Ägyptischer Kriegsdienstverweigerer: „Ich werde nicht zur Armee gehen“

von Amir Medhat Eid

(15.10.2016) Mein Name ist Amir Medhat. Ich bin graduierter Ingenieur der Technischen Fakultät der Universität Kairo. Nach dem Abschluss wollte ich weiter studieren und lernen. Also beschäftigte ich mich im Studium mit Verwaltung, Men­schen­rechten, Film, Regie und wissenschaftlicher Forschung. Ich bin 25 Jahre alt. Ich glaube, dass dies das beste Alter zur Wissenserweiterung und zum Lernen ist.

Im Mai 2015 meldete ich mich aufgrund der Wehrpflicht beim Militär. Über anderthalb Jahre erhielt ich nun keinen Militärausweis. Ich konnte daher weder reisen, noch meinen Master absolvieren. Ich konnte keinen Job finden, obwohl ich viele Angebote hatte. Alle zwei Monate musste ich zur Armee gehen, um nach stundenlangem Warten zumindest kurzfristig eine Arbeitserlaubnis zu erhalten. Mein Leben stand praktisch anderthalb Jahre still, nicht aus politischen oder religiösen Gründen, nicht aufgrund einer Straftat, sondern einfach nur aufgrund der Achtlosigkeit und Gleichgültigkeit der Armee, wie sie so viele junge Menschen erleben.

Mein Wunsch war es ursprünglich, zu reisen, um meinen Master der Architektur an einer angesehenen Universität in Europa oder anderswo in der Welt abzuschließen. Das geht nur unter der wissenschaftlichen Aufsicht der ägyptischen Mission für kulturelle Angelegenheiten. Aber nachdem ich wegen der langen Wartezeit dem Verteidigungsminister eine Beschwerde geschickt hatte, verhinderte die Armee meine Ausreise. Sie erklärte: „Sie haben einen Bachelor. Das ist gut genug für Sie.“ Danach wurde mir die Einberufung zum 16. Oktober 2016 in ein Ingenieurs-Corps zugestellt.

Glauben Sie an die Todesstrafe? Glauben Sie, es ist richtig, zur Ausübung einer Arbeit gezwungen zu werden, die man nicht mag? Würden Sie einen Tag als Henker arbeiten? Würden Sie als Auftragsmörder arbeiten? Die Armee hat genau dies Konzept.

Und denken Sie auch darüber nach: Wir sollten uns fragen, wie viel die Welt ausgegeben hat, um Armeen zu entwickeln und neue Waffen zu produzieren. Und die Regierung kaufte diese Waffen – und wofür dies alles? Um Frieden zu schließen? Wurde Frieden erreicht? Wenn sie dieses Geld stattdessen für Forschung, Bildung und so weiter ausgegeben hätten, wissen sie, was wir erreichen würden?

Ich bin Pazifist und lehne den Militärdienst ab, weil ich gegen das Tragen von Waffen bin. Ich bin gegen das Grundprinzip, Furcht zu verbreiten und die Aufrüstung voranzutreiben. Ich bin der festen Überzeugung, dass Armeen, Waffen und ihre Gegenwart keine Probleme lösen. Im Gegenteil: Sie machen sie schlimmer. Ich glaube, die besten Mittel zur Konfliktlösung sind friedliche Mittel. Ich bin ein Zivilist und werde niemals einer Militäreinrichtung als Mitglied der Armee angehören ohne für eine Arbeit bezahlt zu werden, welche nur eben jener Institution nützt. Es war immer meine Überzeugung, dass man dem Staat am besten durch Wissenschaft, Kultur und Bewusstseinsbildung dient, nicht durch das Tragen einer Waffe oder einer Arbeit in der Kuchen-, Keks-, Nudel- und Treibstoffproduktion.

Ich werde am 16. Oktober nicht zur Armee gehen, weil ich mich weigere, Befehlen zu folgen, die meinen friedlichen Prinzipien zuwiderlaufen. Ich lehne Zwang ab. Ich lehne die Ungerechtigkeiten gegenüber den Rekruten ab, die dazu führen, dass einer aufgrund seiner guten Kontakte seinen Dienst zu Hause ableistet, andere hingegen zusätzlichen Pflichten nachkommen müssen. Ich lehne es ab, dass jemand meine Freiheit, meine Meinung und deren Ausdruck einschränken will. Ich lehne es ab, einer Organisation untergeben zu sein, welche die Diskussion und Debatte verweigert. Ich lehne es ab, dass mich irgendjemand vom Reisen abhalten und meine Bewegungsfreiheit einschränkt. Ich lehne es ab, Teil einer Institution zu sein, die auf Grundlage von Religion, Herkunft und Geschlecht diskriminiert. Ich lehne es ab, dass die Institution Armee sich in das Leben von Zivilisten einmischt.

Ich habe keine Problem damit, dem Land durch die Ableistung eines Zivildienstes zu dienen, was dem Land sehr nützen würde. Ich träume von dem Tag, an dem wir als Zivilisten leben werden, ohne der Herrschaft der Armee preisgegeben zu sein. Ich träume von dem Tag, an dem das Leben, die Zukunft, das Studium und die Arbeit eines Universitätsabsolventen nicht durch die Ent­schei­dung der Militärverwaltung gestoppt wird. Ich träume von dem Tag, an dem der Pass eines männlichen Universitätsabsolventen nicht die Worte „Ausreise ohne Erlaubnis der Armee verboten“ trägt – oder zumindest auf Englisch, so dass die Leute sehen, dass eben das, was die Armee den Zivilisten verbietet in Widerspruch zu den in­ter­na­ti­onalen Normen und Konventionen steht, denen sich Ägypten verpflichtet hat. Das ist meine Meinung, und ich trage in vollem Bewusstsein die Verantwortung dafür.

Amir Medhat Eid: Verweigerungserklärung über ein Video vom 15. Oktober 2016. www.youtube.com/watch?v=X3DQffPRRa0. Abschrift und Bearbeitung: rf. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe November 2016

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