André Shepherd

André Shepherd

"Ich wollte nicht mehr Teil dieses Krieges sein"

US-Deserteur André Shepherd legt seine Gründe dar

von André Shepherd

Mein Name ist André Shepherd. Ich war Mitglied der US-Armee, bis mir klar wurde, dass mein Gewissen mir nicht länger erlaubt, dort weiter zu dienen. Ich bin zur Zeit unerlaubt abwesend (AWOL) und werde in Deutschland politisches Asyl beantragen. Ich bitte Sie für dieses schwierige Unterfangen um Ihre Unterstützung.

Ich nehme an, dass es verschiedentlich Fragen dazu gibt, warum ich mich entschieden habe, die Armee zu verlassen – und darüber hinaus mein Land. Um zu erklären, wie ich zu dieser Ent­schei­dung kam, fange ich am besten von vorne an.

Am 27. Januar 2004 verpflichtete ich mich im Alter von 26 Jahren zum Militärdienst. Es gab zahlreiche Gründe dafür. Ich hatte an der State University in Kent Informatik studiert und stellte dann fest, dass der Markt völlig gesättigt war. Mir wurde von verschiedenen Firmen gesagt, dass ich mindestens fünf Jahre Praxiserfahrung bräuchte oder einen Abschluss als Master, bevor ich eine Arbeit erhalten würde. Am Ende arbeitete ich mehrere Jahre lang in einem Fast-Food-Restaurant, was mich nicht sehr befriedigte. Ich wollte die Welt verändern, sie für die Menschen zu einem besseren Ort machen. In einem Fast-Food-Restaurant zu arbeiten, brachte mich da nicht wirklich weiter. Ich wollte auch die Welt sehen, andere Kulturen erleben, neue Leute treffen und Dinge tun, auf die ich und meine Familie stolz sein würden. Ich brauchte eine Veränderung.

Im Sommer 2003, als ich an einem Rekrutierungsbüro der Armee in meiner Heimatstadt vorbeischlenderte, streckte ein Rekrutierer der Armee seinen Kopf aus der Tür und fragte mich, ob ich ein paar Minuten Zeit für ihn hätte. Da ich in dem Moment nichts anderes vorhatte, sagte ich "klar" und ging hinein. Nachdem er mir Kaffee und Kuchen angeboten hatte, sagte er zu mir, ich sähe aus wie jemand, der anderen Menschen helfen wolle. Ich sagte: "Ja, das stimmt", denn ich bin ein sehr mitfühlender Mensch. Er erzählte mir dann, dass die Armee Leute wie mich für die Unterstützung der Menschen auf der Welt bräuchte, um gegen Terroristen und Diktatoren zu kämpfen, die hilflose Menschen überall auf der Welt unterdrücken und terrorisieren. Er nannte Osama Bin Laden, Saddam Hussein und Kim Jong II als Beispiele und beschrieb, wie diese Männer Tod und Verwüstung brächten. Er sagte, dass diese und ähnliche Männer gestoppt werden müssten und das Militär starke, fähige Leute bräuchte, die für die Freiheit kämpfen. Ich muss zugeben, dass mir seine Worte völlig den Atem nahmen. Schließlich kommt es nicht jeden Tag vor, dass jemand zu dir kommt und dich bittet, die Welt zu retten. Ich muss zugeben, dass ich zu dieser Zeit auch sehr naiv war. Es war knapp zwei Jahre nach den Anschlägen vom 11. September, und wie die meisten Menschen in den USA brannte auch ich in jener Zeit darauf, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Ich hatte damals auch noch Vertrauen in die Regierung, so dass mir nicht einmal der Gedanke kam, ich könnte belogen werden. Ich glaubte dem Sergeant, da ich den überzeugten Blick seiner Augen sah. Dies schien mir ein Beleg, dass er wirklich glaubte, was er da sagte.

