World Without War

World Without War

Südkorea: Ein Besuch bei World Without War

von Rudi Friedrich und Karin Fleischmann

(11.12.2015) Im Frühjahr 2015 waren mehrere Aktive der in Südkorea aktiven Gruppe World Without War bei Connection e.V. zu Gast. Ende November reisten Aktive von Connection e.V. zu einem Gegenbesuch nach Seoul. Ein Bericht von Karin Fleischmann und Rudi Friedrich.

Gangjeong Village

Blockade Gangjeong

Am 18. Mai 2007 begann der Protest in Gangjeong, einem kleinen Ort auf der südwestlich von Südkorea gelegenen Insel Jeju, gegen den Bau einer neuen US-Marinebasis. Am 25. November 2015 reisten wir gemeinsam mit zwei Aktiven von World Without War nach Gangjeong, um mehr darüber zu erfahren und den Aktiven unsere Solidarität zu zeigen.

Während einer Führung konnten wir sehen, dass der Bau der Militärbasis inzwischen fast beendet ist. Eine große Anlage mit Hafen, mehreren Hallen und in der Nähe gelegenen Wohngebäuden für die Soldaten. Im Hafen sollen bis zu 20 Kriegsschiffe Platz finden. Die Basis wurde direkt auf den Felsen der Steilküste gebaut, die sich im Süden der Insel in den vergangenen Jahrtausenden durch den Vulkan Halla-san gebildet haben, eine schützenswerte Landschaft, die nun unter Beton verschwunden ist. Durch die Landschaftsveränderungen sind aber auch angrenzende Gebiete, z.B. das Korallenriff, betroffen, die zum Teil von der UNESCO als schützenswert angesehen werden.

Die Aktivisten in Gangjeong machen immer wieder deutlich, dass der Bau dieser US-Militärbasis vor allem dem Zweck dient, ein militärischer Vorposten gegen das im Norden von Südkorea liegende China zu sein. Somit muss sich der Ort den geopolitischen Zielen der USA unterwerfen, die von Südkorea gestützt werden. Zugleich stellt die Marinebasis auch ein weiteres Drohpotential gegenüber Nordkorea dar.

Das Projekt der Militärbasis wurde gegen den Willen der zivilen Bevölkerung durchgesetzt. Den Inselbewohnern war ursprünglich ein besonderer Frieden zugesichert worden, der jedoch durch das Jeju-Sondergesetz mit dem Entwicklungsplan für die Marinebasis aufgehoben wurde. Gloria Steinem schrieb in The New York Times am 6. August 2011 dazu: „Unter den etwa 500.000 Einwohnern der Insel lebt die Erinnerung an schreckliche Verluste fort. Vor und während des II. Weltkrieges setzten dort stationierte japanische Truppen Inselbewohner zur Zwangsarbeit ein und ermordeten viele von ihnen. Kurz vor dem Koreakrieg brannten südkoreanische Truppen mehrere Dörfer bis auf die Grundmauern nieder und töteten etwa 30.000, weil sie die Teilung der koreanischen Halbinsel in Nord und Süd nicht unterstützten und sie deshalb beschuldigt wurden, Kommunisten zu sein. Aber mit Fleiß und Weisheit konnte sich Jeju die einzigartige friedliche Kultur als die einzige autonome Provinz Südkoreas bewahren. 2006 entschuldigte sich der damalige Präsident Südkoreas, Roh Moo-hyun, für die Massaker und erklärte die Insel Jeju zur Insel des globalen Friedens.“

Nach wie vor führt die Aktionsgruppe vor Ort täglich eine katholische Messe vor dem Eingang der Marinebasis durch. Gegenüber dem Eingang haben sie ein Zelt aufgebaut, mit Informationen und Materialien. Zu Beginn des Gottesdienstes stellten sie Blumen in die Einfahrt und mehrere Aktivisten setzten sich auf bereit gestellte Stühle, so dass die Einfahrt blockiert ist. Wir setzten uns dazu, gespannt, wie es weiterginge.

