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Angola: Großgrundbesitzer erpressen Bauern
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Angola: Großgrundbesitzer erpressen Bauern

von Jan van Criekinge

Es klingt vielleicht paradox, aber das Ende eines jahrelangen Kriegszustandes kann neue Konflikte herbeiführen. Mitte der 90-er Jahre zählte Angola vier Millionen "Heimatlose", also Flüchtlinge im eigenen Land. Am Ende des Krieges wollen nun viele in ihre Dörfer und Regionen zurückkehren. Aber wenn die Heimatlosen ihren kargen Besitz mehr oder weniger unversehrt zurückfinden, haben sich diesen oft andere angeeignet. In einem Land, wo nur wenige Eigentümer registriert und Rechtsanwälte sehr selten sind, entsteht daraus oft eine explosive Mischung.

Außerdem eskaliert im südlichsten Teil von Angola die Landfrage zu einer gefährlichen Situation, wobei Fazendeiros (Großgrundbesitzer) das Recht des Stärkeren ausüben und nicht davor zurückschrecken, Gegner foltern zu lassen. Aber lokale Menschenrechtsaktivisten lassen sich nicht mehr erpressen und wehren sich gewaltlos. Jan Van Criekinge berichtet aus Lubango.

Als ich im Juni 2003 in der südangolanischen Stadt Lubango ankomme, ist die Landfrage das vorherrschende Gesprächsthema bei nichtstaatlichen Organisationen und Menschenrechtsaktivisten. Nach ausführlichen Recherchen wurde eine umfangreiche Akte mit Fotos und Zeugenerklärungen zusammengestellt, die schwere Menschenrechtsverletzungen auf der Fazenda (Bauernhof in Großgrundbesitz) Kamphanda belegen, etwa 140 km südlich von Lubango gelegen. Dass dies eine äußerst explosive Akte ist, ist jedem bewusst, denn der betroffene Großgrundbesitzer ist ein Ex-General aus der angolanischen Armee. So wie im Römischen Reich bewährten Soldaten bei Dienstende ein Grundbesitz für den Ackerbau gegeben wurde, ist es in Angola üblich, dass Ex-Generäle Großgrundbesitzer werden. Sie kümmern sich aber nicht sofort um den Ertrag. Es interessiert sie auch nicht, ob die Landparzellen Kleinbauern oder nomadischen Viehzüchtern gehören.

Zufällig zusammen in einem Land

Guilherme Santos, beinahe blind, aber noch immer sehr aktiv, arbeitet schon jahrelang für die britische Entwicklungsorganisation Acord mit Randgruppen in und um Lubango. "Traditionell beschäftigt sich die Bevölkerung des südlichsten Teils von Angola mit nomadischer Viehzucht. Sie kümmern sich nicht um Grenzen und folgen ihrem Vieh auf die geeigneten Weiden bis tief nach Namibia hinein. Diese Form der Viehzucht erfordert natürlich große Landflächen. Schon seit der portugiesischen Kolonialzeit gab es Konflikte um die Bodennutzung. Formale Eigentumsrechte gab es bei den nomadischen Völkern natürlich nicht, so dass schnell der Gedanke aufkam, dass die Bodenflächen ’niemandem’ gehörten," sagt Guilherme. Die große Kluft, die nach der Unabhängigkeit zwischen einer kleinen Elite in der Hauptstadt und den traditionellen Lebensgemeinschaften im Süden entstand, ließen die Spannungen weiter wachsen. Der verwüstende Krieg tat ein Übriges. Mit dem Programm Um futuro comun (Eine gemeinsame Zukunft) versucht Acord zusammen mit örtlichen Partnern Gespräche vor Ort zu initiieren, um mögliche Konfliktpunkte zu besprechen, bevor sie gewalttätig eskalieren. "Die Korruption auf allen Ebenen der Regierung ist hier ein enormes Hindernis. Von den verfügbaren begrenzten Mitteln verschwindet viel in den Taschen inkompetenter Gouverneure, Beamten und Militärs. Für die Bevölkerung ist klar, dass niemand für ihre Probleme zuständig ist. So muss man auch nicht zuviel Respekt vor der Regierung erwarten. Die Menschen haben immer gelernt, selbst ihre Pläne umzusetzen. Die Regierung und die örtliche Bevölkerung sind zwei verschiedene Welten, die zufällig in einem Land zusammenleben, aber kaum Kontakt miteinander haben - und wenn, dann hat er repressiven Charakter gegenüber der örtlichen Bevölkerung."

