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Robin Long nach Abschiebung aus Kanada zu 15 Monaten Haft verurteilt
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Robin Long nach Abschiebung aus Kanada zu 15 Monaten Haft verurteilt

von Sarah Lazare

Robin Long, ein Verweigerer des Irakkrieges, der letzten Monat aus Kanada abgeschoben und vom US-Militär inhaftiert worden war, wurde heute zu einer Haftstrafe von 15 Monaten und unehrenhafter Entlassung verurteilt. Bereits abgesessene 40 Tage Haft wurden ihm angerechnet.

Der Gerichtssaal war bei der Verhandlung voll von UnterstützerInnen von Long, die für ihn auch eine Mahnwache durchgeführt hatten. Sie waren über das harte Urteil bestürzt. "Hier wird wirklich gefühllos ein Präzedenzfall geschaffen. Jemand, der zurückgebracht worden ist, wird nach allen Regeln der Kunst fertig gemacht. Ich hoffe, dass die kanadische Regierung das erkennt.", sagte Ann Wright, eine ehemalige US-Soldatin im Rang eines Oberst. Sie hatte kürzlich öffentlich die Armee in Gegnerschaft zur Invasion des Irak verlassen und war Beobachterin des Gerichtsverfahrens.

Robin Long war vor drei Jahren nach Kanada geflohen, statt im Krieg im Irak zu kämpfen, den er für unmoralisch und illegal ansieht. Am 15. Juli hatte ihn die kanadische Regierung abschieben lassen, direkt ins US-Militärgefängnis. Damit war er der erste aus Kanada abgeschobene Kriegsgegner seit dem Vietnamkrieg.

Die kanadische Regierung protzt mit der langen Tradition eines sicheren Hafens für US-Kriegsgegner und ignorierte zugleich die nicht-bindende Entscheidung des Parlaments, US-Soldaten ein Bleiberecht in Kanada zu gewähren.

Long ist Teil einer wachsenden Widerstandsbewegung gegen den Irakkrieg innerhalb der Truppe. Er wurde auf breiter Basis von Freunden und Verbündeten aus den USA und Kanada unterstützt.

Gerichtsverhandlung

Das Gerichtsverfahren fand in der Nähe von Colorado Springs statt, wo er wegen Desertion angeklagt wurde, "mit der Absicht, auf Dauer fortzubleiben".

Vor Gericht hielt Long eine leidenschaftliche Rede, in der er erklärte, dass er immer noch davon überzeugt ist, dass er moralisch richtig gehandelt habe, auch wenn er nicht umsichtig genug war, die rechtlich und taktisch sinnvollsten Entscheidungen zu treffen. Er sagte, dass er glücklich darüber war, nicht in den Irak zu gehen. Er wünsche, es gäbe für ihn eine andere Möglichkeit, als Gerichtsverfahren und Haft.

Der Gerichtssaal war voll von UnterstützerInnen für Long. Unter ihnen waren Mitglieder der Iraq Veterans Against the War (Irakveteranen gegen den Krieg), Veterans for Peace (Veteranen für den Frieden) und Pikes Peak Justice and Peace Commission (’Speerspitze’, Kommission für Gerechtigkeit und Frieden) Der Gerichtssaal war derartig voll, dass viele draußen warten mussten. Als Long den Saal verließ, traf er auf eine Menschenmenge, die ihm lautstark zujubelte, obwohl sie von der Militärpolizei weggedrängt wurde. Seine UnterstützerInnen hatten sich monatelang mit Demonstrationen für ihn eingesetzt und Courage to Resist (Mut zum Verweigern) sammelte Geld für seinen Anwalt, James Branum.

"Ich denke, es war eine hohe Strafe, aber es war zumindest gut, dass er diesen Tag im Gericht hatte und sagen konnte, von was er überzeugt ist", sagte Branum. "Er war relativ guter Stimmung. Dass zwei KriegsgegnerInnen zu seinem Verfahren kamen, bedeutete ihm viel."

Oberstin Wright sagte, dass sie über das harte Urteil enttäuscht ist. Aber sie ist davon überzeugt, dass es schlimmer ausgegangen wäre, wenn er nicht so eine überwältigende Unterstützung erhalten hätte. "Wenn ein Soldat wieder unter militärischer Kontrolle steht, ist es das Beste, wenn es Unterstützung für einen Kriegsgegner gibt."

