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Israelische Kampfpiloten weigern sich, zivile Ziele zu bombardieren
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Israelische Kampfpiloten weigern sich, zivile Ziele zu bombardieren

Abschrift der Radiosendung in Democracy Now! vom 9. August 2006

Interview mit Yonathan Shapira und Dan Tamir

Der Bruder von Luftwaffenkapitän Yonathan Shapira berichtet von zumindest zwei israelischen Kampfpiloten, die es bewusst unterlassen haben, Ziele im Libanon zu bombardieren, weil sie davon überzeugt waren, dass ihnen befohlen worden sei, Zivilpersonen zu bombardieren. Yonathans Bruder weigerte sich Anfang dieser Woche, in den Libanon zu gehen und wurde ins Gefängnis gesteckt.

Israel erwägt eine weitere Ausdehnung der Angriffe auf den Libanon bei steigenden Todesopfern und einer zunehmenden humanitären Krise. Die Opposition zum Krieg verschafft sich in Israel zunehmend Gehör.

Mehr als 100 Demonstrationen haben seit Beginn der Kämpfe im letzten Monat im ganzen Land stattgefunden. Mehr als 5.000 protestierten letzten Samstag in eine der größten Demonstrationen seit Beginn der Angriffe im Tel Aviv. Die DemonstrantInnen riefen Israel dazu auf, mit der Hisbollah zu verhandeln und ermutigten israelische Soldaten dazu, die Befehle im Libanon zu missachten.

Währenddessen berichtete kürzlich die Zeitschrift Observer, dass ein ranghoher Kommandeur, der an den Luftangriffen im Libanon beteiligt war, seine Sorge ausdrückte, dass die Luftangriffe als "Kriegsverbrechen" angesehen werden könnten.

Yonathan Shapira ist mit uns aus Israel verbunden. Er ist ehemaliger Luftwaffenkapitän der Reserve. Im Jahre 2003 initiierte er eine Gruppe von israelischen Luftwaffenpiloten, die sich weigerten Angriffe zu fliegen, die die Zivilbevölkerung in den palästinensischen Gebieten treffen könnten. Er ist auch einer der Gründer der Organisation Combatants for Peace (Kämpfer für den Frieden). Yonathans Bruder weigerte sich Anfang dieser Woche, im Libanon zu dienen und wurde inhaftiert.

Wir sprechen auch mit Dan Tamir, einem Nachrichtenoffizier der Reserve und Aktivist von Yesh Gvul (Es gibt eine Grenze), einer israelischen Friedensgruppe, die Soldaten unterstützt, die militärische Aufgaben verweigern.


Amy Goodman: Willkommen Yonathan. Wir begrüßen Sie wieder in der Sendung Democracy Now! In den letzten Wochen waren Sie ja schon in New York und bei uns. Nun sind Sie nach Israel zurück. Willkommen.

Yonathan Shapira: Guten Morgen.

Amy Goodman: Können Sie uns über Ihren Bruder berichten?

Yonathan Shapira: Ja. Mein Bruder kam gestern Nachmittag ins Gefängnis. Der Kommandeur fragte ihn, warum er sich weigere, in den Libanon zu gehen. Mein Bruder erklärte ihm, dass er es für die Sicherheit der Bürger Israels tue. Mein Bruder ist auch Mitglied der Combatants for Peace. Derzeit sind zwei Mitglieder unserer Organisation in Haft, weil sie sich weigerten, am Krieg im Libanon teilzunehmen. Im Moment sind fünf Libanonverweigerer in Haft. Viele erwarten eine Anklage oder Inhaftierung.

Amy Goodman: Wir sind auch mit Dan Tamir verbunden. Er ist von der israelischen Friedensgruppe Yesh Gvul. Willkommen bei Democracy Now!

Dan Tamir: Guten Morgen.

Amy Goodman: Es ist sehr gut, mit Ihnen zu sprechen. Sie sind ein Nachrichtenoffizier der Reserve der israelischen Verteidigungsstreitkräfte. Werden Sie in diesem Krieg im Libanon dienen?

Dan Tamir: Bis jetzt wurde ich selbst nicht für eine Teilnahme an diesem Krieg einberufen. Und ich hoffe, dass dies auch nicht geschehen wird. Aber es gibt viele andere Offiziere und Soldaten, die zu diesem Krieg einberufen wurden, wie Yonathan vorher sagte. Viele haben gesagt, dass sie sich nicht daran beteiligen werden. Sie sehen es als unnötiges Blutvergießen an.

Amy Goodman: Was würde es bedeuten, wenn Sie verweigern?

