15. Mai: Internationaler Tag der Kriegsdienstverweigerung

15. Mai: Internationaler Tag der Kriegsdienstverweigerung

Internationales Symposium zur Kriegsdienstverweigerung in Istanbul

von Hannah Brock

(16.09.2015) Der in der Türkei aktive Verein für Kriegs­dienst­ver­weigerung (Vicdani Ret Derneği), führte am 5. und 6. September in Istanbul ein in­ter­na­ti­onales Symposium zur Kriegs­dienst­ver­weigerung durch. Das Treffen war sehr gut besucht und am Ende des Symposiums gingen über 20 Kriegs­dienst­ver­weigerInnen zum Galatasaray Platz, um dort öffentlich ihre Kriegs­dienst­ver­weigerung zu erklären.

Merve Arkun, stellvertretende Vorsitzende des Vereins, eröffnete das Treffen und erklärte, gerade in einer Zeit des Krieges bekomme die Kriegs­dienst­ver­weigerung eine größere Bedeutung. Das Symposium fand zu einer besonders kritischen Zeit mit wachsender Gewalt des türkischen Militärs gegen die kurdische Community in der Türkei statt. Wir erinnerten an zwei Kriegs­dienst­ver­weigerInnen, Polen Ünlü und Alper Sapan, die bei einem Massaker in Suruç im Juli getötet worden sind, als sie gerade auf dem Weg nach Kobanê (Syrien) in der kurdischen Region Rojava waren. Die Stadt liegt an der türkisch-syrischen Grenze und war bis vor kurzem von ISIS belagert.

Kriegs­dienst­ver­weigerInnen riefen die TeilnehmerInnen des Treffens zum Widerstand auf: „Trocknet die Quellen des Krieges aus, damit keine Leichen von vor dem Krieg fliehenden Kindern an die Ufer gespült werden".

Mit diesem Hintergrund zeigte das vollgepackte Symposium ein wachsendes Interesse an Kriegs­dienst­ver­weigerung als ein Werkzeug des Widerstands gegen Militarismus und Gewalt. Wir wurden auch daran erinnert, dass für Viele, einschließlich der Presse, die Kriegs­dienst­ver­weigerung eine Bedrohung und ein Tabu darstellt. Am Tag vor dem Symposium veröffentlichte die rechte Tageszeitung Vahdet einen Artikel über das Treffen (mit Angabe der Zeit und Ort) und verurteilte insbesondere die in­ter­na­ti­onale Einmischung auf einem in­ter­na­ti­onalen Treffen zu diesem Thema.

Das Treffen beschäftigte sich mit der häufigsten Zwangsform des Militarismus, der ‚Vergangenheit und Gegenwart des Militärdienstes‘, ‚Wehrpflicht und erzwungene Männlichkeit‘, ‚Wehrpflicht und Krieg aus in­ter­na­ti­onaler Sicht‘ und ‚Widerstand, Selbstverteidigung und Kriegs­dienst­ver­weigerung aus in­ter­na­ti­onaler Sicht‘. Ich selbst sprach zudem über Kriegsprofiteure.

Ein Podium von sechs Kriegs­dienst­ver­weigerInnen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlicher Herangehensweise zeigte die Verschiedenheit der Beweggründe und Erfahrungen in der Bewegung - und war zugleich ein lebender Beweis für die Einschränkungen und Strafen, denen sich Kriegs­dienst­ver­weigerer ausgesetzt sehen. Davut Erkan, der als Anwalt viele Kriegs­dienst­ver­weigerer vertritt, erläuterte das Konzept des „Zivilen Todes“, das Kriegs­dienst­ver­weigerer (auch Militärdienstentzieher und Deserteure) in der Türkei erdulden müssen. Das schließt wiederholte Haft ein, Einschränkungen der Reisefreiheit, Ausschluss von vielen Berufsmöglichkeiten, die Unmöglichkeit, ein Kind anzumelden oder nicht für Wahlen zum öffentlichen Dienst zugelassen zu sein, wie auch viele andere politische, soziale und wirtschaftliche Folgen. Aber viele Kriegs­dienst­ver­weigerer fordern das Recht zur Verweigerung des Militärdienstes ein. Aktuell liegen dem Ver­fas­sungs­ge­richt vier Fälle zur Ent­schei­dung vor.

Ein Teil der Tagung war dem Thema Männlichkeit und Militarismus gewidmet. Hier wurden die Zusammenhänge dieser machtvollen Kräfte aufgezeigt. Die Frage ‚Wen schließt der Militarismus aus?‘ zeigte eine direkte Verbindung zwischen dem ‚Ideal’ des türkischen Mannes, der Militärdienst geleistet hat und vielen anderen Gruppen, die dies nicht tun. Frauen, Menschen mit Behinderungen, schwule Männer, Verweigerer des Militärdienstes - ihnen allen werden soziale und zivile Rechte verwehrt, weil sie nicht ‚dienen‘. Wer es tut, für den werden die Kasernen als letzte ‚Schule‘ angesehen, der Ort, an dem die Erziehung und das Verständnis des sozialen Lebens gefestigt wird. Soziale Hierarchien werden erlernt und gepflegt - und sie halten weit über den Militärdienst hinaus.

Als in­ter­na­ti­onales Symposium bot das Treffen auch anderen Kriegs­dienst­ver­weigerInnen und Kriegs­dienst­ver­weigerungsbewegungen die Möglichkeit, zu sprechen. Unter ihnen war Urfod (eine drusische Verweigererorganisation aus Israel). Auch Maikel Nabil Sanad von der ägyptischen Bewegung Nein zum Militärischen Zwangsdienst (No to Compulsory Military Service) sprach via Skype zu uns. Urfod wurde letztes Jahr gegründet, hat aber bereits über 60 drusische Verweigerer beraten - von insgesamt 900 drusischen Männern, die jährlich in die israelische Armee einberufen werden. Für die Drusen in Israel ist klar, dass die Verweigerung des Militärdienstes nicht nur eine Haltung gegen Krieg und Besatzung darstellt, sondern sie dies auch als Zeichen ihrer Identität als Palästinenser verstehen.

Am Ende des Symposiums gingen mehr als 20 Kriegs­dienst­ver­weigerInnen zum Galatasaray Platz und erklärten dort öffentlich ihre Verweigerung.

Hannah Brock: International CO symposium held in Istanbul. 16. September 2015. Übersetzung: rf. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe November 2015

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