Der Gottesdienst begann. Nach etwa 20 Minuten kam Polizei und trug alle BlockadeteilnehmerInnen mit den Stühlen zur Seite. Kolonnen von Baufahrzeugen fuhren raus und rein. Die Polizei zog wieder ab und die Gottesdienstbesucher setzten sich flugs wieder in die Einfahrt um die Blockade fortzusetzen. Das Ganze wiederholte sich noch zwei Mal während des eineinhalbstündigen Gottesdienstes, der mit dem Beten eines Rosenkranzes besonders lang gehalten war.

Große Teile der katholischen Kirche, die drittgrößte in Südkorea, unterstützen seit vier Jahren den Widerstand in Gangjeong. Sehr dazu beigetragen hat sicherlich Pater Moon, eine Leitfigur des Widerstandes, der eine Entschädigungszahlung an seine Familie dazu benutzte, in Gangjeong ein Friedenszentrum zu errichten, mit Seminarräumen und Unterkunftsmöglichkeiten.

Im Anschluss an den Gottesdienst gab es noch Musik. Die Aktivisten tanzten dazu und folgten einer einstudierten Performance. Die Bewegung tat uns gut, hatten wir auf Jeju doch kaltes Wetter mit einer steifen Brise auszuhalten.

Am gleichen Tag machten wir uns auf, um in einem Museum eine Fotodokumentation über den Widerstand in Gangjeong zu sehen. Über acht Jahre hält der Widerstand nun an, vielfältig und phantasievoll. Es ist beeindruckend. Zugleich ist die Situation aber auch deprimierend angesichts dessen, dass die Marinebasis vor wenigen Tagen, am 1. Dezember 2015, offiziell eröffnet wurde, auch wenn dort immer noch gebaut wird.

Postkarten für die Gefangenen für den Frieden

Am 1. Dezember ist der Tag der Gefangenen für den Frieden. Die War Resisters' In­ter­na­ti­onal veröffentlicht dazu jährlich eine Liste, auf der dieses Mal auch vier Kriegs­dienst­ver­weigerer aus Südkorea standen. Das ist nur ein Bruchteil der dort inhaftierten Verweigerer. Alle Männer sind wehrpflichtig und müssen einen Dienst von 21 bis 24 Monaten im Militär ableisten. Wer sich dem verweigert, gilt als Dienstflüchtiger und wird zu 18 Monaten Haft verurteilt. Betroffen sind davon mehrere Hundert Wehrpflichtige jedes Jahr, so dass stets etwa 700 Kriegs­dienst­ver­weigerer in Haft sitzen. Die meisten der Verweigerer gehören den Zeugen Jehovas an, die nicht öffentlich in Erscheinung treten wollen. Deshalb sind deren Namen auch nicht auf der Liste der Gefangenen für den Frieden zu finden.

../bilder/insert/postkarte-37.jpg

World Without War organisierte am 28. November, einige Tage vor dem Termin eine Veranstaltung, um eigens für den Tag produzierte Postkarten zu schreiben. In einem Veranstaltungsraum eines vor kurzem eröffneten Cafés einer eher linken Tageszeitung trafen sich etwa 25 Personen: Aktive von World Without War, Kriegs­dienst­ver­weigerer und FreundInnen. Vier Verweigerer, die in den letzten Monaten aus der Haft entlassen worden sind, stellten sich vor und dankten für die Unterstützung durch die Organisation. Eine Vertreterin von Amnesty In­ter­na­ti­onal sprach über die laufende Kampagne und die Aktion, die direkt am 1. Dezember vor dem Verteidigungsministerium stattfinden sollte. Es gab Livemusik und am Ende wurden etwa zweihundert Postkarten verschickt.

Nach der Aktion trafen wir uns in den Vereinsräumen von World Without War in einer kleinen Dachwohnung am Rande des Zentrums von Seoul. Drei Aktive arbeiten dort zusammen auf engstem Raum. Und wie es üblich ist, verbrachten wir in anregender Diskussion auf dem Boden sitzend den Abend.