Dan Tamir: Ich habe meinem Kommandeur bereits zwei Mal erklärt, dass ich nicht bereit bin, solchen Gestellungsbefehlen nachzukommen. Das erste Mal war es im Jahre 2001, das zweite Mal 2004. Damals betraf es einen Einsatz in den besetzten Gebieten in Judäa und Samaria. Ich verweigerte zwei Mal und wurde jedes Mal für einen Monat inhaftiert. Das passiert nicht immer. Einige sagen einfach: "Wir gehen nicht" und ihre Kommandeure lassen sie gehen. Ich muss betonen, dass es nicht ein Ziel an sich ist, ins Gefängnis zu gehen. Einige sind inhaftiert worden, aber viele andere wurden einfach entlassen. Das ist der Grund, warum die derzeitige Zahl der Verweigerer viel höher ist, als die Zahl derer, die in Haft sitzen.

Amy Goodman: Was meinen Sie damit?

Dan Tamir: Ich meine, dass es Viele gibt, viele Soldaten und Offiziere, die sagen: "Wir gehen nicht". Und da die israelische Armee nicht die schärfste Disziplin hat, werden viele von ihnen von ihren Vorgesetzten einfach entlassen und es wird gesagt: "In Ordnung, komm nicht dieses Jahr. Wir berufen dich in einigen Monaten wieder ein." All dies geschieht, damit es keine große Aufregung darüber gibt.

Amy Goodman: Sind sie bereit, erneut ins Gefängnis zu gehen?

Dan Tamir: Wenn mir wieder irgendeine Art von Befehl gegeben wird, den ich als illegal, unmoralisch oder nutzlos ansehe, würde ich eher ins Gefängnis gehen, als Dinge zu tun, die den grundlegenden Interessen des Staates Israel widersprechen.

Amy Goodman: Können Sie schätzen, wie hoch die Zahl der Soldaten oder Reservisten ist, die Nein sagen?

Dan Tamir: Ich kann Ihnen einige Zahlen sagen. Seit Beginn der zweiten Intifada, also in den letzten fünf Jahren, gab es mindestens 160 Personen, die verweigerten und inhaftiert wurden. Wir wissen von vielen anderen, die ihre Verweigerung erklärten, aber in keiner Art und Weise verhaftet oder inhaftiert wurden. Und wir nehmen an, dass es viele weitere gibt, die alle möglichen Arten von Begründungen finden, wie körperliche, medizinische, psychologische Probleme oder anderes, um nicht zum Militär zu gehen. Ich schätze, es sind Tausende, vielleicht sogar mehr.

Amy Goodman: Yonathan Shapira, Sie sind ein ehemaliger Kapitän der israelischen Luftwaffe. Ihr Bruder ist diese Woche inhaftiert worden. Heute erschien ein Artikel in der New York Times, ein sehr umfassender Artikel, unter der Überschrift: "Links oder Rechts, Israelis sind für den Krieg". Was ist ihre Antwort?

Yonathan Shapira: Zunächst, es ist sehr traurig, dass die Mehrheit der Israelis jetzt in der Tat den Krieg unterstützt. Ich denke, dass es dafür viele Gründe gibt. Wahrscheinlich sind sie in mancher Hinsicht durch die Aussagen der Institutionen beeinflusst und angsterfüllt. Sie erhalten nicht alle Informationen. Die Medien sind sehr, sehr voreingenommen. Sie sehen nicht das, was sie in der Amy Goodman Show in New York sehen, viele Tausende Kilometer entfernt vom Nahen Osten. Sie sehen zumeist, was die Militärpropaganda und die israelische Regierung ihnen zu zeigen wünscht. Das ist sehr traurig und meines Erachtens eines der Gründe, warum es eine solche Unterstützung gibt.

Aber es ist mir wichtig zu sagen, dass zum Beispiel letzten Samstag 10.000 Menschen im Zentrum von Tel Aviv demonstriert haben, Juden und Araber zusammen. Sie riefen, dass sie sich weigern, Feinde zu sein. Wir bereiten für nächsten Samstag eine weitere Demonstration vor dem Gefängnis vor, wo mein Bruder und seine Freunde einsitzen. Ich lade alle internationalen Medien ein, sich anzuschauen, was diese Menschen und der Widerstand in Israel zu diesem Krieg machen.

Ich kann Ihnen zum Beispiel einige Fakten aus der Luftwaffe schildern, wenn Sie daran interessiert sind.

Amy Goodman: Gerne

Yonathan Shapira: Ich sprach gerade mit einigen Freunden aus der Luftwaffe, einem F-15-Piloten, und er erzählte mir sehr interessante Dinge. Seit dem dritten Tag dieses Krieges warten sie darauf, dass Bush den Krieg beendet. Sie sehen auch, dass sie nur eine Rolle im Kräftemessen der großen Mächte spielen, nicht nur von Israel und der Hisbollah.

