Eritrea: Zahlen und Fakten

von Mechthild Gunkel

(01.11.2004) Eritrea liegt am Horn von Afrika, grenzt im Westen an den Sudan, im Südosten an Djibouti und im Süden an Äthiopien. Mit Äthiopien teilt Eritrea eine lange und spannungsreiche gemeinsame Geschichte.

Weite Teile des niederschlagsarmen Landes sind Wüste und Halbwüste, in denen zahlreiche Wälder abgeholzt wurden. Dennoch bestehen große landschaftliche Gegensätze zwischen dem etwa 1.000 km langen und 20 bis 50 km breiten Küstenstreifen am Roten Meer, dem zentralen Hochland mit Erhebungen bis 2.500 m und den Trockensavannen. 1990 suchte eine der größten Dürrekatastrophen Eritrea heim.

Die BRD ist etwa dreimal so groß wie Eritrea mit 121.144 km², das Nachbarland Äthiopien hat fast die zehnfache Größe. 2002 lebten ca. 4,3 Millionen Menschen in Eritrea und 67 Millionen in Äthiopien. Durch die langanhaltenden Kriege und Bürgerkriege bedingt, leben etwa 500.000 Eritreer im Ausland, vor allem im Sudan.

Am 31.12.2003 hielten sich laut Statistischem Bundesamt 5.471 (2.411 Männer, 3.060 Frauen) eritreische StaatsbürgerInnen in der BRD auf. Das Auswärtige Amt schätzt die Zahl der ExileritreerInnen, die während des Unabhängigkeitskrieges in Deutschland Zuflucht gefunden haben und inzwischen zum großen Teil über die deutsche Staatsbürgerschaft verfügen, auf etwa 20.000. Im Jahr 2003 kamen 573 Asylsuchende aus Eritrea nach Deutschland, in den Vorjahren waren es ca. 300 Personen. Etwa zwei Drittel aller eritreischen AsylbewerberInnen lebt in Hessen. Unter den ca. 217.000 Menschen, die Ende Juni 2004 mit einer Duldung, also dem schwächst möglichen Aufenthaltstitel in der BRD lebten, waren 794 aus Eritrea. Etwa die Hälfte der Be­woh­nerInnen Eritreas sind Christen, die vor allem der eritreisch-orthodoxen, aber auch der katholischen oder protestantischen Kirche angehören. Daneben bilden sich immer mehr pfingstlerische und andere christliche Gruppierungen, die vom Staat nicht anerkannt sind und mit Verfolgung rechnen müssen. Der Islam ist bei ca. 50% der Be­woh­nerInnen verbreitet.

Unter den neun verschiedenen ethnischen Gruppen bilden die Tigrinya mit 50% die Mehrheit. Sie leben vor allem im Hochland als Pflugbauern und Viehzüchter. Amtssprachen sind tigrinya und arabisch.

Die einzige Universität befindet sich in der Hauptstadt Asmara (400.000 EinwohnerInnen). Der Hafen von Assab ermöglicht die Ausfuhr von Rohstoffen und Nahrungsmitteln, er ist auch Hauptumschlagsplatz für den äthiopischen Export. Je ein Viertel des eritreischen Exportes sind für den Sudan und für Äthiopien bestimmt. Zum Vergleich: ca. 40% der äthiopischen Exporte gelangen in die EU.

In Eritrea war 1999 fast jeder Zweite arbeitslos. Mehr als drei Viertel der Erwerbstätigen sind in der Landwirtschaft beschäftigt, die unter den Kriegen gelitten hat. Vor allem Frauen - darunter infolge der Kriege viele Witwen und Alleinerziehende - sind nun für die Ernährung ihrer Familien zuständig. Die zerstörte Infrastruktur und der Mangel an Fachpersonal tragen zur wirtschaftlichen Misere bei. Seit September 2001 sind nur staatliche Medien (TV, Radio, 2 Zeitungen) zugelassen, unabhängige Zeitungen sind verboten.

