Tair Kaminer

Tair Kaminer

Israel: "Deshalb ist es für mich so wichtig zu verweigern"

Beitrag zur Ver­an­stal­tungs­reihe 2015

von Tair Kaminer

Vom 9.-19. November 2015 führte Connection e.V. eine Ver­an­stal­tungs­reihe unter dem Titel "Israel/Palästina: Aktiv gegen Krieg und Militarisierung" in Deutschland durch. Die 18-jährige Tair Kaminer aus Israel war eine von zwei ReferentInnen auf den Veranstaltungen. Sie verweigert den Kriegsdienst und wendet sich mit ihrer Ent­schei­dung gegen die Besatzungspolitik der israelischen Regierung in Westbank und Ost-Jerusalem. Am 10. Januar 2016 wurde sie zu einer ersten Haftstrafe verurteilt. Wir dokumentieren ihren Redebeitrag vom November 2015. (d. Red.)

Hallo. Mein Name ist Tair Kaminer Goldfainer. Ich bin 19 Jahre alt. Anfang nächsten Jahres soll ich mich beim Rekrutierungsbüro der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte melden, der israelischen Armee, um meinen zweijährigen Militärdienst anzutreten. An diesem Tag werde ich hingehen, aber erklären, dass ich den Dienst in der Armee verweigern werde.

Als ich neun Jahre alt war, ging ich mit meinen Eltern zu einer israelisch-palästinensischen Demonstration gegen die Besatzung in ein palästinensisches Dorf in der Nähe von Ramallah. Die Demonstration wurde von der israelischen Armee mit Tränengas aufgelöst. Wir rannten in ein kleines Einkaufszentrum. Wie Sie sich vorstellen können, war das sehr beängstigend. Der Besitzer eines Eiskaffees bot mir ein Eis an und versuchte mich aufzuheitern.

An diesem Tag, als junges Mädchen, fühlte ich mich von der Armee unseres Landes bedroht, statt mich sicher zu fühlen und ein Palästinenser, ein Ausländer, der eine andere Sprache sprach, machte mich glücklich. Bei ihm fühlte ich mich sicher.

Es war auf eine gute Art eine sehr verwirrende Erfahrung. Zu dieser Zeit wusste ich nicht viel über den Konflikt, aber es pflanzte in mir die Saat des kritischen Denkens, auch gegenüber meinem Land und seiner Armee, was nicht immer üblich ist. Vielleicht ist das der Grund, warum es insbesondere mein Land und die Armee betrifft.

Ich war nicht zufällig bei dieser Demonstration. In meiner Familie wird viel über Politik diskutiert, sie war Teil der Linken, und seit ich mich erinnern kann drehten sich die Diskussionen um den Konflikt, um die Besatzung, die Men­schen­rechte, Flüchtlinge usw.

Meine Großeltern sind radikale Linke, eng verbunden mit der Kommunistischen Partei Israels. Sie und ihre Kinder - einer von ihnen ist mein Vater - sind in Gruppen aktiv, die eine friedliche Lösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes unterstützen und einen palästinensischen Staat an der Seite von Israel befürworten: Zwei Staaten für zwei Völker.

Ein Beispiel: Meine Großmutter Dafna ist eine der Gründerinnen der feministischen Gruppe Women in Black, Frauen in Schwarz. Frauen in Schwarz ist einzigartig, weil sie anders als viele andere Friedensgruppen für Frauen, die sich wegen Mutterschaft oder Trauer zusammengefunden haben, klare und deutliche Aussagen ohne jede Beschönigung gegen die israelische Besatzung trifft. Ich nahm an vielen ihrer Aktivitäten teil.

Die Folge ist: Es gibt in meiner Familie eine Geschichte des Widerstands. Einige meiner Angehörigen verweigerten. Auf der anderen Seite leisteten jedoch andere mir nahe Angehörige Dienst in der Armee ab. Das ist der Grund, im Unterschied zu anderen israelisch-jüdischen Teenagern, dass ich niemals wusste, ob ich zur Armee gehen oder verweigern würde. Es war immer eine Frage und ich wusste, dass ich es herausfinden musste. Das war gut. Nichts war offensichtlich für mich, so dass ich die Möglichkeit hatte, mehr darüber zu erfahren, darüber nachzudenken und schließlich zu entscheiden, was in meinen Augen moralisch zu tun ist, bevor ich Teil des Systems werde. Je mehr ich erfuhr, was in den besetzten Gebieten geschieht, wurde mir klar, dass ich nicht zur Armee gehen kann.

Es war unwichtig, welche Art von Dienst es sein würde oder wo ich Dienst zu leisten hätte. Ich kam zu dem Punkt, dass die Armee ein System ist, das meinen Überzeugungen widerspricht und im Widerspruch steht zu den demo­kratischen Werten. Mit einem solchen System kann ich aus Gewissensgründen nicht zusammenarbeiten.

Die israelisch-militärische Kontrolle über 3,5 Millionen PalästinenserInnen in der Westbank und Ostjerusalem nennen wir "The Occupation", eine militärisch kontrollierte Besatzung.

