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Ruanda: Kriegsbeteiligung, Rekrutierung, Desertion und Strafverfolgung
Connection e.V.
Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure
Ruanda: Kriegsbeteiligung, Rekrutierung, Desertion und Strafverfolgung

Rundbrief »KDV im Krieg« - November 2016

Inhaltsverzeichnis

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Zum Weiterlesen

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(18.10.2016) 
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(26.07.2016) 
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(23.06.2016) 
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Ruanda: Kriegsbeteiligung, Rekrutierung, Desertion und Strafverfolgung

Ehemalige Soldaten berichten

Ruanda ist ein innerhalb von Afrika liegendes Land, in dem es bis vor kurzem Kriege und Konflikte gab. 1990 griff eine zumeist von ausgewanderten, den Tutsi angehörenden, Flüchtlingen gebildete Rebellenarmee die ruandischen Streitkräfte von Uganda aus an. Der Krieg dauerte vier Jahre an. Am Ende übernahm die Rebellengruppe, die Ruandische Patriotische Front die Kontrolle des Landes und beendete damit den Genozid von 1994. Der militärische Zweig, die Ruandische Patriotische Armee, integrierte einige aus der besiegten Armee und wurde zu den Ruandischen Verteidigungsstreitkräften.

Dieser Bericht untersucht, inwieweit im letzten Jahrzehnt in Ruanda die Möglichkeit eingeschränkt war, die Armee zu verlassen. Er beruht auf den Aussagen ehemaliger Soldaten, die desertierten (Wir benutzen die Bezeichnung Befragte A, B, C und D, um dies zu kennzeichnen, da ihre Anonymität sehr wichtig ist).

Es stellte sich dabei heraus:

Üblicherweise erhielten Soldaten, die zwischen 1990 und 2012 rekrutiert wurden, keinen Vertrag;

Bei allen in dieser Zeit rekrutierten Personen (einschließlich derjenigen, die sich immer noch in der Armee befinden) gibt es keine klaren Regelungen, wie sie die Armee verlassen können;

Die in dieser Zeit rekrutierten Soldaten können die Armee nur nach dem Ermessen des vorgesetzten Offiziers verlassen;

Da es schwierig ist, legale Wege zu finden, um die Armee zu verlassen, bleibt für viele nur die Möglichkeit der Desertion. Die Konsequenzen können sehr schwerwiegend sein.

Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ist nicht anerkannt.

Rekrutierungspraxis damals und heute

Die Patriotische Front Ruandas (RPF) und ihr militärischer Zweig, die Patriotische Armee Ruandas (RPA), wurden Ende 1989 gebildet. Die meisten Kommandeure und Vorgesetzten der Rebellenarmee waren Mitglieder der Nationalen Widerstandsarmee gewesen, der regulären Armee in Uganda. Sie desertierten aus der ugandischen Armee um in Ruanda einzumarschieren. Sie brauchten Soldaten und rekrutierten diese aus den Flüchtlingslagern und von ruandischen Familien, die sich in Uganda niedergelassen hatten.

Din Beispiel für die Rekrutierungspraxis in dieser Zeit benennt uns einer der vier Befragten. A war 1990 in Uganda im Gymnasium, als er rekrutiert wurde. Zu diesem Zeitpunkt war er noch Minderjähriger und machte sich Sorgen um seine Ausbildung. Die Rekrutierer versprachen ihm, dass er seine Ausbildung fortführen könne, wenn der „Befreiungskampf“ gewonnen sei und die Flüchtlinge nach Ruanda zurückkehrten. Auch Befragter B war ein in Uganda lebender ruandischer Flüchtling. Seine Familie hatte Probleme, ihn in einer Schule unterzubringen und so ging er nach Ruanda, als der Krieg ausbrach, und trat der RPA bei. Er war minderjährig, klein und es wurde ihm befohlen, Holz und anderes zur Versorgung der Armee zu sammeln. Ein Jahr später, 1991, wurde er im Alter von 17 Jahren als Soldat der RPA aufgenommen, weil diese Personalmangel hatte. Befragter C war Mitglied der regulären Armee gewesen. Nach dem Sieg der RPA 1994 floh er nach Zaire (später Demokratische Republik Kongo – DRK). Als er nach Ruanda zurückkehrte wurde er inhaftiert. Aber als Ruanda 1998 ein zweites Mal in die DRK einmarschierte und dafür erfahrene Soldaten an der Front benötigte, wurde er freigelassen, um dort zu kämpfen. Befragter D war ein Kind, das den Genozid 1994 überlebte und mit anderen Überlebenden der Tutsi in den Osten Zaires floh, wo er in einem Flüchtlingscamp unterkam. Die Rekrutierer der RPF trafen dort auf ihn und nahmen ihn mit auf das Schlachtfeld. Zu diesem Zeitpunkt war er 12 Jahre alt.