Dann erzählte er mir von den Vorteilen des Militärdienstes: geregelte Bezahlung, kostenlose Unterbringung, kostenlose medizinische Versorgung sogar nach meiner Entlassung, bezahlte Ausbildung, bezahlte Reisen und 30 Tage Urlaub. Für einen Mann, der vom Glück verlassen war, war das ein sehr verlockendes Angebot. Dennoch war ich nicht gleich bereit zu unterschreiben, denn der Gedanke, mein Leben für acht Jahre der Regierung zu überschreiben, war mir unbehaglich. Da sagte mir der Sergeant, ich müsse nicht gleich für acht Jahre unterschreiben. Es gäbe ein neues Programm der Armee, nach dem ich mich für fünfzehn Monate zur Probe verpflichten könne. Wenn es mir nicht gefiele, könne ich nach Ablauf der Zeit wieder gehen.

Mir war nicht bewusst, dass die Armee das Recht hat, meine Verpflichtung durch eine Stop-Loss-Order* einseitig zu verlängern. Ich wusste auch nicht, dass mich die Armee für die restlichen sechseinhalb Jahre jederzeit wieder einberufen kann, da ich der Reserve unterstehe. All das fand ich erst viel später heraus. Der Sergeant sagte mir, ich solle nach Hause gehen und mir die Sache überlegen. Wann immer ich mich verpflichten wolle, könne ich wiederkommen. So trennten sich zunächst unsere Wege.

Als ich zum Rekrutierungsbüro zurückkehrte, stand meine Ent­schei­dung fest. Ich fand es ein wenig seltsam, dass die Rekrutierer über meinen Eifer erstaunt waren. Sie fragten mich scherzhaft, ob ich wüsste, dass gerade ein Krieg stattfände. Wahrscheinlich dachten sie, man müsste wahnsinnig sein, um sich unter solchen Umständen zu verpflichten. Wenn ich heute zurückschaue, bereue ich es sehr, dass ich mich so leicht hinters Licht führen ließ. Nachdem ich ihnen versichert hatte, dass ich nicht verrückt bin, machte ich den Einberufungstest, den ich mit der höchstmöglichen Punktzahl abschloss: 99. Da ich den Test so gut bestanden hatte, sagten mir die Rekrutierer, dass es eine Verschwendung meiner Talente wäre, wenn ich nur ein einfacher Soldat würde. Ich könnte jeden Job haben, den ich mir wünschte, was nicht wirklich der Wahrheit entsprach, wie ich bald herausfinden sollte.

Ich bin sehr abenteuerlustig, weshalb ich gleich den Beruf des Hubschrauberpiloten wählte. Der Rekrutierer sagte mir, dies sei nicht möglich - nur Offiziere dürften fliegen. Um zur Flugschule zugelassen zu werden, müsste ich erst als Hubschraubermechaniker arbeiten. Nach zwei Jahren könne ich erneut einen Antrag stellen. So entschloss ich mich, Flugzeugmechaniker für die Hubschrauber Apache AH-64 zu werden.

Mir wurde auch gesagt, dass ich 5.000 US-Dollar als Bonus für meine Verpflichtung erhalten würde. Für jemanden, der sein Leben in geordnete Bahnen lenken wollte, war das ein großartiges Angebot. Nach drei Wochen Warten und nachdem ich meine persönlichen Angelegenheiten geregelt hatte, war ich bereit für die Grundausbildung.

Zu dieser Zeit war ich stolz auf meine Ent­schei­dung. Ich dachte, ich hätte alles, was mein Leben lohnenswert machen würde: einen geregelten Job, Aussichten auf Reisen, Ausbildung, Geld und die Möglichkeit, Teil einer Elite der "wenigen guten Männer" zu sein, die ihrem Land auf herausragende Weise dienten. Ich ahnte nicht, dass ich weniger als ein Jahr später den Preis für diese Privilegien erkennen würde, den ich nicht bereit war, aufzubringen.

Nachdem ich bei der Grundausbildung ankam, merkte ich, dass ich nicht länger mein eigener Herr war. Uns wurde auf vielfältige Art und Weise gesagt und gezeigt, dass wir einfach nur Roboter ohne eigenen Willen waren, deren Schicksal in den Händen ihrer Vorgesetzten lag. Die Ausbilder, wie alle anderen Vorgesetzten, die ich im Militär traf, betonten immer und immer wieder, dass der Auftrag wichtiger sei als alles andere, wichtiger als die Familie, als Freunde, persönliche Gefühle und Überzeugungen - wichtiger sogar als der gesunde Menschenverstand. Fragen wurden nicht zugelassen. Wann immer jemand eine Frage stellte, war die Antwort der Vorgesetzten: "Die Armee bezahlt dich nicht fürs Denken, sondern fürs Gehorchen." Hier begann ich mich zu fragen, auf was ich mich da eingelassen hatte. Aber ich hatte das Gefühl, dass meine Zweifel mit der Zeit verschwinden würden und ich bald ein gutes Mitglied der Streitkräfte werden würde.