Die Besatzung ist eine Quelle für Men­schen­rechtsverletzungen. Täglich werden grundlegende Men­schen­rechte verletzt: die Bewegungsfreiheit, das Recht auf Gesundheit und Ausbildung. Zudem kommt es zu tiefen Verletzungen des demo­kratischen Rechts auf Selbstbestimmung. Ein Beispiel dafür: Seit Anfang 2015 hat die israelische Armee 12 Familien, darunter alte und kranke Menschen wie auch kleine Kinder aus einem Dorf im Norden der Westbank evakuiert und ihre Häuser geräumt, um dort Übungen abzuhalten. Diese Men­schen­rechtsverletzungen gibt es nicht nur zufällig oder vereinzelt; sie sind Folge der militärischen Besatzung.

Ungleichheit zwischen Menschen und unterschiedliches Recht sind ein Resultat der Besatzung. Die israelische Kontrolle der Gebiete diskriminiert die PalästinenserInnen. Die israelische Armee zieht die israelischen Siedler den PalästinenserInnen vor, selbst dann, wenn die Siedler gegen das Gesetz handeln. Auch dies diskriminiert die PalästinenserInnen. Nach dem Gesetz wird gegen PalästinenserInnen vor Militärgerichten verhandelt, Israelis müssen sich bei Straftaten gegenüber zivilen Gerichten verantworten. Und so ist folgendes möglich: Wenn ein israelischer und ein palästinensischer Junge aufeinander Steine werfen, wird der jüdische Junge verwarnt werden, der palästinensische Junge für mehrere Monate im Gefängnis landen.

Unverletzlichkeit des Lebens. Es ist mir wichtig, diesen Wert zu benennen, insbesondere aufgrund der Ereignisse in Israel in den letzten Monaten - terroristische Angriffe von Arabern gegen Juden, insbesondere gegen Siedler und Soldaten. Ihre Gründe für ihr Handeln sind eine Reaktion auf die Versuche der israelischen Gesetzgebung, den Status quo auf dem Tempelberg zu ändern, einem heiligen Ort für Muslime wie Juden in Israel. Sie sind auch Folge der andauernden Besatzungspolitik. Die Antwort der israelischen Regierung auf die Situation war, den Bürgern, die einen Waffenschein haben, zu empfehlen, die Waffe außer Haus mit sich zu tragen und nicht zu zögern, sie gegen diese Terroristen einzusetzen. So entsteht das Gefühl, dass jeder das Recht hat, Terroristen ohne Strafverfahren töten zu dürfen und dass das Leben von PalästinenserInnen wertlos ist. Auf den Straßen macht sich Angst breit, Juden haben Angst vor Arabern, Araber haben Angst, dass sie jemand als Terrorist verdächtigt und sie ohne zu fragen niederschießt. In den Straßen sind die Menschen aufgehetzt und hasserfüllt, was viel Leid verursacht.

Demokratie: Israel soll ein jüdischer und demo­kratischer Staat sein. Und ich bin ernsthaft besorgt über die Verfasstheit der Demokratie, so lange Millionen von Menschen unter israelischer Herrschaft leben, ohne dass sie zivile Rechte ausüben können, wie das Recht, zu wählen. Solange Palästinenser verhaftet und ohne Verfahren für eine unbestimmte Zeit im Gefängnis sind und der Grund ihrer Verhaftung geheim gehalten wird, solange die Regierung privates palästinensisches Land konfisziert und es den Siedlern gibt, solange es kollektive Bestrafung gibt, haben wir ein großes Problem

Es ist offensichtlich, dass die PalästinenserInnen durch all dies tief verletzt sind, aber ich möchte auch auf den Schaden hinweisen, den die israelische Gesellschaft davonträgt, weil die Besatzung weiter existiert und die israelische Gesellschaft sich so immer weiter von demo­kratischen Werten entfernt.

Letztes Jahr nahm ich ein Jahr "Auszeit", ein Jahr, in dem ich ein Freiwilliges Jahr leistete, in Israel ein Angebot für Jugendliche zwischen Schulabschluss und Armeedienst. Es wird "Shnat Sherut" (Dienstjahr) genannt. Ich leistete mein Freiwilliges Jahr in Sderot und dem Kibbuz Kfar Aza mit der Jugendorganisation ab, in der ich Mitglied bin. Sderot ist eine Grenzstadt zu Gaza. Dort gibt es in den letzten Jahren - und nicht nur während der Kriegszeiten - immer wieder Alarme und Raketenangriffe. Die Kinder kennen das und rennen zu den Schutzeinrichtungen. Zu alldem kommt eine schwierige sozio-ökonomische Situation hinzu.