Nach der Machtübernahme 1994 wurde die Patriotische Armee Ruanda (RPA) zur regulären Armee unter dem Namen Verteidigungsstreitkräfte Ruandas. Mit dem Argument, die Sicherheit der Grenzen Ruandas zu gewährleisten, verfolgte die RDF die besiegte Armee, die ehemaligen Streitkräfte von Ruanda (Forces Armées Rwandaises – FAR) bis nach Zaire und unterstützte eine Rebellion, die 1996 nach Zaire eindrang und erfolgreich Präsident Mobutu Sese Seko von der Macht entfernte. Der neue Präsident, Laurent Kabila, versuchte schnell unabhängig von der ruandischen Armee zu werden und die Kontrolle zu übernehmen. Das führte 1998 zu einer zweiten Invasion in Zaire, die nun zur Demokratischen Republik Kongo wurde. Aufgrund internationalen Drucks zog Ruanda 2002 seine Truppen aus DRK zurück, hatte aber weiterhin bestimmenden Einfluss im Land. Die ruandische Armee tat nie das, was sie vorgeblich machen wollte. Stattdessen war sie am Schwarzhandel und der Ausplünderung der Bodenschätze des Nachbarlandes beteiligt. Ruanda schloss eine Vereinbarung mit dem neuen Präsidenten der DRK ab – der jüngere Joseph Kabila – und brachte seine Truppen erneut in die DRK, offiziell, um an der Seite der kongolesischen Armee gegen die ruandischen Hutu-Rebellen zu kämpfen. Um die schwache kongolesische Regierung und deren Armee zur Zusammenarbeit zu zwingen, übernahmen zwei Offiziere der ruandischen Armee die kongolesische Staatsbürgerschaft und forderten direkt die Zentralregierung heraus, indem sie Stellvertreterkriege gegen die kongolesische Regierung im Auftrag Ruandas führten. Es waren die Generäle Nkunda und Bosco Ntaganda, die Ruanda mit Personal, Waffen, politischer und institutioneller Unterstützung versorgte, um im Osten der DRK zu kämpfen. Für seinen Anteil an den Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Osten Kongos steht General Bosco Ntaganda gegenwärtig vor dem Internationalen Gerichtshof in den Niederlanden.1

Zuletzt bildete Ruanda die Rebellenarmee M23, um 2012 die DRK zu destabilisieren. Diese Rebellengruppe – auch bekannt als Revolutionäre Kongolesische Armee, geführt von Bosco Ntaganda – übernahm in der östlich gelegenen Stadt Goma die Kontrolle und drohte damit, bis in die Hauptstadt Kinshasa zu marschieren. Die Internationale Gemeinschaft reagierte, indem sie UN-Einheiten im Osten der DRK stationierte, um mit Waffengewalt die M23-Kämpfer zu stoppen. Die M23 Gruppe wurde besiegt und aufgelöst. Viele UN-Berichte wiesen die Beteiligung Ruandas an der Destabilisierung durch die M23 nach, entweder direkt oder stellvertretend.2 Jedes Mal, wenn die ruandische Armee in die DRK einmarschierte, wurden auch viele Soldaten, unter ihnen auch Minderjährige gegen ihren Willen für die Kämpfe rekrutiert.3