Er erzählte mir auch, dass sie nicht mehr auf den Nachrichtendienst des Militärs zählen. Sie bekommen von denen die Koordinaten und dann sehen sie ein Haus in ihrem Ziel und ziehen es vor, daneben zu schießen, weil sie sich unsicher sind. Möglicherweise sind Zivilpersonen im Haus, Unschuldige, die dort schlafen. Manchmal beruhen die Angaben des Nachrichtendienstes darauf, dass Israel der Bevölkerung sagte, dass sie ihre Häuser evakuieren sollen. Danach sagen sie den Piloten, die Häuser zu bombardieren. Und ich weiß, dass mehr und mehr Piloten sich mit dieser Situation sehr unwohl fühlen. Wir warten auf die ersten Piloten, die solche Verbrechen verweigern und uns helfen, Israelis und Arabern, diesen verrückten Krieg zu stoppen.

Amy Goodman: Yonathan Shapira, das war sehr aufschlussreich. Guardian berichtete darüber und wir wollen auch Sie danach fragen: Mindestens zwei israelische Kampfpiloten haben es bewusst unterlassen, Ziele im Libanon zu bombardieren, weil sie davon überzeugt waren, dass ihnen befohlen worden sei, Zivilpersonen zu bombardieren.

Yonathan Shapira: Ich weiß davon - ich vermute, es gibt noch mehr von ihnen. Ich sprach mit einem von ihnen, der mir insbesondere von einem Fall berichtete, in dem er ein Ziel - ein Haus auf einem Hügel - erhielt und nicht auf dieses Haus schießen wollte. Er schoss daneben. Später erzählte ihm der Kommandeur, dass dies in Ordnung sei. Ich frage mich: Wenn sie Piloten ein Ziel benennen, es aber in Ordnung ist, wenn er nicht auf das Haus schießt, welche Idee steht hinter einem solchen Einsatz? Das ist ein Problem.

Ich war ein Hubschrauberpilot und ich habe nie auf jemanden geschossen, aber ich weiß, so wie es auch die meisten Menschen wissen können: Ein Kampfpilot fliegt in den Himmel, Tausende von Fuß hoch über dem Boden. Er kann keine Menschen sehen. Er kann höchstens einige Punkte sehen, etwas auf dem Bildschirm im Cockpit - aber er weiß nicht, ob es Zivilpersonen oder Feinde sind, ob der Lastwagen Raketen oder Kinder transportiert. Und wenn wir nun feststellen, dass die Piloten dem System nicht trauen können, ist dies ein Zeichen, so denke ich, das möglicherweise in der Zukunft einige von ihnen nicht einfach ruhig ihren Dienst fortsetzen, sondern es in die Welt hinausrufen, damit diese hilft, den Krieg zu beenden.

Amy Goodman: Yonathan Shapira, Sie kommen aus einer Luftwaffenfamilie, die in einem Luftwaffenviertel in einem Vorort von Tel Aviv lebt. Welche Reaktionen gibt es darauf? Ich meine, Ihr Vater hat gedient, ihre Brüder - und nun ist einer in Haft.

Yonathan Shapira: Sie müssen wissen, es ist in Israel derzeit wirklich nicht einfach, gegen den Krieg zu sein. Meine Familie lebt in der Nähe von Tel Aviv. Im Haus meiner Eltern leben gerade zwei Familien aus dem Norden, eine aus Haifa und eine aus einem Dorf in der Nähe von Nahariya, wo ihr Garten von einer Katjuscha getroffen wurde. All diesen Menschen wurde Schutz im Zentrum gewährt und sie warten auf das Ende des Krieges.

Und ich weiß, dass einige von ihnen verstehen, dass dieser Krieg nicht beendet werden wird, wenn wir nicht etwas tun. Obwohl die Mehrheit, wie sie anmerkten, gegen uns ist - gegen den Widerstand in Israel - und den Krieg unterstützt, müssen wir etwas für diese Menschen tun, weil sie nicht alle Informationen haben. Sie haben nicht die Möglichkeit, die Realität zu sehen.

Amy Goodman: Ich möchte Ihnen beiden danken: Dan Tamir, Aktivist von Yesh Gvul und Yonathan Shapira, einer der Gründer der Combatants for Peace. Sein Bruder wurde diese Woche inhaftiert, weil er sich weigerte, im Libanonkrieg zu dienen.


Democracy Now!: Former Israeli Air Force Captain Reports Israeli Pilots Deliberately Missing Targets Over Concerns of Civilian Casualties, 9. August 2006. Interview von Amy Goodman. http://www.democracynow.org/article.pl?sid=06/08/09/1422204. Auszüge. Übersetzung: Rudi Friedrich. Der Beitrag erschien in: Connection e.V. und AG "KDV im Krieg" (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, September 2006.



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