Nach der Grundausbildung kam ich zur erweiterten persönlichen Ausbildung (AIT), wo ich lernte, Apache-Hubschrauber zu reparieren. Hier eine kurze Beschreibung dieser Maschine in der Sprache der Militäranalytiker:

"Der Boeing (Mc Donnell Douglas, früher Hughes) AH-64A Apache ist der wichtigste Angriffshubschrauber der Armee. Er ist ein schnell reagierendes Luftwaffensystem, das nah und in geringer Höhe kämpfen kann, um feindliche Kräfte zu zerstören, funktionsuntüchtig zu machen oder aufzuhalten. Der Apache ist darauf ausgerichtet, am Tage, in der Nacht und unter widrigen Wetterverhältnissen auf der ganzen Welt zu kämpfen und sich zu halten. Die wesentliche Aufgabe des Apache ist es, besonders wichtige Ziele mit der Hellfire-Rakete zu zerstören. Er kann auch mit einem 300mm Maschinengewehr M230 und mit Hydra-70-Raketen (2,75 Zoll) bestückt werden, die für viele Zielen tödlich sind. Der Apache ist mit einer umfassenden Überlebensausrüstung für die Luft ausgerüstet und kann Geschossen von 23mm Durchmesser in kritischen Bereichen standhalten."

Er ist wirklich ein beeindruckendes Gerät. Offensichtlich wird er nicht für humanitäre Zwecke benutzt. Damals hatte ich keine Skrupel, am Apache zu arbeiten, einfach weil ich noch glaubte, dass nur die "Bösen" und "Terroristen" diese Waffe zu fürchten hätten. Ich glaubte daran, dass diese Waffe unfehlbar sei und die Piloten niemals versehentlich oder aus anderen Gründen unschuldige Menschen verletzen würden.

Am Ende meiner Ausbildung erhielt ich den Marschbefehl für das 601. Luftwaffenunterstützungsbataillon in Katterbach, Deutschland. Die Einheit war bereits Anfang Februar 2004 für ein Jahr in den Irak verlegt worden. Ich sollte ihr gleich nach meiner Ausbildung nachfolgen.

Etwa einen Tag nach meiner Abreise in Deutschland kam ich im Irak an und ging unverzüglich an die Arbeit. Wir arbeiteten zwölf Stunden am Tag an sechs Tagen in der Woche, um die Hubschrauber flugtüchtig zu halten. Die Frauen und Männer, mit denen ich arbeitete, waren gute Leute, die sich der Aufgabe verschrieben hatten, ihren Auftrag so gut wie möglich zu erfüllen. Offiziell glaubten sie daran, dass das, was sie taten, richtig sei und dem irakischen Volk auf lange Sicht Frieden und Wohlstand bringe und dazu beitrage, Amerika "frei von Terroristen" zu halten. Zumindest war es das, was sie sagten, wenn die Kommandeure in der Nähe waren. Im privaten Gespräch hörte ich viele Soldaten, insbesondere die jüngeren, sagen, dass sie nicht wirklich wüssten oder verstünden, warum sie ein Jahr lang so weit weg von zu Hause in einem Land stationiert waren, das keinen direkten Bezug zu ihrem Leben hatte. Ich begann, ihre Ansichten zu teilen, und fühlte mich zusehends unwohl in meinem Job. Ich fragte mich, ob nicht alle SoldatInnen im Irak einen ernsthaften Fehler machten. Ich fragte mich: "Warum sind wir hier? Was ist unser Ziel?" Wenn wir Arbeiter aus der lokalen Bevölkerung zu Gelegenheitsarbeiten heranzogen, zum Beispiel um Sandwälle zum Schutz unserer Basis vor Angriffen zu errichten, sahen ihre Gesichter nicht aus wie die von Menschen, die sich über ihre Befreiung freuen. Manchen stand die Angst im Gesicht, anderen Zorn und Wut. Ich begann, mich als grausamer Unterdrücker zu fühlen, der das Leben dieser stolzen Menschen zerstört hatte. Ich begann, mich innerlich verwirrt und schmutzig zu fühlen, aber ich wusste zu noch nicht genau, warum. Unsere Einheit tat viel Gutes, besorgte Bücher für Schulen oder verteilte Kleider an Kinder und Hilfsgüter an arme Familien. Diese Aktionen beruhigten mein Gewissen ein wenig. Aber zugleich fragte ich mich: Bräuchten die Menschen diese Hilfe überhaupt, wenn wir nicht einmarschiert wären?

