Griechenland: "Viele wollen heute nicht zum Militär"

Interview mit Lazaros Petromelidis

(01.05.2005) Lazaros Petromelidis ist ein griechischer Kriegs­dienst­ver­weigerer, der seit 1992 wegen seiner Überzeugung verfolgt wird. Kat Barton sprach mit ihm über seinen langen Kampf für die Anerkennung des Rechts auf Kriegs­dienst­ver­weigerung.

Wann hast Du zum ersten Mal gemerkt, dass Du es nicht mit Deinem Gewissen vereinbaren könntest, zum Militär zu gehen?

Das war 1991, als ich die Universität abgeschlossen hatte und der Zeitpunkt kam, zur Armee zu gehen - obwohl ich schon 1987/88 von den ersten Kriegs­dienst­ver­weigerern gehört hatte. Es war also nichts Neues für mich.

Warum hast Du den Kriegsdienst verweigert?

Ich konnte mich nie selbst in der Armee vorstellen. Ich will das Recht haben, zu entscheiden, auf welche Weise ich diene. Niemand fragt sich, warum wir eigentlich im Militär dienen müssen, aber warum haben wir ein Heer von 100.000 Menschen - das sind zu viele - und warum geben wir der Armee so viel Geld?

Was hast du gemacht, als Du den ersten Einberufungsbefehl erhalten hast?

Ich habe einen Brief geschrieben und darin erklärt, dass ich nicht gehen wollte, dass ich aber bereit sei, stattdessen einen alternativen Dienst zu leisten.

Wie wurdest Du vom Militär und den griechischen Behörden behandelt, als Du Dich zum Kriegs­dienst­ver­weigerer erklärt hast?

Die Behörden beantworteten meinen Brief 2 Stunden nach dem Erhalt! Sie sagten, dass es in Griechenland keine Alternative zum Wehrdienst gebe und ich deswegen zur Armee müsse. Mein Brief war etwas Seltsames für sie. Obwohl sie schon von anderen Kriegs­dienst­ver­weigerern gehört hatten, wollten sie es nicht akzeptieren. Sie fragten mich, warum ich nicht gehen wolle. Sie erzählten mir, das sei doch nichts Schlimmes, und ich sei doch ein gebildeter junger Mann und solle nicht mein Leben zerstören!

Welche Unterstützung hast Du erhalten, als Du zum ersten Mal Deine Verweigerung erklärtest?

Der Verein griechischer Kriegs­dienst­ver­weigerer hat mich unterstützt, so dass ich mit Leuten diskutieren konnte, die die gleichen Probleme hatten wie ich.

Was denken Deine Freunde und Familie über Deine Kriegs­dienst­ver­weigerung?

Meine Freunde akzeptierten das als meine Ent­schei­dung. Meine Familie hatte große Angst, weil das etwas ganz Neues für sie war. Sie hatten Angst vor Konflikten mit der Armee. Ich will mit ihnen nicht darüber reden, weil es sehr schwer für sie ist. Mein Vater hat zu mir gesagt: "Was Du da tust ist sehr ernst. Denk an den Militärgerichtshof."

Welche Konsequenzen hatte Deine Überzeugung?

Zwischen 1992 und1996 gab es keine Probleme - in diesen 4 Jahren hat mich niemand belästigt. Aber alle wussten, dass 1997 ein neues Gesetz in Kraft treten würde und die Armee Kriegs­dienst­ver­weigerer dann würde bestrafen wollen. Zu dieser Zeit mussten sich viele von uns festnehmen und ins Gefängnis stecken lassen, bevor wir unsere Kriegs­dienst­ver­weigerung und das Recht auf einen Zivildienst einfordern konnten. Das war einfach eine Rache gegen uns ältere Verweigerer. Ich hatte Differenzen mit anderen Verweigerern, weil ich entschied, zu Hause, unter der bekannten Adresse, wohnen zu bleiben, während viele andere umzogen, um der Verhaftung zu entgehen.

Wie oft warst Du im Gefängnis und warum?

