Verweigert den Dienst für die Besatzung - Wir weigern uns Feinde zu sein

Verweigert den Dienst für die Besatzung - Wir weigern uns Feinde zu sein

„Am Ende wusste ich, dass ich kein Soldat mehr sein kann“

Beitrag zur Ver­an­stal­tungs­reihe 2015

von Yaron Kaplan

Vom 9.-19. November 2015 führte Connection e.V. gemeinsam mit dem DFG-VK Bildungswerk Hessen eine Ver­an­stal­tungs­reihe unter dem Titel „Israel/Palästina: Aktiv gegen Krieg und Militarisierung“ in Deutschland durch. Der 21-jährige Yaron Kaplan entschied sich nach zwei Jahren Militärdienst, jede weitere Dienstableistung zu verweigern. Wir dokumentieren seinen Redebeitrag. (d. Red.)

Hallo. Ich freue mich sehr, heute hier sein zu können. Ich freue mich auch, dass ich nun zum ersten Mal in ihrem Land bin und hier die Gelegenheit habe, über mein Land zu berichten: den Staat Israel.

In Israel gab es kein Jahr, in dem wir in Frieden lebten. Es gab immer Terroropfer. Es gab immer wieder Krieg, Terrorangriffe, Selbstmordattentate, Raketen oder was auch immer. Das prägte mich auch als israelisches Kind. Es gab Zeiten, in denen es gefährlich war, vor die Tür zu gehen. Ich war selbst nicht von Gefahr umgeben, konnte es aber jeden Tag in den Zeitungen lesen, im Fernsehen sehen und im Radio hören. Ich hatte Angst. Und ich konnte nicht verstehen, warum Araber uns so hassen. Was hatten wir getan?

Einige glaubten, es sei so, weil wir Juden sind und sie uns das Land nicht gönnen. Aber die meisten Menschen um mich herum hatten keine Antwort und waren selbst verwirrt. Es gab viele Vorschläge, wie man damit umgehen solle und es gab viele Meinungen dazu, aber bei einer Sache waren sich alle einig: Das Militär schützt uns. Alle Kriege seien wegen unserer mutigen Soldaten gewonnen worden und sie würden über uns wachen, so dass wir nachts ruhig schlafen können.

Seit ich drei Jahre alt war, war ich an der Uniform der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte interessiert. Als ich zwölf Jahre alt war, brach der 2. Libanonkrieg aus und ich erklärte, wenn ich einberufen werde, würde ich zu den Fallschirmjägern gehen. Mit 15 Jahren erhielt ich eine Einladung, einen Aufnahmetest für ein Militärinternat zu machen.

Es ist ein Internat, für das sich Schüler für eine dreijährige Militärausbildung verpflichten, die sie darauf vorbereitet, Offiziere zu werden. Im Gegenzug für die Ausbildung verpflichten sich die Schüler auch, sechs Jahre Dienst in der Armee zu leisten, doppelt so lange wie der normale Militärdienst.

Meine Mutter war erschrocken, aber meine Eltern hielten mich nicht von der Aufnahmeprüfung ab. Sie waren sicher, dass ich wegen meiner mittelmäßigen körperlichen Fitness nicht aufgenommen werden würde.

Von 1.500 BewerberInnen wurden 60 Jungs und ein paar Mädchen von der Militärschule aufgenommen, auch ich, obwohl die Mädchen viel fitter waren als ich. Am Tag hatten wir gewöhnlichen Unterricht, ergänzt durch Theorie über Militärfragen wie Sicherheit und Verteidigung, Militärgeschichte, Kommando & Kontrolle und verschiedene Kampftaktiken. Schon vor dem Unterricht, um halb sechs in der Früh, wurden wir durch die Schreie unserer Kommandeure geweckt und uns wurde dann befohlen, lange zu laufen oder zu trainieren.

Das schwierigste körperliche Training fand in der Nacht und während der Schulferien statt. Wir mussten marschieren, auf Weite schießen, Angriffe und Manöver üben und auch Kriegsszenarien. Mit 16 wusste ich, wie ich einen Angriffsbefehl formuliere, eine Ablenkungsoperation führe und einen Kopf auf 100 Metern Entfernung treffe. Tatsächlich gelang es mir nie, hier erfolgreich zu sein. Die Voraussetzung, auf der die ganze Militärdoktrin basiert, ist, dass wir einen Feind haben und uns verteidigen müssen. Im Militärjargon heißt das, einen Feind zu vernichten. Viele Armeen definieren es so, obwohl niemals klar gesagt wird, wer der Feind ist. Ist es Syrien? Sind es die Palästinenser, Iraker, Iraner? Für die anderen Schüler in meiner Klasse war das klar: Es sind die Araber, alle zusammen.