Etwa Ende November 2004 begann ich, mich über die Gründe für den Krieg zu informieren, nicht nur den Irakkrieg, sondern den gesamten "Krieg gegen den Terror". Es ist meine tiefe Überzeugung, dass Krieg immer nur das allerletzte Mittel sein darf und nur im Fall der Selbstverteidigung.

Hier sollte ich vielleicht erklären, weshalb ich zu jener Zeit keinen Antrag auf Kriegs­dienst­ver­weigerung stellte - weil ich nämlich bis zur zweiten Verlegung meiner Einheit nicht wusste, dass es diese Möglichkeit überhaupt gibt. Bis vor kurzem war sie eines der bestgehüteten Geheimnisse in der Armee und es ist nahezu unmöglich, als Kriegs­dienst­ver­weigerer anerkannt zu werden. Dazu später mehr.

Ich begann ernsthaft, die amerikanische Position im weltweiten "Krieg gegen den Terror" zu überdenken. Ich sah große Widersprüche zwischen dem, was uns über die Ereignisse erzählt wurde, und dem, was tatsächlich geschah. Zum Beispiel wurde uns gesagt, dass der anfängliche Einmarsch in Afghanistan dazu dienen sollte, "Osama Bin Laden gefangen zu nehmen und die Terroristen mit der Wurzel auszureißen". Ich jedoch fand verschiedene Artikel, in denen stand, dass der Krieg in Afghanistan bereits Anfang Juli 20011 geplant worden war, volle zwei Monate vor den Angriffen vom 11. September.2 Ein weiteres verstörendes Beispiel war, dass die Regierung unter Bush unbedingt Saddam Hussein mit dem 11. September in Verbindung bringen wollte und auf allen Kanälen die Behauptung verbreitete, der Irak habe Massenvernichtungswaffen, die er für einen Angriff auf Amerika nutzen wolle, obwohl es überwältigende Beweise dafür gab, dass diese Anschuldigungen falsch waren.

Diese Enthüllungen waren nicht nur schockierend; sie waren geradezu unheimlich. Es ergab überhaupt keinen Sinn. Uns war beigebracht worden, dass wir eine Nation freier Menschen und die führende Macht der freien Welt seien. Wir stünden für Freiheit und Wohlstand nicht nur für uns, sondern für alle Menschen. An der Oberfläche sah es so aus, als ob unser Handeln großartig sei. Saddam Hussein war zugegebenermaßen ein Diktator. Aber er ließ in seinem Land keinerlei Waffen produzieren, die gegen die US-Regierung oder die US-Bevölkerung benutzt werden konnten.

Als ich meinen Sergeant dazu befragte, sagte er mir, dass viele in der Armee auch Fragen hätten, aber es unsere Pflicht sei zu dienen. "Wir haben uns freiwillig verpflichtet", wurde mir gesagt. Das mag wahr sein, aber sich freiwillig zu verpflichten heißt nicht, das Denken einzustellen oder das Gewissen auszuschalten.

Ich beschloss, weitere Nachforschungen anzustellen, als ich im Februar 2005 von meinem Einsatz zurückkehrte. Nachdem wir von unserem Irakeinsatz zurück waren und viel Zeit zur freien Verfügung hatten, begann ich das Thema gründlich zu studieren. Je mehr ich mich jedoch damit beschäftigte, desto unbehaglicher wurde mir. Ich verbrachte erhebliche Zeit damit, den Querverweisen nachzugehen und die Informationen zu verifizieren, die ich erhalten hatte. Aber immer kam ich zum gleichen Schluss: Unser Militär war als Werkzeug für weltweiten Imperialismus benutzt worden, unter dem Vorwand, unterprivilegierten Nationen "Freiheit" (d.h. Herrschaft) zu bringen – Kugel für Kugel.

