World Without War

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"Südkorea ist ein hochmilitarisierter Staat"

Zu Wehrpflicht und Kriegsdienstverweigerung

von Yeo-ok Yang

(29.04.2015) Mein Name ist Yeo-ok. Ich arbeite für die südkoreanische Friedensorganisation World Without War (Welt ohne Krieg). Ich bin verantwortlich für unser Programm zur Kriegsdienstverweigerung. Zum Thema Militär und Kriegsdienstverweigerung kam ich in meiner Schulzeit, als ich in der Antikriegsbewegung aktiv wurde. Mich beschäftigten Fragen, wie das Militär Krieg ermöglicht und daran beteiligt ist.

World Without War wurde am 15. Mai 2003 gegründet, um das zu fördern, was Kriegsdienstverweigerer deutlich zu machen versuchen und um ihnen eine Stimme zu geben. Zunächst begann die Organisation damit, Treffen für Kriegsdienstverweigerer und ihre UnterstützerInnen zu organisieren. Nach einiger Zeit erweiterten wir unsere Arbeit. Wenn man empfindlich wird für Gewalt und unter dieser Perspektive unser Leben anschaut, beginnt man das System der Gewalt, das unser Leben bestimmt, bloßzustellen und sich dem zu widersetzen.

Kurze Einführung zu Südkorea

Geografisch gesehen liegt Südkorea in Ostasien, umgeben von Ländern wie Russland, China und Japan. Das Land hat 50 Millionen Einwohner.

Südkorea ist ein hochmilitarisierter Staat. Der Militarismus in Südkorea rührt her aus der lange währenden Teilung und einer Diktatur. Und selbst nach der Demokratisierung ist Militarismus tief verwurzelt in unserer Gesellschaft und dem alltäglichen Leben. Eine konservative Verwaltung und Regierung begünstigt die Kultur des Militarismus‘ gemeinsam mit einem starken Anti-Kommunismus.

Als Nation erfuhr Korea die Kolonisierung durch Japan. Die 35-jährige Kolonisierung lässt die Menschen in Südkorea denken, dass wir nur deshalb durch ausländische Kräfte besetzt wurden, weil unsere Verteidigung zu schwach war. Am Ende des II. Weltkrieges wurde Korea befreit, aber in einen Norden und Süden geteilt. 1950 begann der Koreakrieg. Der dreijährige Krieg hat die koreanische Halbinsel entstellt. Beendet wurde der Krieg durch einen Waffenstillstand 1953, aber die Beziehungen zwischen dem Norden und Süden sind weiter gegenseitig feindselig.

In einem geteilten Land mit der Erfahrung eines Krieges wird das Militär und die nationale Verteidigung als eine unbedingte Notwendigkeit angesehen, die direkt verbunden ist mit dem Überleben des Landes. In unserer Geschichte haben die Herrschenden diese Situation benutzt, um ihre Macht aufrechtzuerhalten. Das Militärregime, das die Macht durch einen Putsch 1961 übernahm, stärkte das Militär und versuchte so, selbst eine höhere Legitimität zu erhalten.

Während der langen Zeit der Militärdiktatur gab es aktive Bewegungen für eine Demokratisierung. Als Folge der Demokratischen Juniaufstände 1987 musste die Militärjunta abtreten. Die Verfassung wurde so geändert, dass die Bevölkerung den Präsidenten direkt wählen kann. Sie ist bis heute in Kraft.

Nach der Demokratisierung wurde die Beziehung zwischen Nord- und Südkorea mal besser, mal schlechter, abhängig von der politischen Partei, die an der Macht war. Auch die Lage der nationalen Sicherheit ist davon abhängig. Nach 2008 stellte die konservative Partei die Präsidentschaft. Seitdem verschlechtern sich die Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea zusehends. Die militärischen Spannungen zwischen beiden Ländern wachsen. Die Regierung steckt mehr Geld in das Militär und versucht immer neue Waffensysteme zu kaufen, mit der immer gleichen Ausrede von eskalierenden Spannungen mit Nordkorea.

Wehrpflicht und Kriegsdienstverweigerung in Südkorea

In Südkorea sind etwa 700 Kriegsdienstverweigerer inhaftiert. Das entspricht etwa 95% aller inhaftierten Kriegsdienstverweigerer in der Welt. Seit 1945 wurden etwa 20.000 Verweigerer inhaftiert.