In diesem Jahr verbrachte ich viel Zeit mit den Kindern. Sie leben im Herzen des Konflikts und erleben ihn von klein auf, mehr als ich in meiner Kindheit in Tel Aviv je davon mitbekommen habe. Ich erlebte, wie in diesen Kindern, da sie in solch einer Situation aufwachsen, auch der Hass gegenüber den Menschen auf der anderen Seite wächst. Ohne zu verstehen hassen sie und wir können es ihnen nicht zum Vorwurf machen.

Und dann denke ich daran, wie die Kinder in Gaza aufwachsen, auch wenn man das nicht wirklich vergleichen kann. Ein Gebiet, dessen Grenzen, dessen Wasser, Elektrizität, und dessen Warenlieferungen von Israel kontrolliert werden. Ganz zu schweigen von Arbeitslosigkeit und Armut aufgrund der Blockade. Und zu alldem kommt hinzu, dass im Krieg eine enorme Zahl von Menschen getötet und verletzt und auch viel zerstört wurde.

All dies ist die Realität der Kinder. Und wie bei den Kindern in Sderot, wächst auch bei den Kindern in Gaza der Hass auf die Menschen auf der anderen Seite.

Wenn ich an all die Kinder denke, fühle ich, dass all das, was geschieht, für eine lange Zeit Konsequenzen haben wird. Wenn wir weiter dem militaristischen Weg folgen, bedeutet das nicht nur, dass im Moment Rechte verletzt werden, vielmehr schafft es einen endlosen Kreislauf und hält diesen aufrecht, einen Kreislauf, der Hass über Generationen hinweg nährt.

Dieser Gedanke ist einer von denen, die mich zu der Überzeugung brachten, dass ich kein Teil dieses Monstrums sein kann, das solch eine Situation nährt. Mehr Gewalt ist keine Lösung und ich kann kein Teil einer Organisation sein, die Gewalt benutzt.

Unter den vielen Gründen, nicht zur Armee zu gehen, ist ein entscheidender, dass ich etwas Richtiges tun möchte. Es gibt ein falsches Bewusstsein, was in Israel sehr verbreitet ist. Das drückt sich in dem Satz aus: "Wir haben keine Wahl". Es meint, dass die israelische Armee, die israelische Regierung, das israelische Volk keine andere Wahl hat, als mit Gewalt, mit Militär zu agieren. Wenn es nach der Regierung geht, soll die Bevölkerung genau das denken.

Diese Überzeugung führt auch dazu, dass alle meine Freunde in diesen Tagen zur Armee gehen, obwohl sie meine Sicht des Konfliktes teilen und die Siedlungen und die Besatzung ablehnen. Und dies ist auch der Grund, warum viele Israelis zur Armee gehen, ohne irgendeine Frage zu stellen, nicht sich selbst, und später nicht ihren Vorgesetzten. Diese Überzeugung ist auch der Grund, dass viele linke Organisationen und Parteien in Israel trotz ihrer Kritik an der Armee nicht die Kriegs­dienst­ver­weigerungsbewegung unterstützen. Es dient als Rechtfertigung für all das, was Soldaten tun und ist der Grund, warum Soldaten so bewundert werden, wie sie töten. Der schreckliche Standpunkt, dass "wir keine Wahl haben", führt zu einer Situation, in der es keine moralischen oder rechtlichen Grenzen mehr gibt. Es gibt keine rote Linie. Das ist gefährlich und erschreckend.

Deshalb ist es für mich so wichtig zu verweigern, daran zu erinnern, dass es andere Möglichkeiten gibt, dass wir eine Wahl haben und dass es sehr wohl Grenzen für militärisches Handeln gibt.

Deshalb sehe ich auch meine Verweigerung nicht nur für mich als den richtigen Weg an, sondern auch als eine patriotische Handlung, ein Weg, für Recht und Gerechtigkeit zu kämpfen, ein Weg, um vor all der Verrücktheit zu schützen, ein Weg, um Andere daran zu erinnern, dass es eine Alternative gibt. Normalerweise haben Israelis große Schwierigkeiten, Verweigerer so zu sehen. Aber ich bin überzeugt davon, dass wir eine wichtige Stimme sind, um in diesen Tagen den gesunden Menschenverstand zu schützen. Wir sind diejenigen, die den gewaltfreien Kampf für Frieden kämpfen. Die einzige Lösung, die ich sehe, ist ein Frieden mit einem palästinensischen Staat an der Seite eines demo­kratischen jüdischen Staates. Deshalb ist es für mich wichtig, Teil der Verweigerungsbewegung in Israel zu sein und sie lebendig zu halten, um den gesunden Menschenverstand und die Hoffnung am Leben zu erhalten.

Tair Kaminer: "Deshalb ist es für mich so wichtig zu verweigern". Skript für Veranstaltungen in Frankfurt/M., Darmstadt, Lindau, Stetten i.R., Stuttgart, Köln, Oldenburg, Bremen, Celle und Herford, 9.-19.11.2015. Auszüge. Übersetzung: rf. Der Beitrag wurde veröffentlicht in: Connection e.V. und AG »KDV im Krieg« (Hrsg.): Rundbrief »KDV im Krieg«, Ausgabe Februar 2016.

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