Für mich brach eine Welt zusammen. Die ganze Zeit hatte ich an die Integrität, Ehre, Loyalität und Gerechtigkeit des US-Militärs geglaubt. Wir waren doch „die Guten". Als ein aktives Mitglied der Armee kann ich nicht frei sein von der Schuld, diesen Krieg unterstützt zu haben, der mir als gerecht verkauft worden war.

Meine geistige Gesundheit und mein Selbstwertgefühl fielen in sich zusammen, als ich mich zu fragen begann: Wie viele Menschen habe ich indirekt getötet? Wie viele Leben habe ich ins Unglück gestoßen? Was, wenn das jemand meiner Familie oder meinen Freunden antäte? Ich kann bis heute nicht sicher sagen, wie viel Verwüstung von solchen Hubschraubern angerichtet wurde. Ich habe versucht, die Piloten in meiner Einheit zu fragen und mit ihnen über ihre Erfahrungen zu sprechen. Aber mir wurde gesagt, dass es ihnen nicht gestattet sei, über ihre Aufgaben zu sprechen, weil sie der Geheimhaltungspflicht unterlägen. Auch bei der Internetrecherche kam ich nicht weiter, da das Militär noch nicht einmal Informationen über die Zahl der Hubschraubereinsätze herausgibt. Ich stehe damit nicht alleine. Verschiedene Journalisten haben ihre Enttäuschung darüber geäußert, dass sie keinen Zugang zu diesen wichtigen Statistiken haben. Hier ist ein Auszug aus einem Artikel, geschrieben von Nick Turse am 24. Mai 2007:

"Die regelmäßig von CENTAF herausgegebenen Zahlen sind minimalistisch. Sie geben ein höchst ungenaues Bild des Luftkrieges im Irak. Zusammen mit den ausweichenden Nicht-Antworten der Militärs führen sie uns vor Augen, wie wenige Informationen wir selbst zu scheinbar harmlosen Fragen zum Luftkrieg im Irak haben. (...) Von Januar bis April stellte ich Fragen an einen ’SSK Wiley’, der als Kontakt für das Presseinformationszentrum der Koalition tätig war. Nachdem ich zum Thema der Munitionsausgaben eine Abfuhr erhalten hatte, fragte ich im Januar, wie viele Hubschraubereinsätze es 2006 insgesamt gegeben habe. Wiley – was für ein treffender Name (ein Wortspiel mit dem englischen Begriff für „Zeit schinden“, d.Ü.) – antwortete mir, dass er/sie die Frage an die relevanten Verwaltungsabteilungen weitergeleitet habe und auf Antwort warte. (...) ’Ich werde Sie kontaktieren, sobald ich etwas erfahren habe.’ Trotz meiner Nachfragen geschah dies niemals. Nach einer Frage vom 30. März betreffend ’die relevanten Verwaltungsabteilungen’ bat er/sie mich inständig per E-Mail, meine Anfrage zurückzuziehen. Um die journalistische Leere zu füllen, bat ich Wiley, mir zumindest seinen/ihren vollen Namen und Titel zwecks Erwähnung in diesem Artikel zu nennen: Er/Sie hat bis heute nicht geantwortet."3

Es ist kein Geheimnis, dass der Apache eine vernichtende Waffe ist. Wenn ich mir die Videos von "mutmaßlichen Aufständischen" anschaute, die von den Maschinengewehren zerfetzt oder von den Raketen in Stücke gerissen worden waren, sah ich das Ergebnis der Arbeit meiner Hände. Hinzu kam das Wissen, dass die Zerstörung der Infrastruktur zu weitverbreiteter Armut und Krankheiten führt, zu weiteren Toten und Millionen Flüchtlingen. Ich dachte bei mir: "Mein Gott, was haben wir getan?"