Alle Männer in Südkorea sind mit 18 Jahren zur Ableistung des Militärdienstes verpflichtet, der zwischen 21 bis 24 Monaten dauert. Mit 19 Jahren wird ihr körperlicher und physischer Zustand gemustert. Entsprechend der Musterung haben sie dann einen Dienst im Militär abzuleisten. Es gibt nur sehr selten Ausmusterungen, nur etwa 2% der Wehrpflichtigen. Um ausgemustert zu werden, bedarf es endloser weiterer Untersuchungen. Südkoreas Armee besteht aus 640.000 Soldaten. Aufgrund der geringeren Geburtenrate soll diese Zahl im Jahr 2020 auf 500.000 sinken. Für die Regierung ist das auch ein Argument, das Recht auf Kriegsdienstverweigerung nicht anzuerkennen.

Es gibt keinen nicht-militärischen alternativen Dienst. Alle Soldaten sind dazu verpflichtet, die Grundausbildung zu absolvieren, auch wenn sie später einen Dienst ohne Waffe leisten. Wenn jemand kein Soldat sein will, dann bleibt ihm keine andere Wahl, als sich einer Bestrafung auszusetzen. Im Moment wird die Nichtbefolgung des Militärdienstes nach dem Militärdienstgesetz oder dem Militärstrafgesetzbuch mit Gefängnisstrafe von eineinhalb Jahren bestraft. Dieses Strafmaß ist das Minimum, um nicht erneut einberufen zu werden.

Beim Thema Militär reagieren die Menschen in Südkorea auf zwei Arten. Zum einen sagen sie, dass jeder im Militär zu dienen hat, weil dies „eine heilige Pflicht für die nationale Verteidigung“ sei. Auf der anderen Seite haben sie die Mentalität, sich gegenseitig zu messen und zu vergleichen. Sie sagen: „Warum versuchen sie diese Pflicht zu vermeiden, wenn ich doch eine harte Zeit im Militär hatte?“

Ein anschauliches Beispiel, das die öffentlichen Emotionen zu diesem Thema zeigt ist das zu PSY, ein Weltstar, bekannt für sein ansteckendes Youtube-Video „Gangnam Style“ Er musste seinen Militärdienst zum zweiten Mal antreten, als öffentlich bekannt wurde, dass er während seines Dienstes eine Ausnahmeregelung erhalten hatte, um z.B. Konzerte zu geben. Die meisten haben Militärdienst abzuleisten, trotz der schrecklichen Situation, der sie sich in der Armee gegenübersehen. Nur einige stellen das in Frage oder verweigern die Ableistung des Militärdienstes. Unter diesen Umständen wurden Kriegsdienstverweigerer zu Feinden des Landes.

Reaktionen der Bevölkerung

Das Maß dessen, was sich an Verurteilung und Zorn gegen uns richtete, gerade am Anfang unserer Bewegung, lag außerhalb unserer Vorstellungskraft. Jedes Mal, wenn die Medien das Thema Kriegsdienstverweigerung behandelten, brach unsere Website zusammen, weil eine riesige Zahl von Leuten widerliche Kommentare schrieben. Das Telefon in unserem Büro klingelte wie verrückt, weil uns den ganzen Tag Menschen anriefen, die sich beschweren wollten. Immer wenn wir auf die Straße gingen, fingen die Leute Streit mit uns an und die Situation wurde chaotisch. In den meisten Fällen, in denen wir provoziert wurden, waren das Männer, die ihren Militärdienst abgeleistet hatten. Sie sagten dann oft: „Wollt Ihr etwa sagen, dass ich kein Gewissen habe?“

Können Sie sich nun das Verhalten mir gegenüber vorstellen, einer Frau, die in der Kriegsdienstverweigerungsbewegung aktiv ist? Sie werden vielleicht denken, dass ich im Zentrum all dessen stehe, zumal ich als Frau keinen Militärdienst abgeleistet habe. Aber es war anders: Wenn ich das Telefon abhob und mich meldete, war die häufigste Reaktion: „Hol einen Mann ans Telefon“. Wann immer es Streit bei einer Straßenaktion gab, wurde ich als nicht-existent behandelt. Ich wurde nicht als Gegenüber für ein Gespräch angesehen, nicht einmal als Ziel einer Provokation. Das war der Moment, wo ich allzu gut begriff, was der sexistische Charakter des Militarismus ist.