Wer ist Robin Long?

Robin Long wurde in Boise, Idaho, in eine Militärfamilie hinein geboren. Er spielte mit GIs und träumte davon, eines Tages zum Militär zu gehen. Bei seiner Rekrutierung im Juni 2003 wurde ihm versprochen, dass er nicht in den Irak geschickt würde. Long war begeistert über die Chance, seinem Land dienen zu können und endlich was mit seinem Leben zu machen. Er machte sich zur Grundausbildung auf mit dem Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. "Als die USA den Irak angriffen, wurde mir von meinem Präsidenten gesagt, dass es wegen den direkten Beziehungen zu Al Kaida und den Massenvernichtungswaffen notwendig sei", sagte Long Courage to Resist im Januar in einem Interview. "Zu dieser Zeit glaubte ich, was gesagt wurde."

In den nächsten Monaten begann Longs Enthusiasmus zu wanken. Sein Ausbilder sprach über die Iraker wiederholt als "Lumpenköpfe" und ließ seine Truppe rassistische Lieder singen. Als Long protestierte, brachte er damit seine Kameraden auf und wurde von Vorgesetzten bestraft. An diesem Punkt begann Longs Gewissenskrise. "In den vorherrschenden Medien hörte ich, dass die USA in den Irak gehe wegen der Massenvernichtungswaffen und um die irakische Bevölkerung zu befreien. Schon wurde mir beigebracht, dass ich in die Wüste gehen solle um - entschuldige die rassistische Beleidigung - ’Lumpenköpfe zu töten’."

Nach der Grundausbildung wurde Long zu einer Einheit nach Fort Knox verlegt, die dort auf Dauer stationiert war. Nachdem ihm andere Soldaten aus dem Irak berichteten, war er erschrocken über die Gewalt und Brutalität ihrer Geschichten. Sie prahlten, das "erste Mal getötet" zu haben und zeigten Fotos von Leuten, die sie erschossen oder mit einem Panzer überfahren hatten. "Ich hatte ein wirklich schlechtes Gefühl in meinem Magen, wenn ich von diesen Dingen hörte", sagte er.

2005 erhielt Long den Befehl, in den Irak zu gehen, als einziger Soldat aus seiner Einheit. Er erhielt einen Monat Urlaub, um sich in Fort Knox abzumelden und nach Fort Carson in Colorado zu gehen. Seine Verlegung sollte einige Wochen danach stattfinden.

Während seines Urlaubs informierte sich Long darüber, was bezüglich des Irakkrieges "hinter den Kulissen" ablief. Er sprach mit Freunden, ob er der Verlegung folgen solle. Am Tag seiner Verlegung hatte er die Entscheidung getroffen, nicht zu gehen. Er erschien nicht zum Abflug und blieb die nächsten Monate in einer Wohnung eines Freundes in Boise. Von dort bekam er eine Fahrtmöglichkeit nach Kanada. "Ich wusste, dass mir mein Gewissen nicht erlaubt, dahin (in den Irak) zu gehen", sagte er.

Die nächsten drei Jahre baute er sich selbst in Kanada ein Leben auf. Er traf eine Frau, hatte ein Kind und kam in Kontakt mit anderen Verweigerern in Kanada. Long beantragte, als Flüchtling anerkannt zu werden, da von ihm verlangt worden sei, sich an einem illegalen Krieg zu beteiligen. Er würde irreparablen Schaden erleiden, wenn er in die USA zurückkehren müsse. Seine Bitte wurde nicht nur abgelehnt, die kanadischen Behörden verlangten auch, dass sich Long monatlich melden solle. Schließlich lebte er in Nelson, einer kleinen Stadt in British Columbia.

Befehl zur Abschiebung

Robin Longs neues Leben in Kanada wurde zunehmend unsicher. Die kanadische Grenzbehörde ließ am 4. Juli diesen Jahres einen Haftbefehl gegen ihn ausstellen, mit der Begründung, da er sich nicht ordnungsgemäß gemeldet habe. Einige Tage später wurde ihm mitgeteilt, dass er in die USA abgeschoben werde. Long legte Widerspruch dagegen ein und seine UnterstützerInnen führten Demonstrationen in ganz USA und Kanada durch, um die kanadischen Behörden dazu zu drängen, dass er bleiben könne. Trotz dieser Bemühungen wurde er am 15. Juli 2008 abgeschoben. Ein Richter hatte zuletzt entschieden, dass er keinen irreparablen Schaden erleiden werde, wenn er in die USA zurückkehre.