Ich hatte niemals Araber getroffen oder gesprochen, obwohl sie Bürger unseres Landes sind - und ich fühlte ihnen gegenüber keinen Hass, aber nach einer Weile begann auch ich harte und krasse Gefühle zu entwickeln. Ich wusste in meinem Herzen, dass ich eines Tages raus müsste, um zu kämpfen - gegen gesichtslose Männer. In den drei Jahren in der Schule ging ich durch einen langen Prozess, bei dem die Araber in meinen Gedanken zu gefährlichen Feinden wurden.

Als ich das Internat abschloss, hatte ich neun Monate frei, bevor ich in eine Kampfeinheit einberufen werden würde. In dieser Zeit fanden Parlamentswahlen statt und ich war zum ersten Mal wahlberechtigt. In diesen neun Monaten änderte sich meine Wahrnehmung des israelisch-palästinensischen Konfliktes.

Ich hatte bis dahin kaum Ahnung von politischen Parteien. Ich recherchierte, aber keine der Parteien konnte mich überzeugen. Dann stieß ich auf ein Videointerview mit dem israelischen Politiker Dov Hanin. Er war einer der Führer der linkesten politischen Partei in Israel, der Kommunistischen Partei Israels, einer Partei, in der sowohl Juden als auch Araber sind, so weit entfernt von mir, wie es nur denkbar ist.

Ich schaute mir das Video nur an, weil ich die Argumente von allen Seiten gehört haben wollte. Ich sah in dem Video eine Person, einen jüdischen Israel, der mit Würde und Menschlichkeit über Araber sprach. Er sprach über ihre Sehnsucht nach einer nationalen Heimat und ihre tiefe Verbundenheit mit dem Land, über das Leiden aufgrund der Handlungen der israelischen Regierung. Er sagte, dass die Angst und Hoffnungslosigkeit der gegenwärtigen Situation die Palästinenser zu Gewaltakten treibt.

Er sprach über Frieden und darüber, mit den Palästinensern zu kooperieren. Bis zu diesem Moment hatte ich geglaubt, dass die Araber trotz all unserer Bemühungen und der ausgestreckten Hand, sich dazu entschieden hatten, zu kämpfen. Ich sah sie als blutdürstig und hasserfüllt an. Ich hasste sie nicht, wusste aber, dass es das Beste sei und vielleicht sogar die einzige Möglichkeit, sich von ihnen fernzuhalten, jede Verbindung zu vermeiden. Ich hatte niemals so etwas gehört, wie von Dov Henin, nicht in der Schule, nicht unter den Freunden und nicht in den Medien.

Die neue Situation warf für mich Fragen über meinen zukünftigen Weg auf. War es mir weiterhin möglich, als Soldat im Kampf zu dienen? Ich begann mich zu fragen, wo in diesem Konflikt der Platz der Armee ist und welche Rolle sie spielt.

In all diesem Durcheinander suchte ich Rat bei meinem Kommandeur im Internat. Er hörte aufmerksam zu und sagte, dass seiner Meinung nach genau solche Leute wie ich in der Armee als Kämpfer dienen sollten. Es sei klar, dass wir keine Wahl hätten und unser Land schützen müssten. Deshalb sollte ich mein Bestes geben, um sicherzustellen, dass keine unnötigen Fehler entstehen. Ich sollte „der Gute am Checkpoint sein“.

Im März 2013 wurde ich zu den Nahal Bodentruppen einberufen.

Die israelische Armee funktioniert ähnlich wie andere Armee: Es gibt Kommandeure und die Truppen. Der Kommandeur hat das Wissen und trifft Ent­schei­dungen, während die Soldaten diese auszuführen haben. Damit solch ein System funktioniert, wird blinder Gehorsam gefordert. Und das wurde mit uns in der Grundausbildung trainiert. Wie Sie sich sicher vorstellen können, war das sehr hart für mich: Während ich nicht mehr wirklich an das System glaubte, hatte ich auf jemanden zu schießen, jemanden zu verhaften, in Privathäuser einzudringen. Ich musste unbedingt wissen, warum. Ich musste wissen, dass ich das Richtige tat, dass das, was ich da tat, die letzte Möglichkeit darstellt, aber ich erhielt dazu keine Antwort.

