unterhaltung zusammen mit Capps-Schuberts Ehemann Chris in einem nahegelegenen Restaurant fortzusetzen.

Nachdem wir dort an einem kleinen Holztisch Platz genommen haben, berichtet Chris über seine eigene Geschichte als Deserteur der Armee. Es ist eine bekannte Geschichte: Aufgewachsen in einer konservativen Familie in Texas ging er 2005 in den Irak, wo er sehr erschüttert war über das Verhalten und Vorgehen der anderen Soldaten. „Sie gingen an die Kontrollpunkte in Bagdad und verhafteten alle Männer im Militäralter“, sagt er. „Wenn sie aus einer Menge heraus beschossen wurden, hielten sie einfach drauf.“ Nachdem er nach Deutschland zurückkam, erhielt Capps-Schubert 2007 den Befehl, nach Afghanistan zu gehen. „Das war der Punkt, an dem ich Nein sagte“, erklärt er. Aber im Unterschied zu den Deserteuren in Kanada plante Capps-Schubert seine Flucht aus der Armee sorgfältig. Er wusste, dass er ein bis zwei Monate, nachdem er AWOL gegangen sein würde, sehr wahrscheinlich aus der Liste der Einheit gestrichen und als Deserteur geführt werden würde. Deshalb bat er um Erlaubnis, seine Familie in den USA besuchen zu dürfen, ging dann nach New Jersey und versteckte sich im Dachgeschoss des Hauses eines Freundes. Nach zwei Monaten rief er die Hotline der Armee für Deserteure an um zu erfahren, ob er wirklich als Deserteur geführt würde und aus der Liste der Einheit gestrichen sei. Nach der Bestätigung nahm er einen Bus nach Fort Sill, Oklahoma, und stellte sich. Angesichts dessen, dass er nun nach Deutschland zurückgeschickt hätte werden müssen, um dort ein längeres Militärgerichtsverfahren auf einem Stützpunkt in Übersee zu erhalten, entschied sich die Armee dazu, Capps-Schubert stattdessen einfach zu entlassen. Er kehrte anschließend nach Deutschland zurück und lebt seitdem in Kaiserslautern.

Glass schmunzelt bei dieser Geschichte, aber ich erkenne, dass sich irgendetwas an seinem Ausdruck ändert. Als wir das Restaurant verlassen und uns auf den Weg in ein schmuddeliges Motel für die Nacht machen, ist er sehr schweigsam. Wir stehen noch eine Weile vor der Tür, rauchen und sehen einer Gruppe von Skinheads zu, die an der Straßenecke Bier trinken. Glass ist offensichtlich irgendwo anders. Nach einigen Minuten drückt er seine Zigarette aus und schüttelt den Kopf. „Ich kann nicht glauben, dass er so leicht rausgekommen ist“, sagt er. „Hätte ich das nur vor zehn Jahren gewusst.“

 

Es stellt sich heraus, dass Capps-Schuberts Weg aus der Armee ziemlich üblich ist: US-Militärkommandeure spüren kaum DeserteurInnen auf und noch seltener bestrafen sie sie. Zur Hochzeit des Irakkrieges wurden weniger als 5% der DeserteurInnen vor Militärgerichten angeklagt, und weniger als ein Prozent wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Das Pentagon macht noch nicht einmal große Anstrengungen, um die verschwundenen SoldatInnen zu zählen. Es gibt keine umfassende Liste von SoldatInnen, die AWOL gegangen sind, oder von Desertionsfällen des Militärs und keine Einheit ist verpflichtet, solche Listen vorzuhalten. Als ich das Büro für Personal und Bereitschaft des Pentagon anrief, um zu fragen, warum das so ist, sagte mir ein Leutnant mit Namen Nathan Christensen, dass sein Büro zufällig gerade solch eine Liste angefertigt habe. Sie sei so umfassend, dass sogar diejenigen aufgeführt seien, die nur für wenige Stunden unerlaubt abwesend waren. Aber sobald mir die von Christensen zugeschickte vorlag, war klar, dass die Zahlen viel zu niedrig waren. Christensens Liste gab zum Beispiel die Gesamtzahl der vermissten SoldatInnen für 2007 mit 1.571 an. Allein bei den Marines wurden 2007 zwei Mal so viele aufgeführt, und die Armee kam auf eine drei Mal so hohe Zahl. Die Gesamtzahl zwischen 2001 und 2012 lag bei Christensen bei 14.650. Die tatsächliche Zahl, basierend auf den Angaben von Armee, Navy, Luftwaffe und Marines dürfte bei 50.000 liegen.