Longs Familie blieb in Kanada. Vor dem Strafverfahren zeigte er sich über die Trennung besorgt, zumal sie einige Jahre dauern könne. "Ich habe einen Sohn und kann ihn nicht sehen. Es ist hart daran zu denken", sagte er Courage to Resist.

In Kanada leben schätzungsweise 200 US-Soldaten, die den Irakkrieg verweigerten. 64% der Kanadier unterstützen die Forderung, ihnen ein Bleiberecht zu gewähren, so eine Umfrage der Angus Reid Strategies vom 27. Juni. Das kanadische Parlament verabschiedete am 3. Juni eine nicht-bindende Resolution und rief dazu auf, US-Soldaten nicht abzuschieben und ihnen die Möglichkeit einzuräumen, ein dauerhaftes Bleiberecht zu beantragen. Aber die Resolution wurde von der konservativen Regierung unter Harper ignoriert. Verschiedenen anderen Verweigerern, die derzeit in Kanada leben, droht ebenfalls die sofortige Abschiebung. Unter ihnen ist auch Jerermy Hinzman, der das Land bis zum 23. September verlassen soll.

"Wir hoffen, dass die kanadische Regierung den Männern und Frauen erlaubt zu bleiben, die den Einsatz in einem Krieg verweigern, den auch Kanadier ablehnen. Das gilt erst recht nach der harten Strafe gegen Robin Long", sagte Ann Wright.

Eine wachsende Bewegung gegen den Krieg

Das große Gewicht des Falles von Long ist auch ein Zeichen einer wachsenden Bedeutung, die der Bewegung von Soldaten gegen den Irakkrieg zukommt. Da die Kriegsbemühungen zunehmend unpopulär werden, gibt es mehr und mehr Soldaten, die sich öffentlich gegen die Invasion aussprechen und nicht mehr bereit sind, ihren Vertrag zu erfüllen, einschließlich hochrangiger Militärs wie Ehren Watada. Er hatte öffentlich die Gräueltaten des Militärs angeprangert, obwohl ihm eine harte Strafe drohte.

Inzwischen tun sich Irakveteranen mit Kriegsgegnern und anderen zivilen Unterstützern und Veteranen zusammen, um eine Soldatenbewegung gegen den Krieg aufzubauen. Die Iraq Veterans Against the War, in der sich Soldaten organisiert haben, die nach dem 11. September 2001 im US-Militär Dienst leisteten, unterstützen Long und andere Kriegsgegner aktiv. Verschiedene andere Gruppen, wie Courage to Resist, die War Resisters’ Support Campaign (Kampagne zur Unterstützung von KriegsgegnerInnen) aus Kanada sind entstanden, um SoldatInnen zu unterstützen, die bereit sind, zu ihrer Position zu stehen. Die Anweisung, Long abzuschieben, löste in den USA und Kanada Protes aus.

"Veteranen und KriegsgegnerInnen beginnen zu erkennen, dass sie im selben Boot sitzen, dass sie Brüder und Schwestern sind. Es ist der gleiche Kampf", sagte Gerry Condon, ein Verweigerer des Vietnamkrieges. Er unterstützt aktiv die Soldatenbewegung gegen den Irakkrieg. "Die Tatsache, dass Menschen für andere diese Solidarität zeigen, ist wirklich entscheidend. Der Widerstand im Militär wächst."

Sarah Lazare ist Projektleiterin bei Courage to Resist, einer Organisation, die US-Kriegsgegner unterstützt.

 

Weitere Infos unter: http://www.couragetoresist.org

 

Robin Long, El Paso County Criminal Justice Center, 2739 East Las Vegas, Colorado Springs, CO. 80906, USA


Sarah Lazare, Courage to Resist: Iraq War Resister Robin Long sentenced to 15 months. 24. August 2008. Übersetzung: Rudi Friedrich und Thomas Stiefel. Der Beitrag erschien im Rundbrief »KDV im Krieg«, September 2008.



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