Ich glaube, es gibt kein schlimmeres Gefühl auf der Welt, als zu erkennen, dass man mit dem Handeln, das man für richtig hielt, Elend und Zerstörung verbreitet hat. Diese Erkenntnis hatte schreckliche Folgen für mich. Ich wurde depressiv, begann außerhalb des Dienstes stark zu trinken, kam zu spät zur Arbeit und begann mit meinen Vorgesetzten über jede Kleinigkeit zu streiten. Ich wurde oft gefragt, was mein Problem sei, aber ich konnte es nicht ausdrücken und die Wahrheit sagen, nämlich, dass ich nicht mehr Teil dieses Krieges sein wollte.

Viele Menschen werden mich fragen, warum ich nicht früher versucht habe, aus dem Dienst auszuscheiden. Die Wahrheit ist: Ich hatte einmal die Möglichkeit, genau das zu tun. Wegen meines schlechten Verhaltens erhielt ich im August 2005 eine Disziplinarstrafe nach Artikel 15. Mir wurde angedroht, mich aus dem Dienst zu entlassen. Ich dachte damals ernsthaft darüber nach, zu gehen. Ich war hin- und hergerissen, weil ich meine Familie zu Hause nicht enttäuschen wollte. Ich hatte sie niemals so stolz auf mich gesehen, insbesondere meinen Vater. Ich wollte ihnen nicht erklären müssen, warum ich meinen Vertrag nicht erfüllen konnte. Ich dachte, ich könnte einfach durchhalten und auf das Ende meines Vertrages warten, um dann, ohne Schwierigkeiten zu machen, ehrenhaft aus dem Dienst zu scheiden. So blieb ich fürs Erste.

In den nächsten zwölf Monaten begannen sich die Dinge zu normalisieren. Ich beobachtete weiter die Situation in Irak und Afghanistan und hoffte heimlich, dass ich nicht erneut abkommandiert würde. Ich hatte viele interessante Menschen deutscher Nationalität kennen gelernt. Ich sprach mit ihnen und sie verstanden den Ernst meiner Lage. Sie erzählten mir, dass die deutsche Bevölkerung große Vorbehalte gegen den Krieg habe. Es hatte seit Beginn der Invasion zahlreiche Proteste gegen den Krieg gegeben. Und die Medien und die Regierung hatten ihre klare Opposition zum Ausdruck gebracht.

Anfang 2006 schienen sich die Dinge zu meinen Gunsten zu entwickeln, da meine Einheit als 412. Luftwaffenunterstützungsbataillon reorganisiert wurde. Das bedeutete, dass es eine lange Übergangszeit von unserer alten Einheit zur neuen geben würde. Von Grund auf musste sie komplett neu organisiert werden. Während dieser Zeit, so dachte ich, würden wir nicht ins Kriegsgebiet zurück müssen. Zwischenzeitlich hatte ich Mitte 2006 auch meinen Job gewechselt. Ich arbeitete nun als Büroangestellter für meinen Kommandeur. So war die Wahrscheinlichkeit, dass ich verlegt würde, noch geringer geworden.

Aber im Januar 2007 kam meine Einheit auf die Liste für eine Verlegung im Sommer desselben Jahres. Zunächst wurde mir noch gesagt, dass ich nicht in den Krieg müsste, da ich für den laufenden Betrieb in Deutschland gebraucht würde. Aber am 1. April erfuhr ich, dass ich doch wieder in den Irak gehen müsse.

Ich begann, meine Möglichkeiten durchzugehen. Ich hatte nach meinem letzten Einsatz bereits beschlossen, dass ich mich kein zweites Mal an diesem illegalen Krieg beteiligen würde. Ich sprach mit meinem Unteroffizier über meine Zweifel an diesem Krieg und fragte ihn, wie es denn mit der Kriegs­dienst­ver­weigerung stünde. Die Antwort, die ich erhielt, beunruhigte mich sehr. Mir wurde gesagt, dass erst nach Monaten über meinen Antrag entschieden werden würde. Zunächst hätte ich mit einem Militärgeistlichen und einem Berater zu sprechen, die meine Glaubwürdigkeit überprüfen würden. Dann hätte ich für eine Gesundheitsprüfung zu einem Psychiater gehen müssen. Schließlich würde mein Antrag an meinen Kommandeur weitergeleitet, der darüber zu entscheiden habe, ob ich verweigerungsberechtigt sei. Ich müsste gegen alle Kriege sein, nicht nur gegen einen, von dem wir wissen, dass er unnötig und unmoralisch ist. Und ich müsste ein Leben nach meinen Überzeugungen führen.