Besuch im Gefängnis

Am 30. November hatten wir Gelegenheit, einen der derzeit inhaftierten Kriegs­dienst­ver­weigerer zu besuchen. Er befindet sich in der Haftanstalt Yeoju. Von unserer Unterkunft brauchten wir mit Metro, Bus und Taxi zweieinhalb Stunden, um das Gefängnis zu erreichen. Gefangene können in der Regel ein Mal die Woche Besuch erhalten. Uns wurde für genau zwölf Minuten gestattet, mit Yo-hoo Park zu sprechen. Er wusste nichts von unserem Besuch, war jedoch sichtlich erfreut, uns zu sehen. Er berichtete uns, dass er im Gefängnis als Gärtner arbeitet und damit einen relativ angenehmen Job erhalten habe. Noch stehen ihm 15 Monate Haft bevor.

Aktion vor dem Verteidigungsministerium

Aktion vor dem VerteidigungsministeriumAm 1. Dezember konnten wir schließlich an einer Aktion vor dem Verteidigungsministerium teilnehmen. Seit dem 15. Mai 2015 hatten Amnesty In­ter­na­ti­onal, Connection e.V., World Without War und War Resisters' In­ter­na­ti­onal über 8.000 Un­ter­schrif­ten aus 108 Ländern sammeln können, mit denen sich die UnterzeichnerInnen für die Anerkennung der Kriegs­dienst­ver­weigerung in Südkorea einsetzen. Schon im Vorfeld hatte Amnesty In­ter­na­ti­onal versucht, einen Gesprächstermin beim Verteidigungsminister Han Min-goo zu bekommen, aber trotz einer in­ter­na­ti­onal besetzten Delegation lehnte er solch ein Gespräch ab. Die Regierung will offensichtlich trotz diverser Aufforderungen von Seiten des UN-Men­schen­rechtskomitees dieser Forderung nach wie vor nicht nachkommen.

So übergaben wir die Un­ter­schrif­ten schließlich im Empfangsbüro, erhielten eine Quittung, aber bislang keine Antwort.

Erfreulich war jedoch, dass mehrere südkoreanische Zeitungen im Anschluss über die Aktion berichteten. Yeo-ok Yang zeigte uns am nächsten Tag etwa 10 Beiträge dazu. Nach ihrer Auskunft waren die Beiträge zumindest sachlich gehalten und informierten über das Anliegen. Das ist für das so stark militarisierte Land, in dem die Kriegs­dienst­ver­weigerung immer noch ein Tabu darstellt, ein Erfolg.

Zur Bildergalerie

Flucht ins Ausland?

Am Abend desselben Tages fuhren wir zu einem Verein, der sich seit Jahrzehnten für Demokratie einsetzt und im eigenen Haus Veranstaltungsräume zur Verfügung stellt. Rudi Friedrich hatte hier in einer Abendveranstaltung Gelegenheit, vor etwa 20 TeilnehmerInnen über die Geschichte von Kriegsdienstpflicht und Widerstand, über die Kriegs­dienst­ver­weigerungsbewegungen in Deutschland und Spanien sowie über das Thema Asyl und Kriegs­dienst­ver­weigerung zu informieren. Yong-suk Lee ergänzte dies durch einige Informationen zur Lage in Südkorea. Ahk-hee Ahn berichtete über seine Beratungstätigkeit für südkoreanische Kriegs­dienst­ver­weigerer, die sich überlegen, im Ausland um Asyl nachzusuchen. Und in der Diskussion zeigte sich auch, dass den Verweigerern diese Frage auf den Nägeln brennt. Gibt es eine Chance, der Wahl zwischen Militärdienst und Gefängnis zu entgehen? Welche Möglichkeiten bestehen, um z.B. in europäischen Ländern Asyl zu erhalten? Wie läuft das Anerkennungsverfahren für Flüchtlinge ab? Wir versuchten, auf diese Fragen eine erste Antwort zu geben, die aber auch deutlich machte, wie schwierig auch solch ein Weg sein wird.