In den letzten Jahren hat die RDF in verschiedenen Bezirken des Landes Rekrutierungsaufrufe versandt. Die Bedingungen zur Aufnahme wurden in dem Offiziellen Anzeiger Nr. 36 am 3. September 2012 veröffentlicht. Danach werden zwei Gruppen von Rekruten benötigt: OffiziersanwärterInnen und SoldatInnen mit niedrigem Rang. Ständig gibt es bei der Rekrutierung Diskriminierungen. Alle Befragten stimmten darin überein, dass Rekruten nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit und Herkunft ausgewählt werden. Die Offiziersanwärterstellen sind zumeist für Jugendliche reserviert, deren Eltern Flüchtlinge der Tutsis in Uganda waren. Einige Tutsis kommen aus anderen Ländern (Burundi, DRK und Tansania), andere sind Überlebende des Tutsi Genozids. Nur wenige Hutus werden für die Offizierslehrgänge aufgenommen. Der Großteil der Rekruten kommt zu den einfachen Soldaten, auch zur Republikanischen Garde und den Sondereinheiten. Die Republikanische Garde besteht zum allergrößten Teil aus Tutsi aus Uganda. Die Spezialeinheiten sind ebenfalls dominiert von Tutsis aus Uganda, andere Tutsis und nur wenige Hutus werden hier zugelassen. Der Rest der Einheiten besteht zumeist aus SoldatInnen der Hutus.

Die Aufmerksamkeit der ruandischen Regierung hat sich inzwischen auf Burundi, einem weiteren Nachbarstaat, gerichtet. Seit dem Beginn der Krise in Burundi Anfang Januar 2015, wiesen glaubwürdige Quellen und auch Berichte von UN-Experten nach, dass die ruandische Armee aktiv Kämpfer im Flüchtlingslager Mahama rekrutiert.4 Burundische Flüchtlinge werden ausgebildet und bewaffnet, damit sie Burundi destabilisieren. Da genügend Kämpfer auf diese Weise rekrutiert werden konnten, wurde die ruandische Armee selbst nicht dafür eingesetzt. Es gibt aber aufgrund dessen Spannungen zwischen den beiden Ländern. Im August 2016 verweigerte Burundi allen Überlandbussen die Einreise aus Ruanda nach Burundi um die Infiltration ins Land zu reduzieren.

Dienst, Verträge und Arbeitsbedingungen

Ruandische SoldatInnen, wie überall auf der Welt, sollen Befehle ohne jede Frage befolgen. Befragter A hatte 1994 erwartet, nach einer kurzen Zeit in der Armee wieder zur Schule gehen zu können. Stattdessen wurde seine Einheit damit beauftragt, die Sicherheit von Paul Kagame während der Rebellion und der Regierungszeit zu gewährleisten. Die Einheit wurde zur Republikanischen Garde. Er kämpfte in Angola und Kongo. Er wollte studieren und bat mehrere Male seine Vorgesetzten darum, ihn zur Schule gehen zu lassen, was sie aber verweigerten. Stattdessen wurde er zu Militärausbildungen entsandt, aber niemals befördert. Er saß sechs Monate lang in Haft, weil er darauf bestanden hatte, zurück zur Schule gehen zu können. Später wurde er aufgefordert, einen Vorgesetzten zu töten. Da entschied er endgültig die Armee zu verlassen. Befragter D berichtet über Ähnliches. Auch er ist mehrere Male inhaftiert und verurteilt worden, weil er studieren wollte. Ihm gelang es, das Gymnasium und ein Studium abzuschließen. Er wurde im Geheimdienst in der Einwanderungsabteilung eingesetzt. Auch er sagt, dass die RDF Vetternwirtschaft unterstützt.

Alle Befragten sagen, dass sie über lange Zeit ohne Vertrag tätig waren und ihren Dienst begonnnen hatten, bevor in Ruanda die Armeeregelungen dazu in Kraft traten. Befragte B und C erklärten, dass ein Soldat dann als in der Armee aufgenommen gilt, wenn er/sie ein Bankkonto bei der Armeebank erhält, der CSS. Die Kontonummer korrespondiert mit der Dienstnummer in den Streitkräften. Alle Soldaten, die kein Konto haben, werden in Wirklichkeit nicht als Soldaten angesehen. Befragter D erhielt seinen ersten Sold im Oktober 1994, während Befragter C diesen das erste Mal erst nach zwei Jahren Kampf im Dienst der Armee in DRK im Oktober 2000 erhielt. Die Armeeregelungen wurden 2012 überarbeitet. Obwohl die Bedingungen zur Rekrutierung und den Diensten auf dem Papier nun eindeutiger festgelegt sind, entspricht dies nicht der Praxis. Wenn zum Beispiel die Vorgabe der Zahl der zu Rekrutierenden in einem Bezirk nicht erfüllt ist, greift die Armee auf Entführungen und Taktiken zur zwangsweisen Rekrutierung zurück. Es gab Situationen bei denen alle Männer eines Bezirkes (in den Schulen oder bei der Arbeit) festgenommen und ihre Ausweise konfisziert wurden. Wer die Kriterien erfüllte, wurde dann zwangsweise rekrutiert und hatte keine Möglichkeit zur Flucht. Das geschah kürzlich vor allem im Zusammenhang mit der Kriegsunterstützung der M23-Rebellen im Osten der DRK.