Ich wollte überprüfen, ob es stimmte, was er sagte. So schaute ich mir die Dienstvorschriften der Armee im Internet an und las dort selbst nach. Nachdem ich sie sorgfältig studiert hatte, wusste ich, dass mir diese Möglichkeit nicht offen stand, da ich immer noch der Überzeugung bin, dass es notwendig sein kann, Gewalt anzuwenden, aber nur als absolut letzte Möglichkeit oder zur Verteidigung.

Der andere und zwingendere Grund, warum ich keinen Antrag auf Kriegs­dienst­ver­weigerung stellte, war der Fall von Agustín Aguayo, einem Mann, der in Würzburg stationiert war, gerade mal eine Zugfahrt von meinem Stationierungsort entfernt. Dieser arme Mann beantragte die Anerkennung als Kriegs­dienst­ver­weigerer und wurde gegen seinen Willen in den Irak geschickt, obwohl er sich weigerte, im Kriegsgebiet eine Waffe zu tragen.4 Er war letztes Jahr für acht Monate im Gefängnis. Seine Geschichte zeigt, wie ein Soldat schikaniert und verfolgt wird, wenn er versucht, seine Überzeugung auszusprechen. Nachdem ich seine Geschichte gelesen hatte, entschied ich, dass dies nicht mein Weg sein könnte.

Die einzig verbleibenden Möglichkeiten waren, entweder ein zweites Mal zurück in den Irak zu gehen oder die Verlegung zu verweigern. Es war die schwierigste Ent­schei­dung meines ganzen Lebens. Ich wusste, wenn ich noch einmal ginge, würde ich aufgrund einer Lüge für den Tod und das Elend anderer Menschen verantwortlich sein. Damit konnte ich nicht leben. Wenn ich aber die Verlegung verweigerte, könnte ich wegen Desertion verfolgt werden, eine Haftstrafe oder sogar die Todesstrafe erhalten, weil ich meinem Gewissen gefolgt war. Zehn Tage überlegte ich. Dann entschied ich mich, die Armee der Vereinigten Staaten am 11. April 2007 zu verlassen. Ich packte einige Habseligkeiten und verschwand mitten in der Nacht.

Seitdem habe ich darauf gewartet, dass meine Einheit aus dem Einsatz im Irak zurückkehrt. Der Grund ist: Wenn mein Antrag abgelehnt wird, laufe ich nicht Gefahr, zu meiner Einheit in den Irak geschickt zu werden, um an diesem Krieg teilzunehmen. Über eine Million Menschen wurden bis jetzt in diesem Krieg getötet und über zwei Millionen sind geflüchtet und leben nun in aller Welt verstreut. Das sind Fakten, für die ich nicht verantwortlich sein möchte. Ich bin mir der Konsequenzen meines Handelns voll bewusst. Das Militär wird mich wegen Desertion anklagen. Es wird ein Prozess vor dem Militärgericht stattfinden, wo ich eine Haftstrafe von sechs Monaten bis zu mehreren Jahren erhalten kann. Es gibt sogar die Möglichkeit, mich wegen Desertion in Kriegszeiten zum Tode zu verurteilen. Dennoch stehe ich für das ein, was richtig ist, und lasse es nicht zu, dass ich zu einem Instrument der Zerstörung werde.

Es passt vielleicht, dass ich gerade hier Asyl beantrage. Die Nürnberger Prozesse setzten die Norm, dass niemand seine bzw. ihre Handlungen damit rechtfertigen kann, dass er/sie lediglich Befehle befolgt habe. Wenn ich in der US-Armee geblieben wäre und weiter an den Kriegen und den damit verbundenen Gräueltaten im Irak und Afghanistan teilgenommen hätte, könnte ich nicht argumentieren, dass ich nur meine Arbeit gemacht hätte. Hier in Deutschland wurde festgelegt, dass jede und jeder, auch eine Soldatin oder ein Soldat, die Verantwortung für ihre und seine Handlungen übernehmen muss, ganz gleich, wie viele Vorgesetzte die Befehle dazu gegeben haben.

