Tamar Zeevi

Tamar Zeevi

Israel: „Kriegsdienstverweigerung ist ein Meilenstein in meinem Leben“

von Tamar Zeevi

(16.11.2016) Mein Name ist Tamar Ze‘evi. Ich bin 19 Jahre alt und komme aus Jerusalem. Ich liebe es in Israel und an anderen Orten zu wandern und ich bin an Nachhaltigkeit und Pädagogik interessiert. Der 16. November 2016 ist der Tag, an dem ich rekrutiert werden soll. Ich werde den Dienst in der israelischen Armee verweigern. Ich habe mich dazu entschieden, den Preis zu zahlen, den die Armee dafür verlangt, dass ich meinem Gewissen treu bleibe. Die Ent­schei­dung, nicht zur Armee zu gehen, bedeutet für mich Verantwortung für meine Handlungen und ihre Bedeutung zu übernehmen. Ich ziehe eine moralische Linie, die ich nicht überschreiten werde. Ich verweigere aktiv eine Regierung und eine Politik, die Men­schen­rechte verletzt und die gewaltsame und grausame Realität schürt.

Meine Auseinandersetzung mit der Einberufung zur Armee begann vor ein paar Jahren mit Fragen um die Bedeutung des Dienstes in der israelischen Armee, der Wehrpflicht, der Verantwortung, die ich als Israelin trage und meinen Schwierigkeiten mit der Politik der israelischen Armee in den besetzten Gebieten wie auch die Besatzung an sich. Ich dachte viel darüber nach, sprach und diskutierte oft mit FreundInnen, LehrerInnen und Familienangehörigen darüber. Ich schwankte zwischen den verschiedenen Argumenten, Geschichten und Erwartungen.

In den letzten zwei Jahren meiner Schulzeit war ich auf einem in­ter­na­ti­onalen Gymnasium in Indien (UWCMC) zusammen mit FreundInnen aus der ganzen Welt. Es war eine herausfordernde, bereichernde und überraschende Erfahrung. Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Distanz von Israel eine bedeutende Rolle dabei gespielt hat, die Politik in Israel in Frage zu stellen. Sie hat mich gelehrt, dass der Eintritt ins Militär eine Ent­schei­dung ist und nicht notwendigerweise der naheliegendste Weg. Die Menschen um mich herum forderten mich dazu auf, die Realität in meinem Heimatland mit kritischen Augen zu betrachten und im Unterricht las ich Texte, die in mir das Verständnis weckten, dass ich für diese Realität Verantwortung trage und welche Macht ich habe, die Realität zu ändern.

Auf der einen Seite wird erwartet, dass ich meine gesetzliche und soziale Pflicht erfülle, eine Rolle, auf die ich immer vorbereitet wurde. Es ist richtig zur Sicherheit meines Landes und des mir nahestehenden Volkes beizutragen. Aber auf der anderen Seite: sind eine Kindheit und ein Leben im Schatten von Terrorangriffen und Kriegen wirklich ein Leben in Sicherheit? Wie steht es um die Sicherheit der Menschen auf der anderen Seite der Mauer? Bin ich als Teil einer Nation, die deren Leben kontrolliert, nicht auch für ihre Sicherheit verantwortlich? Wo ziehen wir die Linie? Wollen wir uns weiter daran beteiligen oder haben wir sie nicht schon längst überschritten? Diese Fragen bewegten mich auf eine schwere und beunruhigende Art und Weise. Manchmal reagierte ich mit Abwehr, manchmal kraftlos und frustriert.

