Hunderttausende fliehen aus Eritrea

Ein Massaker zeigt, warum

von Max Bearak

In Eritrea ist das letzte Jahr des Gymnasiums zugleich das erste Jahr in der Armee. Die Nation kämpfte einen 30-jährigen Bürgerkrieg gegen den viel größeren Nachbarn Äthiopien und es gibt aufgrund von Grenzstreitigkeiten nach wie vor Feindseligkeiten und Kampfhandlungen. Obwohl eine Wehrpflicht nicht wirklich ungewöhnlich auf der Welt ist, gibt es in Eritrea drei entscheidende Kehrseiten davon: Der Dienst ist unbefristet zu leisten, es gibt kein Recht das Land zu verlassen und die monatliche Bezahlung ist trostlos und entspricht etwa 9 € auf dem Schwarzmarkt.

Wehrpflicht und Zwangsarbeit

Der Rest der Welt hört nicht wirklich viel über das Land, da die ausländische Presse zumeist keine Einreiseerlaubnis erhält. Eritrea steht bei Reporter ohne Grenzen auf dem allerletzten Platz des Index‘, noch hinter Nordkorea. Aber letzte Woche sickerten im Internet Berichte durch, dass möglicherweise Wehrpflichtige ermordet wurden, als sie versuchten aus einem Transport zu einem Arbeitslager zu fliehen.

Der vollständigste Bericht beschreibt eine Szene voller Chaos und Verzweiflung. Nach dieser Version geschah folgendes: Als ein Lastwagen voller Wehrpflichtiger durch die Hauptstadt Asmara fuhr, sprangen zwei vom Lastwagen ab und wurden sofort von Wächtern erschossen. Am Ende der Straße gab es dann einen besser geplanten Fluchtversuch. Einige Wehrpflichtige hatten offensichtlich ihre Familienangehörigen in Asmara alarmiert, dass sie durch das Land transportiert werden sollten und baten sie an einer großen Kreuzung zu warten, so dass sie vom Lastwagen springen und schnell verschwinden könnten. Die Familienangehörigen organisierten sich einen Stadtbus, um die Straße zu blockieren, aber als die Wehrpflichtigen vom Lastwagen sprangen, wurden sie und ihre Familien sofort wahllos unter Beschuss genommen.

Die Zahl der Toten und Verletzten schwankt je nach Bericht von vier bis zu 29 Personen. Die schmallippige eritreische Regierung gab das Ereignis indirekt zu in Form einer Kurznachricht des Informationsministers, wonach es einen Unfall gegeben habe, bei dem zwei Wehrpflichtige von einem Laster gefallen seien.

Die UN sagt, dass jeden Monat 5.000 fliehen

Wenn die Geschichte stimmt, gibt sie einen flüchtigen Einblick in das schreckliche System der Wehrpflicht und Zwangsarbeit in Eritrea wie auch zu dem Maß, zu dem Menschen bereit sind zu fliehen. Die Vereinten Nationen schätzen, dass jeden Monat 5.000 EritreerInnen das Land als Flüchtlinge verlassen. Das Wall Street Journal schrieb kürzlich über Eritrea, es sei eines der „am schnellsten sich leerenden Länder der Welt“. Viele von ihnen sind junge Männer und Untersuchungen zeigen, dass das Alter der eritreischen Flüchtlinge immer geringer wird, da sie das Land noch vor Eintritt der Wehrpflicht verlassen. Zehn eritreische Fußballer weigerten sich im Oktober nach einem Turnier in Botswana, nach Eritrea zurückzukehren, nur zwei Jahre nachdem eine andere Gruppe dasselbe in Uganda gemacht hatte und dort Asyl erhielt.

Willkürliche Verhaftungen, Folter und Ermordungen

Letztes Jahr gab es eine von der UN durchgeführte Untersuchung der Men­schen­rechtsverletzungen in Eritrea. Die Washington Post fasste die Ergebnisse folgendermaßen zusammen: „Das System führt zu willkürlichen Festnahmen und Verhaftungen, mit Folter und sogar mit Verschwinden lassen als Teil des Lebens in Eritrea, so die UN-Sondierung. Sogar jene, die kein erkennbares Verbrechen begangen haben, landen oft im aufreibenden und unbegrenzten Nationaldienst, der den Charakter von Zwangsarbeit trägt. Für viele ist Flucht keine realistische Möglichkeit: Wer versucht, aus dem Land zu fliehen, wird als Verräter angesehen und, so der Bericht, es gibt an der Grenze einen Schießbefehl.“

In den ersten acht Monaten in 2015 nutzten mehr als 30.000 EritreerInnen die zentrale Schmugglerroute über das Mittelmeer von Libyen nach Italien - mehr als jede andere Gruppe. Es wird angenommen, dass viele, wenn nicht die meisten, der schätzungsweise 2.700 auf dem Weg Ertrunkenen EritreerInnen waren.

Keine Verfassung, kein Gerichtswesen, keine Wahlen

Abgesehen von der Wehrpflicht ist das Land eines der am geringsten entwickelten Länder der Welt, mit einem abgrundtiefen Human Development Index1. Zudem leidet es unter einer anhaltenden Dürre. Das Land hat keine Verfassung, kein Gerichtswesen, keine Wahlen und keine freie Presse.

Das UNHCR sieht bei asylsuchenden EritreerInnen allem Anschein nach Fluchtursachen, was bedeutet, dass anzunehmen ist, dass sie gute Gründe haben. Eritrea sagt, dass die Vereinten Nationen die Wehrpflicht fälschlicherweise als Zwangsarbeit ansehen und beschuldigt die Organisation den Exodus des Landes anzustacheln. Nachdem der Druck der Flüchtlinge auf die europäischen Länder zunahm und die öffentliche Meinung von einer Politik der offenen Türen umschwenkte, begannen einige Staaten, wie Dänemark, gegenüber EritreerInnen höhere Auflagen zu machen. Sie zitieren dazu Berichte, die sagen, dass die Men­schen­rechtsverletzungen in Eritrea nicht so schlimm seien, wie bislang gedacht.

Die Welle der eritreischen Flüchtlinge in den letzten beiden Jahren lässt auch die Möglichkeit ins Blickfeld rücken, dass die eritreische Regierung immer weniger fähig - oder willens - ist, sich dem Exodus entgegenzustellen. Flüchtlinge senden Überweisungen ins Land, was Eritrea mit Geld versorgt. Ihnen das Verlassen des Landes zu erlauben, könnte ein Ventil sein, um ihnen einen Weg raus zu ermöglichen statt mit der Regierung zu kämpfen.

Fußnote

1 Der HDI-Index (Human Development Index) wird vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) als Indikator für den Entwicklungsstand eines Landes benutzt. Er berücksichtigt soziale Komponenten wie die Lebenserwartung bei der Geburt, die Alphabetisierungsrate unter Erwachsenen und die reale Kaufkraft pro Kopf. Eritrea steht an Position 182 von insgesamt 187 bewerteten Ländern. (d. Red.)

Max Bearak, Washington Post: Hundreds of thousands have fled Eritrea. This ghastly massacre is a reminder why. 15. April 2016. Übersetzung: rf. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Magazin »KDV im Krieg«, Ausgabe April 2016

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