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Reisebericht Israel/Palästina
Connection e.V.
Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure

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Reisebericht Israel/Palästina

Januar 2004

von Rudi Friedrich

Rudi Friedrich reiste vom 11.-22. Januar 2004 nach Israel, um eine Einladung von New Profile wahrzunehmen. Im folgenden berichtet er über seine Reise und beschreibt die Arbeit einiger Gruppen in Israel und Palästina. Wir planen, im Mai eine Broschüre mit ausführlichen Beiträgen und Interviews zu veröffentlichen. Des weiteren entwickeln wir gemeinsam mit Gruppen in Israel ein Projekt zur Unterstützung israelischer Verweigerer.

Sonntag, 11. Januar

In Tel Aviv angekommen, wurde ich erfreut von Ronit Kadishay begrüßt, die im Jahre 2002 zehn Tage für New Profile nach Deutschland gekommen war, um hier Veranstaltungen durchzuführen.

Sie brachte mich später zu ihrer Mutter, bei der ich für die Zeit meines Aufenthaltes wohnen konnte. Sie war vor dem Faschismus, noch in den 30-Jahren, aus Deutschland geflohen und als überzeugte Zionistin nach Israel gekommen. Sie berichtete mir von der Aufbruchstimmung, die damals in Palästina geherrscht hat. Heute ist sie eher erschreckt, mit welcher Blauäugigkeit Entscheidungen der israelischen Regierung mitgetragen wurden.

Montag, 12. Januar

Dorothy Naor, die ebenfalls für New Profile in Deutschland war, hatte eine Fahrt durch die besetzten Gebiete organisiert. Sie führte mich zunächst zu den Internationalen Frauen für Frieden und Solidarität (IWPS). Das sind Frauen, die sich für einen Zeitraum von drei Jahren verpflichten, jedes Jahr drei Monate in Palästina zu leben. Die Gruppe unterstützt u.a. palästinensische Frauen, die ein Netz für gewaltfreie Aktionen gegen den Mauerbau aufbauen.

Die Menschen dort beherrscht vor allem ein Thema: Die Absperranlage, die sich schier unaufhaltsam durch palästinensisches Gebiet zieht. Ihr Verlauf wird immer wieder anhand von Karten gezeigt und ihre Folgen debattiert. So durchschneidet im Osten Jerusalems eine 8 Meter hohe Mauer palästinensische Viertel. In den anderen Gebieten besteht die Absperranlage in einem Zaun mit Panzerabwehrgräben, Kameras und einer Straße für die Militärpatrouillen. Im November 2003 veröffentlichte das UN-Büro für die Koordination humanitärer Angelegenheiten (OCHA) einen Bericht, wonach die von Israel im Namen der Sicherheit geplante Anlage 14,5% der Fläche der Westbank einschließe. Dadurch würden die Häuser von 274.000 PalästinenserInnen vom Rest des palästinensischen Gebiets abgeschnitten. Weitere 400.000 Menschen im Osten der Anlage müssten diese passieren, um zu ihrem Land, ihrem Arbeitsplatz oder wichtigen Einrichtungen wie Schulen oder Krankenhäusern zu gelangen.

So müssen die Bauern, um nun zu ihren Feldern zu kommen, teilweise riesige Umwege im Kauf nehmen. Selbst wenn es Tore in der Grenzanlage gibt, sind diese nicht unbedingt geöffnet. Bei dem palästinensischen Ort Mas’ha standen wir selbst vor einem verschlossenen Tor. Aber schon die Anfahrt nach Mas’ha zeigte die Folgen der Besatzungspolitik. Wir erreichten den Ort, indem wir über eine Straßenblockade kletterten, mit einem Taxi etwa drei Kilometer fuhren, eine weitere Blockade der israelischen Armee durchquerten und schließlich mit einem anderen Auto zum Ort fahren konnten.