Glücklicherweise gestattet die Armee Einzelkindern, die Kampfeinheiten zu verlassen. Das tat ich. Ich war weiter in der Armee, nun aber in unterstützender Tätigkeit.

Ich hatte die Idee, Soldaten und palästinensische Friedensaktivisten zusammenzubringen, damit die Soldaten die „schrecklichen Feinde“ treffen und eine andere Perspektive erhalten. Ich suchte nach einer Organisation, die Aktivitäten durchführt mit Arabern und Juden und fand Combatants for Peace (Kämpfer für den Frieden). Es ist eine gemeinsame Organisation von Palästinensern und Juden, die in der Vergangenheit an Gewalt beteiligt waren. Mit anderen Worten: Ehemalige israelische Soldaten auf der einen Seite und ehemalige palästinensische Kämpfer oder Terroristen auf der anderen Seite.

Trotz meiner Bemühungen erhielt ich keine Erlaubnis, solch ein Treffen durchzuführen. Aber es gab mir die Möglichkeit, meine sogenannten Feinde näher kennen zu lernen und sie in einem neuen Licht zu sehen. Die erste Aktion, an der ich teilnahm, fand in dem palästinensischem Dorf Yaroun in dem sogenannten C Gebiet in der Westbank statt. Gebiete C wurden in den Oslo-Verträgen nicht der Palästinensischen Autonomiebehörde übergeben, sondern blieben unter militärischer und politischer Kontrolle Israels. Das Dorf hatte keinen Kinderspielplatz. Und wir wollten ihn zusammen bauen.

Das war das erste Mal, dass ich in einem palästinensischen Dorf in der Westbank war und Palästinenser in ihren Häusern traf. Als wir dorthin fuhren und die mir bekannte und behagliche Landschaft aus dem Blick verschwand, stellten sich in meinen jüdischen und israelischen Gedanken Szenen von Entführung, Gefangenschaft, Folter und Exekution ein. Einige Jahre zuvor war ein israelischer Soldat entführt und fünf Jahre lang in Haft gehalten worden, Gilad Shalit.

Obwohl ich fühlte, dass ich ein Mann des Friedens bin und frei von Rassismus, überkam mich erneut die Angst, was uns geschehen könnte und ich sah wieder alle Araber als Bedrohung für mein Leben. Als wir in das Dorf kamen, konnte ich kaum atmen. Wir wurden von dem palästinensischen Koordinator willkommen geheißen. Er lud uns zu sich nach Hause ein. Ein langer Tisch stand im Hof, gedeckt mit einem Überfluss an Speisen und wir wurden den 20 Palästinensern des Ortes vorgestellt, die um den Tisch saßen.

Am Anfang fühlte ich mich wie ein Fremder. Wir sahen anders aus und sprachen verschiedene Sprachen. Die israelische Gruppe bestand aus Männern und Frauen, auf der palästinensischen Seite war das nicht der Fall. Aber als meine Neugier meinen Argwohn überwog, begann ich die Situation zu erfassen. Hier saß ich Menschen gegenüber, von denen ich wenige Monate zuvor dachte, dass sie Feinde und Mörder sind. Ich war nicht nur nicht in Gefahr, sondern es schienen auch nette und angenehme Menschen zu sein, die keinerlei Hass zeigten.

Klar, es war ein besonderer Ort, nicht alle Palästinenser sind so gewaltfrei. Aber ich bin mir nicht sicher, wie viele Israelis palästinensische Gäste in ähnlicher Weise willkommen heißen würden. Gewaltfrei zu sein in einer so gewaltvollen Situation, das ist extrem schwierig, aber es fängt mit Begegnungen wie dieser an.

Nach dieser beeindruckenden Erfahrung nahm ich an weiteren Aktivitäten von Combatants for Peace teil: Demonstrationen von Israelis und Palästinensern gegen den Trennungszaun, gemeinsame Ernte von Oliven, Straßentheater vor den Checkpoints und Treffen mit israelischen und palästinensischen Gruppen, in denen wir über unsere persönlichen Erlebnisse berichteten und darüber, wie wir von der Gewalt zum gewaltfreien Kampf kamen.

Durch die Aktivitäten von Combatants for Peace sah ich mit eigenen Augen, was Palästinenser erleben müssen. Nur einige Beispiele: Ich traf einen Palästinenser, der all seine Felder verloren hatte, weil die Armee dies Gelände zum Übungsgelände deklarierte und später Siedlern übergab. Ein Rabbi, der bei der Olivenernte von Palästinensern half, war mit Messern von Juden angegriffen worden. Die siebenjährige Tochter eines anderen Mannes wurde von einem Soldaten auf dem Schulweg erschossen.

