Großbritannien: Soldat gibt Unerlaubte Abwesenheit zu

Anklage wegen Desertion gegen Obergefreiten Joe Glenton wurde aufgehoben

von The Guardian

(29.01.2010) Ein britischer Soldat, der sich weigerte, erneut in den Einsatz nach Afghanistan zu gehen und später auf Antikriegsdemonstrationen sprach, bekannte sich heute schuldig, die Armee unerlaubt verlassen zu haben, nachdem die schwerwiegendere Anklage wegen Desertion zurückgenommen wurde.

Während einer kurzen Verhandlung vor dem Militärgericht bekannte sich der Obergefreite Joe Glenton schuldig, zwischen Juni 2007 und Juni 2009 die Armee unerlaubt verlassen zu haben.

Joe Glenton hatte die Absicht, eine Anklage wegen Desertion zurückzuweisen. Gestern erfuhr er aber, dass der Militärstaatsanwalt bereit war, eine weniger schwerwiegende Anklage zu akzeptieren, was vorher so nicht angekündigt worden war. Ein Urteil wird am 5. März gesprochen werden. Joe Glenton muss mit einer Haftstrafe von bis zu zwei Jahren rechnen.

Der 27-jährige Glenton ging 2004 zur Armee und diente in einer Nachschubeinheit in Afghanistan. Er wurde im November letzten Jahres wegen fünfmaliger Befehlsverweigerung angeklagt, da er an einer Antikriegsdemonstration teilnahm. Danach verbrachte er einen Monat im Militärgefängnis. Auch diese Anklagen, die sich auf eine Strafandrohung von bis zu zehn Jahren summierten, wurden nun zurückgenommen.

Glentons Anwalt, John Tipple, sagte, dass er sehr erfreut sei über die Ent­schei­dung der Staatsanwaltschaft. „Wir sind alle sehr erleichtert, dass die Anklagepunkte reduziert wurden, obwohl es immer noch sehr wahrscheinlich ist, dass Joe ins Gefängnis gehen muss“, sagte er. „Wir hoffen nun, dass das Militärgericht Nachsicht walten lässt, angesichts dessen, dass Joe unter posttraumatischen Stresssymptomen leidet.“

Glenton hatte geplant, bei einer Anklage wegen Desertion einen Gutachter zur Verteidigung aufzurufen, der sich mit der Frage beschäftigen sollte, ob der Konflikt in Afghanistan dem in­ter­na­ti­onalen Recht entspricht. Tipple sagte, er glaube, dass der Militärstaatsanwalt zurückgewichen sei, um zu verhindern, dass ein derart im Fokus stehendes Verfahren zu dieser Frage stattfindet, insbesondere zu einer Zeit, zu der der Chilcot-Untersuchungsausschuss Tony Blair vorgeladen hat. „Ich denke wirklich nicht, dass das Verteidigungsministerium eine wesentlich gründlichere Untersuchung über die Legalität des Kriegs in Afghanistan haben wollte, als dies nun im Falle von Tony Blair geschieht“, sagte er.

Im 10-minütigen Verfahren, dass über Video durchgeführt wurde, weil sich Glenton einen Fuß gebrochen hatte und daher nicht reisen konnte, war zu hören, dass die Staatsanwaltschaft ein psychiatrisches Gutachten über Glenton durchführen ließ, mit der die Verteidigung im weitesten Sinne einverstanden war.

Glenton befand sich in seiner Heimatstadt York, während sich sein Anwalt und der Militärrichter Jeff Blackett in London aufhielten. Der Staatsanwalt kam aus Uxbridge, im Westen Londons.

Glenton hatte sich letzten Juni nach zwei Jahren und sechs Tagen Abwesenheit selbst den Militärbehörden gestellt. In dieser Zeit war er in Südostasien und Australien unterwegs gewesen.

Er betonte in einem Schreiben an Gordon Brown, dass er glaube, dass der Einsatz in Afghanistan scheitern werde und die britischen Truppen zurückgezogen werden sollten. Er schrieb: „An oberster Stelle möchte ich Ihnen meine Besorgnis darüber mitteilen, dass der Mut und die Hartnäckigkeit meiner Kameraden zu einem Werkzeug der US-amerikanischen Außenpolitik geworden ist.“ Und führte fort: „Der Krieg in Afghanistan reduziert nicht den Terrorismus. Weit entfernt davon, das Leben der Afghanen zu verbessern, bringt er Tod und Verwüstung in ihr Land. Großbritannien hat dort nichts zu suchen. Ich bin der Meinung, unsere Sache in Afghanistan ist weder gerechtfertigt noch richtig. Ich bitte Sie inständig, Sir, holen Sie unsere Soldaten nach Hause!“

Die „Stop the War Coalition“ nannte Glentons Stellungnahme „einen besonderen Moment“ der Kampagne gegen den Konflikt in Afghanistan. Glenton sprach bei verschiedenen Veranstaltungen der Organisation.

Glenton sagte letztes Jahr, als er in die Kaserne zurückgegangen sei, habe er von den anderen Soldaten für seinen Standpunkt große Unterstützung erhalten.

Diese Woche gab das Verteidigungsministerium das 251. Opfer der britischen Armee bekannt, getötet im Konflikt in Afghanistan. Der Obergefreite Daniel Cooper aus dem 3. Schützenbataillon, 21 Jahre alt, starb aufgrund einer Verwundung, die er durch eine Bombe erlitten hatte.

The Guardian: Soldier admits going AWOL from Afghanistan. 29. Januar 2010. Übersetzung: Rudi Friedrich. Englisches Original unter http://www.guardian.co.uk/uk/2010/jan/29/soldier-admits-awol-afghanistan

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