Es gibt viele Deutsche, die die Kriege im Irak und in Afghanistan rechtswidrig und unmoralisch nennen.5 Es ist nur logisch, daraus zu folgern, dass die an diesen Kriegen beteiligten Soldaten ebenfalls rechtswidrig und unmoralisch handeln. Es ist für mich undenkbar, mich an der mutwilligen Zerstörung von Leben und Eigentum zum Wohle einiger Weniger zu beteiligen.

Kürzlich haben die Amerikaner Barack Obama zum neuen Präsidenten gewählt. Er sagt, er wolle den Krieg im Irak beenden und den Krieg in Afghanistan ausweiten.6 Ich kann diese Politik nicht akzeptieren aufgrund der simplen Tatsache, dass auch die Afghanen das Recht haben, selbst zu entscheiden, wie sie ihr Leben leben wollen. Die Gräueltaten, die dort in den letzten sieben Jahren begangen wurden, dürfen nicht heruntergespielt oder vergessen werden. Wenn Obama einen wirklichen Wandel will, muss er den "Krieg gegen den Terror" vollständig beenden, sich öffentlich und schriftlich bei den Regierungen, denen wir Unrecht getan haben, entschuldigen und bereit sein, Entschädigungen für die Zerstörung und das Leid zu zahlen, die wir mit unserem törichten Handeln verursacht haben. Des weiteren muss er all diejenigen SoldatInnen begnadigen, die den Mut hatten, aufzustehen und auszusprechen, was Recht ist. Ich bete darum, dass er die richtige Ent­schei­dung trifft.

Aus diesen Gründen – und weil mir seitens der Regierung der Vereinigten Staaten eine unverhältnismäßige Strafe droht – beantrage ich in Deutschland Asyl. Es war keine leichte Ent­schei­dung und die Konsequenzen dieser Ent­schei­dung werden mich für den Rest meines Lebens begleiten. Ich habe versucht, die normalen Wege der Einwanderung zu nutzen. Sie waren mir aber aufgrund meines Status als unerlaubt abwesender Soldat verwehrt. Mein Wunsch, hier zu bleiben, ist ein ebenso persönlicher wie politischer. Ich habe in den letzten Jahren hier viele gute Freundschaften geschlossen sowie eine liebevolle, feste Beziehung zu meiner Freundin und ihrem Sohn aufgebaut. Ich fand Trost im Zusammenleben mit gleichgesinnten Menschen in einer offenen Gesellschaft wie der hiesigen, die nicht nur das imperialistische Handeln eines in schreckliche Verirrungen verstrickten Amerikas ablehnt, sondern offen diejenigen unterstützt, die für das Recht aufstehen. Nach meiner Einschätzung wird der "Krieg gegen den Terror" noch viele Jahre dauern. So lange das der Fall ist, will ich nicht länger Bürger der Vereinigten Staaten genannt werden. Es ist meine aufrichtige Hoffnung, dass der Leser/die Leserin den Ernst der Situation versteht und eine wohlüberlegte Ent­schei­dung trifft.

 

Fußnoten

* Anm. d. Ü: Stop-loss-order ist eine von der US-Regierung bzw. dem US-Militär verfügte einseitige Verlängerung des Dienstverhältnisses der SoldatInnen.

1. U.S. Planned Attack on Taliban; http://news.bbc.co.uk/2/hi/south_asia/1550366.stm

2. US planned war in Afghanistan long before September 11; http://www.wsws.org/articles/2001/nov2001/afgh-n20.shtml

3. Our Shadowy Iraq Air War; http://www.tompaine.com/articles/2007/05/24/our_shadowy_iraq_air_war.php

4. Augusin Aguayo Defense Site; http://www.aguayodefense.org/

5. German leader says no to Iraq war; http://www.guardian.co.uk/world/2002/aug/06/iraq.johnhooper

6. Obama Delivers Bold Speech About War on Terror; http://abcnews.go.com/Politics/Story?id=3434573&page=1

Erklärung von André Shepherd zu seinem Asylantrag, 27. November 2008. Übersetzung: Rudi Friedrich und Thomas Stiefel, Connection e.V.

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