Zwei Jahre vergingen und erneut wurden Wahlen abgehalten. Auch wenn mir als Soldat untersagt ist, politisch aktiv zu sein, nahm ich mir zwei Wochen frei und tat genau das. Ich beteiligte mich am Wahlkampf der Kommunistischen Partei.

Als Aktivist können wir die Realität ändern, wenn wir die Menschen ändern. Wir arbeiten von unten, um Frieden in die Herzen und Köpfe zu bringen, mit der Hoffnung, dass damit am Ende ein allgemeiner Frieden möglich ist. Aber was ist, wenn wir die Veränderungen von oben durchsetzen und beide Seiten nichts mehr haben, um das sie kämpfen können? Was ist, wenn wir schon heute Frieden machen?

Würde es weiter einen bewaffneten Kampf geben? Ich stellte vielen meiner Mitaktivisten diese Frage. Und am Ende der zwei Wochen wusste ich, dass ich kein Soldat mehr sein kann. Mit anderen Worten: Ich wusste, dass ich das letzte Jahr meines Dienstes verweigern werde.

Warum ist es für einen israelischen Bürger meiner Ansicht nach richtig, den Dienst in der Armee zu verweigern?

Zuerst einmal, trotz allem was gesagt wird: Krieg zu führen ist eine Ent­schei­dung. In meinen Augen ist das eine zerstörerische Ent­schei­dung und ich wünsche keiner Gesellschaft, diese Ent­schei­dung zu treffen. Aber meine Verweigerung ist kein Aufruf, die israelische Armee zu demontieren, sie ist vielmehr ein Akt der Opposition gegen die israelische Besatzung und dagegen, dass jeder israelische Junge, jedes israelische Mädchen mit hineingezogen wird, um an dieser unmoralischen Unterdrückung teilzunehmen.

Aber Ihr mögt fragen: Wie ist es dann um die Sicherheit bestellt? Meiner Meinung ist jeder Tag, an dem die Besatzung fortgeführt wird, ein weiterer Tag des Blutvergießens, der Trauer und des Leids. So lange die Unterdrückung fortdauert, wird es keinen Frieden geben. Ich weigere mich, Teil dessen zu sein, was die Armee tut, weil ich weiß, dass dies nichts mit Sicherheit zu tun hat und diese Politik uns immer weiter von einem Zustand der Sicherheit wegführt.

Meine Mitgliedschaft in Combatants for Peace gestattete es mir, die Wandlung der palästinensischen und israelischen Friedenskämpfer zu verstehen. Die Ent­schei­dung, mit Gewalt zu handeln, ist ein Akt der Verzweiflung. Es ist die Hoffnung, die sie vom Weg der Gewalt abbrachte und es ist Hoffnung, der ich verpflichtet bin und die ich auf beiden Seiten stärken will. Das ist meiner Ansicht nach der einzige Weg wirklich Sicherheit und Wohlstand zu erreichen.

Wegen meiner Kriegs­dienst­ver­weigerung war ich vierzig Tage in Haft und wurde dann entlassen. Im Vergleich zu anderen Kriegs­dienst­ver­weigerern, die viel länger inhaftiert waren, ist das nur eine kurze Zeit.

Die wichtigste Lektion, die ich aus all dem lernte: So lange mein Nachbar leidet, werde auch ich leiden. Und in unserer Welt, die immer kleiner und kommunikativer wird, ist mein Nachbar nicht nur die Person, die in meiner Nähe lebt. Jedes Problem, jede humanitäre Krise, jede Umweltkatastrophe, jede Verletzung von Tieren, jedes Verbrechen betrifft auch mich. Wenn die Bedingungen in Afrika schlecht sind, wird es auch in Europa schlechter werden. Wenn das Leben in Syrien unerträglich wird, wird auch die USA darunter leiden, wenn nicht jetzt, dann in der Zukunft. Die Verantwortung, die Welt besser zu machen, liegt bei jedem von uns.

Yaron Kaplan: „Am Ende wusste ich, dass ich kein Soldat mehr sein kann“. Skript für Veranstaltungen in Frankfurt/M., Darmstadt, Lindau, Stetten i.R., Stuttgart, Köln, Oldenburg, Bremen, Celle und Herford, 9.-19.11.2015. Auszüge. Übersetzung: rf. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe Februar 2016.

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