Dienstag, 13. Januar

In Jaffa, südlich von Tel Aviv gelegen, arbeitet eine Gruppe, die die Zeitung Challenge herausgibt. Sie versuchen z.B. mit Beginn der II. Intifada entlassenen arabischen Arbeitskräften wieder eine Stelle zu verschaffen. Bisher ist ihnen das immerhin für 600 ArbeiterInnen gelungen. Bei ihren kulturellen Projekten richten sie sich an ArbeiterInnen unabhängig von ihrer Herkunft, um damit der Polarisierung nach arabischer oder jüdischer Herkunft entgegenzuwirken. Sie haben auch großes Interesse an der Kriegsdienstverweigerung, da sie darin eine wichtige politische Handlungsmöglichkeit sehen, die über rein humanitäre Projekte hinausweist. Im gemeinsamen Gespräch machten die Aktiven deutlich, dass sie es sehr bedauern, dass die Gruppe von SchülerInnen, die in den letzten beiden Jahren ihre Verweigerung erklärt hatten, praktisch nicht mehr arbeite. Sie hoffen auf neue spontane Verweigerer. Die meisten hätten nicht die Konfrontation gesucht, wie die fünf Verweigerer Haggai Matar, Matan Kaminer, Noam Bahat, Adam Maor und Shimri Tsamaret, sondern sich ausmustern lassen.

Am selben Abend erfuhr ich, dass eine neue Gruppe von SchülerInnen eine gemeinsame Verweigerung plant. Sie bereiten sich mit Unterstützung von New Profile darauf vor. Mit einem der Verweigerer diskutierte ich später die Möglichkeiten und Chancen der internationalen Unterstützung. Die Gruppe wird vermutlich Mitte des Jahres an die Öffentlichkeit treten.

Mittwoch, 14. Januar

Jaffa hat ein Cafe zu bieten, das von einem Palästinenser und einer Israelin gemeinsam betrieben wird. Es ist schon bezeichnend genug, dass solch kleine Projekte der praktischen Verständigung so bedeutsam sind, wo ansonsten eine starke Aufteilung und Ghettoisierung vorherrscht. Das Cafe Yaffa ist ein angenehmer Ort am Rande des alten Viertels der Stadt.

Ein Besuch bei Adam Keller und Beate Zilversmidt in Holon schloss sich dem ruhigen Morgen an. Beide geben das Magazin The Other Israel heraus, in dem sie über die politische Situation in Israel berichten, wie auch über die verschiedenen Aktivitäten der Friedensgruppen. Ich half beim Versand der aktuellen Ausgabe mit. Adam Keller berichtete ausführlich über den Prozess gegen die fünf Verweigerer und die Aktivitäten ihrer Eltern, die sich in einer Gruppe zusammengeschlossen haben. Es ist anzunehmen, dass alle fünf die einjährige Haftstrafe absitzen müssen. Es kann ihnen zudem passieren, dass sie nach einem Jahr erneut einberufen werden und somit der Teufelskreis von Verweigerung, Inhaftierung und Strafverfahren noch einmal beginnt.

Donnerstag, 15. Januar

Alle paar Wochen treffen sich verschiedene Arbeitsgruppen von New Profile. Derzeit versucht die Organisation, Ansätze für Jugendgruppen in verschiedenen Städten Israels zu unterstützen. So wurde auf dem von mir besuchten Treffen über Straßenaktionen in Haifa berichtet, über Jugendseminare in Jerusalem, über eine neue Verweigerergruppe in Tel Aviv.

Interessant ist dabei, dass versucht wird, andere Formen zu finden, um Jugendliche für die Kriegsdienstverweigerung zu interessieren. Als Beispiel dafür sei das sogenannte listening-project genannt. Eine kleine Gruppe von Aktiven stellt sich in der Nähe von Schulen mit Plakaten auf, auf denen provokante Thesen z.B. zur Besatzung, zum Militär usw. stehen. Sie warten darauf, dass SchülerInnen kommen und mit ihnen diskutieren wollen. Statt zu diskutieren, versuchen die Mitglieder der Gruppe jedoch, die Diskutanten zum Reden zu bringen - und machen nichts anderes, als zuzuhören. Die Erfahrung zeigt, dass zunächst die häufig bekannten Schlagworte genannt werden, der allgemeine mainstream wiederholt wird. Aber oft machen sie die Erfahrung, dass die Argumente bei den Diskutanten von selbst aufbrechen, sie sich selbst in Frage stellen. Über diese Aktionsform versucht die Gruppe, Interessierte zu finden und sie in ihre Gruppe einzubinden.