Von diesen sind die einzigen DeserteurInnen, die grundsätzlich vom US-Militär strafrechtlich belangt wurden, diejenigen, die nach Kanada gingen. Alle DeserteurInnen, die unter Harper abgeschoben wurden, kamen ins Militärgefängnis. Das bedeutet nicht notwendigerweise, dass sich die Regierung unter Obama besonders bemüht, die DeserteurInnen in Kanada schärfer zu bestrafen, als andere. Die Ent­schei­dung zur Strafverfolgung wird gewöhnlich auf der Ebene der Einheit getroffen und die Höhe der Strafen für diejenigen, die nach Kanada gingen, könnte auf nichts anderes zurückzuführen sein als eine militärische Kultur, die Ungehorsam geißelt. Aber angesichts des Kontrastes zwischen einer einprozentigen Chance der Bestrafung der Mehrzahl der DeserteurInnen und einer nahezu hundertprozentigen Sicherheit bei denjenigen, die in Kanada Zuflucht gesucht hatten, fällt es schwer, nicht den Schluss zu ziehen, dass das Militär ein Exempel an denjenigen statuiert, die aus dem Land nach Norden fliehen und sich öffentlich dazu bekennen. Die Regierung unter Obama hat wohl entschieden, in den Diskussionen, in denen sie sich mit der militärischen Kultur auseinandersetzt, nicht das Thema Desertion aufzugreifen. In den Verfahren gegen DeserteurInnen betonen die Staatsanwälte weiter die öffentlichen Reden und Interviews der KriegsgegnerInnen in Kanada.

Wenn ein Deserteur einmal bestraft ist, kann das Leben im Militärgefängnis durch die Feindseligkeiten der Wächter und der anderen Inhaftierten sehr kompliziert sein. Einer der Deserteure, der noch immer in Kanada lebt, hat dies selbst erfahren. Christian Kjar kam 2004 zu den Marines, nachdem er mit einer Faszination für Kriegskunst und Religion in Kalifornien aufgewachsen ist. Bei den Marines, so glaubte Kjar, würde er einen Weg finden, die ethischen Prinzipien von Verteidigung und Ehre zu praktizieren. Die Grundausbildung, so erzählte er mir, „zeigt dir das Wesen, was es bedeutet, ein Marine zu sein. Disziplin, Ehre, Verbindlichkeit, Mut.“ Aber als Kjar die ersten Männer und Frauen traf, die aus dem Kriegseinsatz zurückkehrten, war er schockiert über die Berichte, die sie über gewaltsame Hausdurchsuchungen und über die Kontrollstellen mitgebracht hatten. Er kam zu der Überzeugung, dass es falsch war, sich zur Armee zu melden. 2005 las er von der Gruppe von Robidoux in Toronto und einige Wochen später nahm er einen Bus und überquerte die Grenze. Zwei Jahre später, als sein Großvater im Sterben lag, entschied er sich, zurückzukehren - mit der Hoffnung, wenn er sich den Marines stelle, könne er einen Tag die Möglichkeit dazu erhalten, goodbye zu sagen.

Stattdessen versetzten die Vorgesetzten ihn in eine Strafeinheit. Er sagt, er habe dort zwei Wochen nicht schlafen dürfen, durfte keinen Anwalt kontaktieren und wurde von Vorgesetzten körperlich misshandelt. Ein Sprecher der Marines, Eric Flanagan, bestätigte die Daten und Orte, die Kjar beschrieb, sagte mir aber, dass das Korps solche Praktiken nie dulden würde. „Wir nehmen alle Aussagen zu Misshandlungen ernst“, sagte er. „Diese Behauptungen stimmen nicht mit unserer Behandlung von DeserteurInnen überein, die in unser Gewahrsam zurückkehren.“ Eines Nachts floh Kjar aus der Kaserne, rannte über ein offenes Feld und erwischte ein Taxi nach Washington D.C., wo sich mehrere kanadische AktivistInnen zu einer Antikriegsdemonstration eingefunden hatten. Kjar machte Robidoux und den Vietnamdeserteur Lee Zaslofsky in einem Hotel ausfindig. Als sie ihn sahen, weit hagerer als zwei Wochen zuvor, kamen Zaslofsky die Tränen. Einige Tage später kehrten sie nach Toronto zurück. Seitdem lebt Kjar dort.