Ein großer Streitpunkt zwischen den Soldaten und den Armeechefs betrifft die Frage der Verträge derjenigen Soldaten, die ursprünglich während der Rebellion zur RPF kamen, bevor sie also die Armee Ruandas wurde. Viele Soldaten der RPF, darunter auch einige, die in diesem Bericht zitiert werden, unterschrieben keinen Vertrag, als sie sich der Rebellenarmee anschlossen. Es wurde ihnen aber viele Jahre später ein Vertrag gegeben. Das führte oft dazu, dass ihr Dienstgrad herabgestuft wurde und sie auch weitere Vergünstigungen verloren, was viele dieser Soldaten dazu brachte, den Dienst von sich aus zu quittieren. Sie wurden dann zu Deserteuren erklärt.

Kindersoldaten

Die Befragten A und B berichteten, dass sie als Minderjährige in die Armee rekrutiert wurden (A 1990, B 1991). Sie unterbrachen ihre Ausbildung um zur Armee zu gehen, mit der Erwartung, nach dem Krieg wieder in das zivile Leben zurückkehren zu können. Befragter D erklärte, dass der größte Teil der RPA aus Minderjährigen bestand, einige nicht älter als acht Jahre. 1995 begannen sich darüber Menschenrechtsorganisationen zu beschweren und übten Druck auf die ruandische Regierung aus, den Einsatz von Kindersoldaten in den bewaffneten Streitkräften zu beenden. Ein Ergebnis war der Bau einer Schule im Süden des Landes. Die meisten Kindersoldaten wurden aus der Armee entlassen und in die Schule geschickt. Die meisten Kinder waren Überlebende und Waisen des Genozids. Sie wurden aber weiter als Soldaten behandelt. Die Armee bereitete die erste Invasion der DRK im folgenden Jahr 2006 vor und wollte die Kindersoldaten nicht verlieren.

Befragter C sagte, dass es in Mudende, im Nordwesten von Ruanda, wo er 2012 neue Rekruten ausbilden sollte, viele Kindersoldaten im Zusammenhang mit der Unterstützung der Rebellengruppe M23 gab. Er floh aus dem Land, bevor er die Ausbildung begonnen hatte. Diese Aussage deckt sich mit vielen Berichten von Menschenrechtsorganisationen und Medien.5  Befragter D, der aus Ruanda nach Burundi floh, erklärte, er habe glaubwürdige Informationen, dass die ruandische Armee burundische Rebellen ausgebildet habe, darunter auch Kinder. Ein im Februar 2016 von den Vereinten Nationen veröffentlichter Bericht bestätigt dies. Die UN-Experten merkten an, dass sie mindestens sechs Kindersoldaten bei den Kämpfern vorgefunden hätten.6

Das Schicksal der Deserteure und Folgen für die Familien

Die ruandische Armee ohne Genehmigung zu verlassen hat ernsthafte Konsequenzen zur Folge. Während der Präsidentenerlass Nr. 32/01 vom 3. September 2012 in Artikel 84 Gründe für die Beendigung des Dienstes in der ruandischen Armee benennt, verlangt Artikel 87, dass SoldatInnen dies schriftlich beantragen müssen. Ein Antrag soll innerhalb von 90 Tagen beantwortet werden. Es ist auch festgehalten, dass der Antrag als angenommen gilt, wenn in der Frist keine Antwort erfolgt.

Der Vertrag soll für fünf Jahre abgeschlossen werden mit der Möglichkeit der zweimaligen Verlängerung. Die Armee behält sich aber das Recht vor, eine/n SoldatIn zu behalten, wenn er/sie eine seltene Fähigkeit hat, die die Armee benötigt. In den Bestimmungen ist das Alter zur Pensionierung festgelegt. Es beträgt 45 Jahre bei einfachen SoldatInnen, 50 Jahre für niedere Ränge und 55 Jahre für Generäle. Das Pensionierungsalter kann um maximal 5 Jahre verlängert werden, wenn die Armee den/die Dienstleistende/n weiter benötigt. In der Praxis wagt es niemand von sich aus die Armee zu verlassen, insbesondere von den Offizieren und Generälen. Sie warten auf ihre Entlassung aus Angst vor Nachteilen, wenn sie selbst eine Entlassung beantragen sollten.

