Rundbrief »KDV im Krieg« - September 2016

Rundbrief »KDV im Krieg« - September 2016

Afghanistan: Flut von Desertionen strapaziert Armee

von Josh Smith

(03.09.2015) Matiullah Laghmani ist fertig mit der Armee. An einem Tag im Jahr 2013 fragte er seinen Ausbilder, ob er aus dringenden privaten Gründen für einen Tag nach Hause gehen könnte - und kehrte nicht mehr zurück.

Die afghanischen Sicherheitskräfte verlieren etwa 4.000 Mann im Monat. US-Vertreter sagen, das ist eine der höchsten Verlustraten in der jüngsten Militärgeschichte. Einige Verluste sind auf die Gefallenen und Verwundeten zurückzuführen, deren Zahl im letzten Jahr stieg, die große Mehrzahl sind aber Soldaten und Polizisten, die wie Laghmani einfach abhauen, so kürzlich General John Campbell, der den NATO-geführten Truppen der Koalition vorsteht.

Wie viele andere Rekruten ging der 25-jährige Laghmani zur Armee, weil er das als seine einzige Chance ansah, Geld zu verdienen. Aber nur wenige Monate später erhielt seine Familie Drohungen der Taliban. „Die Armee war meine einzige Chance, aber ziemlich bald realisierte ich, dass meine Familie leiden wird, wenn ich dort bleibe.“

Es gibt keine gesetzliche Strafe für Soldaten und Polizisten, die sich dazu entscheiden, den Dienst vorzeitig zu quittieren.

Die UN-mandatierte in­ter­na­ti­onale Militärkoalition, die nach dem Sturz des Taliban-Regimes durch die USA und Verbündete im Jahr 2001 zusammengestellt wurde, setzte mit ihrem Einsatz vor allem darauf, Afghanistan zu stabilisieren, in dem sie eine große professionelle Armee und Polizeikräfte aufbaut, die die Aufständischen in Schach halten können.

Das afghanische Verteidigungs- und Innenministerium erklärte, dass mit der Rekrutierung weiterhin alle Verluste der Afghanischen Nationalen Verteidigungs- und Sicherheitskräfte (ANDSF) aufgefangen werden, die eine offizielle Mannstärke von 350.000 hat. Die Armee hat vorgesehen, jeden Monat 6.000 neue Soldaten zu rekrutieren, bei der Polizei nehmen sie bis zu 5.000 neue Anwärter.

Aber die hohen, aus den verschiedensten Gründen erfolgenden Verlustraten von erfahrenen Soldaten und Polizisten sind ein Problem, das die Bemühungen untergräbt, einen Aufstand zu besiegen, der so hartnäckig wie nie fortgeführt wird, seit die in­ter­na­ti­onale Koalition erklärt hat, im Dezember den Kampfeinsatz zu beenden. „Wenn die gegenwärtigen Raten weiter bestehen bleiben, werden die Verluste die Bemühungen in Frage stellen, eine professionelle Armee aufzubauen“, so eine Schlussfolgerung von Vertretern des US-Verteidigungsministeriums in einem im Juni (2015) dem Kongress vorgelegten Bericht. „Die vorwiegende Ursache der Verluste der ANDSF stehen vor allem im Zusammenhang mit schwacher Führung, hohem Tempo bei den Einsätzen, unzureichender Versorgung der Armeeangehörigen und schlechter Lebensqualität, alternativen Arbeitsmöglichkeiten außerhalb der ANDSF und einem unzureichenden Management.“

Die fehlende Versorgung wie auch der Druck von zu Hause wurde von einem Deserteur aus der Provinz Wardak benannt, der nicht genannt werden will. Zwei Jahre im Dienst, war er sofort nach Helmand geschickt worden, eine der blutigsten Provinzen. „Soldaten, die Beziehungen haben, erhalten Arbeit in Kabul und sicheren Regionen. Sie schicken nur die armen Leute in die gefährlichen Gegenden“, sagte er. Seine Mutter rief ihn jeden Tag an und bestand darauf, dass er zur Familie zurückkehren solle, weil er ihr einziger Sohn sei.

