Aktion für Kriegsdienstverweigerer Enver Aydemir in Istanbul, 2. Januar 2010

Aktion für Kriegsdienstverweigerer Enver Aydemir in Istanbul, 2. Januar 2010

Türkei: Erster muslimischer Kriegsdienstverweigerer frei, aber weiter eine Herausforderung

von Hürriyet Daily News & Economic Review

(04.09.2010) Er ist frei, um nach seiner kürzlich erfolgten Freilassung aus einer Nervenheilanstalt ein normales Leben zu beginnen. Die Diagnose des Krankenhauses lautet „anti-sozial“. Der erste muslimische Kriegs­dienst­ver­weigerer in der Türkei lässt aber nicht ab von seiner Kritik an der Wehrpflicht.

„Auch wenn der Prophet Mohammed Kopf des Staates wäre und eine Wehrpflicht umsetzte, müsste ich mich gegen ihn stellen“, sagte Enver Aydemir Hürriyet Daily News & Economic Review gegenüber in einem Interview, nachdem er im Juni aus Izmit zurückkehrte, einem Ort in den nordwestlichen Provinzen von Kocaeli, um ein Geschäft für Telefonzubehör zu eröffnen.

Offiziell gibt es 120 weitere Kriegs­dienst­ver­weigerer in der Türkei, die den Dienst im Militär des Landes aus verschiedenen Gründen ablehnen. Aydemir sorgte für Schlagzeilen, als er 2007 verhaftet und er der erste öffentlich gewordene Fall eines Verweigerers mit muslimischem Glauben wurde. Aydemir ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er erhielt Unterstützung von Antikriegsgruppen, für die er dankbar ist, trotzdem lässt er sich und seinem Standpunkt keinen Stempel aufdrücken. „Ich bin eine Person, und möchte als solche wahrgenommen werden - nicht nur als ein Etikett oder eine Geschichte für die News“, sagte Aydemir gegenüber Daily News.

Die Kriegs­dienst­ver­weigerung wird vom türkischen Gesetz nicht anerkannt, so dass sich viele der gegenwärtig 121 Kriegs­dienst­ver­weigerer in einem legalen Schwebezustand befinden, immer erneut inhaftiert und freigelassen werden und sich jedes Mal weigern, sich zur Ableistung des Dienstes zu melden.

Nach seiner ersten Verhaftung im Jahre 2007 wurde Aydemir im Oktober desselben Jahres wieder freigelassen mit der Aufforderung, sich zum Militärdienst zu melden; Da er von keinem Soldaten begleitet wurde, ging er stattdessen nach Hause. Sicherheitskräfte verhafteten ihn erneut im Dezember 2009 bei einer Routinekontrolle in Istanbul, da ein Haftbefehl vorlag. „Ich glaube, dass jeder Türke als Baby geboren wird, nicht als Soldat“, sagte Aydemir in einer seiner Verteidigungsreden vor einem Gericht, mit Verweis auf das militaristische Sprichwort, dass „jeder Türke als Soldat geboren wird“. Dies Sprichwort treffe auch deswegen nicht auf ihn zu, weil er in der Ostprovinz Van als Kurde geboren wurde, ergänzte er. Seine Verteidigung überzeugte das Militärgericht nicht, das Aydemir für eine Musterungsuntersuchung ins Krankenhaus nach Ankara beorderte, nachdem er 2009 inhaftiert worden war.

Das Krankenhauspersonal erklärte ihn als „anti-sozial“, schon bevor er eine richtige medizinische Untersuchung erhalten hatte, sagte Aydemir. Als er im Hospital gewesen sei, „hing ich einfach nur im Garten herum“. Während die Doktoren ihn für untauglich erklärten, hätten sie zugleich andere Patienten davor gewarnt, sich mit ihm einzulassen. Bevor er schließlich freigelassen worden sei, so Aydemir, litt er stark unter den Folgen der Misshandlungen der letzten drei Jahre nach seiner ersten Verhaftung, darunter „Einschüchterungen, Beleidigungen und leichte Schläge“. Das Schlimmste geschah Ende 2009 im Militärgefängnis Maltepe, wo Aydemir nach seiner Aussage Opfer „ständiger psychologischer Einschüchterungen durch alle Gefangenen“ gewesen sei. Ihm seien auch „drei bis vier Tage Handschellen angelegt, das Wechseln der Kleider und der Zugang zum Waschraum verweigert worden“, so dass er gezwungen war, in Handschellen zu beten.