Auch das Antragsverfahren wird in der Praxis nicht angewandt. Zudem gibt es keine Sicherheit, dass eine Entlassung auf Antrag bewilligt wird. Da dieses Verfahren das einzig mögliche ist, um legal aus der Armee entlassen zu werden, hat eine negative Entscheidung faktisch einen unbefristeten Dienst zur Folge.

Deshalb gibt es für die SoldatInnen kaum andere Chancen als zu desertieren. In der Verordnung des Präsidenten sind keine Strafandrohungen gegenüber Deserteuren oder Kriegsdienstverweigerern festgelegt. Es wird lediglich Ungehorsam unter Strafe gestellt. Damit ist ein weites Feld für Willkür geöffnet. Die möglichen Konsequenzen benennt Befragter D.: „Im Moment gibt es keinen Krieg. Ein gefasster Deserteur wird vor Gericht gestellt und zu einem Jahr Militärgefängnis verurteilt, bevor er entlassen wird. Ein Deserteur verliert auch alle Vergünstigungen“.

Einige Deserteure und andere ehemalige Mitglieder des Militärs, einschließlich der in diesem Bericht zitierten, beklagten, dass sie im Exil Ziel ständiger Bedrohungen und Mordversuchen durch Personen seien, die die ruandische Regierung entsendet.

Der unschuldige Kalisa, ein ehemaliger Kommandeur und persönlicher Bodyguard von Präsident Paul Kagame verschwand 2013 in Uganda, nachdem er 2010 aus Ruanda geflohen war.7

Der Bruder von Faustin Nyamwasa, der bis 2001 als Stabschef unter Präsident Kagame tätig war, verschwand 2010.8 Er wurde für fünf Monate ohne Verfahren oder Anklage inhaftiert.9

Ähnliches berichteten alle von uns Befragten. Zur Sicherheit ihrer Familien und Verwandten können besondere Details der Schikanierungen, Demütigungen und Verfahren, denen sie und ihre Familien unterlagen, hier nicht beschrieben werden. In einigen Fällen wurden Deserteure gewaltsam entführt und nach Ruanda zurückgebracht, wo sie verschwanden oder vor Militärgerichten ohne faires Verfahren verurteilt wurden.

Diesen Risiken unterliegen insbesondere SoldatInnen, die in ihrer Tätigkeit Zugang zu geheimen Staatsinformationen hatten. Sie erleben größere Schwierigkeiten, wenn sie aufgrund ihrer Gewissensentscheidung Befehle der Vorsetzten verweigern. Alle vier Befragten fallen unter diese Kategorie: Zwei von ihnen waren Mitglieder der Republikanischen Garde und verantwortlich für die persönliche Sicherheit des Präsidenten und seiner Gattin. Einer war in der Einwanderungsabteilung des Geheimdienstes tätig und ein weiterer wurde dazu eingesetzt, Rebellen der Gruppe M23 auszubilden. Die Informationen, die sie haben, werden als Bedrohung der Sicherheit des Staates angesehen. So wurden sie nach ihrer Desertion innerhalb Ruandas und in Nachbarstaaten gesucht. Auch ihre Familien und Verwandten standen und stehen unter der Drohung, mit fabrizierten Anklagen inhaftiert und zu Gefängnisstrafen verurteilt zu werden. Sie müssen mit Enteignung, Verlust ihres Einkommens und Geschäfts rechnen.

Schlussfolgerungen

Die gegenwärtige ruandische Armee begann 1990 als eine Rebellenbewegung, die ihre Soldaten aus dem Kreis ruandischer Flüchtlinge rekrutierte, die in Lagern in Uganda lebten. Unter den damaligen Bedingungen erhielten die Soldaten keinen Vertrag. Es wurde ihnen jedoch bessere Lebensbedingungen versprochen, sobald die Macht in Ruanda übernommen worden sei. Viele der Rekruten waren Kinder, was die Befragten A, B und D bezeugen. Nach der Übernahme der Macht, dienten die meisten Soldaten weiter ohne jeden Vertrag.