Wie für die anderen DeserteurInnen in Kanada geht auch seine Zeit im Exil dem Ende entgegen. Im Gegensatz zu den anderen, weiß er bereits, welche Strafe ihm blüht. Wenn die US-Regierung den Kurs nicht ändert, wird höchstwahrscheinlich weder ihm noch den anderen vergeben, wie bei Capps-Schubert. Aber es gibt einen Deserteur in Deutschland, der ihnen einen Schimmer Hoffnung eröffnen könnte. André Shepherd lebt nun seit sieben Jahren in den bayrischen Alpen und kämpft vor europäischen Gerichten um politisches Asyl. Zuletzt ging es in seinem Fall bergauf. Glass und ich machten uns auf den Weg, ihn zu treffen.

 

Die Fahrt zu Shepherd führt uns zu einem spektakulärem Ausblick auf aufragende, verschneite Berge. Glass wippt mit dem Knie und klopft mit seinen Fingern irgendeinen inneren Rhythmus, während er aus dem Fenster starrt. Es versetzt mir einen Schlag zu sehen, wie isoliert er ist. In Kanada begann er ein zweites Leben, kaufte ein Haus, eröffnete ein Geschäft und fand Freunde. Alles, was er sich in Europa erhofft, ist die Chance, noch einmal von vorne anzufangen.

Wir treffen Shepherd in einem Café in München. André Shepherd ist ein großer schwarzer Mann mit leichtem Lächeln im Gesicht und einer schnellen und sprunghaften Art der Konversation. Er studierte Informatik an der Kent State University. Aber als das Geld knapp wurde, ging er zur Armee und wurde dort als Mechaniker für Hubschrauber ausgebildet. Nach einem Einsatz im Nordirak war er in Deutschland stationiert, wo er eine Gruppe von Antikriegsaktivisten traf. Shepherd kam zu der Überzeugung, dass der Einmarsch der USA unmoralisch und unrechtmäßig war. Als er 2007 den Befehl erhielt, in den Irak zurückzukehren, fuhr er stattdessen zum Haus eines Freundes in der Nähe von Österreich und versteckte sich dort. Nach 19 Monaten trat er an die Öffentlichkeit und stellte einen Asylantrag bei deutschen Behörden. Ein Richter lehnte ihn ab, aber sein Fall ist aufgrund einer Berufung beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg anhängig.

Während wir Platz nehmen, macht sich Shepherd über den Widerspruch lustig, sich ausgerechnet in einem konservativen weißen Gebiet der Alpen zu verstecken. „In Bayern zu leben ist für einen Schwarzen nicht besonders passend. Ich sagte mir: Okay, ich werde in Form bleiben, habe einen militärischen Haarschnitt, so dass es immer aussieht, als ob ich gerade Urlaub habe oder einfach am Wochenende einen Besuch mache.“ Er wendet sich an Glass: „Ich bin wirklich fasziniert, wie ihr Jungs über die Grenze kommen konntet.“

„Über die Grenze zu kommen, war tatsächlich einfach“, sagt Glass, „im Vergleich zu dem, was Du durchmachst.“

Shepherd erklärt, dass deutsche Gerichte bereits bestätigt hätten, dass ein deutscher Soldat namens Florian Pfaff das Recht zur Verweigerung der Teilnahme am Irakkrieg habe. Pfaff war kein kämpfender Soldat der Infanterie sondern ein Major und einem Software-Projekt zugeteilt, was seiner Auffassung nach dazu benutzt werden konnte, die Besatzung zu unterstützen. Shepherds Fall dreht sich um die Frage, ob er wie Pfaff die Freiheit hat, auch eine unterstützende Funktion in einem Krieg zu verweigern, den er als unrechtmäßig ansieht. Die Tatsache, dass die Apache Hubschrauber an den offenkundigen Ermordungen von Zivilisten verwickelt waren, wie es Wikileaks aufgedeckt hat, ist Shepherd nicht entgangen.

Der Europäische Gerichtshof wird in Kürze eine Vorentscheidung treffen. Wenn die Ent­schei­dung Shepherds Position stützt, wird er in einem neuen Verfahren in Deutschland bessere Chancen haben.*

„Würde es dir helfen, wenn weitere US-Deserteure hier wären?“, fragt Glass ihn.

Shepherd lachte. „Aber ja! Bis jetzt wird es so wahrgenommen, als ob es nur Sache eines einzelnen verärgerten Soldaten ist.“

 

Nach einigen Tagen mit Shepherd in den Alpen, fahre ich mit Glass nach Frankfurt, um den Anwalt von Shepherd zu treffen. Reinhard Marx, ein schmaler Mann in einer dunkelblauen Jacke, führt uns in einen dunklen Leseraum mit Bücherregalen. Glass erklärt, dass er wie Shepherd ein Deserteur ist, dass er aber mehrere Jahre in Kanada lebte. Marx ist erstaunt: „Haben Sie dort einen sicheren Aufenthaltsstatus erhalten?“

„Nein, sie waren dabei, mich abzuschieben“, antwortet Glass.