Besuch von Deul

Einer unserer Besucher im Frühjahr 2015 war Myungjin Moon, der für die Organisation Deul arbeitet, die sich der Weiterbildung zu Men­schen­rechtsfragen verschrieben hat. Sie residieren in einem Haus im Zentrum Seouls gemeinsam mit anderen Men­schen­rechtsorganisationen und bieten Kurse und Weiterbildungsprogramme für Erwachsene, auch für staatliche Institutionen an. Die Nachfrage danach ist in den letzten Jahren gestiegen. Dennoch hat auch diese Organisation Schwierigkeiten, die Kosten für die eh geringen Gehälter und die Miete aufzubringen.

Museum "Krieg und Men­schen­rechte von Frauen"

Während des II. Weltkrieges hatte Japan im ostasiatischen Raum für die eigenen Soldaten ein System der Zwangsprostitution errichtet und Frauen aus Korea, China, Indonesien, Malaysia, Philippinen, Taiwan, Niederlande und Australien in vom Militär kontrollierte Bordelle gezwungen. Davon betroffen waren nach Schätzungen 100.000 bis 300.000 Mädchen und Frauen. Euphemistisch werden sie "Trostfrauen" oder "Comfort Women" genannt. Die japanische Regierung hat lange abgestritten, dass das japanische Militär dafür verantwortlich sei. Inzwischen gibt es eine halbherzige Entschuldigung, aber keine offizielle Anerkennung und immer noch keine offizielle Entschädigung durch Japan.

Der Koreanische Rat für die Rekrutierung von Frauen für sexuelle Sklaverei des japanischen Militärs (Korean Council for the Women Drafted for Military Sexual Slavery by Japan) eröffnete vor einigen Jahren in Seoul ein Museum, um mit zahlreichen Dokumenten den ungeheuren Umfang dieses Kriegsverbrechens deutlich zu machen, aber auch die Frauen selbst zu Wort kommen zu lassen. Mit ihrem Mut, an die Öffentlichkeit zu gehen, begann unter dem Motto „Es ist die japanische Regierung, die sich schämen muss, nicht wir!“ in den 1990ern auch ein wöchentlicher Protest vor der japanischen Botschaft in Seoul, mit dem die vollständige Offenlegung, eine offizielle Entschuldigung und Entschädigung von Japan eingefordert wird, "um die Würde und die Rechte der Opfer wiederherzustellen".

Es ist ein beeindruckendes Museum.

 

Gemeinsam mit den Aktiven von World Without War werden wir nun nach unserer Rückkehr darüber nachdenken, welche weiteren Projekte wir gemeinsam entwickeln und umsetzen können. Denn neben der warmherzeigen Gastfreundschaft und all den Eindrücken haben wir alle unser Ziel keineswegs aus den Augen verloren: Die Anerkennung der Kriegs­dienst­ver­weigerung, sofortige Freilassung und Entschädigung der Inhaftierten.

Kontaktadressen

World Without War, 3 Fl, 75 Mangwon-ro, Mapo-gu, Seoul 03958

www.withoutwar.org

Deul, 6-264 Changjeon-dong, Mapo-gu, Seoul 04059, www.dlhre.org

Gangjeong Village auf Jeju, www.SaveJejuNow.org

War & Women's Human Rights Museum, 10, World cup buk-ro 11-gil, Mapo-gu, Seoul, www.womenandwar.net

Rudi Friedrich und Karin Fleischmann: Südkorea - Ein Besuch bei World Without War, 11. Dezember 2015. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe Februar 2016.

Stichworte:    ⇒ Arbeit von Connection e.V.   ⇒ Kriegsdienstverweigerung   ⇒ Militarisierung   ⇒ Projekte   ⇒ Südkorea