Auch als Erwachsene hatten die Soldaten, die seit der Rebellion Dienst leisteten, keine Möglichkeit, ungerechte Behandlung durch ihre Vorgesetzten anzuzeigen. Jede Verweigerung von Befehlen brachte die Soldaten ins Gefängnis oder es drohte ihnen die Ermordung. Viele Soldaten flohen aus dem Land und suchten in Nachbarstaaten Schutz oder weit weg in westlichen Ländern, wie unsere Befragten. Deserteure berichten regelmäßig über Schikanierungen und Mordversuche in anderen Ländern durch die ruandischen Sicherheitskräfte.

Trotz des Präsidentenerlasses Nr. 32/01 vom 3. September 2012, in dem die Kriterien zur Rekrutierung und das Verfahren bei jungen SoldatInnen dargelegt ist, berichten die Soldaten, die bereits seit der Zeit der Rebellen Dienst leisteten, dass sie von diesen Regelungen ausgenommen seien und der Dienst in der Zeit vor dem Erlass nicht anerkannt werde.

Die ruandische Armee ist dringend aufgefordert, die Lücken zwischen Politik und Umsetzung zu schließen und die SoldatInnen über ihre Rechte und Vergünstigungen aufzuklären, die sie in- und außerhalb des Dienstes erhalten müssen. Zudem sollte das Recht auf Kriegsdienstverweigerung anerkannt, die Schikanierung von Verweigerern und Deserteuren beendet und insbesondere die Drohung mit Gefängnisstrafen von Verweigerern und ihren Familien, der Konfiszierung ihres Eigentums, Entführung und Ermordung im Land und in Exilländern beendet werden.

Fußnoten

1 Siehe Human Rights Watch: ‚Bosco Ntaganda‘ https://www.hrw.org/topic/justice-internationale/bosco-ntaganda, Zugriff am 26. Oktober 2016

2 Siehe ‚Letter dated 12 October 2012 from the Group of Experts on the Democratic Republic of the Congo addressed to the Chair of the Security Council Committee established pursuant to resolution 1533 (2004) concerning the Democratic Republic of the Congo‘, http://www.un.org/ga/search/view_doc.asp?symbol=S/2012/843, Zugriff am 26. Oktober 2016

3 Siehe ‚Report on political situation, security and human rights in Rwanda, Danish Immigration Service‘: “Neben der Rekrutierung in die Streitkräfte in die Ruanda gibt es auch eine für die ruandischen Streitkräfte erfolgende Rekrutierung in den von Ruanda kontrollierten Gebieten der DRK.” http://www.refworld.org/pdfid/3df8c0344.pdf, Zugriff am 26. Oktober 2016

4 ‚2016 Trafficking in Persons Report – Rwanda‘, United States Department of State http://www.refworld.org/docid/577f95b54.html, Zugriff am 26. Oktober 2016 und ‚UN report pins Rwanda on training Burundian refugees‘, AfrikaReport, http://www.afrikareporter.com/un-report-pins-rwanda-on-training-burundian-refugees/, Zugriff am 26. Oktober 2016

5 www.reuters.com/article/us-congo-democratic-rwanda-children-idUSBRE9940C520131005, https://www.hrw.org/news/2012/09/11/dr-congo-m23-rebels-committing-war-crimes

6 Siehe ‚Exclusive: Burundi rebels say trained by Rwandan military - U.N. experts‘, http://reut.rs./23JGkRN, Zugriff am 26. Oktober 2016

7 Siehe ‚Fears for missing bodyguard who fled Rwandan regime‘ http://www.thetimes.co.uk/tto/news/world/africa/article3845284.ece, Zugriff am 26. Oktober 2016

8 Siehe ‚Fears for arrested Rwanda officer‘, BBC, http://www.bbc.co.uk/news/world-africa-11053446, Zugriff am 26. Oktober 2016

9 Siehe ‚Rwanda must investigate unlawful detention and torture by military intelligence‘, Amnesty International, https://www.amnesty.org/en/latest/news/2012/10/rwanda-must-investigate-unlawful-detention-and-torture-military-intelligence/, Zugriff am 26. Oktober 2016


Der Artikel wurde von einem ruandischen Journalisten geschrieben: Leaving the armed forces in Rwanda: Abuse of Deserters, and Barriers to Leaving the Army now. 14. November 2016. Aus Sicherheitsgründen bleibt der Name anonym. Bearbeitet von War Resisters’ International und Connection e.V.: Übersetzung: rf. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe November 2016



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