„Ich habe einfach meine Uniform in der Kaserne gelassen, einen Bus genommen und bin nach Hause gefahren“, sagte er. Auch er ging zur Armee, um Geld zu verdienen, aber nun verdiene er mehr, wenn er auf der Straße Früchte verkauft. Der Sold für neue Polizisten und Soldaten beginnt bei 130 US-Dollar pro Monat.

Wenn man den geringen Sold, ein raues Leben im Feld, steigende Verlustzahlen und die geringe Hoffnung auf medizinische Versorgung von Verwundeten in Betracht zieht, stellt sich verblüffenderweise nicht die Frage, warum so viele desertieren, sondern warum so viele bleiben?

Der 23-jährige Feldwebel Ali Wardak saß im Schatten eines LKW, der Munition geladen hatte. Er hatte ein altes Nokia-Smartphone dabei und sah das Musikvideo „Part of Me“ von Katy Perry, während er sich daran erinnerte, wie er zur Armee ging. „Das erinnert mich daran“, sagte Wardak in Englisch und zeigte auf das Video, in dem die Sängerin zu den Marines geht, nachdem ihr Freund ihr Herz gebrochen hat. „Ein Mädchen verließ mich. Darum bin ich hier hergekommen, um zu sterben.“

Ein anderer älterer Soldat stößt ihn mit seinem Ellbogen in die Seite. „Lüg doch nicht. Du bist doch hierher gekommen, um zu essen und zu schlafen,“ zieht ihn der 30-jährige Feldwebel Masar Reza in gebrochenem Englisch auf. „Ich kam, um zu kämpfen und zu sterben. Ich liebe es, Taliban zu töten.“

Vertreter der Koalition drücken weiter ihr Vertrauen in die Streitkräfte aus, die sie über Jahre ausgebildet haben. „Obwohl die Verluste ein ernsthaftes Thema sind, halten die (Sicherheitskräfte) zusammen. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sie an den Strapazen scheitern werden. Sie demonstrieren weiter taktische Überlegenheit über die Aufständischen und behalten die ständige Kontrolle über die bewohnten Gebiete in Afghanistan“, so der Bericht des Pentagon.

Aber die vielen Jahre des Kampfes, ohne ein Ende in Sicht, verlangen ihren Zoll. Von Januar bis Juli (2015) wurden 4.302 Soldaten und Polizisten im Dienst getötet und weitere 8.009 verwundet. Im Vergleich dazu waren es 2014 nach Angaben des Pentagon 3.337 Getötete und 5.746 Verwundete. Im Bericht des US-Verteidigungsministeriums wird die Einschätzung vertreten, dass die Verlustzahlen stiegen, weil die Afghanen eine wichtigere Rolle bei den Kämpfen übernommen haben.

Seit die Koalition im Januar den Einsatz zurückgefahren hat - und nur noch in den Bereichen Ausbildung, Beratung und Unterstützung tätig ist - und den afghanischen Streitkräften die Verantwortung für die Sicherheit des Landes übergeben hat, haben die Aufständischen wiederholt tödliche Attacken gegen die afghanische Armee gestartet. Oft machen sie Jagd auf verwundbare Ziele, wie schwach besetzte Checkpoints. Sie versuchen die Kontrolle von verschiedenen Bezirkszentren von den Afghanen zu übernehmen, in dem sie die Regierungstruppen vertreiben, bevor sie bei Gegenstößen selbst wieder zurückgetrieben werden.

„Warum? Warum machen wir das?“ fragte ein erfahrener afghanischer Soldat, der darum bat, nicht genannt zu werden, während er einem Truppenaufmarsch für eine Operation im Osten der Provinz Nangarhar in der Nähe der pakistanischen Grenze den Weg wies. „All das wegen ein paar Taliban. Und sie werden eh aus Pakistan zurückkommen.“ Warum also bleibt er in der Armee? „In Afghanistan gibt es nichts anderes zu tun, als zu kämpfen.“

Josh Smith, Stars and Stripes: Tide of desertions — among highest in recent history — strains Afghan forces. 3. September 2015. Übersetzung: rf. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe September 2016

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