Chile: "Keine Kriege, keine Dienste - Totalverweigerung"

von Andreas Speck

15. Mai 2004, 10.45 Uhr: Vier chilenische AktivistInnen nähern sich Alameda und dem "Altar de la Patria" mit dem ewigen Feuer der chilenischen Nation. Sie gehen "inkognito" in die Mitte der Alameda, auf dem Mittelstreifen der vierspurigen Strasse. Gegenüber liegt La Moneda, der Präsidentenpalast. Was sie um sich herum beobachten, teilen sie mehreren Gruppen von AktivistInnen aus Chile, Ecuador, Großbritannien, Kolumbien, Mexiko, Paraguay, Spanien, Uruguay und Venezuela mit, die in der Metro-Station Universidad de Chile warten.

10:50 Uhr: Eine zweite Gruppe von 3 Personen - aus Chile, Großbritannien und Paraguay - verlässt die Metro-Station und nähert sich der Ecke Alameda und Zenteno-Straße, am Hauptquartier des Militärs.

10.55 Uhr: Mehrere Gruppen verlassen die Metro-Station und gehen in Ruhe zur Ecke Alameda und Zenteno-Straße. Plötzlich entrollt die erste Gruppe ein Transparent, direkt vor dem Eingang des Hauptquartiers: "Keine Rekruten, keine Wehrflüchtlinge - Verweigerer, Totalverweigerer". Eine zweite Gruppe legt sich vor dem Transparent auf den Boden; andere malen ihre Umrisse mit Farbe auf den Bürgersteig.

Ein zweites Transparent mit der Aufschrift "Gegen ein unterdrückerisches Gesetz - Verweigerung, totaler Widerstand" wird nur wenige Meter links vom Eingang entrollt. Hier schreiben andere geschwind "Keine Kriege, keine Dienste - Totalverweigerung" in großen Buchstaben auf den Bürgersteig. Bevor die Polizei, die aufgrund eines erwarteten Nazi-Aufmarsches am gleichen Ort in großer Zahl präsent ist, eingreifen kann, sind die Slogans und Umrisse auf den Bürgersteig gemalt. Die Anti-Aufstands-Polizei war da, es gab Wasserwerfer und Tränengasgranaten. Doch die Polizei wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Als sie sich entschied, in unsere Richtung zu kommen, war es bereits zu spät. Nach ungefähr 15 Minuten verließen wir den Platz und machten mit unseren Transparenten und dem Rufen von Slogans eine kleine Demonstration zum Plaza des Armas im Zentrum Santiagos. Dort endete die Aktion.

Die Aktion war Resultat eines in­ter­na­ti­onalen Seminars und Gewaltfreiheitstrainings mit Kriegs­dienst­ver­weigerern aus mehreren lateinamerikanischen Ländern, organisiert gemeinsam von Ni Casco Ni Uniforme (Kein Helm, keine Uniform) aus Chile und der War Resisters’ In­ter­na­ti­onal (In­ter­na­ti­onale der KriegsgegnerInnen). Im Seminar wurde über die Situation in verschiedenen Ländern berichtet. Ein Aktivist aus Venezuela sprach von der gesellschaftlichen Militarisierung unter Präsident Chavez - mit Paramilitärs auf beiden Seiten, die jede/n Andersdenkende/n einschüchtern. Kriegs­dienst­ver­weigerInnen aus Paraguay berichteten von ihrem Erfolg: Trotz fehlendem Gesetzes zur Kriegs­dienst­ver­weigerung gibt es mehr als 115.000 erklärte Kriegs­dienst­ver­weigerInnen im Land (oder vielleicht gerade deswegen). Die chilenischen AktivistInnen schilderten ihre Opposition zum Entwurf des Militärdienstreformgesetzes, das eine unakzeptable Kriegs­dienst­ver­weigerungsregelung beinhaltet.

Das Training konzentrierte sich auf direkte gewaltfreie Aktionen und beinhaltete die Planung der gemeinsamen Aktion für den 15. Mai. Wir diskutierten die Aktionsplanung und Ziele. Zahlreiche Probleme mussten gelöst werden: Für den gleichen Tag war ein Nazi-Aufmarsch gegen Homosexuelle angekündigt worden, reformistische Gruppen hatten unerwartet eine Aktion für die gesetzlich vorgeschlagene Regelung zur Kriegs­dienst­ver­weigerung am gleichen Ort angekündigt. Als wir endlich die Aktion am Tag vorher in einem Rollenspiel simulieren konnten, sah es bei weitem nicht so aus wie oben beschrieben. Nichts funktionierte, und es endete in einem kompletten Chaos, in dem sich alle verloren fühlten und die "Polizei" die Situation kontrollierte. Eine gute Auswertung verdeutlichte für alle die Notwendigkeit, in einer Aktion die eigene Rolle zu kennen - und dabei zu bleiben. Das Ergebnis am 15. Mai verdeutlichte den Wert einer guten Vorbereitung.

Die Aktion war ein gutes Beispiel für die Koordination von Gruppen aus verschiedenen Ländern. Die meisten lateinamerikanischen Gruppen, die daran teilnahmen, sind Teil der Lateinamerikanischen Koordination für Kriegs­dienst­ver­weigerung (CLAOC). Einige sind auch Mitglied der War Resisters’ In­ter­na­ti­onal. Auf einem Treffen am 17. Mai diskutierte CLAOC Zukunftspläne, unter anderem die Zusammenarbeit zwischen CLAOC und WRI.

Die Aktivitäten in Santiago zeigten, dass die lateinamerikanische Kriegs­dienst­ver­weigerungsbewegung stark und lebendig ist und eine klare antimilitaristische Perspektive hat, die über Kriegs­dienst­ver­weigerung als individuelles Recht hinaus geht. Ich bin sicher, dass wir in Zukunft mehr von CLAOC hören werden. Und ich bin sicher, dass die lateinamerikanischen Militärs lernen müssen, dass Antimilitarismus in ihren Ländern eine Kraft darstellt, die sie nicht ignorieren können.

Kontakt

Ni Casco Ni Uniforme, Roberto Espinoza, 1839 Santiago de Chile,

www.objecion.cl

Andreas Speck: "Ni reclutas, ni remisos - objetors, insumisos!", 21. Mai 2004, www.wri-irg.org. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe Juli 2004

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