2007, nach mehreren Jahren unserer Kampagne, erklärte das Verteidigungsministerium, dass es einen alternativen Dienst für Kriegsdienstverweigerer einführen werde. Als aber die konservative Partei 2008 die Regierung übernahm, änderte das Verteidigungsministerium seine Position und erklärte alle bisherigen Pläne dazu für ungültig. Das Ministerium wies für diese Entscheidung auf Umfrageergebnisse hin. Die sagen, dass die Mehrheit der Bevölkerung dieses Thema ablehnt und es daher keinen Konsens zur Einführung eines alternativen Dienstes gäbe. Jahre der Kampagne und alle Bemühungen, diese Änderung herbeizuführen, wurden durch die geänderte Haltung der Regierung durchkreuzt.

In der Zwischenzeit hielt der internationale Druck auch von den Vereinten Nationen an. Das UN-Menschenrechtskomitee, das über die Einhaltung des Internationalen Paktes für bürgerliche und politische Rechte wacht, betonte wiederholt, dass Südkorea den Artikel 18 des Paktes verletzt, weil das Land Kriegsdienstverweigerer verfolgt. Das Komitee sprach gegenüber Südkorea Empfehlungen aus, diesen Mangel zu beheben. Anfang diesen Jahres beschloss das Komitee, dass die Inhaftierung von Kriegsdienstverweigerern eine willkürliche Haft darstellt.

Auf der letzten Sitzung zur periodischen Überprüfung im Jahr 2012 erhielt Südkorea Empfehlungen des UN-Menschenrechtsrates, in dem es selbst als Ratsmitglied sitzt. Sieben Länder, darunter auch Deutschland, empfahlen, das Recht auf Kriegsdienstverweigerung anzuerkennen und einen alternativen Dienst einzuführen.

Bewegung zur Kriegsdienstverweigerung

Auch wenn es in unserer ganzen Geschichte Kriegsdienstverweigerer gab, wurde dies doch erst ab dem Jahr 2000 als soziales Problem wahrgenommen. Jahrzehntelang - sowohl während des Koreakrieges als auch während der Militärdiktatur - gab es Kriegsdienstverweigerer, die regelmäßig ins Gefängnis gesteckt wurden. Aber in der Öffentlichkeit wurde nie bekannt, dass es sie gab, weil es als ein Problem einer bestimmten Religionsgruppe angesehen wurde, den Zeugen Jehovas. Die Verweigerung des Militärdienstes wurde als unübliches Verhalten von verrückten Leuten angesehen. In einem stark militarisierten Land war Kritik am Militär ein Tabu, selbst Aktivisten der Bewegung für Demokratie trauten sich nicht, überhaupt an Kriegsdienstverweigerung zu denken.

In der Vergangenheit waren die meisten Kriegsdienstverweigerer Zeugen Jehovas. Und auch heute stellen sie noch den größten Teil der Verweigerer.

Anfang 2002 erklärte der Buddhist und Friedensaktivist Tae-yang Oh öffentlich, dass er die Ableistung des Militärdienstes verweigern werde. Danach tauchten viele Kriegsdienstverweigerer mit den unterschiedlichsten Hintergründen in der Öffentlichkeit auf. Sie begründeten ihre Verweigerung religiös, pazifistisch, ökologisch, als Protest gegen die Entsendung von Truppen in den Irak oder aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Das Vorhandensein von Kriegsdienstverweigerern mit unterschiedlichen Hintergründen, außerhalb der religiösen, änderte die öffentliche Wahrnehmung: zu einem Thema der allgemeinen Menschenrechte und des Friedens.

Zunächst konzentrierte sich die Kriegsdienstverweigerungsbewegung auf die Einführung eines alternativen Dienstes. Als die Bewegung wuchs, erreichten wir einen neuen Level der Diskussion. Durch die Weigerung, im Militär zu dienen, stellen Kriegsdienstverweigerer mehrere Fragen an die Gesellschaft: Was bedeutet es, ein Soldat zu sein? Und welche Bedeutung hat die Existenz des Militärs?

Das Militär existiert mit dem Ziel, einen Krieg zu gewinnen und dazu müssen Menschen getötet werden, die als „Feinde“ gebrandmarkt wurden. Das ist das eigentliche Wesen des Militärs. Dieser Aspekt wird allerdings vernachlässigt und verdeckt. Das Militär wird vielmehr schöngeredet und heilig gesprochen. Wegen der „einzigartigen Sicherheitslage“, in dem sich das Land befindet, ist jede Kritik am Militär tabu. Die Kriegsdienstverweigerungsbewegung warf aber genau diese entscheidende Frage auf.