Drei mal. Das erste Mal 1998 wegen der Umgehung der Einberufung. 1999 hatte ich dann zwar einen anerkannten Status als Kriegs­dienst­ver­weigerer, aber man sperrte mich ein, weil ich mich weigerte, einen Zivildienst von 30 Monaten abzuleisten. Wenn ich zum Militär gegangen wäre, hätte ich 4 Monate gedient - ich kann nicht 4 Monate durch 30 ersetzen! Das dritte Mal war ich 2001 im Gefängnis. Hier in Griechenland wird man alle 3 Monate erneut zum Wehrdienst einberufen. Das heißt, du wirst aufgefordert zu kommen, du weigerst dich, du kommst ins Gefängnis, und dann fordern sie dich 3 Monate später wieder auf. Ich kann doch nicht alle drei Monate bestraft werden, weil ich nicht zum Militär will! Eigentlich sollte ich gerade jetzt auch im Gefängnis sein - im Dezember 2004 wurde ich in meiner Abwesenheit zu zweieinhalb Jahren verurteilt - vielleicht kommt die Zeit, wenn sie beschließen, mich festzunehmen. Ich bin in ihren Händen - ich kann nichts tun.

Wie haben sich die Einstellungen zur Wehrpflicht und zu Kriegs­dienst­ver­weigerern in Griechenland verändert, seit Du Dich dem ersten Einberufungsbefehl widersetzt hast?

In den späten 80ern und den frühen 90ern galt die Armee für die griechischen Jungen als ganz normales Ding, sie war akzeptiert. Niemand fragte: "Warum muss ich da hin?". Ich denke, dass heute viele junge Männer nicht zum Militär wollen - also lassen sie es einfach, oder sie gehen ins Ausland. Aber sie sagen das nicht in der Öffentlichkeit - sie haben Angst. Es ist einfach, in eine öffentliche Klinik zu gehen und zu sagen, dass du verrückt oder Alkoholiker bist - dann kriegst du ein Papier wo drauf steht, dass du untauglich bist. Das passiert oft in Griechenland. Jährlich nutzen vielleicht 3.000-4.000 Leute diese Methode. Seit ich zum ersten Mal den Kriegsdienst verweigerte, hat sich einiges verändert. Das Hauptproblem ist die Dauer des Zivildienstes. Wir haben jetzt ein neues Gesetz, nach dem der Zivildienst fast doppelt so lang wie der Militärdienst ist - minus einen Monat.

Ich meine, dieses Gesetz ist besser als gar keines. Ich denke, dass es jedes Jahr besser werden wird. Noch sind wir nicht so viele: nur 100 Kriegs­dienst­ver­weigerer aus ideologischen und etwa 1.000 aus religiösen Gründen, vor allem Zeugen Jehovas - die kämpfen allerdings weniger öffentlich, sie sind nicht so aktiv wie wir. Es wäre besser, wenn es mehr Kriegs­dienst­ver­weigerer gäbe.

Wie sähe der Idealfall aus - welche Zugeständnisse sollten die griechischen Behörden machen?

Der alternative Dienst müsste genau so lange dauern wie der Militärdienst.

Hast du manchmal Zweifel daran, Deinen Kampf weiter zu führen?

Nein, nein, nein!

Welchen Rat würdest Du griechischen Männern geben, die darüber nachdenken, den Kriegsdienst zu verweigern?

Habt keine Angst.

Was kannst du über die Bewegung griechischer Kriegs­dienst­ver­weigerer sagen - wo steht sie heute, wohin entwickelt sie sich und wie sieht ihre Zukunft aus?

Wir sind keine Bewegung, aber wir haben eine Stimme. In den letzten 2 Jahren sind wir wegen des Zulaufs von jungen Leuten zahlenmäßig gewachsen. Wir versuchen sie zu überzeugen, dass sie keine Angst haben müssen und dass wir sie unterstützen werden, wenn sie sich entscheiden, in die Öffentlichkeit zu treten. Das ist eine sehr wichtige Arbeit für uns. Die griechische Gesellschaft diskutiert nicht über Kriegs­dienst­ver­weigerung - wir haben diese Diskussion Ende der 80er begonnen, und wir werden sie weiter führen.

Wir verändern die Dinge - aber wir sind wenige. Es gibt mehr Verweigerer, die nicht mit dem Verein zusammenarbeiten wollen. Sie stehen für ihre Überzeugung, aber sie arbeiten allein. Wir erwarten nicht mehr als zwei oder drei Fälle im Jahr - aber das ist besser als einer pro Jahr, wie es vorher war, also ist das sehr gut! Wir sind wenige, aber gemessen an unseren Kräften haben wir viel getan. In zehn oder zwanzig Jahren wird Griechenland eine Berufsarmee haben - dann werden wir eine Kriegs­dienst­ver­weigererbewegung nicht so sehr brauchen wie jetzt. Bis es soweit ist, werden wir weiter machen.

Interview mit Lazaros Petromelidis. Entnommen aus: Das zerbrochene Gewehr Nr. 66, Rundbrief der War Resisters’ International, Mai 2005. Aus: Connection e.V. und AG "KDV im Krieg" (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, September 2005

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