Das Bruttosozialprodukt betrug 2002 pro Kopf 190 US-Dollar in Eritrea und 100 US-Dollar in Äthiopien (zum Vergleich: BRD 22.740 US-Dollar). Doch mehr als diese Zahlen sagt der Human Development Index (HDI) aus, der seit 1990 vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) als Indikator für den Entwicklungsstand eines Staates benutzt wird. Hier liegt Eritrea auf Platz 155, Äthiopien auf Platz 169. Den letzten Platz (175) nimmt Sierra Leone ein, Norwegen, Island und Schweden liegen auf den ersten Plätze, die BRD auf Platz 18. Der HDI berücksichtigt soziale Komponenten wie die Lebenserwartung bei der Geburt (Eritrea: 51 Jahre, Äthiopien: 42 Jahre, BRD: 78 Jahre), die Alphabetisierungsrate unter Erwachsenen und die reale Kaufkraft pro Kopf. Die Alphabetisierungsrate betrug im Jahre 2000 in Europa und den Nachfolgestaaten der UdSSR nahezu 100% für beide Geschlechter, in Eritrea jedoch 67% bei Männern und 45% bei Frauen, in Äthiopien 47% bei Männern und 31% bei Frauen.

Für Bildung wurden in der Vergangenheit in der BRD jährlich 4,6% des Bruttoinlandsproduktes ausgegeben, Eritrea bringt dafür nur 2,7% auf.

Im Jahr 2002 waren 44,4% der eritreischen Bevölkerung jünger als 15 Jahre (BRD: 15%) und 2,6% älter als 65 Jahre (BRD: 16,8%), ein Zahlenverhältnis, das ähnlich in vielen afrikanischen Staaten anzutreffen ist. Die Säuglingssterblichkeit betrug im gleichen Jahr in Eritrea 80 von 1.000 Lebendgeburten im ersten Lebensjahr, in Äthiopien 171 und in der BRD 5. Von 1980 bis 2002 wird ein Bevölkerungswachstum von 2,7 in Eritrea und 0,2 in der BRD registriert.

Vergleicht man den Anteil der Bevölkerung, der in einer Entfernung von höchstens 15 Gehminuten angemessenen Zugang zu gesundheitlich unbedenklichem Wasser hat, so betrug er 2000 in Eritrea 46% und in Äthiopien 24%. Das In­ter­na­ti­onale Rote Kreuz meldete im Mai 2003, dass 1,7 Mio. EritreerInnen keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Auch die Möglichkeit der hygienischen Beseitigung von Exkrementen und Abfällen ist in Eritrea nur für 13% der Bevölkerung gegeben, in Äthiopien nur für 12%.

Eritrea ist seit 8000 v. Chr. besiedelt. Die in der Bibel (1. Kön 10) erwähnte Königin von Saba, die ca. 900 v. Chr. König Salomo in Jerusalem besuchte, kam aus Eritrea.

Italien errichtete 1890 die Kolonie Eritrea und nutzte das Gebiet als Basis für die Eroberung Äthiopiens während des italienischen Faschismus (1922-41). Eritrea war eine der sechs italienischen Ostafrikaprovinzen. Von 1941-52 kam Eritrea unter britisches Protektorat und war mit Äthiopien als autonome Einheit verbunden.

