Buchbesprechung: Der Überläufer

von Franz Nadler

(01.11.2015) 1914 erschien auf allen Seiten die Gelegenheit günstig, den Erzfeinden eins auszuwischen. Auf den deutschen Bahnhöfen herrschte Volksfest-Stimmung. „Deutschland, Deutschland über alles“ wurde gegrölt. Insbesondere die männliche Jugend wollte im Krieg dabei sein, man wollte was erleben, mal was anderes sehen. Für Kaiser und Vaterland, Patriotismus pur. Es würde wohl so schlimm nicht werden – Weihnachten wollte man wieder zurück sein.

Es gab aber auch einige, die sich von der allgemeinen Kriegsbegeisterung nicht anstecken ließen und dagegen agitierten, wie Rosa Luxemburg, Ernst Friedrich, Erich Mühsam, Oskar Maria Graf ... Das galt als Vaterlandsverrat. Sie wurden deswegen verurteilt oder psychiatrisiert, was damals mit Folter gleichzusetzen war. Ein Recht auf Kriegs­dienst­ver­weigerung war in Deutschland noch undenkbar. So blieb: Verstecken, verstümmeln, sich drücken und flüchten, aber wohin?

Wilhelm Lehmann (1882-1968), Studienrat in Eckernförde, stellte 1927 seinen autobiografischen Roman über Hanswilli Nuch fertig, und obwohl Lehmann selbst durch verschiedene Veröffentlichungen einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hatte, fand er keinen Verleger. Die Zeit dafür war noch nicht reif. Veröffentlicht wurde die einzig mir bekannte Geschichte eines Deserteurs/Überläufers des I. Weltkrieges erstmals 1962 – und dann 1989 im Rahmen einer Gesamtausgabe. Nun liegt sie mit einem Vorwort von Günter Kunert und einem literaturhistorisch in die Tiefe gehenden Nachwort von Wolfgang Menzel vor.

Schon als Kind und Jugendlicher galt Nuch als Sonderling – und das wäre wohl auch heute noch so. Er lebte „im stillen Einverständnis mit der Natur, den Pflanzen und Tieren“. Nachdem er Englisch und Französisch studiert hatte, arbeitete er als kaufmännischer Angestellter. Seine erste Ehe war gescheitert, seine zweite Frau, eine Gastwirtin, erwartete ein Kind.

Er war vom Militärdienst verschont geblieben und konnte höchstens zum unausgebildeten Landsturm einberufen werden, einer Art Notfall-Reserve. Mit Beginn des Krieges hoffte er, unterstützt von seinem Chef, als unentbehrlich zu gelten. Später versuchte seine Frau ihm einen sog. „Druckposten“ zu verschaffen. Damit ließ sich die Rekrutierung zwar verzögern, aber nicht aufhalten. Von Unruhe getrieben streift er durch die Natur. Als man schließlich „die Winkel des Landes nach Soldaten auskehrt“, muss auch er ran und trifft dort „missratene, brüchige, verunglückte Leute“, darunter manche, die ihr Leiden „mit Kunst“ so darzustellen wussten, dass sie nur für den Arbeitsdienst zu gebrauchen waren. Auch gefangengenommene Deserteure sind in seiner Ausbildungseinheit. „Eine Hoffnung auf Entkommen war unsinnig.“ Nuch ist ganz und gar gegen Militär und Krieg. Für welche Tätigkeit man ihn auch als geeignet ansieht: „Auch das wolle er nicht werden.“ Beim Schießen: Er „wusste nie, wer ihn anschnauzen würde, jedenfalls geriet er stets außer Fassung, seine Hände zitterten, und Nuch schoss ganz schlecht“. Einige helfen ihm weiter, für andere ist er das Ziel des Spotts und der Schikane. Diana erreicht einen Urlaub für ihn. Ein, sein Sohn wird geboren, aber „Nuch sah alles wie entfernt von sich“.

Wieder bei der Truppe muss er in Frankreich zur Front. Der Tod seiner Mutter verzögert den Einsatz abermals, aber er kommt dann doch. Das Erleben des Menschenschlachthauses, des ersten industriellen Massenmords, die Toten, die Verwundeten, bei Nuch auch ein Krieg gegen die Natur, lässt ihn nach einigen Fluchtversuchen schließlich bei der ersten besten Gelegenheit in Richtung Belgien desertieren. Manche, meist einfache Leute, helfen ihm, andere weisen ihn ab, wie es ihm z.B. in einem Kloster geschieht – und dann wird er schließlich doch festgenommen. Man hat ein Einsehen, man braucht Soldaten und so kommt er wieder an die Front. Schon bald sieht er wieder eine Gelegenheit, flieht diesmal nach vorne, und landet bei britischen Truppen, wo er mit (deutschen) Kriegsgefangenen interniert wird. Durch seine Sprachkenntnisse wird er zum Dolmetscher, womit manchmal kleine Vergünstigungen verbunden sind.

Der Krieg geht zu Ende, Nachrichten von revolutionären Erhebungen in Deutschland machen die Runde. Nuch lässt dies kalt, er registriert sie nur. Erst ein Jahr nach Ende des Krieges werden die Kriegsgefangenen mit der Eisenbahn in die Heimat zurückbefördert, wo Diana auf ihn wartet.

Im Roman finden sich kaum Orts- und Zeitangabe, dafür ausführliche Naturschilderungen. Nuchs Beziehung zu Diana und seinem Sohn bleibt vage. Auch seine Gedankenwelt lässt sich im Grunde nur aufgrund seiner Taten erahnen. Aber Zweifel an seiner radikalen Haltung gegen Militär und Krieg, was bei manchen der sog. Antikriegsromane schon mal der Fall ist, kommen bei ihm nie auf. Mit solchen Leuten ist kein Krieg zu führen. Und es ist gut, dass es solche gibt. Auch heute noch gelten Individualisten als Sonderlinge, die nicht ernst genommen werden. Nicht die grölende Masse, sondern die Masse solcher Einzelgänger zeigt den Weg für eine Welt ohne Militär und Krieg. Sie sind Propheten einer besseren Zeit.

Franz Nadler: Buchbesprechung, 1.11.2015.

Wilhelm Lehmann: Der Überläufer. Donat-Verlag, Bremen, 2014, 141 S., 12,80 €, ISBN 978-3-943425-42-0.

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