Freitag, 16. Januar 2004

Heute ging es zu einem Checkpoint in der Nähe von Netzarim, einer israelischen Siedlung im Gaza-Streifen. Dort hatte die Gruppe der Refuseniks (Reservisten, die den Einsatz in den besetzten Gebieten verweigern) zu einer Demonstration aufgerufen. Etwa hundert DemonstrantInnen hatten sich zusammengefunden und relativ viel Presse. Bezeichnend für den politischen Hintergrund der Gruppe, die sich Courage to Refuse nennt, ist ihr gemeinsames Logo: ein Davidsstern, der in der Farbe der israelischen Flagge über dem Horizont aufgeht. Sie sehen sich als Zionisten, die sich mit ihrer Verweigerung, in den besetzten Gebieten zu dienen, für Israel einsetzen: "Refusing for Israel". Ihr zentraler Slogan heißt: "Es wird nicht enden, wenn wir nicht verweigern!"

Nach der Demonstration bot sich die Möglichkeit, nach Jerusalem zu fahren. Die Stadt liegt oben in den Bergen, die Anfahrt über die Autobahn ist wirklich beeindruckend.

Samstag, 17. Januar

Nachmittags traf ich eine der aktiven jungen Frauen von New Profile. Noa Kaufmann hat selbst verweigert. Sie berichtete von ihrem Verfahren vor dem Gewissenskomitee. Das Komitee hat versucht, sie in der Anhörung in die Enge zu treiben. Am Ende jedoch wurde sie anerkannt, was längst nicht allen Frauen gelingt.

Jedes Jahr beantragen 120-180 junge Frauen die Anerkennung. Im Jahre 2002 wurden von 173 Frauen 118 in der ersten Anhörung anerkannt, 23 weitere in der zweiten Instanz. Die anderen wurden abgelehnt.

Die Frauen machten in ihrer gemeinsamen Arbeit in der Gruppe der SchülerInnen (Shministim) eine allseits bekannte Erfahrung: Die Arbeit und Handlung der Männer wurde als deutlich wichtiger eingeschätzt. Die fünf Verweigerer, die vor Gericht standen, wurden zu Helden der antimilitaristischen Arbeit, während die Frauen nur noch als Helferinnen ohne eigenes politisches Konzept wahrgenommen wurden. So spiegelte sich der gesellschaftliche Rang von Männern und Frauen auch in dieser Gruppe wider.

Die Frauengruppe beschloss daher, sich unabhängig von den Männern zu organisieren, um eigene politische Ansätze entwickeln und nach außen tragen zu können. Sie bedienen sich dabei einer von New Profile erarbeiteten Ausstellung, in der die in Israel übliche untergeordnete Rolle von Frauen thematisiert wird. Sie gehen an Schulen, thematisieren ihre Vorstellung von Feminismus und informieren über die Möglichkeit der Verweigerung.

Sonntag, 18. Januar

Yad VaShem war am Sonntag morgen noch leer. Einzig einige SoldatInnen kamen, um der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem mit ihrer Einheit einen Besuch abzustatten. Vor dem Historischen Museum hielten sie ihren Appell ab - in Uniform und mit ihren Waffen, die sie während der Militärdienstzeit ständig zu tragen haben.

Besonders beeindruckend war die Gedenkstätte für die Kinder, in der sich Kerzen in vielen verdeckt angebrachten Spiegeln vertausendfachen. Im Hintergrund werden die Namen von Kindern mit Alter und Herkunftsland genannt, die von den Nazis umgebracht wurden. Es zeigt auf drastische Weise das ungeheuerliche Ausmaß des vom deutschen Faschismus ausgegangenen Verbrechens.

Montag, 19. Januar

Der Weg nach Bir Zeit, der palästinensischen Universität bei Ramallah, wenige Kilometer nördlich von Jerusalem in der Westbank gelegen, holt einen schnell in die Gegenwart zurück. Es ist wieder ein Weg durch Checkpoints, Kontrollen, um Straßenblockaden herum. In Bir Zeit fand ein Treffen mit dem dort als Professor tätigen Ghassan Andoni vom Palästinensischen Zentrum für die Annäherung der Völker statt.

Er berichtete über ein Medienprojekt des Zentrums, bei dem palästinensische JournalistInnen professionell ausgebildet werden. Schon seit einigen Monaten erhalten etwa ein Dutzend PalästinenserInnen eine Grundausbildung in Journalismus, lernen die verschiedenen Arten der Berichterstattung, erfahren, wie Sprache und Form von westlichen Medien und Gesellschaften interpretiert werden. Ziel sei es, bis zum Herbst 2004 ein tägliches Angebot machen zu können, um der bisherigen Berichterstattung der israelischen Regierung, des israelischen Militärs und der Palästinensischen Autonomiebehörde sachliche und zuverlässige Informationen entgegensetzen zu können.