Die Auseinandersetzungen um die Unabhängigkeit von Äthiopien begannen 1950 und wurden teilweise kriegerisch und bewaffnet geführt. Die UN-Resolution vom 2.12.1950 sah Eritrea als föderierten Staat innerhalb des äthiopischen Reiches vor und missachtete den Selbstbestimmungswillen des eritreischen Volkes. Es begann ein über 30jähriger Krieg um die Unabhängigkeit. 1962 zwang der äthiopische Kaiser Haile Selassie I. die eritreischen Kongressabgeordneten, für die komplette Annexion des eritreischen Staatsgebietes zu stimmen. Dagegen regte sich Widerstand, der 1958 zur Gründung der Eritreischen Befreiungsfront (Eritrean Liberation Front - ELF) in Kairo führte. Seit 1961 sind auch Guerillaaktivitäten der ELF bekannt. Interne Divergenzen führten 1966 zur Spaltung in ELF und Eritreische Volksbefreiungsfront (Eritrean Popular Liberation Front - EPLF). Die EPLF kämpfte bald an zwei Fronten: zum einen gegen die Organe der äthiopischen Staatsmacht in Eritrea (Armee, Polizei, Verwaltung, Sicherheitsdienste usw.) und zum anderen während der Bürgerkriege (1972-74 und 1980-81) gegen andere Unabhängigkeitsbewegungen um die politische und militärische Vorherrschaft. Auch die prosowjetische Regierung in Äthiopien unter Mengistu (1974) verweigerte den EritreerInnen die Unterstützung in ihrem Recht auf Selbstbestimmung.

Kriege und Bürgerkriege verursachten Tausende Opfer auf beiden Seiten. Die Infrastruktur wurde schwer beschädigt, weite Teile des Landes wurden vermint und sind damit nicht mehr als landwirtschaftliche Flächen nutzbar.

1991 eroberte die EPLF die letzte von der äthiopischen Armee besetzte Hafenstadt Assab und beendete damit militärisch den Unabhängigkeitskampf. Neue diplomatische Beziehungen zwischen Asmara und Addis Abeba begannen, der Hafen wurde geöffnet, um in­ter­na­ti­onale Hilfe ins Land zu lassen. 1990 suchte eine unvergleichbare Dürrekatastrophe Eritrea heim.

Nach einem UN-Referendum wurde Eritrea am 24. Mai 1993 souverän. Die de facto regierende EPLF, mit Isayas Afewerki an der Spitze, einem Kämpfer aus dem Unabhängigkeitskrieg, übernahm die provisorische Regierung und versprach Mehrparteienwahlen für 1997. 1994 wurde die EPLF zur politischen Partei Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit (People’s Front for Democracy and Justice - PFDJ) umbenannt. Eine 1997 vorgelegte vorläufige republikanische Verfassung wurde bis heute nicht in Kraft gesetzt. Auch Konflikte mit den Nachbarländern Sudan und Äthiopien führten dazu, dass sich die innenpolitische Situation verschärfte. Grenzstreitigkeiten mit Äthiopien konnten trotz in­ter­na­ti­onaler Vermittlung nicht beigelegt werden und waren Anlass für erneute kriegerische Auseinandersetzungen von 1998 bis 2000. Der Friedensvertrag vom 12.12.2000 wird mittlerweile als "kalter Frieden" bezeichnet. Das Mandat der 4.200 Mann starken Friedenstruppe der Vereinten Nationen (UNMEE) zur Sicherung der Pufferzone entlang der Grenze wurde Mitte September 2003 vom UN-Sicherheitsrat verlängert.

Die außen- wie innenpolitisch instabile Situation trägt nicht nur zur desolaten Men­schen­rechtssituation bei, sondern macht auch viele Versuche der Entwicklungspolitik zunichte.

 

Quellen

Fischer Weltalmanach 2005, September 2004, Frankfurt Main

The World Guide 1997/8

 

Mechthild Gunkel war Flüchtlingspfarrerin in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Schwalbach/Ts, von November 2001 bis zur Schließung der Einrichtung im Dezember 2003

Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und Eritreische Antimilitaristische Initiative in Zusammenarbeit mit der Flüchtlingsseelsorge der EKHN (Hrsg.): Broschüre »Eritrea: Kriegsdienstverweigerung und Desertion«, Offenbach/M., November 2004. Wir danken für die finanzielle Förderung durch: Dekadefonds zur Überwindung der Gewalt der EKHN, Förderverein Pro Asyl und Evangelischer Entwicklungsdienst (EED).

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