Marx lehnt sich in seinem Stuhl zurück: „Haben Sie Unterlagen zu dem Asylverfahren?“

„Meine Anwältin ist noch dort“, antwortet Glass. „Ich bin überrascht, dass Sie die Informationen nicht austauschen. Sie arbeiten an einem sehr ähnlichen Fall, während meine Anwältin bereits ca. 20 solcher Fälle hatte.“

„Wurden alle Fälle abgelehnt?“, fragt Marx.

„Ja, alle wurden abgelehnt. Die DeserteurInnen suchen alle nach einem neuen Ort, an den sie gehen können.“

Marx nickt: „Dann sind Sie also das Pilotprojekt.“

Er erklärt, dass ein Flüchtling in der Europäischen Union einen Asylantrag nur in dem Land stellen könne, das er als erstes erreicht. Da Glass bereits durch verschiedene andere Länder gekommen sei, könne er keinen Antrag in Deutschland stellen. Es sei denn, er verließe den Kontinent für zumindest drei Monate. Glass nickt leise und versucht sich vorzustellen, wohin er gehen könnte. Er dankt Marx und wir schlurfen aus der Kanzlei in eine winterliche Frankfurter Nacht. Glass tritt in eine Unterführung und raucht eine Zigarette.

In den kommenden Wochen werde er Europa verlassen, um in ein anderes Land auf einem anderen Kontinent zu gehen, während die Abschiebungsanordnungen weiter auf den Türstufen seiner Freunde in Kanada landeten. Bis Ende Januar würden vier weitere DeserteurInnen Kanada verlassen, still die Grenze überschreitend, um eine Abschiebungsanordnung zu vermeiden. Ich sprach vor einigen Tagen mit einem von ihnen. Er lebt abgetaucht in den USA, schwarz arbeitend und mit finanziellen Problemen. Obwohl er weiter mit Glass in Kontakt ist, hat er den Glauben an die Hoffnung verloren, die Europa einst geboten hat.

„Es wird damit enden, dass ich mich selber stelle“, sagt er ruhig. „Das habe ich derzeit vor. Zum jetzigen Zeitpunkt wäre es eine Erleichterung. Ich meine, an die Öffentlichkeit zu gehen, hat es schwieriger gemacht, weil die Leute, die politisch aktiv sind, kriminalisiert werden. Aber ich hatte es so entschieden und ich würde es wieder so entscheiden.“

Zurück in Peterborough. Dean Walcott kämpft um den gleichen inneren Frieden. Als die Abschiebungsanordnungen nach und nach eintrafen, wanderten die DeserteurInnen ab. Auch bei den letzten Treffen in der Stahlarbeiterhalle war die Luft von neuer Anspannung erfüllt. „Es findet so viel insgeheim statt“, sagt Walcott. „Ich ging vor gar nicht langer Zeit zu einem Treffen und ich weiß immer noch nicht, was die anderen tun.“ Von den zwölf DeserteurInnen, die vor sechs Monaten noch dort waren, können sich nur noch Walcott und Josh Key Hoffnungen machen. Walcott hat bislang noch keine Berufung gegen den im letzten Herbst zugestellten Ablehnungsbescheid eingelegt und Key hofft darauf, dass eine neue Petition ihm die Möglichkeit eröffnet, ein neues Asylverfahren aufzunehmen. Wie viel Zeit das bringen wird, kann niemand von ihnen sagen. Nach einem Jahrzehnt des Versteckens leben sie immer noch von Tag zu Tag.

„Nun sind es nur noch Josh und ich“, sagt Walcott. „Je länger es geht, umso besser.“

 

Fußnote

* Der Europäische Gerichtshof für Men­schen­rechte hat am 26. Februar 2015 im Asylverfahren des US-Deserteurs André Shepherd ein Grundsatzurteil gefällt (vgl. www.connection-ev.org/article-2095). Nun wird der Asylantrag vor dem Verwaltungsgericht in München verhandelt werden. Ein Termin ist bislang nicht bekannt (d.Ü.)

Wil S. Hylton: American Deserter. New York Times Magazin, 23. Februar 2015. http://nymag.com/daily/intelligencer/2015/02/american-military-deserters-canada.html. Übersetzung: rf. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe September 2015.

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