All dies war nicht genug, um mich vom erwarteten und üblichen Weg abzubringen. Die Ent­schei­dung zur Armee zu gehen war für mich vorgegeben. Ich kehrte nach Israel zurück und begann ein Freiwilligenjahr in der Jugendbewegung Sayarut (Green Horizons), in der ich seit meiner 6. Klasse Mitglied bin. Meine Zeit in Sayarut, in der ich die Landschaften Israels kennenlernte, die Erde schmeckte und die Ausblicke einatmete, gaben mir das Gefühl, dass ich eine Tochter dieses Landes bin, hierher gehöre und es liebe. Es war nicht einfach, nach Israel zurückzukehren und jetzt diesen Staat mit kritischeren Augen anzusehen. Mit in­ter­na­ti­onalen wie auch landestypischen Sichtweisen im Kopf, kam die Frage der Einberufung mit aller Macht und viel näher und realistischer auf mich zurück.

Ich stellte fest, dass die Rekrutierung meine erste und wirkliche Konfrontation mit der Besatzung und dem Konflikt ist. Es ist der Punkt, an dem ich mich zu entscheiden habe, ob ich bereit bin, die Verantwortung für die Unterdrückung und Diskriminierung in unserem Land zu übernehmen. Soll ich Teil eines beängstigenden Systems werden, das zwischen Menschen unterscheidet, wo die einen gegenüber den anderen bevorzugt werden, das den Kreislauf der Gewalt, Hass und Angst speist? So begriff ich an einem bestimmten Moment, dass ich das nicht wollte. Ich bin nicht bereit, eine Situation zu fördern, in der zwei Nationen in Angst voreinander leben und seit Jahrzehnten einen solch hohen Preis dafür zahlen. Unabhängig von meiner Liebe zu dem Land und zu den Menschen, mit denen ich lebe, möchte ich glauben, ja, ich glaube daran, dass es einen anderen Weg gibt und dass eine Veränderung möglich ist.

Angst ist die schlimmste Krankheit, die in diesem Land existiert. Sie ist enorm ansteckend und wird von Generation zu Generation weitergegeben. Sie ist die Ursache dafür, dass hässliche Nebeneffekte gespeist werden: Entfremdung, Hass und Gewalt. Sie wird vor allem gefüttert mit Unsicherheit. Im Leben der PalästinenserInnen in der Westbank und im Gazastreifen stellt Israel und die israelische Armee sicher, dass nichts im Leben geschenkt wird. Morgens mit Angst aufzustehen und ständig damit zu leben, das will ich nicht aufrecht erhalten, erst recht nicht, wenn es bedeutet, das Problem damit zu verstärken und auszuweiten.

Wir werden den Kreislauf der Gewalt nur verlassen können, wenn wir unsere Herzen und Sinne öffnen und sehen, was um uns, außerhalb der Mauern und sozialen Schranken, herum passiert, wenn wir uns erlauben, die Realität und das Leid aller Menschen fühlen zu lassen, denen dies Land ihre Heimat ist. Irgendwann werden wir alle damit einverstanden sein, diese Realität zu verstehen und zu akzeptieren. Ich glaube daran, dass der Weg von Verständnis, Toleranz und Kompromissbereitschaft unser einziger Weg sein wird.

Ich weiß, es ist eine komplizierte Materie, der Hass und die Gewalt auf beiden Seiten ist gefährlich und wir sollten nicht naiv an die Sache herangehen. Dennoch dürfen wir nicht die Hoffnung verlieren, dass es besser werden kann, wir dürfen nicht die Handlungen akzeptieren, die hinter der Mauer der Trennung versteckt werden. Das ist meine wie Eure Verantwortung. Es gibt nicht nur einen Weg der Veränderung, um ehrlich zu sein, es gibt unendlich viele Wege und Jeder und Jede wird entscheiden, was für unsere Welt getan werden kann.

Die Ent­schei­dung, den Dienst in den Israelischen Verteidigungsstreitkräften zu verweigern ist ein Meilenstein auf meinem Weg, das Leben in meiner Heimat zu einem Leben in Frieden, Freiheit und Geschwisterlichkeit zu machen.

Tamar Ze‘evi: „The choice to refuse serving in the Israel Defence Forces is one of the milestones in my path“. 16. November 2016. www.wri-irg.org/en/node/26900. Übersetzung: rf. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe Februar 2017.

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