Großgrundbesitz für Macht und Prestige

Auch für Jan Van Montfort, Direktor des Büros in Lubango der Niederländischen Entwicklungsorganisation SNV, ist die schlechte Regierung eine Ursache vieler Probleme. "Nichts funktioniert hier, wie es sich gehört und immer wird der Krieg als Erklärung benutzt. Aber die Elite ist nicht an Entwicklung interessiert. Den Großgrundbesitzern geht es nur um Macht und Prestige, der Boden wird nicht einmal produktiv genutzt, während die lokale Bevölkerung schließlich über die Zukunft des Landes bestimmen will. Die Landfrage ist deshalb ein heikles Thema. Viele Gemeinden wollen den Kleinbauern und Viehhaltern entgegenkommen, aber sie erhalten kaum Mittel aus Luanda. Glücklicherweise sieht man in letzter Zeit, wie mehr und mehr lokale Organisationen, die sogenannte Zivilgesellschaft, aufstehen und ihre Rechte einfordern, selbst wenn es schwierig ist, denn die Repression kann gnadenlos hart sein. Ich habe den Eindruck, dass manche Organisationen bewusst eine Konfrontation ansteuern."

Container als Folterkammer

Auf dem Papier sah es trotzdem gut aus. Zusammen mit der FAO, der Nahrungs- und Landbauorganisation der UNO, hatte die Regierung einen Plan ausgearbeitet, der Bauern und Viehzüchtern Landrechte zuerkennen sollte. Aber der Bezirksleiter, der mit der FAO verhandelte, wurde plötzlich entlassen, weil einzelnen mächtigen Figuren in der regierenden MPLA dieser Plan nicht gefiel. Mit der fadenscheinigen Begründung, Staatseigentum zu privatisieren, haben Ex-Generäle sich nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes große Fazendas angeeignet und riesige Zäune um sie errichtet. Für den nomadischen Viehzüchter ist dies eine Katastrophe. Ihre ganze Kultur beruht darauf, mit ihren Herden über große Abstände umherzuziehen. Schnell wurden große Löcher in die Zäune gemacht, was zu harten Konfrontationen mit bewaffneten Bewachern der Großgrundbesitzer führte. Zwischen Januar und Mai 2003 wurde die Situation auf zwei riesigen Fazendas in der Nähe des Dorfes Kamphanda gänzlich unbeherrschbar. Dorfbewohner und Landarbeiter der Fazenda wurden von Unbekannten auf brutale Weise festgenommen und tagelang in einem ausgedienten Container eingeschlossen, der als illegales Gefängnis und Folterkammer diente. Männer und Frauen wurden mit elektrischen Stöcken geschlagen, die sonst zum Zusammentreiben des Viehs benutzt werden. Einige Opfer wiesen tiefe Schnittwunden an den Handgelenken als Folge stundenlangen Aufhängens an Kunststofftauen auf. Frauen wurden vergewaltigt und dazu gezwungen zuzusehen, wie ihre Kinder gefoltert wurden. Viele Opfer brauchten nach dieser traumatischen Erfahrung psychologischen Beistand. Im Süden Angolas gibt es auch kaum Rechtsanwälte zur Verteidigung der Opfer.

Strategie gegen Straflosigkeit

Für die lokalen Menschenrechtsgruppen reichten die Zeugnisse von Kamphanda aus, um den Zustand der Straflosigkeit und Ungesetzlichkeit auf höherer Ebene anzuklagen. Allerdings konnten sie sich nicht auf eine Strategie in dieser sehr delikaten Angelegenheit einigen. Weil die belgische Entwicklungsorganisation FOS gute Kontakte mit verschiedenen direkt betroffenen Parteien unterhält, dachte Gerrit Stassyns, der Koordinator des FOS-Büros in Lubango, dass er eine vermittelnde und mäßigende Rolle würde spielen können. Auf einer ersten Versammlung am 13. Juni 2003 waren bereits alle Hauptbeteiligten anwesend: die radikale Menschenrechtsorganisation ALSSA, die kirchliche Kommission Justica e Paz (CAJP), die humanitäre UNO-Organisation OCHA, die freie Gewerkschaft CGSILA, wie auch Vertreter von SNV und Acord.