World Without War

Als Organisation sind wir der Überzeugung, dass kein Krieg gerechtfertigt ist und alle Kriege Verbrechen gegen die Menschheit sind. Angesichts dessen ist unser Ziel, Krieg und Kriegsursachen auszulöschen - im täglichen Leben wie in unserer Gesellschaft. Dafür setzt World Without War derzeit drei Programme um.

Ein Programm befasst sich mit Kriegsdienstverweigerung. Wir bieten Begleitung und Unterstützung für diejenigen, die den Kriegsdienst verweigern wollen. Wenn jemand an unsere Tür klopft, bieten wir Beratung an. Wir veröffentlichten ein Handbuch zur Kriegsdienstverweigerung um möglichen Verweigerern zu helfen. Es beinhaltet, was man bei einer Verweigerung des Militärdienstes zu erwarten hat. Wir versuchen auch denen einen Raum zu geben, die sich selbst ernsthafte Fragen zum Militär und zum Soldatsein stellen. Eine der bekanntesten TV-Shows wird „Echte Männer“ genannt. Wir führten eine Veranstaltung durch, die das parodiert, unter dem Namen „Keine echten Männer“.

Das zweite Programm ist eine Kampagne gegen Kriegsprofiteure. Wer profitiert vom Krieg und wer fördert den Krieg? Es sind diese Menschen, die Krieg möglich machen. Im Moment setzen wir dabei unseren Schwerpunkt auf den Waffenhandel und die Abrüstung. Wir beobachten den südkoreanischen Waffenexport und versuchen die Ausfuhr bestimmter Waren, wie z.B. Tränengas an repressive Regime in Bahrain oder der Türkei zu verhindern. Wir nehmen auch an einer internationalen Kampagne gegen Militärausgaben teil.

Das dritte Programm beschäftigt sich mit Gewaltfreiheit. Wir glauben, dass die Methoden und Absichten unseres Kampfes die Zukunft reflektieren sollten, für die wir uns einsetzen. Wir sind dazu verpflichtet, einen Weg zur Beendigung der Gewalt ohne Gewalt zu finden. Wir unterstützen gewaltfreie Aktionen um soziale Änderungen in der Zivilgesellschaft herbeizuführen. Dabei setzen wir einen Schwerpunkt auf die Ausbildung von TrainerInnen für gewaltfreie Aktionen.

14 Jahre sind vergangen, seit dem ersten „Coming Out“ eines Kriegsdienstverweigerers in Südkorea. Noch immer sind Militarismus und Nationalismus munter und gesund. Soziale Minderheiten wie die Kriegsdienstverweigerer werden nicht als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft angesehen. Weiter richtet sich staatliche Gewalt gegen die Marginalisierten. Der einzige Unterschied zur Vergangenheit ist, dass dies in verfeinerter Art und Weise geschieht. Selbst in der Zivilgesellschaft existiert die Kultur des Militarismus. Trotz dieser traurigen Realität: Die Kriegsdienstverweigerungsbewegung, neben den bestehenden feministischen und ökologischen Bewegungen, zeigt Folgen für unsere Gesellschaft. Die Menschen fangen an, ernsthafte Fragen zu Krieg und Militär aufzuwerfen oder zur Beziehung zwischen Gewalt und Demokratie. Als Ergebnis unserer Bewegung haben einige Menschen angefangen sich selbst im gewaltfreien Widerstand zu engagieren.

Auch wenn wir bislang keinen alternativen Dienst in Südkorea erreichen konnten: Kriegsdienstverweigerer erheben ihre Stimme zu verschiedenen Friedensthemen. Der kleine Riss, den wir beim Militarismus in unserer Gesellschaft erreichen konnten, wird umso größer, umso mehr unsere Bewegung wächst.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Yeo-ok Yang: Redebeitrag zur Veranstaltungsreihe „Kriegsdienstverweigerung in Südkorea“, 16.-29. April 2015. Übersetzung: Myungjin Moon, rf. Der Beitrag erschien in: Connection e.V., Deutsche Ostasienmission und Ev. Mission in Solidarität (Hrsg.): Broschüre "Südkorea: 700 Kriegsdienstverweigerer in Haft", Juli 2015

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