Ghassan Andoni betont die Bedeutung dieses Projektes, auch angesichts einer weitgehenden Isolation der palästinensischen Gesellschaft: "Sehen Sie, alle PalästinenserInnen sind auf die eine oder andere Art und Weise in den Konflikt involviert. Niemand ist völlig unabhängig davon. Deshalb ist es besonders dringend, JournalistInnen darin zu schulen, möglichst objektiv zu berichten."

Zurück in Tel Aviv traf ich noch Jonathan Shapira, einen der Piloten, die Ende letzten Jahres ihre Verweigerung erklärt hatten. Die Gruppe vertritt eine sehr begrenzte Form der Verweigerung. Er machte deutlich, dass sich das Nein ausschließlich auf unmoralische Befehle beziehe: Sie weigern sich, den Tod von Zivilisten in Kauf zu nehmen. Diese Entscheidung hätten sie bewusst getroffen, um als anerkannter Teil der israelischen Gesellschaft besonders wirksam agieren zu können. "Das Ergebnis gibt uns recht. Die Medien sind geradezu auf uns angesprungen."

Dienstag, 20. Januar

Wieder einmal in Jaffa, in einem anderen Cafe: Hier traf ich Fadi Shbita, der gemeinsam mit Einat Podjarny für Ta’ayush (Partnerschaft) in Deutschland die Arbeit der Gruppe vorgestellt hatte. Beim gemeinsamen Treffen mit anderen StudentInnen wird eine gemeinsame jüdisch-palästinensische Demonstration diskutiert. Erst spät fällt Fadi Shbita auf, dass die Überschrift des arabischsprachigen Plakats verändert worden ist. Statt dem Slogan für die Demonstration war der Name einer Partei als Überschrift eingesetzt worden. Es stellt sich heraus, dass nur eine an der Vorbereitung der Aktion beteiligte Person überhaupt arabisch sprach, die anderen die Übersetzung daher gar nicht kontrollieren konnten.

Mittwoch, 21. Januar

Morgens besuche ich das neue Büro von Courage to Refuse im Zentrum von Tel Aviv. Arik Diamant arbeitet für die Gruppe, die in Kürze einen eigenen Rundbrief herausgeben will und offensichtlich dabei ist, sich zu professionalisieren. Er schildert, dass sie ihren begrenzten Ansatz zur Verweigerung ganz bewusst gewählt hätten. In der israelischen Gesellschaft würden Verweigerer ganz schnell außerhalb der politischen Agenda stehen, da sie in aller Regel als linke Außenseiter wahrgenommen würden. Durch ihren Ansatz hingegen wäre es gelungen, deutlich zu machen, dass sie als Zionisten im Interesse Israels agierten. Die Pressedokumentationen sind entsprechend: Sie umfassen bis zu hundert Seiten pro Monat.

Abends, vor meinem Rückflug nach Deutschland, nehme ich Abschied und danke für die herzliche Gastfreundschaft. Ich habe nicht nur viele neue Eindrücke gewonnen, sondern auch eine größere Basis für gemeinsame Aktivitäten gefunden. Viele Menschen sind teilweise unter großer Belastung an sehr unterschiedlichen Punkten aktiv. Bezüglich der Kriegsdienstverweigerung ist auch zu erkennen, wie Adam Keller es formuliert, dass es eine zunehmende Akzeptanz der Bewegung gibt. "Damit meine ich das ganze Spektrum, die Fünf, die Piloten, die Refuseniks - alle Ansätze unterstützen sich gegenseitig."

Kontakte

New Profile, POB 48005, Israel - Tel Aviv 61480, http://www.newprofile.org

Palestinian Center for Rapprochement between People http://www.rapprochement.org

Shministim, POB 70094, Israel - Haifa 31700, http://www.shministim.org

Gruppe der Verweigerinnen über New Profile

Forum der Eltern von Verweigerern, Adam Keller, POB 2542, Israel - Holon 58125, eMail: otherisr(at)actcom(.)co(.)il

Courage to Refuse, 178 Ben Yehuda St., Israel - Tel Aviv, http://www.seruv.org

Piloten, eMail: jonathanisrael(at)yahoo(.)com

International Women for Peace and Solidarity (IWPS), http://www.iwps.info

Ta’ayush, POB 59380, Tel Aviv, eMail: arab_jewish(at)hotmail(.)com

Challenge, POB 41199, Jaffa 61411, http://www.hanitzotz.com/challenge


Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe März 2004.



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