Nach Pressemitteilungen von säkularistischen wie auch islamischen Gruppen während seiner Gefängniszeit habe Aydemir gesagt, dass er den grundlegenden Werten, auf die die türkische Republik aufbaut, keine Sympathie entgegenbringe. Zugleich sagte er, dass er niemanden dazu zwingen wolle, seinem Glauben Sympathie entgegenzubringen. „Angesichts der Realität, die mich umgibt, erkläre ich, dass ich bereit bin, einen zivilen Dienst in einem Bereich des öffentlichen Lebens abzuleisten, in einer Umgebung, die in Harmonie mit meiner Überzeugung steht und meine individuellen Rechte anerkennt“, sagte er in einer Presseerklärung. Dennoch trifft Aydemirs Herausforderung einer der Säulen der säkularen türkischen Republik auf die Ängste vieler Säkularisten, die lange davon überzeugt waren, dass die Islamisten eine Übernahme der Türkei mit radikalen Veränderungen anstreben.

„Die Säkularisten haben tatsächlich recht“, sagte Aydemir und ergänzt, dass die „Islamisten heute“ nicht praktizierende Muslime unterdrücken würden, wenn sie die Macht dazu hätten, ungeachtet der moralischen Gründe. Es sei falsch für einen Staat, zu versuchen ein Gottesstaat zu sein“, sagte Aydemir mit Verweis auf das, was er als „demo­kratischen Versuch“ charakterisiert, „der Gesellschaft Macht über andere Individuen zu geben“. Mit solchen Ansichten ist es nicht überraschend, dass Aydemir keine theokratischen Regime wie in Iran oder Saudi-Arabien befürwortet. Er sagte, dass die Gründung eines islamischen Staates eigentlich unmöglich ist und dass er letztlich keinerlei Staat will. „Es war nicht meine Wahl, Bürger, der Türkei zu werden“, ergänzte er. Die Idee von Ländern mit Grenzen sei dazu entwickelt worden, um die Bevölkerung auszubeuten.

Totale Demokratie

Trotz seiner erklärten Opposition zu den meisten Konzeptionen von Demokratie, hegt Aydemir den Wunsch von einer Welt, in der sich „Individuen an allen Belangen, die sie betreffen, beteiligen können“. So gesehen, sei sein ideales System eine „totale Demokratie“, verwandt mit Formen des Anarchismus. Solch ein Sozialwesen schlösse nicht aus, dass es eine Regierung gibt. Er habe auch nichts dagegen, in gerechter Weise regiert zu werden, aber er glaube an das Recht, Gesetzen nicht zu gehorchen, die er für ungeeignet hält und das Recht „in meinen eigenen Begriffen zu sprechen“. Das Konzept einer „totalen Demokratie“ habe historische Vorläufer. Er zitiert dafür die erste Blüte des Islams in der Zeit des Propheten und den nachfolgenden beiden Kalifen. In dieser Zeit sei Individuen erlaubt gewesen, dem Willen der Kalifen bei den Freitagsgebeten zu widersprechen, wenn sie der Auffassung waren, dass die Ent­schei­dungen ungerecht seien.

Aufgrund der Abwesenheit solch eines System habe Aydemir sich dazu entschieden, so wenig wie möglich mit dem Staat zu tun zu haben. Er weigerte sich, seine Kinder in die Schule zu schicken und unterrichtet sie selbst in Literatur und Mathematik. „Erziehung ist keine gute Sache“, sagte er. Es bedeutet, jemanden nach seinem eigenen Bild zu formen. Und zu guter letzt: Der Vorrang von Rechten ist für Aydemir der entscheidende Punkt. „Zuerst kommen die Rechte. Zuerst kommen Sie und ich. Wir sollten unsere Rechte bis ins letzte gegenseitig schützen.“

Hurriyet Daily News & Economic Review: Turkey’s First ’Muslim Objector’ Free But Still Defiant, 4. September 2010. Übersetzung: Rudi Friedrich. http://www.turkishweekly.net/news/107078/turkey-39-s-first-39-muslim-objector-39-free-but-still-defiant.html. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe November 2010

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