Padre Pio

Der charismatische Priester Padre Jacinto Pio Wacussanga, Vorsitzender von ALSSA, skizzierte zuerst die Situation der Landfrage im Allgemeinen sowie der schweren Menschenrechtsverletzungen und der Gewalt auf dem Großgrundbesitz Kamphanda im Besonderen. Padre Pio war selbst wiederholt Opfer von Erpressungen und versuchten Anschlägen auf sein Leben geworden: auf seinem abgelegenen Missionsposten in der Savanne von Quihita. Mehr als je zuvor haben er und seine Mitarbeiter beschlossen, die Straflosigkeit der Großgrundbesitzer und ihrer Kumpane in der Provinzleitung und Regierung zu beenden. Er erhielt Unterstützung vom Erzbischof Zacarias Kamwenho aus Lubango. Andere aber meinen, dass ALSSA zu schnell zu viel erreichen will und in der Konfrontation mit der Macht den Kürzeren ziehen wird. Indem sie die gut dokumentierte Angelegenheit Kamphanda gemeinsam öffentlich machen, auch durch die angolanische und internationale Presse, hoffen sie auf besseren Schutz für die lokalen Menschenrechtsaktivisten. Der Vertreter von OCHA versprach, selbst auf die Regierung in Luanda Druck auszuüben und Hilfe bei internationalen Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch oder amnesty international anzufragen. Die freie Gewerkschaft CGSILA ist vor allem bemüht um das Los der Landarbeiter, die so gut wie keine Rechte haben und schändlich ausgebeutet werden. Alle sind sich einig darüber, dass der Zustand der Straflosigkeit und Gewalt nicht strukturell geändert werden kann, solange es kein minimal funktionierendes Rechtssystem in Angola gibt. Ebenso bleibt es wichtig, auf jede Verletzung von Menschenrechten überlegt zu reagieren. Wenn sich die Großgrundbesitzer bewusst werden, dass sie auch aus dem Ausland beobachtet werden, ist die Gefahr bereits etwas kleiner, dass sich Ereignisse wie in Kamphanda wiederholen.

Stimme der Stimmlosen

Padre Pio zeigt sich nach Ablauf der Versammlung sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit und Vermittlungsrolle von FOS. "ALSSA will die Stimme der Stimmlosen darstellen. Die nomadische Bevölkerung hier im Süden wurde nie für ’voll’ genommen. Auf die ’Primitiven’ müsse man keine Rücksicht nehmen. Wenn sie die Pläne torpedieren, müssten sie nur aus dem Weg geräumt werden. Das ist die Mentalität dieser Herren. Wir haben die Landrechte zum Streitpunkt gemacht, aber wollen die Aktivisten auch in gewaltfreien Methoden trainieren. Friedenserziehung und Bürgerbildung gehen Hand in Hand. Darum arbeiten wir gern mit anderem Basisgruppen zusammen und suchen Kontakte mit Gleichgesinnten im Ausland."

Am 4. Juli 2003 haben alle betroffenen Organisationen eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht und offiziell gegen die Großgrundbesitzer beim Staatsanwalt der Republik Anzeige erstattet. Bis jetzt (Dez. 2003, d.Ü.) wurde keine Strafverfolgung eingeleitet.

Kontakte und Infos

Acord, CP 910, Lubango, Angola, eMail: acord.guilhermes(at)netangola(.).com

SNV-Angola, CP 120, Lubango, eMail: snvangola(at)netangola()com

ALSSA, Menschenrechtsorganisation, vor allem aktiv in den südlichen Provinzen von Angola (Huíla, Namibe). Vorsitzender van ALSSA-Lubango ist der Priester Padre Jacinto Pio Wacussanga, überzeugter Pazifist und Gegner der Regierung Dos Santos.

FOS-Angola (Fonds für Entwicklungszusammenarbeit), Lubango. eMail: fos(at)netangola(.)com


Jan van Criekinge: Angola: Fazendeiros nemen boeren in de tang; aus: Magazine van het Forum voor Vredesactie, Nr. 225, Dezember 2003. Übersetzung: Helmar Lorenz. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe März 2009.



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